Der Preußenkönig Friedrich II. („der Große“) wird als Baumeister vor allem mit großen Prunkbauten in Verbindung gebracht. In Potsdam, auch in Berlin, vornehmlich entlang des Prachtboulevards Unter den Linden, die Oper etwa, die Universität. Weniger bekannt ist, dass er in seiner Hauptstadt sehr wohl auch um das gemeine Wohnhaus bemüht war, ja eine Art sozialen Wohnungsbau förderte, eine Mietpreisbremse.
Als „alternativlos“ nannten es in unseren Tagen die Initiatoren eines Volksbegehrens, die großen Berliner Immobilienkonzerne zu enteignen. Anders, so meinten sie, ließen sich die großen Probleme auf dem Wohnungsmarkt nicht beheben. Der „alte Fritz“ hatte eine Alternative, marschierte vor 250 Jahren in die Gegenrichtung. Er schenkte vielen Grundbesitzern fertige Häuser, Neubauten, damit sie mehr Mietern ein Zuhause bieten konnten. Alles auf Kosten seiner königlichen Schatulle (gespeist natürlich aus Geldern der Untertanen). Doch nicht jeder Vermieter war glücklich über diese Großzügigkeit.

Als Friedrich der Große 1740 den Thron bestieg, hatte er von seinem Vater, dem gestrengen „Soldatenkönig“ Friedrich Wilhelm I., für Berlin eine große Herausforderung geerbt. Die Einwohnerzahl der Stadt war in den zwei Jahrzehnten zuvor von 60.000 auf 90.000 gestiegen – schon dies ein Wachstum von 50 Prozent, nicht zu vergleichen mit den heute zurückliegenden 12 Prozent in 20 Jahren. Und es ging kräftig weiter: Bei Friedrichs Tod 1786 waren es knapp 150.000. Dass unter den Neuberlinern damals viele Soldaten waren, des Soldatenkönigs Faible fürs Militär geschuldet, änderte am Problem nichts. Auch wenn nicht alle jene legendären „Langen Kerls“ waren – Platz brauchten sie alle. Sie logierten zumeist in Privathäusern. Die Unterkünfte wurden deshalb knapp in Berlin, und zu klein.
Anton Friedrich Büsching, Direktor des Gymnasiums zum Grauen Kloster und nebenbei einer der bekannteren Reiseschriftsteller und Geografen des 18. Jahrhunderts, wunderte sich, wie sein König das Problem löste: „Es ist in der That etwas ungewöhnliches, daß ein Landesherr seinen Unterthanen anstatt ihrer alten, niedrigen und geringen Häuser, neue, hohe und schöne steinerne Häuser von weit größerem Werth aufbauen läst, und ihnen eingenthümlich schenket.“ Büsching rekapitulierte die Wohnungspolitik des Königs in einer – wie der Titel seines Buches heißt – „Beschreibung seiner Reise von Berlin über Potsdam nach Reckahn unweit Brandenburg, welche er vom dritten bis achten Junius 1775 gethan hat“, 2006 liebevoll und original illustriert wiederaufgelegt im Berlin Story Verlag, mit Anhängen 760 Seiten.
Die Beschenkten sollten mit den Häusern „nach Gefallen schalten und walten“
Das Werk ist eine Mischung aus Reisereportage und geografischen wie sozialen Daten. So gerät Büsching, als seine Kutsche die Leipziger Straße mit der noch neuen Wohnbebauung entlang rollt, ins Schwärmen über den „Anblick einer so langen und schönen Straße“. Sie entzücke jedermann, der sie zum ersten Mal durch das Potsdamer Tor betrete. „Weil der König diese vorhin schon wohl gebauete Straße, und den an derselben liegenden Dönhoffschen Platz durch neue, hohe und schöne steinerne Häuser noch mehr verschönert hat. Jetzt werden noch 16 gebauet, welche gewöhnlichermaßen noch vor dem Winter fertig werden sollen.“ In der Leipziger und ihren Nebenstraßen hatte Friedrich II. allein in den drei Jahren vor Büschings Kutschfahrt 108 Häuser errichten lassen. Die dort zuvor befindlichen einstöckigen Bauten waren entweder abgerissen worden – oder aufgestockt, gleich mehrfach, was bis weit ins 19. Jahrhundert eine weit verbreitete Art der Wohnraumbeschaffung war.
Die neuen Häuser waren Präsente für die Grundbesitzer. „Der König hat durch einen Cabinettsbefehl dem Magistrat anbefohlen, den Eigenthümern darüber Schenkungsbriefe anzufertigen, weil sie ihr Eigenthum seyn und bleiben sollen, ungeachtet sie auf seine Kosten aufgeführet worden“, schreibt Büsching. Und wenn heute die öffentliche Förderung des Wohnungsbaus – zurecht – an vielfache Bedingungen geknüpft sind, so war genau das damals nicht beabsichtigt. Ausdrücklich heißt es, dass die Beschenkten „damit überall nach Gefallen schalten und walten mögen“, nachdem „seine Königl. Majestät alle diejenigen Berlinschen Bürgerhäuser den Eigenthümern der Baustellen dahin erb- und eigenthümlich allergnädigst zu schenken resolvieret haben, daß sie solche als ihr wahres wohlerworbenes Eigenthum haben“.
Ein einfaches Prinzip: größeres Angebot – geringere Mieten
All das hört sich nach besonderer Großzügigkeit für Hausbesitzer an. Doch Büsching erfreute auch, „daß die Stadt dadurch schöner und ansehnlicher werde“, auch, dass so „vielen tausend Menschen Arbeit und Verdienst zu verschaffen war“. Insbesondere aber sah er es als Wohltat für die Mieter, damals schon die große Mehrheit der Berliner: „Wahrscheinlicher Weise sind nicht 6000 Eigenthümer der Häuser in Berlin vorhanden, aber die Familien und einzelnen Personen, welche zur Miethe wohnen, sind 4 oder 5 mal mehr, und für diese ist diese Verminderung des Miethegeldes sehr erwünscht.“ Größeres Angebot – geringere Mieten.

Tatsächlich zeigten die für damalige Verhältnisse zahlreichen Neubauten Wirkung. „Es ist wahr, die Preise und Miethen fallen ungefähr seit 1769“ – dem Zeitpunkt der Bau-Kampagne des Königs, wie auch Büsching ausdrücklich vermerkte. Deshalb waren über die Maßnahme auch nicht alle entzückt in der Immobilienbranche. „Nicht wenige Einwohner dieser Stadt, welche eigene Häuser auf die Weise besitzen, als sie dieselben entweder gebauet, oder geerbet haben, beschweren sich über den königlichen Bau, und erklären ihn für schädlich, weil dadurch der Werth ihrer und aller anderen auf Kosten der Besitzer erbaueten Häuser, heruntergesetzt werde.“
Doch der sozial denkende Büsching stellte den Effekt als vernachlässigbar dar. Er nahm Partei für die Mieter und Wohnungssuchenden – und fand nichts dabei, den von ihm selbst eben so deutlich erkannten Zusammenhang zwischen Neubau und Mietbremse gleich wieder in Frage zu stellen: „Es ist aber falsch, dass der Königliche Bau an dem Fall der Preise unserer Häuser Schuld sey, denn in vielen anderen Städten nicht nur der Königlichen, sondern auch der auswärtigen Länder, fällt der Preiß der Häuser eben so sehr, als hier, zum deutlichen Beweise, dass man sich zu Berlin eine falsche Ursache dieses Falls einbilde.“
Schon der Vater pflegte Baupolitk mit Zuckerbrot und Peitsche
Der Gelehrte machte für die gesunkenen Preise lieber die Investoren selbst und eine Art Immobilienblase verantwortlich. „Wahrscheinlicher Weise ist dies noch eine Folge des letzten Krieges, in welchem viele Leute durch Handel und andere Unternehmungen, große Geldsummen verdienten, welche sie zum Theil an Häuser verwendeten, die also über ihren Werth im Preise stiegen, der nun nothwendig fallen muß, nachdem die Menge des Geldes geringer geworden ist.“
Der „Alte Fritz“ hat die staatlich-preußische Wohnungsbaupolitik nicht erfunden. Büsching schreibt: „Er folget darin wie in vielen anderen Dingen, dem Beyspiel seines glorreichen Herrn Vaters, von welchem er Selbst schreibet, daß er viel Geld an Gebäude für seine Unterthanen gewandt habe.“ Friedrich II. habe seinen Vater, Friedrich Wilhelm I., allerdings „sehr weit“ übertroffen. Immerhin, der „Soldatenkönig“, der vor allem Massen von Soldaten in die Stadt geholt hatte, versorgte die Bauwilligen mit enormen Mengen an kostenlosem Baumaterial, Kalk, Steine, Bauholz. Berühmt wurde er allerdings dafür, dass er die Berliner zum Hausbau regelrecht zwang: „Er hat Geld, er kann bauen“.
Auf den Bauboom folgte Berlins erste Immobilienkrise
Wer sich nicht daran hielt, hatte in der Stadt nichts mehr zu melden, der König war der Über-Bürgermeister. Sah er an den Baustellen müßig herumstehende Arbeiter, so soll er sie eigenhändig verprügelt haben. Baupolitik mit Zuckerbrot und Peitsche, auf dass die Stadt wachse und dem größeren Paris Paroli biete. Doch das blieb vorerst ein Traum. Die Gnadenlosigkeit, mit der er vorging, zwang viele, auf morastigem Boden zu bauen, zu hastig, zu billig. Viele Bauten versanken deshalb oder stürzten ein. Ohnehin hatte der unwirsche, allzuschnelle Boom zwischenzeitlich sogar zu Leerstand geführt, so dass Häuser auch deshalb aufgegeben wurden, die erste Immobilienkrise. Doch das wird eine andere Geschichte sein.
Friedrich der Große, der die harte Hand seines Vaters selbst zu spüren bekam, konnte also von Neuem beginnen. „Mit steinernen Häusern von weit größerem Werth“, die den weitgereisten Büsching begeistern sollten.


