An der Akazienallee in Westend reckt sich einem mittelalterlichen Wehrturm gleich ein backsteinerner Rundbau in den Himmel: Der Wasserturm Charlottenburg I, auch Wasserturm-Ost genannt, hatte die Aufgabe, das einst als Villenkolonie am Rande der Stadt Charlottenburg geplante Westend mit Frischwasser zu versorgen.

Über Jahrzehnte sorgte der Turm für den nötigen Wasserdruck und wurde dabei zum stummen Zeugen mancher Umbrüche: Die Eingemeindung nach Berlin 1920, die Jahre des Kriegs und der Zerstörung, die Teilung der Stadt und der Mauerbau 1961. Als der Turm in den 1990er-Jahren stillgelegt wurde, war lange Zeit unklar, was aus dem vor sich hindämmernden Klinker-Koloss werden sollte. Er drohte als vergessener Ort zu einer modernen Ruine zu verfallen – bis einem Investor der rettende Einfall kam und den Turm aus seinem Dornröschenschlaf erweckte. Alle Infos zu dem ehemaligen Lost Place.

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Das sind die Fakten zum Wasserturm-Ost im Überblick:

  • Adresse: Akazienallee 35, 14050 Berlin-Westend
  • Geschichte: Der Wasserturm wurde 1881 nach Plänen des Wasserbauingenieurs Bernhard August Salbach (1833–1894) errichtet; in den 1990er-Jahren nicht mehr für die Trinkwasserversorgung benötigt und stillgelegt; danach Leerstand und Verfall
  • Führungen: Keine
  • Denkmalschutz: Objekt-Nr. 09020487
  • Status: Ehemaliger Lost Place. 2008 wurde der Turm von den Berliner Wasserbetrieben an einen Investor veräußert, der den Turm bis 2012 zu Wohn- und Gewerbezwecken umbauen ließ

Wo liegt der Wasserturm-Ost genau?

Der Wasserturm-Ost liegt an der Adresse Akazienallee 35 im Ortsteil Westend des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf. Die Google-Koordinaten (Open-Location-Code) für das Objekt lauten: G799+RFQ Berlin. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist das Areal am besten mit der Buslinie M45 (Haltestelle Kirschenallee) zu erreichen. Von der Busstation ist der Wasserturm bereits zu sehen. Man benötigt zu Fuß rund zwei Minuten um das Grundstück an der Akazienallee zu erreichen. Achtung: Es handelt sich um Privatgelände. Das Betreten ist Unbefugten nicht erlaubt.

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Das sind die wichtigsten Etappen der Geschichte des Wasserturm-Ost:

Ausgangslage: Fließendes Wasser für die Villenkolonie Westend

Elektr. Straßenbahn Berlin 1882 / Holzst.
Elektrische Bahn vom Westend bei Berlin nach dem ‚Spandauer Berg‘“. Holzstich, 1882, nach Zeichnung von Friedrich Wittig© picture alliance / akg-images | akg-images

Lange Zeit war die sandige, bewaldete Hochfläche des heutigen Berliner Ortsteils Westend nur Standort einiger Windmühlen und Bauernhöfe gewesen. Das änderte sich als große Immobilienprojekte während des ersten Gründerzeit-Booms für Investoren interessant wurden: Mietskasernen wuchsen in den innerstädtischen Kiezen aus dem Boden und Terraingesellschaften versprachen die Urbanisierung immer neuer Parzellen am Stadtrand. Eine von diesen: Die im 19. Jahrhundert gegründete Kommanditgesellschaft auf Aktien „Westend“. Der Plan: Die Errichtung einer Villenkolonie zwischen der damals noch eigenständigen Stadt Charlottenburg und Berlin.

Unter der Führung des Bankiers und Kaufmanns Heinrich Quistorp (1836–1902) entwickelte sich das Bauprojekt vielversprechend: das Straßenraster der Kolonie füllte sich mit Villen unterschiedlichen Stils. Ein wesentlicher Bestandteil der Überlegungen: die Wasserversorgung. Gegen die anfänglichen Widerstände der Charlottenburger Stadtverwaltung ließ Quistorp das heute noch bestehende Wasserwerk am Teufelssee im Grunewald errichten und ließ Trinkwasser nach Westend pumpen, wo er vorerst den bescheidenen Hochbehälter des fertiggestellten Wasserturms an der Kastanienallee füllen ließ, um Druckschwankungen im Wassernetz von Westend nach dem hydrostatischen Prinzip auszugleichen.

Für die Zukunft schwebte ihm Größeres vor: Einen riesigen Wasserturm-Koloss, der von seinen Kritikern „Tempel des Wahns“ genannt wurde. Als der Bankier und Investor in den 1870er-Jahren Bankrott ging und sein gigantomanisches Bauprojekt als Neubauruine endete, sprangen die 1878 gegründeten Charlottenburger Wasserwerke ein und übernahmen aus der Konkursmasse die für die Versorgung Westends wichtigen Funktionsbauten – wie etwa das Wasserwerk Teufelssee. Der unvollendete Germaniaturm, den die Werke als unwirtschaftlich betrachteten, war nicht Teil des Übernahmevertrags. Sie planten stattdessen mit einem eigenen Neubau den alten Wasserturm an der Kastanienallee zu ersetzen und sicherten sich für das Projekt ein hochgelegenes Baugrundstück auf dem Spandauer Berg an der Akazienallee, auf dem die Wasserwerke seit 1877 ein Zwischenpumpwerk betrieben.

Wasserturm-Ost: So war der Turm konstruiert

Die Pläne für das Bauwerk lieferte der Dresdner Wasserbauingenieur Bernhard August Salbach (1833–1894). Der königliche Baurat hatte sich einen Namen mit dem 1875 fertiggestellten Baus des Trinkwasserwerks Saloppe in Dresden gemacht. Für die Charlottenburger Wasserwerke entwarf Salbach auf dem Grundstück Akazienallee 35–39 einen Wasserturm, dessen Reservoir 1000 Kubikmeter Frischwasser fassen sollte. Das Baugelände wurde auf einer Höhe von rund 63 Metern über Normalnull (NN) planiert. Salbachs Skizzen sahen für das Areal einen gedrungen wirkenden Klinker-Rundbau von 27 Metern Höhe und 16 Metern Durchmesser vor.

Der durchschnittliche Wasserstand des Wasserreservoirs betrug nach den Planungen 84 Meter über NN und würde als Hochreservoir einen stabilen Druck in den Frischwasserleitungen der umliegenden Wohngegend garantieren. 1881 begannen die Bauarbeiten am Wasserturm Charlottenburg I und waren bereits nach wenigen Monaten abgeschlossen. Im folgenden Jahr konnte der stählerne Wassertank an der Turmkrone mit Wasser befüllt werden und der Turm, der im Stil der Burgenarchitektur auf der Anhöhe Westends den Eindruck eines Wachturms erweckte, konnte seinen Dienst aufnehmen.

Wasserturm-Ost: Probleme mit der Erschließung von Neuwestend

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1910 musste dem Ostturm ein weiterer Funktionsbau zur Seite gestellt werden: der 60 Meter hohe Westturm, der den älteren Wasserkoloss spielend überragte. Zusammen konnten die Zwillingstürme 2000 Kubikmeter Wasser in ihren Reservoirs speichern.© picture alliance / imageBROKER | Schoening

Das Wasserreservoir im Inneren des Turms wurde im Laufe der Dienstjahre von mehreren Pumpwerken befüllt. Ab Ende der 1880er-Jahre sicherte das von Stadtbaurat Köhn (Tiefbauverwaltung) und dem Königlichen Regierungsbaumeister Pfeifer 1888/1889 errichte Pumpwerk Charlottenburg I den Wasserstand; ab 1911 trat das am Spandauer Damm errichtete Pumpwerk Charlottenburg II zur Versorgung hinzu und ab den 1950er-Jahren das Pumpwerk Charlottenburg III. Unterdessen hatte der Wasserturm-Ost einen Zwillingsbau erhalten.

Zwanzig Jahre nach der Inbetriebnahme des Wasserturms an der Akazienallee sahen sich die Charlottenburger Wasserwerkingenieure mit einer Problemstellung konfrontiert, die einen Ergänzungsbau ratsam erschienen ließen. Da der hochgelegene Stadtteil Neuwestend mit viergeschossiger Bauweise erschlossen werden sollte, lag das Wasserreservoir des Wasserturms an der Akazienallee zu tief, um hier eine ausreichende Wasserversorgung zu ermöglichen. Die Lösung: dem Bauwerk Salbachs wurde in unmittelbarer Nähe ein weiterer Turm zur Seite gestellt; der nach Entwürfen des Architekten Christian Heinrich Seeling (1852–1932) bis 1910 errichtete 60 Meter hohe Wasserturm Charlottenburg II am Spandauer Damm 165. Der ältere Wasserturm wurde fortan auch Wasserturm-Ost und der jüngere als Wasserturm-West bezeichnet.

Wasserturm-Ost: Betrieb konnte nach Kriegsende fortgesetzt werden

Knapp 110 Jahre lang half der eine Million Liter Wasser fassende Stahltank des Wasserturm-Ost im Zusammenspiel mit den beiden kleineren Wassertanks seines westlichen Zwillingsturms die Wasserversorgung Charlottenburgs, und später Westberlins, aufrecht zu erhalten. 1920 wurde Charlottenburg mit dem Groß-Berlin-Gesetz in das Stadtgebiet der Hauptstadt eingemeindet, doch die Charlottenburger Wasserwerke bestanden eigenständig fort, bevor sie 1945 in die Berliner Wasserbetriebe (BWB) aufgingen. Im Zweiten Weltkrieg, den alliierten Luftangriffen auf Berlin und den Straßenkämpfen während der Schlacht um Berlin in den letzten Kriegsmonaten haben die Zwillingstürme in Westend keine nennenswerten Schäden davongetragen und konnten ihren Betrieb aufrechterhalten.

Nach Kriegsende wurde Westend als Ortsteil von Charlottenburg mit den Bezirken Spandau, Tiergarten und Wilmersdorf Teil des britischen Sektors der geteilten Stadt. Damit lag auch das Betriebsgelände des Zwischenpumpwerks an der Akazienallee in der britischen Besatzungszone. In der „Frontstadt des Kalten Kriegs“ musste auch die Infrastruktur neu gedacht werden. Das hatte spätestens die Berlin-Blockade 1948/1949 allen Verantwortlichen unumstößlich vor Augen geführt, als die Sowjets nicht nur die Zufahrtswege und damit die Versorgung nach Westberlin sperrten, sondern auch die Strom- und die Wasserversorgung kappten.

Wasserturm-Ost: Kalter Krieg um Westberlins Kanalisation

Berlin, Deutschland, letzte DDR-Kanalisationssperre
Sperrgitter in der Kanalisation unter einer Kreuzung in Berlin-Mitte. Es war nach dem Mauerbau zur Verhinderung von Fluchten in den Westen eingebaut worden.© picture alliance / Caro | Heinrich

Während die Trinkwasserversorgung bis Anfang der 1950er-Jahre vollständig getrennt war, blieb das Berliner Abwassernetz miteinander verbunden. Um Fluchten durch die Kanalisation zu verhindern, wurden ab den 1950er-Jahren – lange bevor 1961 die Berliner Mauer gebaut wurde – auf Veranlassung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) Stahlgitter in den Kanälen unter der Stadt installiert, die ein Durchqueren des Berliner Untergrunds erschwerten. Die Wasserversorgung Westberlins blieb in der Zeit des Kalten Kriegs ein neuralgischer Punkt der Blockkonfrontation. Die verbliebenen Wassertürme Berlins spielten hierfür aber eine abnehmende Rolle.

Die Erzeugung des Wasserdrucks im Leitungssystem übernahmen leistungsstarke Pumpen und die Wasserspeicherung erfolgte vorzugsweise nicht mehr in Türmen, sondern in erdnahen Zwischenspeichern. Die meisten Wassertürme Berlins aus der Gründerzeit, sofern sie noch in Verwendung waren, wurden von den Wasserbetrieben in den 1990er-Jahren außer Dienst gestellt – so auch der Wasserturm-Ost an der Akazienallee. Die mächtigen Klinkerkolosse prägten auch später noch das Stadtbild, doch für den Druckausgleich empfahlen sich seitdem elektrische Pumpen, die bei geringeren Instandsetzungskosten höhere Leistungen erzielten.

Wasserturm-Ost: Lost Place seit den 1990er-Jahren

Berlin
Blick auf das Betriebsgelände des Wasserturm-Ost an der Akazienallee und dem Spandauer Damm 2014© picture alliance / imageBROKER | Schoening Berlin

Die Zwillingstürme in Westend wurden Anfang der 1990er-Jahre außer Betrieb genommen; aus den Hochbehältern des Westturms wurde noch bis 1996 der Ortsteil Ruhleben und das Olympiastadion mitversorgt. Danach wurden die stählernen Tanks beider Türme ein letztes Mal geleert und der Wasserturm-Ost lag wie sein etwas höherer Zwilling auf dem Trockenen. Das imposante Bauwerk dämmerte seitdem nahe des vielbefahrenen Spandauer Damms im Dornröschenschlaf vor sich hin. Jahrzehntelang konnte kein tragfähiges Nachnutzungskonzept für den Wasserturm an der Akazienallee gefunden werden. Einige der Räumlichkeiten in den unteren Geschossen des Turms dienten den Wasserwerken in den Folgejahren als behelfsmäßige Lager- und Stauraum, doch die laufenden Instandsetzungskosten für den leerstehenden Klinkerbau rechtfertigten diese Art der Nutzung kaum.

Mehr als ein Jahrzehnt lang blieb der Turm nur als Sehenswürdigkeit für Autofahrer zwischen Spandau und Charlottenburg sowie für nistende Zugvögel interessant, bevor wieder Bewegung in die Sache kam. Anders als bei anderen Lost Places in Berlin hielten sich Schäden an der Bausubstanz durch Vandalismus und Verwitterung in Grenzen, da sich die Türme auf Betriebsgelände befanden und weiterhin gewartet wurden. Nur Staubschichten, die sich auf die verbliebenen Einbauten im Inneren legten, eingetrübte Fenster, einige rostige Metallteile sowie Alterungsspuren an der Ziegelfassade zeugten von dem langwährenden Leerstand des Wasserturm-Ost: doch gab es weder Müll, noch eingeworfene Scheiben, noch Graffiti an den Wänden zu beklagen und auch wildwuchernde Pflanzen, die mach anderes verlassene Gelände in Berlin zu einem undurchdringlichen Stück Natur werden ließen, hatten hier keine Chance ungezügelt die Turmfassaden emporzuklettern und das Mauerwerk zu sprengen.

Wasserturm-Ost: Spektakulärer Ausblick aus Luxuswohnungen im Turm

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In den 2000er-Jahren entschieden sich die Berliner Wasserwerke sich von dem seit 1994 unter Denkmalschutz stehenden Turm-Duo in Westend zu trennen und damit den Dornröschenschlaf der Immobilie zu beenden. Ein erster Investor interessierte sich für das Areal, um den Umbau zu einem Hotel in die Wege zu leiten. Doch dessen Pläne zerschlugen sich, obwohl das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf die Genehmigung zum Umbau erteilt hatte. 2008 erwarb die Investorengruppe „Wassertürme Westend GbR“ das Ensemble mit dem Plan, die beiden Türme zu Wohn- und Gewerbezwecken umzubauen.

2010 begannen die Arbeiten an dem Objekt. Insgesamt 19 Luxusapartments entstanden hinter den bis zu zwei Meter dicken Mauern der Türme. Im höheren Wasserturm-West entstanden zwölf durchschnittlich 170 Quadratmeter große Luxusapartments, die jeweils eine der Turmetagen einnahmen sowie an der Turmspitze eine Maisonettwohnung mit atemberaubenden Rundumblick über die Dächer der Stadt. Im Wasserturm-Ost wurden sieben Lofts auf den sieben Etagen des Turms eingerichtet, mit einer jeweiligen Grundfläche von etwa 200 Quadratmetern.

Umstritten war im Stadtplanungsausschuss der Bezirksverordnetenversammlung die ebenfalls genehmigte Erschließung der Wohnungen über zwei moderne Anbautürme mit Treppenhaus und Aufzug. Die Anbauten wurden rund fünf Meter neben den Wassertürmen errichtet und durch zehn Meter lange Foyers mit den Wohnungen verbunden. 2011/2012 waren die Apartments in den Türmen bezugsfertig. Den Vertrieb übernahm die Ziegert Bank- und Immobilienconsulting, die die Wohneinheiten zu Kaufpreisen von durchschnittlich rund 500.000 Euro veräußerte. Aus den lange Zeit leerstehenden Wassertürmen Westends wurden exklusive Wohntürme.