Meterdicke Stahlbetonwände, gefilterte Luft und kein Tageslicht: Seit Beginn des Krieges in der Ukraine sind sie wieder zum Thema geworden; Zivilschutzbauten, Schutzräume oder einfach Bunker genannt. In Berlin gab es nach dem Zweiten Weltkrieg noch rund 360 Schutzbauten, die errichtet worden sind, um die Bevölkerung vor Luftangriffen zu schützen. Die Alliierten befahlen in der Regel die Sprengung, was aber nicht bei allen gelang. Einer der verfallenen Betonkolosse, der in Westberlin jahrzehntelang vor sich hin rottete und an die Schrecken von Krieg und Gewaltherrschaft mahnte – bis er einem Neubauprojekt im Weg stand: der Flachbunker an der Neuköllner Straße in Rudow. Alle Infos zu dem ehemaligen Lost Place.
Das sind die Fakten zum Weltkriegsbunker Neuköllner Straße im Überblick:
- Adresse: Neuköllner Straße 278, Ecke Zwickauer Damm, 12357 Berlin-Rudow
- Geschichte: Anfang der 1940er-Jahren als Luftschutzbunker errichtet; in der Nachkriegszeit stillgelegt; anschließend Leerstand; in den 2000er-Jahren fanden in dem maroden Bunker Computerspieltreffen (LAN-Partys) statt
- Bunkertyp: Flachbunker vom Typ 2D mit 18 Kammern; Schutzkapazität für rund 200 Personen
- Führungen: Keine
- Denkmalschutz: Nein
- Status: Ehemaliger Lost Place. Der Bunker wurde in den 2000er-Jahren im Zuge einer Neubebauung des Areals zertrümmert und abgerissen
Wo liegt der Weltkriegsbunker Neuköllner Straße genau?
Der Weltkriegsbunker Neuköllner Straße liegt an der Adresse Neuköllner Straße 278, Ecke Zwickauer Damm, im Ortsteil Rudow des Bezirks Neukölln. Die Google-Koordinaten (Open-Location-Code) für das Objekt lauten: CFFM+MX Berlin. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist das Grundstück am besten mit den Buslinien 171, M11, N7 und X71 (Haltestelle Neuköllner Straße/Zwickauer Damm) zu erreichen. Von der Station ist das Bunkergrundstück bereits zu sehen. Achtung: Von dem Bunker haben sich keine sichtbaren Überreste erhalten. Es handelt sich um Privatgelände.
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Das sind die wichtigsten Etappen der Geschichte des Weltkriegsbunkers Neuköllner Straße:
Ausgangslage: Luftschutz-Sofortprogramm für Berlin im Zweiten Weltkrieg

Als 1940 Luftangriffe der Alliierten erstmals die Reichshauptstadt trafen, reagierte die NS-Führung hektisch mit einem Bunkerbau-Sofortprogramm: Betonbauten schossen in Berlin aus dem Boden. Unter der Federführung der „Baugruppe Langer“ des Generalbauinspektors – einer von Albert Speer geleiteten Behörde – entstanden Normbunker für die Zivilverteidigung und hunderte Bauten, die militärische Ziele schützen sollten: Militär-, Flak, Nachrichten- und Kommandobunker.
Berlin wurde mit einem Netz von Schutzbauten überzogen – in der Innenstadt, aber auch in den grünen Außenbezirken. Im Südwesten Berlins, im heutigen Bezirk Steglitz-Zehlendorf, wurden Kolosse errichtet wie der Bunker Heckeshorn auf der Wannsee-Insel, Hochbunker wie an der Eiswaldstraße und Sonderanfertigungen wie der als Wohnhaus getarnte Bunker Eiderstedter Weg. Anders als bei Hochbunkern lagen die Schutzräume von Flachbunkern unter der Erde. Einer von ihnen war der Bunker an der Neuköllner Straße in Rudow.
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Weltkriegsbunker Neuköllner Straße: Schutzbau der „ersten Welle“
Der Bunker gehörte zur „ersten Welle“ der während des Bunker-Sofortprogramms von 1940/1941 in Berlin errichteten Schutzbauten. Insgesamt waren es an die 1000 Anlagen, die gebaut wurden, wovon etwa 500 Flachbunker für einhundert bis dreihundert Personen in dicht besiedelten Wohngebieten entstanden. Die Schlüssel für eine Kammer mit jeweils zwei 3-Stockbetten wurden bevorzugt an kinderreiche Familien aus der Umgebung vergeben. Zusätzlich gab es zumeist Aufenthalts- und Sanitärräume sowie Schleusen, Räume für die Bunkertechnik und für das Luftschutzpersonal beziehungsweise den Bunkerwart.
Auf dem Baugrund an der Neuköllner Straße hatten sich zuvor landwirtschaftlich genutzte Flächen befunden. Die Umgebung war noch geprägt vom ländlichen Rudow, das sich in den 1930er-Jahren zu städtischem Wohnraum wandelte: Noch immer gab es ausgedehnte Ackerflächen, Höfe und Hühnerfarmen in der Umgebung. Anfang der 1940er-Jahre versammelten sich die Kinder der Nachbarschaft und beobachteten staunend die Aktivitäten, als schweres Gerät vorfuhr, Arbeiter den Boden aufrissen und der Bau des Betonriesen an der Neuköllner Straße begann.
Weltkriegsbunker Neuköllner Straße: Ärger um zerstörte Aussaat – Bauer wird entschädigt
Doch die Arbeiten hatten ein Nachspiel: Im Februar 1942 stellte ein Rudower Landwirt, der Pachtland auf dem ehemaligen Rudower Gutsacker bewirtschaftete, einen Antrag auf Schadensersatz. Die Arbeiten am Bunker sowie am benachbarten Barackenlager auf der Höhe des heutigen Agnes-Straub-Wegs – hier ließen die Nazis ein Zwangsarbeiterlager errichten – hätten seine Arbeiten im Frühjahr 1941 zunichte gemacht, wie er in einem Schreiben beklagte.
Acht Fuhren Dung und die Aussaat auf etwa 7000 Quadratmetern stellte der erboste Bauer den Behörden mit 350 Reichsmark in Rechnung. 322 Reichsmark wurden ihm schließlich vom Gutachter der Kreisbauernschaft Kurmark für die entstandenen Bunker- und Barackenbauschäden, die auf dem von ihm gepachteten Gutsacker entstanden waren, zugebilligt. NS-Zwangsarbeiter mussten sehr viel länger auf Entschädigungen warten. Erst 2007 rang sich der Bundestag zu ersten symbolischen Zahlungen an die wenigen noch lebenden Betroffenen und ihre Angehörigen durch.
Weltkriegsbunker Neuköllner Straße: So war der Bunker aufgebaut

Bei dem eingeschossigen Bunkertyp handelte es sich um eine vergleichsweise kleine Luftschutzanlage: Die Länge und Breite des Bauwerks betrugen rund 30 mal 17 Meter auf einer Baufläche von knapp 500 Quadratmetern. Die Deckenstärke betrug 1,40 Meter; die Wandstärke aus massivem Stahlbeton 1,80 Meter. Zwei seitliche Zugänge führten über Treppen in das unter dem Straßenniveau liegende Bunkerinnere.
Dicke Eisentüren mit Sichtlöchern riegelten jeweils die dahinterliegenden Schutzräume hermetisch ab. Vorbei an Sanitärräumen und der Bunkeraufsicht führten zwei parallele Gänge mit je sechs Kammern sowie einer Kammerzeile in der Mitte zum hinteren Ausgang. Dort gab es einen größeren Aufenthaltsraum, einen Sanitärraum, einen Heizungsraum, Sandfilter, Lüftungsgeräte und Schutztüren, die die zweite Schleuse des hinteren Notausgangs sicherten. Es gab für Männer und Frauen getrennte Sanitärbereiche, einen Wasserzulauf und einen Dieselgenerator für Elektrizität.
Die 18 Schutzzellen des Bunkers waren als Schlafkammern mit einer Grundfläche von etwa sechs Quadratmetern ausgelegt. Die Rettungswege im Bunker wurden mit im Dunkeln leuchtender Farbe gekennzeichnet. So konnten Fluchtwege auch bei einem Totalausfall der Bunkertechnik noch genutzt werden.
Weltkriegsbunker Neuköllner Straße: Schutz unter meterdickem Stahlbeton

Als sich in den letzten Kriegsjahren die Bombenangriffe auf Berlin verstärkten, wurden bomben-, trümmer- und splittersichere Luftschutzbauten als Zuflucht für die Bevölkerung immer wichtiger. Das Schutzbauwerk an der Neuköllner Straße rettete mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Menschenleben – denn mit den schweren Bombenangriffen, die auch den Süden Berlins seit 1943 trafen, gab es Einschläge und zerstörte Wohnhäuser in der unmittelbaren Umgebung des Bunkers.
Bei Luftalarm liefen Familien mit ihren Kindern zu dem Bunker an der Neuköllner Straße, in dessen schützenden Wänden ihnen – sofern sie einen Berechtigungsschein hatten und sie den Bunker rechtzeitig erreichten – reservierte Schlafräume zur Verfügung standen. Für die älteren Anwohner oder auch zufällig Schutz suchenden Passanten gab es größere Räume mit Holzbänken. Der Einlass wurde durch Luftschutzpersonal geregelt. Wer nach Fliegeralarm die zumeist überfüllten Bunker nicht rechtzeitig erreichte, stand vor verschlossenen Türen. Doch auch im Inneren herrschte häufig beklemmende Todesangst.
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Weltkriegsbunker Neuköllner Straße: Rotarmisten sicherten die Anwohner im Bunker

Im Frühjahr 1945 erreichten Verbände der Roten Armee Berlin und lieferten sich ein Wettrennen um die Einnahme der Stadt. Vom Norden und Südosten rückte Marschall Georgi Schukow (1896–1974) mit Verbänden der 1. Weißrussischen Front in Richtung Innenstadt vor. Einer der erfahrensten Generäle in Shukows Verband war General Tschuikow, Held von Stalingrad und Kommandeur der 8. Gardearmee. Tschuikows Einheiten bildeten den Stoßkeil über Buckow und Britz im Berliner Süden – mit dem Ziel, den Flugplatz Tempelhof zu erreichen und einzunehmen. Im April 1945 wurden die deutschen Stellungen in Neukölln schlichtweg überrannt.
Rotarmisten befreiten die sich im Bunker Neuköllner Straße vor dem Kriegsgeschehen in Sicherheit gebrachten Anwohner. Nach dem Krieg wurde Neukölln zusammen mit den Bezirken Tempelhof, Zehlendorf, Schöneberg, Steglitz und Kreuzberg Teil des US-amerikanischen Sektors der geteilten Stadt. Mehr als die Hälfte der Bunker und Luftschutzstollen Berlins wurden im Rahmen der Entmilitarisierung durch die Alliierten bis 1948 abgebaut oder gesprengt.
Weltkriegsbunker Neuköllner Straße: Kriegsrelikt wurde zum verwaisten Lost Place
Die Zivilbevölkerung reagierte mit Unverständnis: Schließlich gehörten die Bunker in manchen Stadtteilen zu den wenigen noch intakten kommunalen Bauwerken. In den ersten Nachkriegsmonaten fanden in ihnen ausgebombte Familien, Kriegsheimkehrer, Flüchtlinge und Kälteopfer einen Unterschlupf. Für die Beseitigung der Stahlbetongiganten waren Tonnen an Sprengstoff nötig. Manche hielten stand, wurden kurzerhand zugeschüttet oder erhielten eine zivile Funktion als Notunterkunft oder als Lager für Lebensmittel. Der Bunker an der Neuköllner Straße entging der Sprengung, er wurde kurzzeitig als Depot zwischengenutzt – und dann aufgegeben.
Mehrere Jahrzehnte lang fristete das in Beton gegossene Weltkriegsbollwerk im Süden Neuköllns in den Friedensjahren der Bonner Republik ein Schattendasein. Die Planspiele und Szenarien eines Dritten Weltkriegs, auf den sich die GIs mit Nato-Übungen im Grunewald und auf ihrem Trainingsgelände in Lichterfelde-Süd „Parks Range“ vorbereiteten, traten glücklicherweise nicht ein und so brauchte sich kein Berliner in der Frontstadt des Kalten Krieges in die Überreste des Bunkers in Rudow zu flüchten, der mit den Jahren zu einer modernen Ruine verfiel.
Weltkriegsbunker Neuköllner Straße: Senat fand keine Verwendung für die Problemimmobilie
In seinem Inneren bot sich ein Bild von Zerfall und Zerstörung, das dem verwaisten Weltkriegsbunker und seinen dunklen Gängen einen beklemmenden Anstrich verlieh. Von den Wänden bröckelten Hinweise aus der Nazizeit: „Ruhe bewahren!“ und „Nicht drängen!“ war dort zu lesen. Am Boden des Bunkers sammelten sich Schutt und Dreck und durch die Metallteile und Eisentüren fraß sich langsam der Rost.
In den 1980er-Jahren wurde erwogen, die Liegenschaft im Landesbesitz zu einem Probenraum für Musiker umzufunktionieren – damals leistete sich der Senat noch einen Rockbeauftragten, der in Westberlin alte Bunkeranlagen auf ihre Eignung als Werkstatträume für Musiker und Bands prüfen ließ. In den ehemaligen Schutzzellen hätten Rockbands ihre Gigs perfektionieren können, ohne dass allzu viele Geräusche aus den meterdicken Betonwänden nach außen gedrungen wären. Doch zu einer Nutzung des Bunkers an der Neuköllner Straße kam es nicht. Zu hoch wären die Kosten der Instandsetzung gewesen. Erst in den frühen 2000er-Jahren fand die leerstehende Immobilie im Besitz des Landes Berlins noch einmal kurzzeitig eine neue Funktion.
Weltkriegsbunker Neuköllner Straße: „Underground-Gaming“ zur Jahrtausendwende
Der Bunker wurde zur Heimstätte für „Underground-Lan“-Partys in Berlin. Computerspieler trafen sich in den eiskalten Gemäuern und vernetzten ihre PCs, um das Wochenende gemeinsam in Decken gehüllt an ihren Bildschirmen zu verbringen. Auf den legendären B1-Partys in der düsteren Atmosphäre des heruntergekommenen Berliner Bunkers aus Kriegstagen wurden bevorzugt Shooter gespielt: Counter Strike, Quake, HalfLife und Unreal Tournament – aber auch Kriegs- und Strategiespiele wie StarCraft, Total War und Axis & Allies.
Die Macher der Partys stellten Schwarzlicht, Equipment, Server und Musik. DJs fluteten die Zellen des Ex-Luftschutzkellers mit basslastiger Elektromusik. In einigen Räumen konnte man in mitgebrachten Schlafsäcken schlafen. Die Partys unter Tage dauerten manchmal länger als 48 Stunden an – doch so enthusiastisch die Gamer den Bunker in Rudow in Besitz genommen hatten, es wurde schon angedacht eine „Chill-Out-Area“ und Lichtinstallationen aufzubauen, so schnell endete die Zeit der elektronischen Feiern im Bunker, der nach 2001 wieder leer stand.
Weltkriegsbunker Neuköllner Straße: Keine Spuren vor Ort erhalten
Mitte der 2000er-Jahre wurde das Landesgrundstück mitsamt dem verfallenen Bunker von einem Investor gekauft und ein Gebrauchtwagenhandel auf dem Grundstück eröffnet. Dafür waren die Bunkerstrukturen zuvor teilweise abgetragen worden; alles, was sich über Bodenniveau befand zertrümmert und die übrigen Bunkerteile verfüllt worden. Die neu betonierte Fläche diente jahrelang als Stellplatz für die zum Verkauf stehenden Gebrauchtwagen, die sich Stoßstange an Stoßstange über die im Erdboden schlummernden Trümmer des Weltkriegsbunkers aneinanderreihten.
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2016 schließlich wurden auch diese beseitigt, als für einen Neubau auf dem Eckgrundstück Fundamente gelegt wurden und die verbliebenen Bunkerüberreste im Zuge der Erdarbeiten abgetragen wurden. Heute befindet sich auf dem Grundstück am Rande der Gropiusstadt ein dreigeschossiges Geschäftshaus mit 14 Gewerbeeinheiten – darunter Gastronomie, Imbisse, ein Friseur. Von dem ehemaligen Bunker auf dem Gelände haben sich vor Ort keine Spuren oder Hinweise erhalten.


