Die Demokraten führen. Aber führen sie auch bei denen, die nicht antworten? Unmittelbar vor den Kongresswahlen in den USA ist das die Frage hinter den vielen ermutigenden Zahlen für die Partei mit dem Esel im Logo. Die Opposition gegen die Republikaner von Donald Trump hat gute Chancen auf beide Kammern. Doch besonders im Senat könnte ein kleiner Umfragenfehler reichen, um aus der Aussicht auf einen Machtwechsel einen weiteren republikanischen Sieg zu machen.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Dabei geht es weniger um den Trump-Anhänger, der einem Interviewer bewusst eine falsche Antwort gibt. Das größere Problem sind Menschen, die gar nicht teilnehmen. Wer Institutionen misstraut, politisch wenig interessiert ist oder selten wählen geht, fehlt häufiger in Befragungen. Gerade unter solchen Bürgern, gerade auf dem Lande abseits der Metropolen, finden Trumps Republikaner Unterstützung. Mehr Interviews beseitigen diese Schieflage nicht automatisch. Ashley Koning, Leiterin des Meinungsforschungszentrums der Rutgers-Universität, sagt es so: „Wenn diejenigen, die tatsächlich wählen, andere sind als diejenigen, die die Umfragen beantwortet haben, könnten die Ergebnisse jede der beiden Seiten unterschätzen.“

Midterms 2026: Schon einmal unterschätzten Umfragen Trump
Die Erinnerung ist noch frisch: Bei den Präsidentschaftswahlen 2016, 2020 und 2024 unterschätzten etliche Meinungsforscher Trump und dessen Zugkraft. Daraus folgt allerdings kein Naturgesetz. Bei den Zwischenwahlen 2018 und 2022, als Trump selbst (wie auch am 3. November) nicht auf dem Stimmzettel stand, lagen die Erhebungen sehr nah am tatsächlichen Ergebnis.
Der Fachverband der Branche AAPOR hat rückblickend für 2018 eine durchschnittliche Abweichung von lediglich 0,1 Prozentpunkten zugunsten der Demokraten und für 2022 von 0,6 Punkten zugunsten der Republikaner ermittelt. Die Fehler-Marge liegt bei drei Prozentpunkten.
Befragungen werden genauer an Wählerstruktur angepasst
Seit 2016 haben die Institute ständig nachgebessert. Sie gleichen ihre Stichproben nach Alter, Geschlecht, Wohnort und Bildungsabschluss ab. Sonst würden etwa Hochschulabsolventen, die bereitwilliger antworten, zu viel Einfluss erhalten. Viele ziehen ihre Befragten inzwischen aus Wählerverzeichnissen. Daraus lässt sich erkennen, wer bei früheren Wahlen tatsächlich teilgenommen hat; in manchen Staaten auch, für welche Partei jemand registriert ist. Die geheime Wahlentscheidung verraten diese Listen nicht.

Hinzu kommen Telefoninterviews, Einladungen per Textnachricht und Onlinebefragungen. Wiederholt befragte Teilnehmer ermöglichen Vergleiche über längere Zeit. Das Pew-Institut etwa fragt nach Möglichkeit unmittelbar nach einer Wahl nach der Stimmabgabe und prüft anhand amtlicher Verzeichnisse, ob jemand überhaupt gewählt hat. Das begrenzt Erinnerungsfehler. Koning sagt darum: „Die Bilanz ist besser, als viele denken. Die Umfragen zu den Zwischenwahlen waren in den vergangenen Wahlzyklen durchaus solide.“
Demokraten hoffen auf „blaue Welle“ bei Repräsentantenhaus-Wahl
Aber die Risiken bleiben. Am Dienstag wird eine andere Wählerschaft abstimmen als 2024. Manche Trump-Anhänger bleiben womöglich aus Enttäuschung über nicht eingelöste Versprechen (Senkung der Lebenshaltungskosten, keine weiteren Kriege) zu Hause; manche Gegner Trumps kommen gerade deshalb an die Wahlurne. Institute schätzen die Teilnahme anhand früheren Wahlverhaltens und aktueller Antworten. Wer tatsächlich erscheint, wissen sie erst hinterher.
Taucht man kurz vor der Wahl am Dienstag tiefer ein, tritt der Unterschied zutage: Für das Repräsentantenhaus erwartet der „Cook Political Report”, Goldstandard der Zunft, sehr klar eine „blaue Welle”, sprich 12 bis 25 demokratische Zugewinne, insgesamt bis zu 240 Sitze; 218 reichen zur Mehrheit.

Im 100-köpfigen Senat dagegen, wo nur 35 Mandate neu gewählt werden, sieht die Cook-Expertin Jessica Taylor die Demokraten zwar leicht favorisiert – aber: „Sieben Schlüsselrennen liegen weiterhin innerhalb der Fehlerspanne und eröffnen beiden Parteien einen Weg zur Mehrheit 2027.“
Dabei handelt es sich um Alaska (Mary Peltola, Demokratin/Dan Sullivan, Republikaner), Iowa (Josh Turek, D/ Ashley Hinson, R), Kansas (Adam Hamilton, D/Roger Marshall, R), Maine (Troy Jackson, D/Susan Collins, R), Michigan (Abdul El-Sayed, D/Mike Rogers, R), Ohio (Sherrod Brown, D/Jon Husted, R) und Texas (James Talarico, D / Ken Paxton, R). Hier sind die Abstände zwischen den Kandidaten/-innen zu gering für eine klare Prognose. Yphtach Lelkes, Professor an der Universität von Pennsylvania, stützt das Argument ab: „Ich wäre überrascht, wenn die Demokraten das Repräsentantenhaus nicht kontrollierten; beim Senat bin ich allerdings deutlich weniger zuversichtlich.“

Knappe Mehrheiten könnten Macht im Senat neu verteilen
Die „Washington Post“ hat durchgerechnet, was Abweichungen bewirken könnten. Etwas mehr als zwei Punkte zugunsten der Republikaner könnten mehrere knappe Staaten drehen und einen Senat mit 50 zu 50 Sitzen erzeugen. Bei Stimmengleichheit entscheidet dann Vizepräsident J. D. Vance: Die Republikaner behielten die Kontrolle. Ein Fehler von vier Punkten könnte ihnen sogar 54 Sitze bringen. Fallen die Abweichungen dagegen zugunsten der Demokraten aus, skizziert die Zeitung 55 Sitze für deren Lager sowie einen zusätzlichen unabhängigen Wahlsieger in Nebraska.
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Gut möglich bleibt deshalb ein geteilter Kongress: Demokraten kontrollieren künftig das Repräsentantenhaus, Republikaner weiter den Senat. Ein klarer Machtverlust für Trump – aber zugleich deutlich weniger, als seine Gegner erhoffen.











