Wer den Schreibtisch sehen will, an dem die Skizzen für den ersten Mercedes-Motor entstanden, der muss nach Mahlsdorf fahren. In einem liebevoll instand gesetzten Gutshaus ist dort das Arbeitszimmer zu sehen, in dem der Ingenieur Josef Brauner einen Grundstein für den ungebrochenen Weltruhm einer gewissen deutschen Automarke legte.

Doch warum in Mahlsdorf? Erstens, weil Brauner der Großonkel von Charlotte von Mahlsdorf war. Und zweitens, weil seine Tätigkeit für die Daimler-Motorengesellschaft von 1895 bis 1908 in die Gründerzeit fiel. Eine historische Epoche, die es Charlotte von Mahlsdorf, dem wahrscheinlich bekanntesten Transvestiten der DDR mit dem bürgerlichen Namen Lothar Berfelde, ganz besonders angetan hatte.

1928 in Mahlsdorf geboren und aufgewachsen, entwickelte der junge Lothar eine liebevolle Beziehung zu seinem Großonkel und dessen Welt. In schroffem Gegensatz dazu stand das Verhältnis zu seinem Vater, der mehr an Züchtigung denn an Zuneigung glaubte. Beim Großonkel konnte „Lottchen“ sein wie sie wollte und sog die Wohnkultur der Gründerzeit in sich auf. Schon früh begann sie solches Interieur zu sammeln und als junge Erwachsene besaß sie bereits fünf komplette Zimmereinrichtungen.

Einige Stücke fand Charlotte von Mahlsdorf im Müll

Ihre Leidenschaft für die Epoche verließ Charlotte von Mahlsdorf ihr gesamtes Leben nicht und sie trug einen Schatz zusammen, der heute immer mehr Besucher anzieht. Diesen Reiz übten die klobigen Möbel aus der Jahrhundertwendezeit in den Jahrzehnten nach dem Krieg keineswegs aus, auch in der DDR wanderten solche Stücke häufig auf den Müll. Keiner wollte so etwas haben, keiner mehr so wohnen und Charlotte von Mahlsdorf entriss etliche prominente Stücke des Museums schlicht der Müllabfuhr. Ähnlich ging sie bei der Gründung des Museums vor. Ende der 1950er-Jahre nahm sich Charlotte von Mahlsdorf des vom Abriss bedrohten alten Gutshauses an und bewahrte es trotz Mangelwirtschaft vor dem Verfall. 1960 eröffnete sie ihr Gründerzeitmuseum und führte es bis 1995 weiter, zog wegen neonazistischer Angriffe auf sie aber nach Schweden um. Die Hausschlüssel übergab sie an Monika Schulz-Pusch, die Geschäftsführerin des Museums ist.

„Charlotte hat bis zu ihrem überraschenden Tod 2002 gesammelt“, sagt Schulz-Pusch. „In den letzten Jahren hat sich noch einmal viel bei uns getan, wir haben mittlerweile siebzehn Zimmer voll eingerichtet, auch die Sachen aus Schweden sind wieder hier.“ Relativ neu ist zum Beispiel das Dienstmädchenzimmer mit einer alten Dienstmädchenrufanlage oder die Küche voller Porzellanwaren, Waagen, Emailleeimer und Metallgeschirr. Im ehemaligen Heizungskeller ist sogar die öffentliche Toilette originalgetreu mit Waschkommoden und den guten alten Ziehspülungen gestaltet. Die einzelnen Zimmer sind thematisch konzipiert und geben so Einblick in die Lebenswelten der Gründerzeit. Abgesehen von Dienstmädchenkammer oder Waschküche sind viele Wohnräume gutbürgerlich ausstaffiert. Farbig getünchte Wände mit Bordüren, prachtvolle Bilderrahmen, gusseiserne Öfen und aufwendig verzierte Möbel machen das Museum zu einem Gesamtkunstwerk. Überall sind typische Accessoires verteilt, vom Kerzenhalter über die Tabakschneidemaschine bis zum Phonographen. Überhaupt die Musikmaschinen. Sie stellen einen wertvollen Teil der Sammlung dar, von der kunstvollen Spieluhr mit sich drehender Obstschale bis zu einem lärmenden Tanzsaalorchestrion, mit dem ganze Bierhallen beschallt wurden. Die Musikautomaten werden regelmäßig gewartet, sodass sie auf Führungen auch vorgeführt werden können. „Das ist es, was Charlotte wollte“, sagt Klaus Teßmann, „ dass man alles erleben und anfassen kann“.

Teßmanns überbordendes Wissen zur Gründerzeit im Allgemeinen und zum Museum im Besonderen passt selten in die anvisierte Dauer von einer Stunde pro Führung, doch bei seinen packenden Ausführungen merkt das keiner. „Die Gründerzeit war eine spannende Epoche, es wurde massiv gebaut, das Vereinswesen entstand, Frauenrechte wurden erkämpft, Parteien gegründet und die maschinelle Großproduktion begann – zum ersten Mal gab es Möbel von der Stange“, sagt Teßmann.

Nie zuvor hatte man eine Einrichtung nach Katalog bestellen können. Die Schränke von armen und reichen Familien unterschieden sich häufig nur noch dem Furnier und den Verzierungen nach – in den Ausstattungen von Herrenzimmern und Damensalons wird das plastisch. Auch eine „Hurenstube“ fehlt nicht, wo man inklusive urtümlicher Sexspielzeuge einen ganz besondern Einblick in das „Milljöh“ bekommt, das Heinrich Zille fleißig auf Papier bannte.

Eine andere Kostbarkeit ist die Einrichtung der Mulackritze, eine legendäre Schwulen-, Lesben- und Künstlerkneipe und Ganoventreffpunkt im Scheunenviertel. Unter anderem Marlene Dietrich, Claire Waldoff oder Gustaf Gründgens verkehrten hier, für Veranstaltungen wird der Tresen nach wie vor geöffnet. Das Museum ist auch als Ort für Trauungen beliebt. Die finden in dem als „gutes Zimmer“ möblierten Gartensaal statt.