Jedem Künstler ist es ein Graus, seine Arbeit zu erklären. Das Werk soll für sich sprechen, der Betrachter soll es auf sich wirken lassen. Den kreativen Prozess in Worte fassen, zerstört ihn, so das Selbstverständnis. So geht es auch Jannis Starke, 26 Jahre alt, er studiert im vierten Semester Malerei an der Kunsthochschule Weißensee. Als ein Besucher sein Atelier betritt und fragt, ob es denn auch eine Erläuterung zu seiner Arbeit gebe, antwortet Stark mit einem knappen „Nein“.

Er will als Teil seiner Kunst begriffen werden und nicht als Erklärmaschine. Der Besucher umrundet kurz Starkes raumhohe Baumskulptur aus alten Hölzern, mit Blättern aus gelbem Papier, an deren Wipfeln gebrauchte Gummistiefel, ein Röhrenfernseher und ein abgenutzter Knieschoner blühen, und verlässt innerhalb von einer Minute wieder den Raum.

Starke und seine Kommilitonen können sich die distanzierte Haltung zu ihren Interessenten noch leisten, sie müssen noch keine Kunden überzeugen, Galeristen, Sammler oder Mäzene begeistern und damit Teil des hart umkämpften Kunstmarktes werden. Die Studenten befinden sich im universitären Schutzraum. Die Kunsthochschule präsentierte am vergangenen Wochenende an ihren Tagen der offenen Tür mit ihrem Rundgang ihre Spielwiese, den experimentellen Freiraum, den sie ihren Studenten ermöglicht.

Zeigen, was man kann

Wenn die Studierenden der Fachgebiete Malerei, Bildhauerei, Bühnenbild, Mode-Design und Visuelle Kommunikation zu ihrer jährlichen Gruppenausstellung laden, geht es noch nicht um einen professionellen Auftritt, um ein Sich-Anbieten, ums Verkaufen. Es geht erst mal darum, zu zeigen, an welchen Ideen die Studenten arbeiten, was sie in ihren ersten Semestern oder aber auch für ihre Abschlussarbeiten geschaffen haben und was sie mit ihrer Kunst zum Kulturbetrieb Berlins beitragen wollen. Es geht aber auch darum, zu zeigen, was die Kunsthochschule Weißensee von anderen Universitäten unterscheidet: In Berlin lernen die Studenten – und das ist nach eigenen Angaben der Hochschule einmalig in Deutschland – von Anfang an interdisziplinär, also fachübergreifend, nach dem Vorbild der Bauhaus-Künstler zu arbeiten.

Clara-Luisa Hertel und Josephin Hanke haben sich in ihrem zweiten Semester im Kurs „Räumliches Gestalten“ zusammengetan, und dass, obwohl die eine Bühnenbild und die andere Bildhauerei studiert. Zum Thema „Innen und Außen“ haben sie gemeinsam eine Videoarbeit erstellt. „Durch die Zusammenarbeit und die gemeinsamen Grundkurse kommt man aus seinem Mikrokosmos heraus und erweitert seinen Horizont“, sagt Josephin Hanke.

Man muss auch schreien können

Bevor die beiden Studentinnen daran denken, sich auf dem Kulturmarkt anzubieten, wollen sie sich erst einmal mit ihren Ideen ausprobieren. Ihr Kursleiter Wolfgang Scholz bezeichnet den Sprung zur Professionalisierung als „Spagat“. Er sagt: „Künstler sind ja meist hochsensibel, sie zweifeln ständig, gehen in sich. Um sich auf dem Markt wahrgenommen zu werden, muss man laut herausschreien und nach außen treten, das ist ein Kraftakt, den viele nicht stemmen können.“

Das weiß auch Marianne Thörmer. Die Studentin stellt in ihrem Raum ihre Skulpturen aus Lack, Wachs und Stoffresten aus. Sie sei schon einmal angefragt worden, zehn ihrer Arbeiten auf einer Messe auszustellen und zu verkaufen. 50 Prozent des Erlöses hätte sie dafür abgeben müssen. „Ich habe abgelehnt“, sagt sie, „ich will erst mal bei mir ankommen, bevor ich etwas auf Nachfrage fertige.“

Messlatte für den eigenen Marktwert

Außerdem wären die Preise für ihre Arbeiten relativ niedrig gewesen, „das wäre dann aber die Messlatte für meine Kunst, den Preis danach wieder hochzutreiben, ist schwierig.“ Auch sie bleibt deshalb lieber noch im Schutzraum der Uni. Das muss nicht unbedingt ein Nachteil sein. Für den Rundgang der Tage der offenen Tür kündigten sich auch in diesem Jahr wieder Galeristen und Talentsucher an.

Die Kunsthalle am Hamburger Platz stellt auch noch am 16. und 18. Juli von 14 bis 19 Uhr die Diplomarbeiten Textil- und Flächendesign aus. Die Abschlussarbeiten Malerei und Bildhauerei werden noch bis 28. Juli von 14 bis 20 Uhr in den Uferhallen, Uferstr. 8-11 ausgestellt.