Plötzlich stehen sie zwischen Scheunen, Weiden und fruchtbaren Feldern: Baukräne, Lastwagenkolonnen, Betonfundamente. Als Sherrod Brown vor wenigen Tagen in einem Café in Lima, Ohio, von einer Fahrt durch die ländliche Heimat erzählt, hören ihm Dutzende Menschen zu. Was der demokratische Senatskandidat beschreibt, kennen inzwischen Millionen Amerikaner: Riesige Datenzentren schießen aus dem Boden, oft gegen den Willen ihrer künftigen Nachbarn. Sie verschlängen Land und Wasser, sagt Brown. Und seien sie erst gebaut, stiegen die Strompreise.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Der 73-Jährige hat einen Gegner ausgemacht, der auf keinem Wahlzettel steht: die Milliardenmaschinen der Künstlichen Intelligenz. Aber er hat ihnen ein Gesicht gegeben. Jon Husted, sein republikanischer Kontrahent, sei „das Gesicht der Rechenzentren“, sagt Brown.
Midterms 2026: KI-Rechenzentren könnten Trump Stimmen kosten
Der Vorwurf trifft einen empfindlichen Nerv. Denn Husted muss nicht nur seine eigene Wirtschaftspolitik verteidigen, sondern auch die seines Präsidenten. Ausgerechnet Donald Trumps Lieblingsprojekt, Amerikas Vormachtstellung bei der KI, droht den Republikanern Stimmen zu kosten.
Kurz vor den Kongresswahlen am 3. November ist der Protest gegen die Rechenzentren zu einer politischen Kraft geworden, die quer durch die Parteien reicht. Konservative Farmer stehen plötzlich neben liberal-grünen Umweltschützern, Rentner neben jungen Familien. Ihnen geht es um Lärm, Landschaft, Wasser und vor allem um Strompreise. Hinter dem alten amerikanischen Reflex „Bloß nicht in meinem Garten hinterm Haus“ steckt inzwischen eine viel grundsätzlichere Frage: Warum sollen die Bürger die Kosten einer technologischen Revolution tragen, an der vor allem milliardenschwere Konzerne verdienen – und die mutmaßlich Millionen Arbeitsplätze vernichten wird?

Mehrheit der Amerikaner lehnt neue Rechenzentren ab
Die Zahlen sind für Trump verheerend. 72 Prozent der Amerikaner lehnen ein neues Rechenzentrum in ihrer Nachbarschaft ab, ergab eine frische Umfrage von Washington Post, ABC News und Ipsos. 66 Prozent sprechen sich sogar grundsätzlich gegen weitere Rechenzentren in den USA aus. Unter Demokraten beträgt die örtliche Ablehnung 81 Prozent, unter parteiunabhängigen Wählern 76 Prozent. Aber auch 58 Prozent der Republikaner wollen die riesigen Anlagen nicht in ihrer Umgebung haben. 67 Prozent missbilligen Trumps Umgang mit Künstlicher Intelligenz.
Hier liegt politische Sprengkraft. Es handelt sich nicht um einen weiteren Konflikt zwischen republikanischen und demokratischen Überzeugungen. Die Wut auf die Rechenzentren gehört zu den ganz wenigen Themen, bei denen sich die politische Polarisierung Amerikas auf bemerkenswerte Weise auflöst.

Proteste gegen Rechenzentren bremsen Milliardenprojekte in den USA
Die Revolte hat längst wirtschaftliche Folgen. Nach Angaben der Forschungsgruppe Data Center Watch wurden allein im ersten Quartal 2026 mindestens 75 Projekte im Umfang von rund 130 Milliarden Dollar blockiert oder verzögert, im zweiten Quartal weitere 45 für 68 Milliarden. Bis Ende März hatte sich die Zahl aktiver Protestgruppen binnen drei Monaten auf 833 mehr als verdoppelt. Sie verteilen sich auf 49 Bundesstaaten.
Wie konkret der Aufstand geworden ist, zeigt der 3. November selbst. Neben der Kongresswahl stehen nach einer Erhebung von Ballotpedia mindestens 34 örtliche Abstimmungen über Rechenzentren an, davon 20 in Ohio. Bürger können dort Beschränkungen, strengere Genehmigungsvorschriften oder Bauverbote durchsetzen. Aus der Unzufriedenheit über Politiker wird damit ein unmittelbarer Eingriff in die Geschäfte der Tech-Industrie.
In Ohio hat der Widerstand selbst den Republikaner Husted zum Kurswechsel gezwungen. Der Senator, früher Verteidiger der milliardenschweren Steuerprivilegien für die Betreiber, spricht sich inzwischen gegen diese Vergünstigungen aus. Sein Parteifreund Vivek Ramaswamy, republikanischer Gouverneurskandidat, verspricht sogar einen vorläufigen Genehmigungsstopp.
Konservative Hochburgen wenden sich gegen Rechenzentrums-Boom
Chris Millay, Experte für Rechenzentren bei der Beratungsfirma Greenmantle, formuliert den politischen Mechanismus so: „Wenn Wähler einen Politiker sehen, der Rechenzentren unterstützt, fragen sie sich: Wie soll ich diesem Mann meinen Arbeitsplatz anvertrauen?“ Das Misstrauen reicht weit über Ohio hinaus.
Dabei trifft die Protestwelle die Republikaner besonders hart, weil sie sich vor allem dort ausbreitet, wo Trump stark ist. Nach Daten des Forschungsunternehmens Cleanview liegen 75 Prozent der gegenwärtig im Bau befindlichen und 80 Prozent der geplanten Rechenzentren in überwiegend republikanisch geprägten Bundesstaaten. Die Gegner des Baubooms sind also keineswegs mehrheitlich Demokraten. Vielmehr rebellieren ausgerechnet jene ländlichen Regionen, die Trump seine Wahlsiege beschert haben.

Der Streit ist inzwischen ein teures Wahlkampfthema. Nach einer Auswertung des überparteilichen Cook Political Report wurden bereits bis Ende September mehr als 53 Millionen Dollar für über 130 Werbespots mit Bezug zu Rechenzentren ausgegeben.
Der Politikwissenschaftler Christopher Borick von der Lehigh University sieht darin „das Zusammentreffen ganz konkreter örtlicher Sorgen mit den größeren Ängsten vor Künstlicher Intelligenz – und der Frage, wer sie kontrolliert und wer davon profitiert“.
Rechenzentren treiben Stromverbrauch in den USA auf Rekordhöhe
Die wirtschaftlichen Interessen sind gewaltig. Nord-Virginia, seit Jahrzehnten Amerikas Rechenzentrums-Hochburg, profitiert von Investitionen, Bauaufträgen und Steuereinnahmen. Auch im benachbarten Maryland hoffen Kommunen auf neue Geldquellen. Doch die Gegenrechnung wird immer lauter: Stromleitungen, zusätzliche Kraftwerke, Kühlwasser, Lärm und Eingriffe in die Landschaft. Das staatliche Lawrence Berkeley National Laboratory erwartet, dass Rechenzentren bis 2030 zwischen 9,5 und 15,3 Prozent des amerikanischen Stroms verbrauchen könnten.

Trump betrachtet die Anlagen dagegen als Grundvoraussetzung dafür, China technologisch zu schlagen. Gemeinden, die sie ablehnten, riskierten, rückständig und arm zu bleiben, schrieb er auf seiner Plattform Truth Social. Bei einem Auftritt in Ohio warnte er: „Wir wollen diese Rechenzentren. In Ohio lässt sich damit so viel Geld verdienen. Man kann sie nicht einfach abschalten. Dann gehen sie nach China.“ Sein Lamento bleibt nicht ohne Wirkung. Laut der Organisation „Heatmap Pro“ sank die Ablehnung unter Republikanern seit August von 66 auf 58 Prozent. Insgesamt blieb sie mit 71 Prozent aber konstant hoch.
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Für Trump und die Republikaner ist der Protest latent gefährlich. Er verbindet die Furcht vor einer fremdbestimmten technologischen Zukunft mit dem sehr gegenwärtigen Ärger über steigende Lebenshaltungskosten. Der Präsident verspricht Amerika die Herrschaft über die Künstliche Intelligenz. Viele seiner Landsleute interessieren sich zunächst für eine bescheidenere Frage: Wer bezahlt eigentlich die Stromrechnung?











