Der Saal ist voll, das Scheinwerferlicht grell, im Publikum stehen auffällig viele junge Leute. James Talarico, 37, erzählt ihnen von David und Goliath. Der Hirtenjunge, erinnert er sie, hatte weder die Kraft noch die Rüstung des Riesen. Aber eine Schleuder besaß er. „Ihr seid meine Schleuder“, ruft der junge Demokrat in den Saal. Die Bibel, die er heranzieht, klingt plötzlich wie eine Wahlkampfanleitung für den 3. November, den Tag der „Midterms”.

Montag, Mittwoch, Freitag
Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Goliath hat in diesem Fall mehrere Gesichter: Ken Paxton, Donald Trump und Elon Musk. Der Erste will (wie Talarico) Senator werden, der Zweite den Sitz im Lone Star State um keinen Preis verlieren, der Dritte stellt dafür ein wahres Vermögen bereit. Und David? Talarico, ein ehemaliger Lehrer und Theologiestudent, der ausgerechnet in Trumps texanischer Hochburg schaffen könnte, woran Demokraten hier seit Jahrzehnten scheitern, nämlich eine wichtige Wahl zu gewinnen, hält mit sanfter Stimme dagegen.
Ein Kopf-an-Kopf-Rennen ist eine Sensation
Die Frühwahl hat auch in Texas längst begonnen. Am 3. November fällt die Entscheidung. CBS sieht Talarico mit 51 zu 49 Prozent vorn, die Universität Houston mit 48 zu 46, die Uni Marist mit 47 zu 45. Im Umfragedurchschnitt führt er um gut zwei Punkte, eine andere Erhebung sieht Paxton knapp vorn. Alle Werte liegen innerhalb der Fehlermarge von drei Prozentpunkten. Talarico kann es biegen – oder auch nicht.
Eine andere Zahl sagt mehr aus. Texas wählte Trump 2024 mit fast 14 Punkten Vorsprung. Seit 1994 hat kein Demokrat hier mehr einen Blumentopf gewonnen, seit 1988 keiner einen Senatssitz. Dass es heute ein Kopf-an-Kopf-Rennen gibt, ist eine Sensation.
Paxton, seit 2015 Generalstaatsanwalt in der Hauptstadt Austin und treuer Trumpianer, hat Affären angehäuft, die für mehrere Politiker-Leben reichen. 2023 klagte ihn das republikanisch dominierte Repräsentantenhaus wegen mutmaßlichen Amtsmissbrauchs an; der Senat sprach ihn später frei. Ein Verfahren wegen Wertpapierbetrugs endete ohne Verurteilung unter Auflagen. Seine Ehefrau Angela, ebenfalls republikanische Politikerin, beantragte die Scheidung – wegen Untreue. Zuletzt zeigten Bilder einer Silvesterfeier in Dubai Paxton mit zwei wegen Betrugs angeklagten Männern. Paxton bestreitet Fehlverhalten; strafrechtlich verurteilt wurde er nicht. Aber wie viele Skandale verträgt ein Kandidat?

Zumal es eine Alternative gab. John Cornyn, seit mehr als zwei Jahrzehnten Senator, konservativ, erfahren und vergleichsweise unangreifbar, wollte erneut antreten. Trump wollte den radikalen Herausforderer. Paxton warf Cornyn in der parteiinternen Stichwahl aus dem Rennen. Nun verschlingt die Verteidigung des Sitzes Hunderte Millionen Dollar. Die Pointe für die Republikaner: Ihr Präsident hat das Risiko selbst geschaffen, gegen das sie nun teuer ankämpfen.
Talarico macht sich einen mächtigen Gegner: Elon Musk
Talarico ist der Gegenentwurf, ohne ein politischer Heiliger zu sein. Der frühere Lehrer sitzt seit 2018 im Parlament in Austin und studiert Theologie. Wo Paxton mit Abtreibung, Geschlechtsidentität und vermeintlich gottlosen Linken mobilisiert, spricht er von Nächstenliebe: „Man kann Gott nicht lieben und gleichzeitig andere Menschen hassen.“ Ebenso wenig dürfe man Einwanderer misshandeln oder Arme unterdrücken. Talarico will dem christlichen Texas nicht den Glauben ausreden. Er will der Rechten ihr Monopol auf dessen Auslegung nehmen. Das ist neu – und für evangelikale Hardliner natürlich eine Provokation.
Vor allem wechselt er das Thema. Weg vom Kulturkrieg, hin zu Mieten, Arztrechnungen und Lebensmittelpreisen. Wer vertrete gewöhnliche Texaner, fragt Talarico – und wer nur seine reichen Geldgeber? Beim CNN-Bürgerforum beteuerte er, er wolle nicht allein Stimmen gegen Paxton, sondern Zustimmung zu seinem Programm. Den Ruf nach Abschaffung der Einwanderungsbehörde ICE übernimmt er nicht. Bei Öl und Gas wolle er auch mit Parteifreunden streiten. So spricht einer zu Wählern, die das Wort „Demokrat“ bisher nur mit zusammengebissenen Zähnen ausgesprochen haben.

Und er macht sich einen Gegner, den niemand übersehen kann: Elon Musk. Mehr als 500 Millionen Dollar sind laut US-Medien inzwischen in die Werbeschlacht um diesen einen (!) Senatssitz geflossen, beide Seiten zusammengerechnet.
Republikanisch orientierte unabhängige Gruppen gaben rund 239 Millionen zugunsten Paxtons aus, mehr als fünfmal so viel wie die größten demokratischen Gruppen. Musk allein zahlte 158 Millionen Dollar an den Senate Leadership Fund, der entsprechende Summen an ein Paxton unterstützendes Komitee weiterleitete. Talaricos Wahlkampfteam nahm im dritten Quartal selbst 64 Millionen ein, überwiegend Kleinspenden. Auch David kämpft hier nicht mit leeren Taschen.
Für Trump geht es um mehr als Prestigeverlust
„Das Geld, das jetzt ausgegeben wird, dient nicht mehr dazu, Wähler zu überzeugen. Es soll sie mobilisieren“, erklärt Meinungsforscher James Henson von der Universität Texas. Unter Republikanern fehle bislang die Begeisterung. Ein Berater von Gouverneur Greg Abbott behauptet, diese Lücke habe sich zuletzt stark verkleinert. Darin liegt Paxtons Chance: Er muss nicht gemocht werden, solange die Konservativen am Ende doch zur Wahlurne gehen.

Wie schmutzig dieser Kampf geführt wird, zeigte eine Grippe. Als Talarico einige Termine absagen musste, fabulierten rechte Aktivisten über einen angeblichen psychischen Zusammenbruch und einen Klinikaufenthalt in Ohio. Talarico war dort nie. Die Klinik hat das beglaubigt. Trotzdem hantiert Paxton weiter mit der Lüge. Als Trump vehement ein Fernsehduell verlangte und Talarico sofort zusagte, hat Paxton gekniffen. Er, ein schlechter Redner und im Auftreten latent unsympathisch, sagte kleinlaut ab.
Solche Manöver können Stimmen kosten. Sal Anthony Rodriguez, 32, aus Houston, hat Trump zweimal gewählt. Jetzt will er Talarico unterstützen. Warum? Verleumderische Werbeanzeigen hätten dem Demokraten die Befürwortung geschlechtsangleichender Operationen bei Kindern unterstellt. „Eine kurze Google-Suche zeigte mir, dass das nicht stimmte“, sagt Rodriguez. Bei Partei-Unabhängigen erreicht Talarico laut Marist 52 Prozent. Ein paar Prozent könnten entscheiden.
Für Trump geht es in Texas um mehr als nur einen Prestigeverlust. Die Demokraten brauchen netto vier zusätzliche Sitze, um die Senatsmehrheit in Washington zu übernehmen. Ohne Texas wäre das schwer, mit Texas plötzlich denkbar. Eine einzige Niederlage im Süden könnte Trump die letzten beiden Amtsjahre vergällen.
Lesen Sie auch
News aus den USA
In San Marcos klingt David gegen Goliath wie eine Verheißung. Talarico braucht Millionen Stimmen – darunter die von Menschen, die fast immer republikanisch gewählt haben. Ob sie die Seite wechseln, weiß noch niemand. Bemerkenswert ist schon jetzt: Die Republikaner müssen vor allem gegen eine Personalentscheidung ankämpfen, die ihr eigener Präsident verzapft hat.











