Mit Gründung der DDR 1949 wurde das Schloss Schönhausen von der Sowjetunion an die DDR übergeben und diente Wilhelm Pieck – erster und einziger Präsident der DDR – als Amtssitz. Die neue Nutzung erforderte die Unterbringung eines umfangreichen Fuhrparks in unmittelbarer Schlossnähe. In dem L-förmigen Garagenbau aus den 1950er-Jahren samt eigener Tankstelle war eine DDR-Fahrbereitschaft untergebracht. Bis zu 80 bis 90 blitzblank polierte Staatskarossen standen den Genossen – und später auch Staatsgästen – zur Verfügung. Nach der Wende folgte die lange Zeit des schleichenden Verfalls. Alle Infos zu dem Lost Place.

Das sind die Fakten zu den Nordgaragen im Schlosspark Schönhausen im Überblick:

  • Adresse: Tschaikowskistraße 1a, 13156 Berlin-Niederschönhausen
  • Geschichte: Als Fahrbereitschaft mit Garagen, Tankstelle und Einfriedung Anfang der 1950er-Jahre errichtet; Anfang der 1980er-Jahre um weitere Garagenbauten erweitert; seit der Wiedervereinigung Anfang der 1990er-Jahre Leerstand
  • Führungen: Zum Schloss Schönhausen und dem Schlosspark werden von der Stiftung Preußischer Schlösser und Gärten geführte Touren angeboten.
  • Denkmalschutz: Objekt-Nr. 09085369,T,004
  • Status: Lost Place. Geplant ist die Sanierung und Umbau der Anlage zu einem Besucherzentrum

Wo liegen die Nordgaragen genau?

Die Nordgaragen liegen im Schlosspark Schönhausen an der Adresse Tschaikowskistraße 1a des Ortsteils Niederschönhausen des Bezirks Pankow. Die Google-Koordinaten (Open-Location-Code) für das Objekt lauten: HCH3+MJ2 Berlin. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln sind die Garagen am besten mit den Buslinien 107, 150 und 250 sowie der Tramlinie M1 (Haltestelle Hermann-Hesse-Straße / Waldstraße) zu erreichen. Von der Station ist es ein etwa sechsminütiger Fußweg entlang der Dietzgenstraße bis zum Schlossgarten und den Garagen. Alternativ benötigt man vom S-Bahnhof Pankow (S2, S26, S8) rund 20 Minuten zu Fuß entlang der Berliner und Ossietzkystraße. Auch interessant: „Lost Places“: Diese Strafen drohen bei Hausfriedensbruch

Das sind die wichtigsten Etappen der Geschichte der Nordgaragen:

Ausgangslage: Ein Schloss für den Staatspräsidenten der DDR

Arbeitszimmer von Wilhelm Pieck
Blick in das restaurierte Arbeitszimmer des DDR-Präsidenten Wilhelm Pieck im Schloss Schönhausen. Foto von 2009.© picture-alliance/ dpa | Robert Schlesinger

„5m mit Umkreise: Rauchen verboten“ warnt eine verwitterte Inschrift an der längst keinen Sprit mehr führenden Tankstelle aus den 50er-Jahren vor potentieller Brandgefahr. Die Zapfstelle gehörte zu einem denkmalgeschützten Garagenkomplex unweit des Schlosses Schönhauses. Hier, an Niederschönhausens prachtvollster Adresse, kondensiert sich preußisch-deutsche Geschichte: Der Barockbau aus den 1680er-Jahren samt umgebenden Schlosspark war im Laufe seiner Historie Residenz einer preußischen Königin, Kunst-Lager der Nazis und Dienstsitz des ersten DDR-Präsidenten Wilhelm Pieck (1876–1960).

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Der Standort der Nordgaragen nordwestlich des Schlosses war lange Zeit unbebaute Kulturfläche – ein Areal für Streuobstwiesen, die den Schlosspark umsäumten; dann, Anfang des 20. Jahrhunderts, Standort von Baumschulen, die im Norden zwischen Kreuzgraben und Ossietzkystraße, die Nachbarschaft des Schlossparks bildeten.

Erst Ende der 1940er-Jahre wurden die Baumschulen nördlich und südlich der Tschaikowskistraße zurückgedrängt, um Platz für eine neue Einfriedung rund um das Schloss Schönhausen zu schaffen. Niederschönhausen war jetzt – nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs – Teil der sowjetischen Besatzungszone. Das Schloss wurde von Rotarmisten okkupiert. Von 1946 an wurde es von der sowjetischen Militärverwaltung genutzt: Zunächst als Militärkasino, dann als Schule für Kinder der sowjetischen Verwaltung. Mit der Gründung der DDR 1949 übergaben die Sowjets das Preußenschloss dem realsozialistischen Bruderstaat, der es als Amtssitz für den Präsidenten Wilhelm Pieck ausbauen ließ.

Nordgaragen Schloss Schönhausen: Errichtung Anfang der 1950er-Jahre

Neujahrsempfang/ Pieck,Semjonow,...1950.
Neujahrsempfang beim Präsidenten der DDR im Schloss Schönhausen 1950: Pieck (rechts) im Gespräch mit General Tschuikow (links) und dem sowjetischen Botschafter Semjonow (Mitte)© picture-alliance / akg-images | akg-images

Der das Schloss direkt umgebende Teil des Parks wurde zunächst provisorisch und dann mit einer Mauer aus Sicherheitsgründen vom übrigen Park abgetrennt. Der abgeriegelte Teil wurde durch die Architekten Reinhold Lingner und Karl Kirschner als Präsidentengarten zu einem „Garten der Moderne“ umgestaltet. Zu den Umbaumaßnahmen gehörte auch der Bau neuer Gebäude: So entstanden ab 1952 die als Präsidialkanzlei und Konferenzgebäude genutzten Verwaltungsgebäude an der Ossietzkystraße.

Mit der Erweiterung der baulichen Anlagen für den Präsidentensitz wurde neben den Verwaltungsgebäuden Anfang der 1950er-Jahre auch mit dem Bau eines Garagenhofs für den Fuhrpark des Präsidenten und der Präsidialkanzlei an der Nordwestseite des Areals begonnen. Entlang der Mauer rund um den inneren Schlossgarten war zur Bewachung der Anlage ein Postenweg angelegt, der mit Laternen und Telefonstationen in dichten Abständen ausgestattet war. Das Areal war durchgehend von Mitgliedern des berüchtigten Wachregiments „Feliks E. Dzierzynski“ bewacht, bei Staatsbesuchen war etwa alle 15 Meter ein Posten stationiert.

Nordgaragen Schloss Schönhausen: So war die Anlage aufgebaut

Bei den Nordgaragen handelte es sich um einen L-förmigen Garagenkomplex, der unmittelbar an das Nordtor angrenzend anstelle der Gartenmauer den inneren Park begrenzte. Die einzelnen Garagen, die über eisenbeschlagene Holztore zugänglich waren, brachten die Bauherren in einem eingeschossigen Bauwerk unter. Der 100 Meter am Nordflügel und 50 Meter am Westflügel lange Garagenkomplex, der einen gepflasterten Hof umschloss, erinnert vage an dörfliche Stallungen. Im Stil greift das Bauwerk die ländliche Bauart der Funktionsbauten am Südtor auf – mit schlichten Kratzputzfassaden und flach geneigten Walmdächern mit Überstand.

Ungefähr mittig am nördlichen Flügel ragte die hauseigenen Tankstation mit einem pfeilergestützten Vordach aus der Gebäudefront. Außerdem gehörte ein Aufenthaltsgebäude für die Chauffeure zum Komplex. Die Nordgaragen beheimateten die Fahrbereitschaft des Präsidenten – mitsamt einem Fuhrpark von dem die einfachen Genossen nur träumen konnten. Wilhelm Pieck fuhr in den ersten Jahren einen Horch aus Vorkriegsproduktion, und stieg später auf einen sowjetischen SIS 110 aus dem „Stalin-Werk“ in Moskau um. Daneben ergänzten Dutzende Fahrzeuge der Marken SIL und Tatra die schlosseigene Flotte, die über das Nordtor den Garagenhof erreichen konnte. Schön säuberlich aufgereiht wurden die Wagen von sechzig beschäftigten Fahrern gepflegt, gewartet und poliert, bevor man sie in den nummerierten Garagen für ihren nächsten Staatseinsatz unterstellte.

Seit den 1970er-Jahren: Mit neuen Volvos „überholen ohne einzuholen“

Besuch Michail Sergejewitsch Gorbatschow in der DDR
Auf den letzten Metern der Protokollstrecke zum Schloss Schönhausen begrüßt die Ostberliner Bevölkerung 1989 den sowjetischen Staatspräsidenten Michail Gorbatschow bei der Anfahrt auf der Ossietzkystraße. Für Chauffeur und Fahrer geht es in die Nordgaragen.© picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Thomas Uhlemann

In seiner Zeit als Präsident empfing Pieck im Schloss hochrangige Staatsgäste wie Hồ Chí Minh 1957 oder Nikita Chruschtschow 1959. Da konnte man nicht am Shuttle-Service auf der Protokollstrecke sparen. Auch nach dem Tod des Präsidenten 1960 und der Abschaffung des Präsidentenamts nahm die Fahrbereitschaft in den Nordgaragen weiterhin eine wichtige Rolle ein. Für kurze Zeit beherbergte das Schloss Schönhausen den neu konstituierten Staatsrat der DDR. Der neue Schlossherr hieß jetzt Walter Ulbricht (1893–1973). Nach der Fertigstellung des Staatsratsgebäudes in Berlin-Mitte 1964 wurde es zum Gästehaus der DDR-Regierung.

Durch die Zufahrt an der Ossietzkystraße führte die Protokollstrecke aus der Innenstadt zum Schloss. Auf einigen Bordsteinen nahe des Majakowskiring lassen sich noch die Markierungen für die Absperrungen, der zur Begrüßung der Staatsgäste herbeizitierten Anwohner finden. Zahlreiche Staatsgäste der DDR wie Indira Gandhi, Willy Brandt, Fidel Castro, Leonid Breschnew und Josip Tito logierten hier. Zu den letzten Besuchern gehörten im Oktober 1989 der sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow und dessen Frau Raissa. Für die mitreisenden Minister, Mitarbeiter und Stäbe der Staatsgäste wurde eigens ein neues Appartementhaus am Schlosspark errichtet. Und auch die Nordgaragen verzeichneten in dieser Zeit einige Veränderungen.

Nordgaragen Schloss Schönhausen: Ausbau und Erweiterung der Anlage Anfang der 80er

In den 1970er-Jahren wurden die älteren Modelle nach und nach durch Volvos ersetzt und der Fuhrpark weiter vergrößert. Zur Unterbringung der gewachsenen Staatsgastflotte – in ihrer Hochphase waren bis zu 90 Fahrzeuge in dem Garagenkomplex untergestellt – wurde Anfang der 1980er-Jahre eine neue Garagenzeile mit 20 größeren Parkkabinen südlich des Hofes gebaut. Entlang der nördlichen Grundstücksgrenze kam außerdem ein Funktionsgebäude hinzu. Westlich der Parkplatzfläche schloss sich ein weiterer Lagerneubau an. In dem Kühlhaus lagerten wohltemperiert Südfrüchte für die DDR-Staatsgäste, die sich seit der Entspannungspolitik der 1970er-Jahre die Klinke in die Hand gaben. Allein Erich Honecker hat in Schloss Schönhausen zwischen 1972 und 1989 insgesamt 120 Gäste empfangen.

Ende der 1980er-Jahre wurde das Schlossgelände noch einmal zu einem zentralen Schauplatz der Politik. Das ehemalige Kasino der Präsidialkanzlei auf der den Garagen gegenüberliegenden Seite des Parks war von Dezember 1989 bis März 1990 Tagungsort des Zentralen Runden Tisches der DDR. Im April 1990 fand hier ein Außenministertreffen der „Zwei-plus-Vier-Gespräche“ zur Vorbereitung der Deutschen Einheit statt.

Nordgaragen Schloss Schönhausen: Lost Place seit den 1990er-Jahren

Schloss Schönhausen Besucherzentrum
Große Geschichte statt leerer Garagen: Schloss-Leiter Björn Ahlhelm (Mitte) zeigt die DDR-Garage, die sich zum Tor für die wichtigste Touristenattraktion Pankows verwandeln sollen.© Thomas Schubert / BM | Thomas Schubert

Mit der Wiedervereinigung im Oktober 1990 verlor das Schloss Schönhausen – und damit einhergehend auch die Nordgaragen ihre bisherige Funktion. Die Fahrbereitschaft wurde aufgelöst. Für die Gebäude des Garagenkomplexes begann eine jahrzehntelange Phase des langsamen Verfalls. Daran änderte zunächst auch nichts, dass die aus den 1950er-Jahren stammenden Garagengebäude samt der historischen Tankstelle unter Denkmalschutz gestellt wurden.

Wildwuchernde Gräser durchbrachen das nicht mehr befahrene Pflaster des Autohofes, an dem abblätternden Fassadenputz rankten Pflanzen empor, das Walmdach wurde von einer Schicht Moos in Beschlag genommen. Am Nordtor verewigten sich zahlreiche Graffiti-Künstler und über die eisernen Beschläge der Garagentore und metallener Einbauten im Inneren legte sich eine Patina aus Rost. Der Innenbereich der Gebäude litt ebenso. Von Decken und Wänden bröckelte der Anstrich und am Boden sammelte sich der Schutt. Insgesamt machten die leerstehenden Gebäudezeilen zuletzt einen baufälligen Eindruck. Für die denkmalgeschützten Zeitzeugnisse der DDR-Moderne musste dringend eine neue Aufgabe gefunden werden, sollten sie nicht am Rande des belebten Schlossparks vollends zu modernen Ruinen verrotten.

Nordgaragen Schloss Schönhausen: Besucherzentrum soll in die Ex-Garagen einziehen

Schloss Schönhausen Besucherzentrum
Auch wenn das Projekt Schönhausen feststeckt: Honeckers Volvo-Garagen stehen vor einer neuen Nutzung, die Klima- und Denkmalschutz entspricht. © Thomas Schubert / BM | Thomas Schubert

Seit 2009 gehören Schloss und Park Schönhausen zur Stiftung Preußische Schlösser und Garten (SPSG). Seitdem ist das restaurierte Schloss für Besucher wieder zugänglich, und nach und nach wurde auch der Park um das Schloss restauriert. Rund 12.000 Besucher zieht die Attraktion im Norden Berlins jährlich an. Für die seit den 1990er-Jahren leerstehenden Nordgaragen gab es im Laufe der Zeit unterschiedliche Vorschläge. Letztlich setzte sich die Idee durch, dass der denkmalgeschützte Trakt für ein neues Besucherzentrum genutzt werden soll.

Der Plan: Die Nordgaragen sollen zu einem zentralen Empfang umgebaut werden. Wo einst Erich Honeckers Regierungs-Volvos parkten, soll eine Museumswerkstatt für Schulklassen entstehen, der zentrale Ticket- und Museumsshop, eine gastronomische Einrichtung mit Außenbewirtschaftung sowie eine große Toilettenanlage für die Besucher des Schlossparks. Ferner sollen die Schuppen künftig Räumlichkeiten für ein Galerie- und Veranstaltungsbereich bieten, Werkstatt und Unterkunft für die Hausmeisterei und Gärtnerei sowie Lagerflächen und Raum für die Technik. Dafür müssen die Nordgaragen saniert und denkmalgerecht umgebaut werden.

Die ersten Vorbereitungen begannen Anfang der 2020er-Jahre. Der Bereich wurde 2021 mit Bauzäunen abgesperrt, die für die Planungen nicht benötigten Erweiterungsbauten aus den 1980er-Jahren abgerissen. Doch dann kam das Projekt ins Stocken. Neue Heiz-Verordnungen und Klimaschutzbestimmungen mussten in die Planung aufgenommen werden: Eine Photovoltaikanlage ersetzt die Gasheizung, eine Zisterne soll Regenwasser für die Bewässerung sammeln. Die SPSG geht von einer Verzögerung des Projekts von drei Jahren aus. Ein Baustart könne erst 2025 nach der Genehmigung der überarbeiteten Pläne durch den Senat erfolgen. Neue Fertigstellungstermin: Ende 2027.