Der aus Fertigbetonteilen erstellte Turm beinhaltet Aufzug, Treppenhaus, Loggia, Vorraum und ein "Foyer". Letzteres soll die zwölf Luxuslofts der insgesamt 16 Etagen erschließen, die bis zum Frühjahr nächsten Jahres in das mit 64 Meter Höhe herausragende Industriedenkmal in Westend eingebaut werden.
Noch bis 1996 wurden aus den zwei Hochbehältern des Turms der Ortsteil Ruhleben und das Olympiastadion mit kühlem Wasser versorgt. Jetzt mutiert der Rundbau mit zwei Meter dicken Wänden zum neuen Wohnort mit guter Aussicht - vor allem finanziell. Denn die von der Unteren Denkmalschutzbehörde des Bezirks im Einvernehmen mit dem Landesdenkmal genehmigte Sanierung des Wasserturms, dessen 32 Meter hoher Nachbarturm (Baujahr 1861) ebenfalls noch mit Lofts ausgebaut und von einem Betonanbau erschlossen werden soll, verspricht Steuervorteile. "Dank Denkmal-AfA (Abschreibungen für Anlagen, d. Red.) und denkmalgerechter Sanierung können Sie bis zu 80 Prozent (Stand: Juli 2010) des Kaufpreises steuerlich absetzen!" wirbt "Ziegert Bank- und Immobilien Consulting" im Internet um Käufer für diese Wohnungen in der "Steueroase". Eine rund 210 Quadratmeter große Wohnung kostet etwa 590 000 Euro.
Dass die zuständigen Denkmalpfleger den massiven Entwurf für den Anbau genehmigten, freut zwar den Projektentwickler, ärgert aber Anwohner genauso wie Mitglieder des Landesdenkmalrates: "So kann und muss man nicht anbauen. Das sieht ja aus wie eine reine Fluchttreppe, die nicht einmal den Grundregeln entspricht, wie so etwas gestaltet werden könnte", sagt Petra Kahlfeldt. Die Architektin und Professorin für Denkmalpflege unterrichtet neben der eigenen Planertätigkeit schon seit Jahren "Bauen im Bestand". Natürlich sei es eine Herausforderung, aus einem runden Turm ein Wohnhaus zu machen, aber es sei eine Grundregel, dass man ein solches Denkmal nur durch ein ebenfalls herausragendes Bauwerk ergänzen dürfe, "und da nicht einfach so einen langweiligen und uninspirierten Treppenturm ohne Gliederung oder andere Gestaltungsmerkmale hinstellen kann". Was man bisher dort sehe, sei ein reiner Investorenbau, ein Zweckbau, ohne jeglichen architektonischen Anspruch, und werde dem Denkmal nicht gerecht, sagt die Berliner Architektin. Sie ergänzt: "Bei allem Respekt vor der Umnutzungsmaßnahme, die ja auch dem Erhalt des Denkmals dient, ist so ein Erweiterungsbau einfach unmöglich."
Der Projektentwickler der Wassertürme in Westend, Ralf Emrich, sieht das anders. Der 47 Jahre alte Gesellschafter der Wassertürme Westend GbR, der die Anlage aus zwei Wassertürmen, einem Magazin- und einem Verwaltungsgebäude 2008 mit "drei weiteren Partnern" von den Berliner Wasserbetrieben erworben hat, verweist auf die Sicherheitsbestimmungen. "Wir mussten den Erschließungsturm so bauen. Das ging gar nicht anders, das ist das Minimum, das Sie für die Technik brauchen." Schließlich handele es sich bei dem Wasserturm um ein Hochhaus, für das beispielsweise ein Aufzug in entsprechender Größe für eine Rettungstrage der Feuerwehr erforderlich sei. Auch das Treppenhaus entspreche den Vorschriften des Brandschutzes, beteuert Projektentwickler Emrich, der, wie er sagt, Physiker ist. Er habe den Anbau selbst entworfen, sagt Emrich - mit einem Anflug von Stolz in der Stimme. Er fügt aber schnell hinzu, sich einen Architekten für die Ausführung gesucht zu haben - Krüger Architekten. So steht es zumindest auf dem Bauschild an der Akazienallee, die dort angegebene Büroadresse und Telefonnummer existieren allerdings nicht.
Wahrzeichen des Bezirks
"Der Neubau ist im Einvernehmen mit der Unteren Denkmalschutzbehörde und dem Landesdenkmalamt genehmigt worden und steht jetzt so da, wie abgesprochen", bestätigt auch Klaus-Dieter Gröhler (CDU). Der Baustadtrat von Charlottenburg-Wilmersdorf betont, dass er bezüglich des Anbaus kein Problem sehe. Er sagt aber auch, dass er den fertigen Rohbau noch nicht gesehen habe. Auf Nachfrage, ob möglicherweise nicht auch eine andere, also eine denkmalgerechtere Lösung denkbar gewesen wäre, sagt Gröhler knapp: "Ich bin kein Architekt."
Auch Guido Baer ist kein Architekt, doch der Anwohner der Akazienallee interessiert sich für Baukultur und kann nicht nachvollziehen, "dass die Behörden eine solche Verschandelung des alten Wasserturms genehmigt haben". Für den 51-jährigen gebürtigen Charlottenburger sind die Wassertürme Wahrzeichen des Bezirks und ganz wesentlicher Teil der Baugeschichte in Westend. "Es ist unglaublich, dass hier aus offenbar wirtschaftlichen Gründen so ein Bau absegnet wird und die Käufer der Wohnungen damit später auch noch Steuern sparen können", sagt der Angestellte. Baer hofft, dass die Realisierung des Entwurfs für den Nachbarturm noch verhindert werden kann. Petra Kahlfeldt will den noch geplanten Anbau für den Ost-Turm im Landesdenkmalrat zum Thema machen. Sie hofft, dass die Baukultur noch eine Chance hat und das Denkmal auf würdige Art wiederbelebt wird.

