Stadtführung

Siemensstadt: Eine Großsiedlung als Weltkulturerbe

Vor 90 Jahren wurden in Siemensstadt Sozialwohnungen gebaut. Heute stehen die Häuser auf der Unesco-Liste.

Unterwegs mit Christian Fessel und seiner F?hrung durch das Weltkulturerbe Siemensstadt

Unterwegs mit Christian Fessel und seiner F?hrung durch das Weltkulturerbe Siemensstadt

Foto: J?rg Krauth?fer

Ich verlasse den U-Bahnhof Siemensdamm und biege in den Jungfernheideweg ein. Sofort fällt mein Blick auf einen großen Gebäudekomplex zu meiner linken Seite. Die lange Dachfront, die übereinander angeordneten, runden Balkone und mehrere überdachte Aufbauten erinnern mich an Reling, Rettungsboote und Kommandobrücke. An einem der unzähligen Fenster steht ein Mann und hält sich daran fest. Ich frage mich, ob er sich gerade vorstellt, aufs Meer zu blicken.

Ich unterquere die Trasse der stillgelegten Siemensbahn und biege nach rechts in die Goebelstraße ein. Sofort sticht mir das strahlende Weiß einer Häuserzeile ins Auge. So weit ich blicken kann, fließt ihre glatte Fassade an der geschwungenen Straße entlang. Eingang, Fenster, Fenster, Eingang, Fenster, Fenster… fast einen halben Kilometer lang. Insgesamt 28 exakt gleiche Häuser. Monoton, aber in der Ordnung auch irgendwie beruhigend.

Später kommen wir mit Stadtführer Christian Fessel zu diesen beiden Gebäude zurück – im Volksmund „Panzerkreuzer“ und den „langer Jammer“ genannt, wie der 53-Jährige erklärt. Gebaut von Hans Scharoun und Otto Bartning gehören beide zur Großsiedlung Siemensstadt. Die wurde zwischen 1929 und 1931 auf einer Fläche von 19 Hektar am Volkspark Jungfernheide errichtet und liegt bis auf wenige Ausnahmen nicht im gleichnamigen Spandauer Stadtteil, sondern in Charlottenburg-Nord.

Sie entstand im Rahmen eines bis dahin nie dagewesenen sozialen Wohnungsbauprogramms nach Entwürfen Scharouns und Berlins damaligem Stadtbaudirektor Martin Wagner. 2008 wurde sie von der Unesco als eine von sechs Siedlungen der Berliner Moderne in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen. Neben Bartning und Scharoun haben sich hier mit Fred Forbát, Hugo Häring, Paul Rudolf Henning und Walter Gropius vier weitere namhafte Architekten ihrer Zeit verewigt. „Im positiven Sinne wirre Geister“, nennt sie Fessel.

Es sind 32 Grad Celsius. Entsprechend sind wir eine relativ kleine Gruppe von gerade einmal acht Teilnehmern. Mehr als zwei Stunden folgen wir Fessel kreuz und quer durch das Welterbe und lassen uns schnell in seinen Bann ziehen. Immer wieder halten wir im Schatten, wo er pointiert, ausgesprochen kurzweilig und anhand vieler Anekdoten die Idee und Geschichte hinter dem Beton erläutert.

Siemens lehnte Siedlung ab, Nazis stoppten Weiterbau

Eindringlich erzählt Fessel, warum Carl Friedrich von Siemens die Siedlung so hasste, obwohl dort 1370 Wohnungen für seine Arbeiter geschaffen wurden. Denn plötzlich war es nicht mehr die benachbarte Siemensstadt, die im Fokus der Fachöffentlichkeit stand. Der Stadtführer erläutert, wie die Nationalsozialisten nach der Machtergreifung den geplanten Weiterbau der Siedlung durch den jüdischen Architekten Fred Forbát stoppten und dafür eigene Pläne umsetzten.

Wie sie diese vermeintlich „unschönen“ Bauwerke hinter großen Pappeln versteckten, die erst in der Nachkriegszeit wieder gefällt wurden. Wie unter den abgeholzten Pappeln auch einige waren, die von Anfang an vorgesehen waren und daher nachgepflanzt werden mussten. Fessel zeigt Skizzen der Ursprungsentwürfe Forbáts, die dieser binnen weniger Wochen vollkommen überarbeitete. „Und trotzdem blieb das ganze Projekt im Zeit- und Kostenrahmen – in Berlin.“ Wir lachen herzlich.

Bei den Teilnehmern der Gruppe kommt Fessels Führung sehr gut an. „Ich bin ganz begeistert und kannte die Siedlung ehrlicherweise vorher nicht“, sagt Christoph Rohner, selbst Architekt. Die Führung habe er von seiner Frau zum 53. Geburtstag geschenkt bekommen. „Und ich bin sowieso ein großer Fan dieser Architektur.“

Immer wieder kreuzen wir wir auf unserem Weg die große, von allen Seiten frei zugängliche Parkaue, um die sich die ganze Siedlung gruppiert. Hier scheint bei der Planung wenig dem Zufall überlassen gewesen zu sein. Bäume seien so ausgedünnt worden, dass die Wohnungen möglichst viel Sonne hatten, sagt Fessel. Zum Teil habe man aufgrund ihres angenehmeren Schattenspiels extra Eichen gepflanzt. Sichtlich begeistert hebt er immer wieder die Leistung des Landschaftsarchitekten Leberecht Migge hervor, der Hügel und kleine Täler schuf. „Man kann nicht oft genug sagen, was er sich für Gedanken gemacht hat, was für eine Wahnsinnsarbeit.“ Auch von der Unesco wurde Migges Leistung explizit gewürdigt.

„Wir sind hier im sozialen Wohnungsbau“, wiederholt Fessel dabei an fast jeder Station. Zu Recht, denn der Eindruck drängt sich nicht gerade auf. Die Gedanken, die sich die Architekten machten, der Anspruch, mit dem sie ihre Pläne verwirklichten, scheinen weit über heutige Anstrengungen hinauszugehen – zumindest wenn für ein weniger zahlungskräftiges Publikum gebaut wird. Ein Gegenentwurf zu den engen und dunklen Mietskasernen der Kaiserzeit. „Das Credo der Bauherren war: Licht, Luft, Sonne.“

So fallen an den Gebäuden Hugo Härings im Süden der Siedlung die Balkone auf. Fast eiförmig und beulengleich ziehen sie sich aus dem Gebäude heraus. Zugegeben: ein etwas gewöhnungsbedürftiger Anblick. „Die Maßgabe war hier, dass auf jeden Balkon ein Tisch und zwei Stühle passen, aber vor allem so lang wie möglich die Sonne rauf scheint“, erklärt Fessel. So hing Häring der von Scharoun begründeten Schule des organischen Bauens an, bei der großer Wert auf die Harmonie zwischen Natur und Gebäude gelegt wurde. Aber auch Bauhaus-Vater Gropius war Licht wichtig. So schuf er in einer seiner Häuserzeilen ganz im Westen der Siedlung großzügige Dachterrassen. Deutlich heben sie sich von den frisch sanierten, weißen Gebäuden ab. Menschen schauen herunter. Einer hat es sich sogar mit einem Strandkorb gemütlich gemacht.

„Schon in meiner Kindheit sind die Architekturstudenten hier durchgegangen und haben sich die Häuser angeguckt“, erzählt Teilnehmerin Claudia Skacel. Sie wuchs in der Siedlung auf und hat insgesamt 35 Jahre hier gelebt. Es sei spannend, die Heimat mal aus dieser Sicht zu betrachten. „Das Geschäft hier hat früher meinen Eltern gehört“, sagt die 46-Jährige und zeigt auf die Infostation, die jetzt von unserem Stadtführer betrieben wird.

Zufällig Stadtführer: Fessel ist eigentlich Fotograf

Fessel, der die Führungen unter dem Namen „Mann mit Hut-Touren“ anbietet und währenddessen stets eine schwarze Kopfbedeckung trägt, ist eigentlich Kameramann und Fotograf. „Zu den Stadtführungen bin ich gekommen wie die Jungfrau zum Kind.“ In die Siedlung verschlug es den Charlottenburger eher zufällig, als er vor vier Jahren die Infostation als Büro und Ausstellungsraum anmietete. Schnell sei ihm klar geworden, dass es sich um einen besonderen Ort handle. Er begann sein Wissen immer weiter zu vertiefen. Auf einer Kiezführung des Bezirksamts habe er seinen ersten Vortrag gehalten und sei im Nachgang vom Denkmalamt eingeladen worden, ihn zu wiederholen. „Das war das Zeichen: es ist stimmig, mir macht es unglaublich Spaß – warum sollte ich es nicht öfter machen?“ Ja, warum nicht?, denke ich mir. Zu entdecken gibt es in diesem Teil Berlins ja mehr als genug.

Eine Großsiedlung als Weltkulturerbe

Unter dem Namen „Mann mit Hut-Touren“ bietet Christian Fessel die Führung Wohnen im Welterbe durch die Großsiedlung Siemensstadt an fast jedem Sonnabend an. Los geht es im Sommer um 15.30 Uhr an der Infostation, Goebelstraße 2, 13627 Berlin. Der Startpunkt ist vom U-Bahnhof Siemensdamm (U7) in wenigen Minuten zu Fuß erreichbar. Die Tour kostet elf Euro. Eine Anmeldung braucht es nicht.

Ab August plant Fessel auch die Tour Siemensstadt 1.0, bei der es um die Entwicklung der Gegend westlich der Großsiedlung in den Jahren 1897 bis 1932 geht. Gleichzeitig soll auch die Tour Charlottenburg-Nord entdecken starten. Dabei geht es um die Gegend östlich der Großsiedlung und ihre Entstehung ab 1933. Hier steht auch ein Besuch im fast originalgetreu erhaltenen Atelier Hans Scharouns am Heilmannring 66 auf dem Programm. Langfristig ist auch eine Führung durch die Sakral- und Freizeitbauten der Siemensstadt geplant.

Für weitere Informationen und um sicherzugehen, dass tatsächlich eine Führung stattfindet, empfiehlt Fessel einen Blick auf mannmithuttouren.de oder einen Anruf unter 030 28 85 25 21.