Viele Anwohner dürften sich beim Anblick des heruntergekommenen Gebäudes an der Prenzlauer Promenade 8 wohl noch an das alte Kino erinnern, dessen Pforten hier einst für Besucher offenstanden. Das traditionsreiche Haus blickte auf eine mehr als 80-jährige Geschichte im Dienste des bewegten Bildes zurück, bevor es nach der Wiedervereinigung schließen musste. Seitdem verfiel das Kino Rio in Weißensee zu einer traurigen Bauruine. Generationen von Berlinern hatten auf der Leinwand des DEFA-Klassiker gesehen, Filmpremieren erlebt und sich über den Inhalt aktueller Filmvorstellungen ausgetauscht – doch gegen die Multiplexkinos, die in den 1990er-Jahren Berlin eroberten, hatte das kleine Liebhaberkino keine Chance. Alle Infos zu dem Lost Place.
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Das sind die Fakten zum Geisterkino Rio im Überblick:
- Adresse: Prenzlauer Promenade 5-8, 13086 Berlin-Weißensee
- Geschichte: 1910 als Stummfilm-Kino in einem ehemaligen Tanzsaal eröffnet; 1931 zum Tonfilm-Kino umgerüstet, erhielt es 1938 seinen Namen „Rio“, wurde komplett renoviert und mit einem Saal für 500 Besucher ausgestattet; nach dem Zweiten Weltkrieg als eines der ersten Kinos in Weißensee wiedereröffnet; 1986 zu einem Kinder- und Jugendkino modernisiert, wurde der Kinobetrieb nach dem Mauerfall in den 1990er-Jahren eingestellt; danach Leerstand und Verfall
- Führungen: Keine
- Denkmalschutz: Nein
- Status: Lost Place
Wo liegt das ehemalige Kino Rio genau?
Das Kino Rio liegt an der Adresse Prenzlauer Promenade 5-8 im Ortsteil Weißensee des Bezirks Pankow. Die Google-Koordinaten (Open-Location-Code) für das Objekt lauten: HC3J+93 Berlin. Das Grundstück kann mit öffentlichen Verkehrsmitteln am besten mit den Tramlinien 12; M2 und M13 (Haltestelle Prenzlauer Allee / Ostseestraße) erreicht werden. Von der Tramstation aus benötigt man rund vier Minuten zu Fuß bis zu dem alten Kinogebäude. Achtung: Es handelt sich um Privatbesitz. Unbefugten ist das Betreten nicht erlaubt. Das Areal wird von einem Sicherheitsdienst bewacht. Auch interessant: Lost Places: Diese Strafen drohen bei Hausfriedensbruch
Das sind die wichtigsten Etappen der Geschichte des Kinos Rio:
Ausgangslage: Berlin – eine Stadt der Filmbegeisterten

Weißensee galt in den 1920er-Jahren als „Klein Hollywood“ – hier lag das Epizentrum einer deutschen Filmindustrie, die die Welt seit der Jahrhundertwende in ihren Bann schlug. Internationale Blockbuster und experimentelle Kunst: Ein Streifen nach dem anderen wurde in den aus den Boden schießenden Ateliers und Filmhäusern der Filmstadt Weißensee produziert. Stummfilm-Blockbuster wie „Das Cabinet des Dr. Caligari“ (1920) wurden hier gedreht und weltberühmte Stars wie Marlene Dietrich, Mia May und Emil Jannings zogen das Publikum in ihren Bann.

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Zusammen mit der Filmindustrie war ein dichtes Netz an Filmlichttheatern in der Gemeinde entstanden, die damals noch vor den Toren Berlins lag. Der Kino-Boom hatte zuerst die Berliner Allee erfasst, an der sich wie an einer Perlenschnur Ladenkinos aneinanderreihten: Varietés und Gaststätten bauten ihre Veranstaltungssäle um, Enthusiasten versahen brachliegende Räume mit Bestuhlung und richteten Vorführräume in Wohnhäusern und Hinterhöfen ein. Eines der frühen Stummfilm-Kinos Weißensees, das sich durch eine angenehme Geräumigkeit von der hastig zusammengezimmerten Konkurrenz unterschied, war das Kino „Backhaus“ an der Prenzlauer Promenade, das später als Kino „Rio“ bekannt war.
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Kino Rio: Legendäre Stummfilm-Abende im „Backhaus“
Der Kinobetrieb begann mit dem Unternehmer Karl Backhaus, der an der Prenzlauer Promenade – damals hieß sie noch Uckermarkstraße – erfolgreich eine Gaststätte mit Tanzsaal und Sommerbühne betrieb. Angeregt durch das Kinofieber, das in der Hauptstadt seit der Jahrhundertwende ausgebrochen war, richtete der Geschäftsmann in den Räumlichkeiten der Prenzlauer Promenade 5-8 einen Vorführraum mit Leinwand ein und bespielte den Saal mit Kinoprogramm.
Seit Oktober 1910 fanden erste regelmäßige Filmvorführungen im Tanzsaal statt. Die Umwidmung von Veranstaltungssälen in Kinos war zu diesem Zeitpunkt in Weißensee keine Seltenheit. Zur Vorführung kamen Stummfilm-Klassiker, Experimentalfilme und Kassenschlager der Ära – wie damals üblich – begleitet von einem Pianospieler, der für die musikalische Untermalung sorgte. Im Gegensatz zu den Ladenkinos, die es Anfang der 20. Jahrhunderts überall in Weißensee gab, war das „Backhaus“-Kino geräumig. Der Kinosaal verfügt über rund 350 Plätze.
Kino Rio: In den Zwanzigern wurde das Filmlichttheater zum „Alhambra“
Nach dem Ersten Weltkrieg übernahm die Inhaberin Louise Zipprich das Kino – aus dem „Backhaus-Kino“ wurden die „Promenaden-Lichtspiele“. Täglich wurde das Lichtspieltheater mit mehreren Vorstellungen bespielt und der Kinosaal in seiner Kapazität erweitert: 450 Filmliebhaber konnten nun die Mittags- und Abendvorführungen besuchen. In den 1920er-Jahren übernahmen die Kinobetreiber und Kinobauherren „Czutzka & Co.“ das Kino, die mehr als sieben weitere Filmtheater in Berlin unterhielten, die sie einheitlich „Alhambra“ nannten, wie beispielsweise das 1916 fertiggestellte Alhambra-Großraumkino an der Seestraße und der nach Plänen von Max Bischoff 1922 errichtete Alhambra-Filmpalast am Kurfürstendamm.
Als 1924 Ernst und Mizzi Fohry die Kinoinhaber wurden, änderte sich der Name des Kiez-Kinos erneut: Aus dem Alhambra wurden die „Corso-Lichtspiele“ Weißensee. Immerhin: Dieser Name hatte einige Jahre bestand, bis das Kino 1939 schließlich in „Rio-Lichtspiele“ umgetauft wurde. Natürlich gab es bis dahin aber noch vielfache Inhaberwechsel: Seit 1927 wurde das Haus von Walter Ahlert geführt, mit täglichen Vorstellung und zweimal wöchentlichen Programmwechseln. Die Bühne verfügte über eine 3 mal 5 Meter große Leinwand. Die Angaben zur Kapazität des Zuschauersaals schwankten in den folgenden Jahren zwischen 372 und 420 Plätzen.
Kino Rio: 1931 erfolgte die Ton-Revolution an der Prenzlauer Promenade

Anfang der 1930er-Jahre rüstete der neue Betreiber Richard Listing das Kino auf Tonfilme um. Eine gute Entscheidung – noch war die Revolution vom Stumm- zum Tonfilm in Deutschland in vollem Gange und nicht alle Berliner Kinos hatten sich rechtzeitig vorbereitet. Doch spätestens 1930 schlug die Zuschauergunst endgültig in Richtung vertonter Kinofilme um: Klassiker wie „Die drei von der Tankstelle“ mit Lilian Harvey, Willy Fritsch und Heinz Rühmann und „Der blaue Engel“ mit Marlene Dietrich und Emil Jannings waren die erfolgreichsten Filme des Jahres. Seit 1931 kamen auch die Besucher des Corso in den Genuss der „Sprechfilme“, als die Umrüstung des Kinos auf Tonfilm mit der Technik von Tobis-Klangfilm erfolgte.
Weitere Besitzerwechsel folgten: 1933 übernahm Louisa Nicolauer das Kino und 1937 Fenna Betzel und Erich Windus, die dem Kino 1938 nicht nur seinen letzten Namen „Rio“ gaben, sondern das Filmtheater in diesem Zuge auch komplett renovierten. Der Saal wurde mit 500 Kinosesseln neu bestuhlt und der Gastraum zum Kinofoyer umgebaut.
Mit der Machübergabe an die Nationalsozialisten hatte sich in den 1930er-Jahren unter Propagandaminister Joseph Goebbels das Programm gewandelt. Das Angebot reichte von politisch-propagandistischen und antisemitischen Machwerken bis zu leicht unterhaltende Streifen und NS-Kassenschlagern. Das filmbegeisterte Publikum feierte auf der Leinwand die großen Stars der 1930er- und 1940er-Jahre: Zarah Leander, Lil Dagover, Ilse Werner, Heinz Rührmann und den NS-Vorzeigeschauspieler Emil Jannings. Produktionen wie „Der Herrscher“ (1937), „Quax, der Bruchpilot“ (1941) und „Die große Liebe“ (1942) fanden ein Millionenpublikum und boten eine willkommene Ablenkung zum Kriegsalltag ab 1939.
Kino Rio: Wiedereröffnung wenige Tage nach Kriegsende
Seit 1934 war den Kinobesitzern verbindlich vorgeschrieben, im Vorprogramm wenigstens einen sogenannten Kulturfilm und die Wochenschau zu zeigen. Wobei es sich bei den „Kulturfilmen“ um Propagandastreifen handelte, die Themen wie die NS-Rassenlehre aufgriffen. Die Wochenschauen waren dem eigentlichen Programm vorangestellt und zeigten dem Berliner Publikum mit Kriegsbeginn geschönte Berichte zur Front – bis diese kurz vor der Reichshauptstadt verlief. Bis in die letzten Kriegsmonate wurde das Vorstellungsprogramm im Rio in Weißensee aufrechterhalten – und sehr bald nach der Kapitulation der Wehrmacht im Mai 1945 wiederaufgenommen. Nennenswerte Kriegsschäden hatte das Kinogebäude des Rio an der Prenzlauer Promenade nicht erlitten.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gehört das Rio zu den ersten vier Kinos in Weißensee – neben dem Delphi an der Gustav-Adolf-Straße 2 – die wieder Publikumsverkehr erlebten. Bereits am 17. Mai 1945 wurde das Kino unter Aufsicht des Alliierten Kontrollrats wiedereröffnet. Weißensee gehörte jetzt zur sowjetischen Besatzungszone des geteilten Berlins und später, nach der Gründung der DDR 1949, zur ostdeutschen Hauptstadt. 1952 erhielt der heutige Ortsteil vom Magistrat die offizielle Bezeichnung Stadtbezirk Berlin-Weißensee und die Amtsgeschäfte wurden vom Rat des Stadtbezirks übernommen. Die Kinoleitung des Rio oblag staatlicher Führung, ab 1955 als volkseigener Betrieb (VEB). Als traditionelles Berliner Kiez-Kino fand es wiederum sein Publikum.
Kino Rio: Staatseigenes Filmtheater in der DDR-Zeit
Gespielt wurde ein Programm aus dem Fundus des DEFA-Filmverleihs, der 1950 in den Progress Film-Vertrieb und 1955 in den Progress Film-Verleih überging: Kinder-, Spiel und Dokumentarfilme – soweit sie die DDR-Zensur freigab. Komödien wie „Dreizehn unter einem Hut“ (1950) und DEFA-Spielfilme wie „Eine alte Liebe“ (1959) wurden zu Kassenschlagern: nicht nur wegen der Qualität der Filme, sondern auch weil die Ticketpreise unter staatlicher Kontrolle erschwinglich blieben. Da verschmerzte das Publikum im Rio auch mal Produktionen wie „Senta auf Abwegen“ (1959), obwohl die Zuschauerreaktionen auf den DDR-Versuch einer Screwball-Komödie im ländlicher Raum nach der Vorstellung im Rio vernichtend ausfielen. Seit 1960 wurde das Rio vom „VEB Berliner Filmtheater“ betrieben, die in Ostberlin die Verwaltung, Umsetzung und Programmgestaltung der Lichtspieltheater übernahmen.
Mitte der 1970er-Jahre ging das Kino dann in die Verantwortung der Bezirksfilmdirektion (BFD) Berlin über – der Nachfolgeeinrichtung des VEB Berliner Filmtheater. Der BFD oblag die Aufsicht über die Filmtheater Berlins, wobei sie nach Vorgaben des Ministeriums für Kultur der DDR handelte. Generationen von Jugendlichen, Enthusiasten und Filmliebhaber in Weißensee erlebten im Rio ihre ersten Kinofilmabende, besuchten Premieren und Klassiker, diskutierten über aktuelle Produktionen und ließen sich von ostdeutschen und internationalen Stars auf der Leinwand verzaubern. Das Rio blieb für fast vier Jahrzehnte heißgeliebter und unverzichtbarer Anlaufpunkt im Kiez für Freunde cineastischer Kunst und Unterhaltung – auch wenn die Spielpläne von der „Hauptverwaltung Film“ des Ministeriums für Kultur bestimmt waren.
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Kino Rio: Nach Modernisierung als Kinder- und Jugendkino wiedereröffnet
Modernisierungen sah das Kinogebäude in den DDR-Jahren dagegen selten: 1962 wurde das Kino mit einer „Totalvision“-Leinwand ausgerüstet – dem DDR-Pendant zum „Cinemascope“-Breitbildformat. 1986 erhielt das Kiez-Kino seine letzte Verschönerungskur: Nach umfangreiche Renovierungen am Gebäude und der Technik wurde es 1987 nach einjährigen Umbaumaßnahmen als Kinder- und Jugendkino wiedereröffnet. Hans Seliger, damals technischer Direktor der Bezirksfilmdirektion Berlin, gab in einem Interview im Neuen Deutschland im Dezember 1987 Details zum Umbau preis: die Wandfarbe in den Innenräumen und an der Fassade seien erneut worden, die Wandbespannung, die Klappsitze, die Schaukästen sowie die technische Ausrüstung des Kinos. Da die bequemeren Klappsitze mehr Platz einnähmen, sei die Kapazität des Zuschauersaals auf 302 Plätze gesenkt worden. Mit einer 20-Uhr-Vorstellung des französischen Krimis „Gefahr in Verzug“ (1985) von Michel Deville wurde das Haus offiziell wiedereröffnet.
Nach den Umbauarbeiten war das Rio vor allem als Jugendkino in Weißensee beliebt. Tausende Kinder aus Tagesstätten und Schulen strömten Ende der 80er-Jahre allmonatlich in die Vorstellungen des Filmtheaters an der Prenzlauer Promenade. Die Kinoleitung hatte Jutta Miels übernommen – zu DDR-Zeiten Angestellte der Bezirksfilmdirektion Berlin und nach der Wiedervereinigung die erste und letzte Pächterin des Kinos Rio in den 1990er-Jahren.
Kino Rio: Berliner Lost Place seit Mitte der 1990er-Jahre

Nach der Wiedervereinigung änderten sich die Betriebsbedingungen für das Rio schlagartig: Es hatte 1989 zu den 21 Kinos gehört, die zum Mauerfall im Ostteil der Stadt existierten. Das Kinogebäude war von der Bezirksfilmdirektion von einer privaten Erbengemeinschaft gemietet gewesen: für 503 Mark im Monat und ausgestattet mit einem unbegrenzten Mietvertrag. Nach der Wende pachtete Jutta Miels das Haus und führte es unter eigener Regie weiter; doch nach wechselnden Eigentümern der Immobilie stieg der geforderte Mietpreis für das Kino Rio drastisch auf zuletzt 11.000 D-Mark im Monat. Zu viel für ein Kinder- und Kiez-Filmlichttheater im Schatten der in Berlin in den 1990er-Jahren immer beliebter werden Multiplex-Großraumkinos.
Für die Projektion von Hollywood-Blockbustern der 90er-Jahre wie „Terminator“ (1991), „Jurassic Park“ (1993) oder „Independence Day“ (1996) in Dolby Stereo fehlte dem Kino die Ausstattung und nur als Kinder- und Jugendkino in Weißensee konnte es bei horrend steigenden Mietpreisen nicht wirtschaftlich geführt werden. Der Ausbau eines zweiten Kinosaals blieb bis zum Schluss Wunschtraum. 1997 gab die Pächterin nach ständig wechselnden Eigentümern der Immobilie den Spielbetrieb auf. Im Rio standen nach mehr als 80 Jahren Kinogeschichte die Projektoren still, die letzten Besucher verließen die Abschiedsvorstellungen und das Haus versank in einen Jahrzehnte währenden Dornröschenschlaf.
Kino Rio: Viele Pläne, kaum Fortschritt seit der Stilllegung
Fast drei Jahrzehnte nach der Stilllegung ist die Immobilie in einem der beliebtesten Stadtviertel der Republik immer noch ein Berliner Lost Place. Dabei begannen die Entwicklungspläne noch bevor der Kinobetrieb eingestellt worden war. 1995 erfolgte die erste Zwangsversteigerung der Immobilie, weil der damalige Kölner Investor Insolvenz anmeldete. Er hatte noch Pläne für einen Kino-Neubau auf dem Grundstück verfolgt.
Mehrfach wechselten seit den 1990er-Jahren die Eigentümer und immer neue Investorenpläne standen im Raum: Konzepte für den Bau eines Büroturms an der Prenzlauer Promenade wurden vorgestellt, dann wieder sollten Neubauten für Mikro-Apartments auf dem Grundstück entstehen. Unterdessen verfiel das leerstehende Kinogebäude zusehends: An der Fassade des einst beliebten Kinderkinos bröckelte der Putz und das Dach wies undichte Stellen auf, Fenster und Eingänge wurden mit Schichten von Plakaten überdeckt und immer mehr Graffiti-Künstler verewigten sich großflächig an dem Gebäude. Während das marode Gebäude vor den Augen der Anwohner langsam verfiel, stieg der Verkehrswert der Immobilie immer weiter.
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Kino Rio: Hofgrundstück am Kino verkam zur Brache
An seinem Äußeren ist das ehemalige Kinogebäude nicht mehr als solches zu erkennen. Längst ist der Schriftzug „Rio“ samt dem schmalen Vordach am ehemaligen Eingang zum Foyer an der Prenzlauer Promenade 8 entfernt. Die Schaukästen mit Programmvorschauen und das Banner „Berliner Kinder & Jugendkino“ existieren schon lange nicht mehr und auch eine kurzzeitige Zwischennutzung durch einen Tabak- und Getränkegroßhandel war bald wieder passé.
In der unmittelbaren Nachbarschaft hat sich dagegen einiges getan: das Kulturzentrum Brotfabrik am Caligariplatz ist entstanden und führt die kinematographische Tradition im Kiez mit einem eigenen kleinen Programmkino fort; an der Prenzlauer Promenade, der Langhansstraße und Heinersdorfer Straße wurden seit den 2000er-Jahren Baulücken geschlossen und zum Teil verfallene Altbauten durch Neubauten ersetzt. Doch das alte Filmtheater Rio trotzte jeder Erneuerung, genauso wie das im Süden und Osten angrenzende Grundstück, das inzwischen zu einer mit wildwuchernden Pflanzen und Büschen verwilderten Brache verkam.
Kino Rio: „Prenzlauer Spitze“ lässt auf sich warten

2014 kam wieder Bewegung in die Sache: Unter dem Namen „Prenzlauer Spitze“ wollte ein Projektentwickler Neubauten mit insgesamt 110 Wohnungen an der Prenzlauer Promenade errichten. Die Idee: Auf dem dreieckig verlaufenden Grundstück sollten zwei straßenbegleitenden vier- und fünfgeschossige Wohnriegel gebaut werden und dahinter ein mit Grünflächen strukturierter Innenhof entstehen. Das Investitionsvolumen wurde auf 25 Millionen Euro geschätzt. Ohne Baufortschritt wurde das Areal 2018 an die inzwischen insolvente EVANGroup veräußert. Der Projektentwickler wollte das Areal in sein „livinit“-Konzept integrieren; wiederum sollten teuer zu vermarktende möblierte Mikro-Apartments für Studenten und Geschäftsreisende auf Zeit entstehen.
Doch noch im selben Jahr trennte sich das Unternehmen wieder von der Immobilie, weil im Zuge der „baurechtlichen Entwicklung“ das „hohe Wertsteigerungspotenzial“ hervorgetreten sei, und das Unternehmen den Kauf nun als „opportunistisches Investment“ einstufte, wie es auf der Internetpräsenz der EVANGroup hieß. Über den Kaufpreis der an die „Cresco Capital Group“ verkauften Immobilie wurde Stillschweigen vereinbart. Nach Erteilung eines positiv beschiedenen Bauvorbescheides trennte sich Cresco Anfang 2024 von dem Bauvorhaben. Noch immer dämmert das alte Kinogebäude an der Prenzlauer Promenade als Lost Place vor sich hin – wie lange noch, bleibt unklar, solange das Neubauprojekt von Investoren gewinnbringend von Hand zu Hand gereicht wird.





