Ostalgie

DDR-Laden: „Ich erkläre den Menschen den Osten“

| Lesedauer: 6 Minuten
Lea Hensen
Frank Arndt hat fast 20 Jahre so ziemlich alles gesammelt, was aus der DDR stammt – wie Comic-Hefte von Mosaik.

Frank Arndt hat fast 20 Jahre so ziemlich alles gesammelt, was aus der DDR stammt – wie Comic-Hefte von Mosaik.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE Foto Services

Im Vor-Wende-Laden verkauft Frank Arndt mehr als nur Trödel. Seine Besucher kommen vor allem für die Geschichten.

Berlin. Ein Relikt der gescheiterten Utopie ist grell orange, man sagt, es sei unverwüstlich. 30 Jahre nach Abwicklung seines Herstellers knattert und knetet es immer noch in vielen deutschen Küchen und hat für Generationen an Kindergeburtstagen den Marmorkuchen gerührt. Neuere Geräte von Bosch und Philips können da nicht mithalten, heißt es, und wenn sie ihren Geist aufgeben, kam schon so mache ostdeutsche Mutter in den Laden von Frank Arndt. Das Haushaltsgerät für die Ewigkeit steht neben anderen DDR-Produkten in seinem Regal: Der RG 28 Handmixer, wobei RG simpel für Rührgerät steht.

Wer den Vor-Wende-Laden an der Thaerstraße 16 in Friedrichshain betritt, findet sich nicht in DDR-Kult, sondern Zeitgeschichte wieder, steht in den Ruinen gelebter Leben, wie es sie wirklich gab. Neben FDJ-Wimpeln und Parteiorden liegen Zopfhalter, Sportabzeichen, Riesaer Zündhölzer, Murmeln, Comic-Hefte von Mosaik und Atze, Papiertüten aus der Kaufhalle, ja sogar Seife und Servietten: Arndt und seine Frau Bärbel (beide 78) haben über fast 20 Jahre so ziemlich alles gesammelt, was aus der DDR stammt. Haben angekauft, auf Flohmärkten erstanden, um ostdeutsche Geschichte vor dem Vergessen zu bewahren.

Nachfrage nach Ostalgie-Produkten nachgelassen

Gewinn hat der Ladenbesitzer mit dem Trödel nie gemacht, den Laden unweit des Bersarinplatzes finanziert er über seine Rente. Nun, 33 Jahre nach der Wende, weist ein Schild an der Tür auf Räumungsverkauf hin. Bücher stapeln sich bis an die Decke, für mehr ist eigentlich gar kein Platz. Auch das Lager ist voll, Garage, Keller und Bungalow platzen aus den Nähten. Die große Nachfrage nach Ostalgie-Produkten hat nachgelassen, sagt der Verkäufer, die Leute würden entweder weniger nach DDR-Artikeln suchen oder sie innerhalb der Familie bewahren. Er sucht einen Händler, der einen Teil seines Sortiments übernimmt, um ihn zu entlasten.

Den Laden will er aber weiterführen, er ist der Einzige berlinweit, der ausschließlich DDR-Artikel verkauft. „Wir lassen ihn so lange geöffnet, wie es gesundheitlich geht“, sagt Arndt. Sein Trödel soll die DDR erlebbar machen, und zwar für alle: Selbst wenn jemand etwas kaufen möchte, das nur vier Euro kostet, kann er das in Raten bezahlen und muss sich dafür nicht schämen. Lebt der Sozialismus in der Thaerstraße weiter? Er selbst sei kein Sozialist, sagt der 79-Jährige, nie einer gewesen, als Jugendlicher habe er unerlaubt im West-Rundfunk Reinhard May gehört. „Aber ich war gegen die Einigung, hätte mir gewünscht, dass einige Dinge anders laufen. Man hat sich zwar über Dinge geärgert, war aber sozial abgesichert.“

Seine Kunden suchen Ersatz für die aus dem Besteck-Set verlorene Gabel, wollen ihr DDR-Service ergänzen oder sind am Frühwerk der Schriftstellerin Christa Wolf interessiert. Die meisten aber kommen, um zu stöbern: Junge wie alte Menschen, Touristen wie Berliner, und ob sie wirklich was kaufen, ist den Ladenbesitzern gleich. „Ich habe diesen Laden nicht, um etwas zu verdienen“, sagt Arndt, „sondern für die emotionalen Geschichten, die hier entstehen.“

Denn viele kommen gar nicht, um nach Gegenständen zu suchen. Sie suchen die Erzählungen, die dahinter stehen. Wie etwa der junge Mann, der noch zu DDR-Zeiten in Marzahn geboren wurde, nach der Wende in den Westen ging, den Trödelladen durch Zufall entdeckte und den Arndts heute noch Postkarten schreibt. Um sich für die tollen Gespräche zu bedanken. „Ich erkläre den Menschen hier die DDR“, sagt Arndt. Damit meint er: Wie es wirklich war. Der 79-Jährige kann sich in Rage reden, wenn es darum geht, was man sich im Westen über den Osten erzählte.

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Als Ingenieur Heizungsanlagen für den Palast der Republik entworfen

Der Palast der Republik zum Beispiel, Sitz der Volkskammer und kulturelles Vergnügungszentrum, befand sich ab 1976 ungefähr dort, wo heute das Berliner Schloss steht. Da, wo sich die Honeckers übers Parkett schwangen, wo das Volk die Milchbar besuchte, hatte Arndt als ehemaliger Ingenieur die Heizungsanlagen entworfen. „Ich kannte den Bau, ich hatte ihn ja mit geplant“, sagt er. Dass man ihn 1990 wegen Asbest schließen musste, sei frei erfunden gewesen, eine politische Lüge. „Man wollte das Haus des Volkes abschaffen“, sagt er.

„Erichs Lampenpalast“, wie der Palast im Volksmund genannt wurde, ist in dem Laden an der Thaerstraße sehr präsent. Arndt hat mehrere Porzellan-Service mit dem bekannten Emblem „PdR“ ersteigert, für wie viel Geld, sagt er nicht, „aber es war viel.“ Selbst über das Service habe der Westen Lügen verbreitet: „Da wurde dann einfach behauptet, die Teller mit dem Goldrand wären für die Partei reserviert gewesen. Die Wahrheit aber ist: Sie waren nicht spülmaschinenfest.“

Der Besucher des Vor-Wende-Ladens bekommt von Arndt eine Zeitreise mit Anleitung, erfährt etwa, warum Mosaik-Comics angeblich „lehrreicher und besser“ als Micky Maus waren. Zwischen Pittiplatsch und Briefmarken, Zigarettenbilder-Alben und Spartakiaden-Medaillen findet er vielleicht irgendwo ein Stückchen Wahrheit.

Der Vor-Wende-Laden ist von Dienstag bis Freitag, 12.30 Uhr bis 18 Uhr, geöffnet. Am Wochenende ist er geschlossen. Im Internet sucht man ihn übrigens vergebens. „Wir haben keinen Internetanschluss“, sagt Arndts Frau.

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