Kiez-Porträt

Gropiusstadt: Wie sich das Viertel verändert hat

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Victoria Atanasov
Eines der Hochhäuser in der Gropiusstadt.

Eines der Hochhäuser in der Gropiusstadt.

Foto: Victoria Atanasov

In der Gropiusstadt leben Menschen mit vielen migrantischen Wurzeln. Wie steht es um das interkulturelle Miteinander? Bewohner wurden befragt.

Berlin. In der Nacht zeugt allein das grelle Licht aus der Dönerbude direkt neben dem U-Bahnhof Lipschitzallee vom Leben in der Gropiusstadt. Bevor ich in die U-Bahn steige, nickt mir der junge Mann an der Imbisstheke freundlich zu. Zwei Tage später betrete ich sie dann. Eine ältere Frau sitzt allein draußen in der Herbstsonne, drinnen ist es dunkel und die laute Discomusik wirkt konträr zu der gelassenen Ruhe auf dem Bat-Yam-Platz.

Bei Okis und Murat trifft Döner auf vietnamesisches Essen. In der Ecke sitzt nicht der Kollege von der Nachtschicht, sondern sein Chef Tong. Hier hätte man keine Chance, sagt er mindestens dreimal während unseres Gesprächs und schüttelt den Kopf. Es bleibt vage, was er genau damit meint. Keine Chance, mit dem Laden durchzukommen, weil die Miete immer teurer werde und sich Anwohner den Döner nicht mehr leisten könnten? Keine Chance in Deutschland anzukommen, selbst nach 30 Jahren, die er schon hier lebt?

In den späten 1980er Jahren veränderte sich die Gropiusstadt, die mittlerweile fast 20 Jahre vorwiegend von Deutschstämmigen bewohnt wurde. Aussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion und etwas später türkisch- und arabischstämmige Personen kamen dazu. Über die Hälfte der Anwohnerinnen und Anwohner hat heute einen Migrationsbezug. Die Gropiusstadt wurde bunter, aber ihre Bewohnergruppen kommen selten miteinander in Kontakt.

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Stadtteilgespräch „Nicht nur mein Problem?!“

Die Segregation zwischen verschiedenen Bewohnergruppen anzugehen, gehört zu einer der Aufgaben des Quartiersmanagements Gropiusstadt Nord. Gemeinsam mit der Stadtteilkoordination und dem ersten und einzigen interkulturellen Verein Impuls wurden Befragungen mit Bewohnerinnen und Bewohnern durchgeführt und in dem Stadtteilgespräch „Nicht nur mein Problem?! Mitreden für die Gropiusstadt“ präsentiert: Wo drückt der Schuh, was läuft gut und was nicht. Trendthemen sind weiterhin Müll im öffentlichen Raum, fehlende Parkbänke und öffentliche Toiletten oder Sicherheit spendende Laternen in der Nacht.

Dabei fiel auf: Wenn etwas in der Gropiusstadt nicht gut läuft, dann sind es oft „die Anderen”, die Schuld haben. Die Anderen sind Menschen mit Einwanderungsgeschichte, die als Sündenbock für die Probleme in der Gegend herhalten müssten, sagt Selma Tuzlali vom Quartiersmanagement Gropiusstadt Nord: „Für alles, was schief läuft, gesellschaftlich und politisch, braucht man einen Sündenbock. Und das sind dann die Migranten, die Ausländer, die Kopftuchträger, die für vieles verantwortlich gemacht werden, was nicht gut läut.”

Rassismus unter vorgehaltener Hand

Bei meiner Runde auf dem Bat-Yam-Platz versuche ich mir selbst ein Bild von der Lage zu machen. Rassistische Bemerkungen fallen in den Gesprächen mit den Anwohnerinnen und Anwohnern nicht. Da ist zum Beispiel das alte Ehepaar, das seit 25 Jahren in der Gropiusstadt wohnt und sich gerade auf einer Bank sonnt. Die Gropiusstadt sei schön! Man könne nichts Schlechtes über sie sagen. Zwei Männer vor einem türkischen Supermarkt bestätigen mir, hier gäbe es nichts zu meckern. „Ist schon ganz gut hier. Ich bin zufrieden. Essen, Trinken schmeckt, na was soll noch?”

Es gebe zwar gewisse Ecken, die man eher meiden sollte, ansonsten alles schick. Tuzlali wundert es nicht, dass ich nur positive Bemerkungen zu hören bekomme: „Rassismus in der Gropiusstadt ist nicht offen, sondern hinter vorgehaltener Hand.” Am Kaffeetisch unter seinesgleichen sozusagen. Rassistische Aussagen kämen erst ganz zum Schluss, eher beiläufig, wenn man lange mit den Leuten gesprochen hat.

„Uns hat schockiert, dass immer wieder übereinander geschimpft wird und dabei rassistische Äußerungen fallen“, sagt Tuzlali. Bemerkungen wie, „früher war es schöner, als noch nicht so viele Neue da waren” oder „Mir ist es hier zu orientalisch geworden“ fallen beispielsweise bei den Umfragen.

Rassismus wird salonfähiger

Das sei allerdings nichts Neues, letztendlich habe sich nichts verändert, „Es hat sich jetzt nicht verschlimmert oder so”, sagt Tuzlali. Anders sieht das ihr Kollege Thorsten Vorberg-Begrich: „Ich fand schon. Ich glaube, es wird offener rassistisch gesprochen. Es ist salonfähiger geworden.”

Probleme würden mit einer Bevölkerungsgruppe zusammengebracht, stellt Vorberg-Begrich fest. „Und die Bevölkerungsgruppe wird sehr homogen umschrieben. Es wird keine spezifische Nation, keine soziale Herkunft und Milieu oder keine Altersgruppe genannt, sondern es sind pauschal ‘die Anderen’.”

Nachbarschaftliches Miteinander fehlt

Hinter rassistischen Äußerungen stecken nicht immer feindselige Ideologien, oftmals gibt es Unsicherheiten im interkulturellen Dialog. Eine Frau sagte zum Beispiel bei der Befragung, sie hätte ein gutes Verhältnis mit ihrer Nachbarin gehabt, aber als sie begann, ein Kopftuch zu tragen, wusste sie nicht, wie sie damit umgehen sollte.

Tuzlali erklärt, oft fehle der Türöffner zwischen den Nachbarn. Auch wenn es nur bedeuten kann, sich beim Nachbarn vorzustellen, wenn man neu eingezogen ist. „Einige haben bei der Befragung gesagt, sie wünschen sich mehr nachbarschaftliche Möglichkeiten”, sagt Vorberg-Begrich. Ein Kontakt könne Ängste und Stereotype untereinander abbauen und außerdem gegen die Einsamkeit helfen.

Begegnung ja, Austausch nein

Einsamkeit spürt auch Mirjana im Alltag. Die ältere Frau mit kroatischen Wurzeln lebt seit 42 Jahren in der Gropiusstadt. Die letzten zehn davon allein – ihr Sohn ist ausgezogen, der Mann verstorben. Sie erinnert sich an früher: „Als ich hierher gezogen bin, hat jeder miteinander gesprochen. Im Haus waren wir wie eine Familie. Das hat mich hier gefestigt. Aber das verliert sich mehr und mehr.” Sie glaubt, die Menschen seien heute zu sehr mit den eigenen Sorgen beschäftigt und bis auf eine Begrüßung gebe es keinen weiteren Austausch.

„Ich bin allein. Und besonders in den Wintermonaten ist das wirklich sehr, sehr einsam”, erzählt Mirjana. Dabei gäbe es viele Angebote, die beispielsweise vom Quartiersmanagement initiiert werden: „Wir ermöglichen es über Veranstaltungen, niedrigschwellige Angebote wie Feste, Picknicks, Fahrradwerkstatt, dass Leute sich begegnen können. Und ja, sie begegnen sich, aber es kommt nicht wirklich zu einem Austausch.” Die Segregation verhärte sich eher, so Tuzlali. Vorberg-Begrich ergänzt, dass Angebote nur begrenzt zum gewünschten Kontakt führe, weil sich die Bedarfe oft nicht decken würden und man eigentlich für die Gruppen jeweils spezifisch planen müsste.

Generationskonflikte kommen dazu

Außerdem gäbe es nicht nur kulturelle, sondern auch intergenerative Kontaktbarrieren. Zum Beispiel unter denen, die wie Mirjana schon seit über 40 Jahren in der Gropiusstadt wohnen und denen, die neu zugezogen sind, wie seit 2015 verstärkt junge syrische Bewohnerinnen und Bewohner.

Oftmals treffen dann ältere, oft alleinstehende Einwohnerinnen und Einwohner auf Familien oder jüngere Menschen. Die Hemmschwelle wird größer, wie Mirjana erzählt: „Die Neuzugezogenen sind meistens Familien”, das sei für sie eher abschreckend. „Wäre es eine alleinstehende Frau, dann würde ich sie besuchen gehen, aber so würde ich mich dann wie das dritte Rad am Wagen fühlen.”

Auch Tongs Blick auf Jüngere ist eher kritisch, „die Alten Leute sind nett und ruhig, aber die jungen Leute machen immer Probleme.” Das seien oft ‘die Ausländer’, die in der Nacht in die Imbissbude einbrechen würden: „Zwei Jugendliche haben hier das Glas zerschlagen und haben Geld aus der Kasse genommen.” Ausgrenzende Erfahrungen lösten unangepasstes Verhalten junger Bewohner aus, sagt Tuzlali. Oft bereits in der zweiten oder dritten Generation mit Einwanderungsgeschichte, bilde sich zum Teil eine abwehrende Haltung heraus, beispielsweise im Sinne: ‘Die Deutschen wollten uns nicht, jetzt wollen wir euch auch nicht mehr’.

Dennoch bleibt mir nach meinen Begegnungen in der Gropiusstadt vor allem eines hängen: Die Befragten lieben die Gropiusstadt. Trotz Barrieren und Differenzen untereinander ist ihnen die Zuneigung für die Gegend gemeinsam. Eine gute Voraussetzung, um über Generationskonflikte und kulturelle Hürden hinwegzukommen.

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