Mit Bautz‘ner, Nudossi und Rotkäppchen gefüllte Regale: Die Handelsorganisation (HO) und ihre Einkaufsmärkte waren im Leben der DDR-Bürger allgegenwärtig. Sie versprachen werbefreie Zonen mit stabilen Preisen – jedenfalls solange die knapp bemessenen Vorräte reichten. Das änderte sich schlagartig mit der Wiedervereinigung. Viele der Kaufhallen endeten als menschenleere Ruinen mit unklarer Zukunft – so auch die Kaufhalle an der Gäblerstraße. Der Markt, einst als einer der modernsten seiner Art eröffnet, versprach kaum noch Rendite abzuwerfen. In den folgenden Jahren rottete er als eine der vielen Problemimmobilien Berlins ungenutzt vor sich hin. Alle Infos zu dem Lost Place.
Auch interessant
Das sind die Fakten zur Kaufhalle Gäblerstraße im Überblick:
- Adresse: Gäblerstraße 99, 13086 Berlin-Weißensee
- Geschichte: Anfang der 1960er-Jahre als eine der ersten HO-Kaufhallen mit Selbstbedienung in Berlin-Weißensee eröffnet; nach der Wiedervereinigung wurde der Einkaufsmarkt in den 1990er-Jahren geschlossen; anschließend Leerstand und Verfall
- Führungen: Keine
- Denkmalschutz: Nein
- Status: Lost Place
Wo liegt die Kaufhalle genau?
Die Kaufhalle liegt an der Adresse Gäblerstraße 99 im Ortsteil Weißensee des Bezirks Pankow. Die Google-Koordinaten (Open-Location-Code) für das Objekt lauten: HC6V+7F Berlin. Das Grundstück kann mit öffentlichen Verkehrsmitteln am besten mit den Buslinien 156 und N50 (Haltestelle Günter-Litfin-Straße) erreicht werden. Von der Bushaltestelle ist es ein rund siebenminütiger Fußweg entlang der Gustav-Adolf-Straße und Gäblerstraße bis zum Grundstück der Ex-Kaufhalle. Achtung: Es handelt sich um Privatbesitz. Die Kaufhalle kann nicht betreten werden.
Auch interessant: „Lost Places“: Diese Strafen drohen bei Hausfriedensbruch
Das sind die wichtigsten Etappen der Geschichte der Kaufhalle Gäblerstraße:
Ausgangslage: Propagandaschlacht am deutsch-deutschen Tiefkühlregal

In der Blockkonfrontation des Kalten Krieges wurden nicht nur sportliche Erfolge und wissenschaftliche Durchbrüche instrumentalisiert, auch die Kühltruhe wurde zum Schlachtfeld, an der die Überlegenheit des eigenen Systems bewiesen werden sollte: Planwirtschaft, subventionierte Brötchen und Preisstabilität hüben gegen die glitzernde Warenwelt des Kapitalismus, Markenprodukte und Sonderangebote drüben. Hinter dem Eisernen Vorhang beobachtete die DDR-Führung die Entwicklung an westdeutschen Fleisch- und Käsetheken aufmerksam. Bereits in der Nachkriegszeit war die Versorgungslage der Bevölkerung als eines der Propagandaschlachtfelder der Blockkonfrontation erkannt worden. Jetzt begann der selbsterklärte Arbeiter- und Bauernstaat mit der Aufholjagd an der Kühltruhe.

Donnerstag
Mein Pankow-Newsletter
Bestellen Sie hier den wöchentlichen Newsletter zu Pankow, Prenzlauer Berg und Weißensee.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
In der DDR waren es vor allem zwei Einzelhandelsorganisationen, die das Land von Mecklenburg bis Thüringen mit Filialen überzogen: die 1948 gegründete Handelsorganisation (HO) und der in der Kaiserzeit gegründete, genossenschaftlich organisierte Konsum. Vereint im Mangel, lieferten sich die beiden Handelsketten zwar keine Preisschlachten wie ihre westdeutschen Pendants, die einzelnen Niederlassungen konnten sich aber stark voneinander unterscheiden. Seit Anfang der 1960er-Jahre experimentierten beide Versorger mit Selbstbedienungskonzepten in größeren Kaufhallen – die sozialistische Antwort auf den Supermarkt des Westens. Eine dieser DDR-Einkaufshallen: die 1961 eröffnete HO-Kaufhalle in der Gäblerstraße in Weißensee.
- Ehemalige Botschaft Iraks in Pankow: Verbotene Blicke ins Terror-Nest
- Wie beim BER: Sporthalle in Pankow wird zum Neubaufiasko
- An dieser späteren Geisterschule versagte Berlins Polizei kläglich
- Nach Olympia-Aus: Berlins ausgestorbenen Katakomben in Pankow
- Stadtbad Oderberger: Fatale Panne zerstörte das Juwel beinah
- Ohne Zukunft? Die desolate DDR-Kaufhalle in Prenzlauer Berg
Kaufhalle Gäblerstraße: So war die HO-Filiale aufgebaut

Bis zur Wende hatte die HO die Nase leicht vorn, was die Breite des Warenangebotes betraf und erreichte im Schnitt etwa 40 Prozent des gesamten Umsatzes im Einzelhandel der DDR. Die Kaufhalle an der Gäblerstraße war neben der Kaufhalle am Hamburger Platz eine der ersten in Ostberlin, in der die HO das Prinzip der Selbstbedienung einführte. In ihrer Bauweise unterschied sich der Vorläufer noch von den standardisierten Normbauten späterer Zeit, die als charakteristische Hallenflachbauten in Leichtmetallbauweise durch ihre rasterartige Metallfassade, die wellenförmige Dachkonstruktion – die sogenannte VT-Falte – und das blaue HO-Logo aus dem Stadtbild hervorstachen.
Die eingeschossige Halle an der Gäblerstraße ist gestaffelt ausgeführt: Ein niedriger Gebäudeteil mit flachem Zeltdach umschließt einen erhöhten, quadratischen Mitteltrakt mit Satteldachkonstruktion, der durch Oberlichter im Inneren zu einer besseren Belichtung und Belüftung der Verkaufsflächen beitrug. Die Bauweise verlieh der Kaufhalle eine aufgelockerte, pavillonartige Anmutung. Der Haupteingang für Kunden befand sich auf der Südseite. Hier wurde eine kleine Grünfläche zur Holzkircher Straße hin angelegt. Auf der gegenüberliegenden Gebäudeseite erfolgte die Warenanlieferung durch Lkw an einer mit einem Tor gesicherten und mit Pultdach geschützten Rampe in einfacher Stahlkonstruktion, an die sich Kundenparkplätze anschlossen.
- Vergessenes Industrie-Juwel könnte neues RAW-Gelände werden
- Das sind die spannendsten Lost Places in Steglitz-Zehlendorf
- Dieser Lost Place wurde Berlins morbideste Party-Location
- Spitzelten die Sowjets mitten im Dahlemer Villenviertel?
- Gigantischer Komplex erzählt die Geschichte einer ganzen Ära
Kaufhalle Gäblerstraße: Nüchterne Sachlichkeit im Inneren
Im Inneren herrschte bis auf die leicht geringere Dimensionierung in der mit Leuchtstoffröhren beleuchteten Kaufhalle die gleiche spartanische Sachlichkeit wie in anderen Kaufhallen der Republik: Gesellschaftspolitische Parolen statt aufmerksamkeitsheischender Reklame, schlichte Präsentation, in Regalen aufgestapelte Grundnahrungsmittel und Konsumgüter, Kühltruhen an den Gängen zur Selbstbedienung und einzelne Verkaufsstände mit Bedienung für Fleisch, Fisch und Käse.
Ein Artikel der Berliner Zeitung vom 25. Mai 1961 informierte die Leser kurz vor der bevorstehenden Eröffnung der Kaufhalle über das zu erwartende Warensortiment: „Milch, Backwaren, Fleisch, Obst und Gemüse kommen in der Kaufhalle auf den Ladentisch. In einem Sonderraum gelangen Haushaltschemie, Kurzwaren und sogenannte Kleinst-Wirtschaftswaren zur Befriedigung des täglichen Bedarfs ins Angebot.“ Nach der Eröffnung fungierte die Kaufhalle als Spätverkaufsstelle. Unter der Woche hatte sie bis 20 Uhr geöffnet, freitags bis 21 Uhr. An Sonntagen erfolgte ab 1967 eine Öffnung für den Milchverkauf.
Preise vergleichen konnte man sich sparen. Die Festsetzung des Einzelhandelsverkaufspreises (EVP) erfolgte unter staatlicher Aufsicht durch das Amt für Preise beim Ministerrat. Lange Zeit kostete das Brötchen staatlich verordnet genau fünf Pfennig, ein Kilogramm Schnitzel zehn Mark und eine Schokoladentafel Bambina zwei Mark. Die Löhne waren allerdings auch viel niedriger: 1980 lag der Durchschnittslohn bei 1021 Ostmark.
- Geisterhaus an der Smetanastraße: Bizarrer Streit sorgt für Leerstand
- In dieser Geheim-Anlage in Pankow übte die Stasi das Morden
- DDR-Kaufhalle an der Schivelbeiner Straße endete als Ruine
- Fast-Food-Filiale des Horrors: Burger King wurde Lost Place
- Berlins „Bauern-Universität“ ist heute eine Zombie-Landschaft
- Was steckt hinter diesem mysteriösen Bauwerk im Norden Berlins?
Kaufhalle Gäblerstraße: HO erprobte Sonntagsverkauf auf Vertrauensbasis
Eine Innovation, die von der HO in der Halle in Weißensee „zur Freude der Käufer“ erprobt wurde – so meldete es das Parteiorgan Neues Deutschland im August 1967: „Seit Juli gibt es hier sonntags Milch auf Vertrauensbasis. Ein Markstück für den Liter (mit Pfand) wird in einen verschlossenen Behälter geworfen, und aus den bereitstehenden Kästen entnimmt man die Flasche. ‚Für uns war dieser Verkauf eine Generalprobe‘, sagte die Leiterin der Kaufhalle, Ingrid Rosenberg. ‚Sie ist gut verlaufen: denn die Kunden sind sehr zufrieden, weil sie schnell wieder das Geschäft verlassen können.‘“
Zu den Literflaschen sollten bald Halbliterflaschen hinzukommen, die noch von Verkäuferinnen ausgegeben wurden, und eine speziell gefertigte Zahlbox. Das Personal für den Sonntagsverkauf ließ sich so auf eine Verkäuferin reduzieren. Nach der geglückten Generalprobe an der Gäblerstraße wollten sich andere HO-Kaufhallen in Pankow mit eigenem Verkauf auf Vertrauensbasis anschließen.
- Die Wiege des deutschen Films steht in Pankow – und verkam zur Ruine
- Verborgene Bunkerruinen: Als der Weltkrieg Berliner Kleingärten erreichte
- DDR-Supermarkt-Ruine in Weißensee wurde plötzlich zum Politikum
- Pankows edelstes Sanatorium wurde zur Spuk-Villa
- Was steckt hinter Pankows rätselhafter Geister-Gaststätte?
- Bier-Imperium zerfiel – Areal wird nun Architektur-Spektakel
Kaufhalle Gäblerstraße: Westwaren nach der Wiedervereinigung

Seit Anfang der 1960er-Jahre hatte die Kaufhalle an der Gäblerstraße Tausende Weißenseer im Einzugsgebiet mit DDR-Waren versorgt, bevor das Sortiment am ersten Montag nach der Einführung der Wirtschaftsunion Anfang Juli 1990 – quasi über Nacht – rasant erweitert wurde. 1988 war die Kaufhalle noch umfassend saniert worden, jetzt fanden Westwaren in den Markt Einzug. Doch die Freude an der bunten Sortimentserweiterung hielt nicht lange an. Mit der Wiedervereinigung waren die HO-Filialen im Gegensatz zu den genossenschaftlich organisierten Konsum-Märkten in den Zuständigkeitsbereich der Treuhandanstalt gefallen, die seit 1990 viele der Filialen und Grundstücke des ehemals staatlichen Betriebs an Privatunternehmer veräußerte.
Die meisten der Kaufhallen wurden von Supermarktketten übernommen: Aus ihnen wurden erst Kaisers-, Spar- und Netto-Filialen, dann Rewe- und Edeka-Supermärkte. Doch die kleine Filiale an der Gäblerstraße stieß auf wenig Interesse. Sie wurde beräumt und dann vergessen. In den 1990er-Jahren gingen in der alten HO-Kaufhalle die Lichter aus, und die Anlage fiel in einen ruinösen Dornröschenschlaf.
Kaufhalle Gäblerstraße: Pläne für eine Nachnutzung wurden nicht umgesetzt
Jahrzehntelang stand die Ex-Kaufhalle an der Gäblerstraße seit den 1990er-Jahren leer und drohte ohne geeignetes Nachnutzungskonzept zu einem der vielen verlorenen Orte des wiedervereinigten Berlins zu verkommen. An den Fassaden mehrten sich die Graffitis, die Metallträger begannen Rost anzusetzen, und hinter den eingetrübten – und schließlich mit Brettverschlägen geschützten – Schaufensterflächen sammelte sich Schicht für Schicht immer mehr Staub und Dreck auf den einst blankpolierten Böden der Verkaufsflächen. Mit der Zeit begann sich die Halle in eine moderne Ruine zu verwandeln.
Anfang der 2010er-Jahre gab es Interesse seitens der Kunsthochschule Weißensee, die verwaiste Kaufhalle als Arbeits- und Ausstellungsfläche zu revitalisieren. Studenten, so die Pläne, sollten leer stehende Häuser und Büros nach dem Vorbild der „Wächterhäuser“ in Leipzig zur Zwischennutzung als Wohn- und Arbeitsorte nutzen dürfen. Ein Beispiel für eine gelungene Umnutzung gab es in der Nachbarschaft: Die unter Denkmalschutz stehende Ex-Kaufhalle am Hamburger Platz in Weißensee wurde von der Hochschule als Atelier für Bildhauerei genutzt und 2011 als umgestaltete Kunsthalle neu eröffnet. Die leer stehende Kaufhalle an der Gäblerstraße wollte die Hochschule zu einem Arbeitsquartier für Designstudenten umfunktionieren, doch zu einer Nutzung kam es augenscheinlich nicht. Bis heute steht die Anlage leer und wartet auf ein geeignetes Nachnutzungskonzept oder den Abriss.





