Meterdicke Stahlbetonwände, gefilterte Luft und kein Tageslicht: Seit Beginn des Krieges in der Ukraine sind sie wieder zum Thema geworden, Zivilschutzbauten, Schutzräume oder einfach Bunker genannt. In Berlin gab es nach dem Zweiten Weltkrieg noch rund 360 Schutzbauten, die errichtet worden sind, um die Bevölkerung vor Luftangriffen zu schützen. Die Alliierten befahlen in der Regel die Sprengung, was aber nicht bei allen gelang. Einer der verfallenen Betonkolosse, der in Westberlin jahrzehntelang vor sich hin rottete und an die Schrecken von Krieg und Gewaltherrschaft mahnte – bis er einem Neubauprojekt im Weg stand: Der Flachbunker an der Parchimer Allee in Neukölln. Alle Infos zu dem ehemaligen Lost Place.

Das sind die Fakten zum Weltkriegsbunker Parchimer Allee im Überblick:

  • Adresse: Parchimer Allee 5, Ecke Ortolanweg 3, 12359 Berlin-Britz
  • Geschichte: Anfang der 1940er-Jahren als Luftschutzbunker errichtet; in der Nachkriegszeit stillgelegt; anschließend Leerstand
  • Bunkertyp: Flachbunker vom Typ 4D mit 36 Kammern; Schutzkapazität für knapp 300 Personen
  • Führungen: Keine
  • Denkmalschutz: Nein
  • Status: Ehemaliger Lost Place

Wo lag der Weltkriegsbunker genau?

Der Weltkriegsbunker lag an der Adresse Parchimer Allee 5, Ortolanweg 3 im Ortsteil Britz des Bezirks Neukölln. Die Google-Koordinaten (Open-Location-Code) für das Objekt lauten: CFW5+2W7 Berlin. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist das Grundstück am besten mit der Buslinie 181 (Haltestelle Kielingerstraße) zu erreichen. Von der Station ist das Anwesen bereits zu sehen. Achtung: Es handelt sich um Privatgelände.

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Das sind die wichtigsten Etappen der Geschichte des Weltkriegsbunkers Parchimer Allee:

Ausgangslage: Luftschutz-Sofortprogramm für Berlin im Zweiten Weltkrieg

Unterricht mit Volksgasmaske 1939 - Lesson with gasmasks / 1939 -
Unterricht im Selbstschutz mit der Volksgasmaske ‚VM 37‘ in einer Luftschutzschule in Berlin: Mädchen des BDM beim Unterricht im September 1939© picture-alliance / akg-images | akg-images

Als 1940 Luftangriffe der Alliierten erstmals die Reichshauptstadt trafen, reagierte die NS-Führung hektisch mit einem Bunkerbau-Sofortprogramm: Betonbauten schossen in Berlin aus dem Boden. Unter der Federführung der „Baugruppe Langer“ des Generalbauinspektors – einer von Albert Speer geleiteten Behörde – entstanden Normbunker für die Zivilverteidigung und hunderte Bauten, die militärische Ziele schützen sollten: Militär-, Flak, Nachrichten- und Kommandobunker.

Berlin wurde mit einem Netz von Schutzbauten überzogen – in der Innenstadt, aber auch in den grünen Außenbezirken. Im Südwesten Berlins, im heutigen Bezirk Steglitz-Zehlendorf beispielsweise, wurden Kolosse errichtet wie der Bunker Heckeshorn auf der Wannsee-Insel, Hochbunker wie an der Eiswaldstraße und Sonderanfertigungen wie der als Wohnhaus getarnte Bunker Eiderstedter Weg. Anders als bei Hochbunkern lagen die Schutzräume von Flachbunkern unter der Erde. Einer von ihnen war der Bunker an der Parchimer Allee.

Weltkriegsbunker Parchimer Allee: Schutzbau der „ersten Welle“

Der Bunker gehörte zur „ersten Welle“ der während des Bunker-Sofortprogramms von 1940/1941 in Berlin errichteten Schutzbauten. Insgesamt waren es an die 1000 Anlagen, die gebaut wurden, wovon etwa 500 Flachbunker für einhundert bis dreihundert Personen in dicht besiedelten Wohngebieten entstanden. Die Schlüssel für eine Kammer mit jeweils zwei 3-Stockbetten wurden bevorzugt an kinderreiche Familien aus der Umgebung vergeben. Zusätzlich gab es zumeist Aufenthalts- und Sanitärräume sowie Schleusen, Räume für die Bunkertechnik und für das Luftschutzpersonal beziehungsweise den Bunkerwart.

Auf dem Baugrund an der Parchimer Allee hatte sich zuvor eine Grünfläche befunden. Die Umgebung war noch geprägt vom ländlichen Britz, das sich in den 1930er-Jahren zu städtischen Wohnraum wandelte: immer noch gab es ausgedehnte Ackerflächen, Höfe und Kleingartenkolonien in der Umgebung. Die Straßen in dem Grenzgebiet zwischen Britz und Buckow südlich des Teltowkanals waren hauptsächlich unbefestigte Feldwege. Auf den Wiesen südlich der angrenzenden Städtischen Kleingartenkolonien wurden Kleintiere gehalten. Anfang der 1940er-Jahre versammelten sich die Kinder der Nachbarschaft und beobachteten staunend die Aktivitäten, als schweres Gerät sich den Weg durch die Siedlung bahnte, Arbeiter den Boden aufrissen und der Bau des Betonriesen an der Parchimer Allee begann.

Weltkriegsbunker Parchimer Allee: So war der Bunker aufgebaut

Gedenkveranstaltung des Vereins Berliner Unterwelten
Die Zellen der Schutzbunker waren mit dreistöckigen Betten ausgestattet: Die Aufnahme entstand am 3. Februar 2025 bei der Gedenkveranstaltung des Vereins Berliner Unterwelten zum Auftakt des Gedenkjahres «80 Jahre Kriegsende» in der Bunker- und Tunnelanlage unter der Dresdener Straße zwischen Berlin-Mitte und Kreuzberg. © picture alliance/dpa | Christoph Soeder

Der Anfang der 1940er-Jahre errichtete Bunker an der Parchimer Allee zählte zum verbreiteten Bunkertyp 4D – im Volksmund auch „Mutter-Kind-Bunker“ genannt – mit insgesamt 36 Schutzzellen. Die Länge und Breite des Bauwerks betrugen rund 38 mal 19 Meter auf einer Baufläche von 760 Quadratmetern. Die Deckenstärke betrug 1,40 Meter; die Wandstärke aus massivem Stahlbeton 1,80 Meter. Mehrere seitliche Zugänge führten über Treppen unter die Erde ins Innere des Schutzbauwerks.

Schwere Eisentüren mit Sichtlöchern riegelten jeweils die dahinterliegenden Schutzräume hermetisch ab. Vorbei an Sanitärräumen und der Bunkeraufsicht führten zwei parallele Gänge mit je acht Bunkerzellen an den Außenwänden und einem Zellenblock mit 20 Bunkerzellen in der Mitte zum hinteren Ausgang. Dort gab es einen größeren Aufenthaltsraum, einen Sanitärraum, einen Heizungsraum, einen großen Sandfilter, Lüftungsgeräte und Schutztüren, die die zweite Schleuse des hinteren Notausgangs sicherten.

Weltkriegsbunker Parchimer Allee: Bombenhagel, Luftmangel und Todesangst

Im Sanitärbereich befanden sich separate Toiletten- und Waschräume für Frauen und Männer, außerdem verfügte der Bunker über eine behelfsmäßige Küche. Die Rettungswege im Bunker wurden mit im Dunkeln leuchtender Farbe gekennzeichnet. So konnte Fluchtwege auch bei einem Totalausfall der Bunkertechnik noch genutzt werden. Außerdem konnte mit Handkurbeln bei Stromausfall eine Notfallsauerstoffversorgung gewährleistet werden. Doch die Anstrengungen waren enorm, um die verbrauchte Luft im Bunker auszutauschen und einen ausreichenden Sauerstoffgehalt aufrechtzuerhalten. Oft war die Luft so dünn und die Situation so beengend, dass Menschen in Panik gerieten.

Bei nahen Bombeneinschlägen bebten die Bunkerwände, von den Decken rieselte Staub, der durch die engen Gänge waberte und die Elektrik und das Licht fielen für Sekunden aus. Vereinzelt kam es in den Berliner Bunkern auch durch bloße Überfüllung, Gedränge und tumultartige Ausnahmezustände zu Todesfällen, ohne dass ein Bombentreffer oder das Kriegsgeschehen außerhalb der Bunkerwände eine unmittelbare Rolle spielte.

Weltkriegsbunker Parchimer Allee: Anlage rettete Anwohner vor Bombensturm

Luftschutzkeller während des Zweiten Weltkrieges in Berlin, 1943
Einwohner Berlins während eines Luftangriffes in einem öffentlichen Luftschutzbunker im November 1943© picture alliance / SZ Photo | Scherl

Als sich in den letzten Kriegsjahren die Bombenangriffe auf Berlin verstärkten, wurden bomben-, trümmer- und splittersichere Luftschutzbauten als Zuflucht für die Bevölkerung immer wichtiger. Das Schutzbauwerk an der Parchimer Allee rettete mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Menschenleben – denn mit den schweren Bombenangriffen, die auch den Süden Berlins seit 1943 immer wieder trafen, gab es auch Einschläge und zerstörte Wohnhäuser in der unmittelbaren Umgebung des Bunkers.

Besonders verheerend war für Neukölln der Angriff in der Nacht vom 29. auf den 30. Dezember 1943. 20 Minuten lang dauerte das Inferno aus der Luft. Ein Hagel aus Sprengbomben, Luftminen und Brandbomben ging über Neukölln und Tempelhof nieder. Aus 712 eingesetzten britischen Flugzeugen fielen mehr als 2200 Tonnen Bomben auf den Süden der Stadt und richteten verheerende Wirkung an. Am folgenden Morgen lagen ganze Häuserzeilen in Schutt und Asche. Nur einen Monat später im Januar 1944 war Neukölln erneut Ziel der britischen Bomberverbände.

Weltkriegsbunker Parchimer Allee: Sprengung von Bunkern nach dem Krieg

Berlin, Mauerstraße / Bunkersprengung 1947
Die Alliierten befahlen die Sprengung der Berliner Bunker, was nicht bei allen gelang. Sprengung des Bunkers der Gauleitung der NSDAP in der Mauerstraße (Berlin-Mitte) 1947© picture alliance / akg-images | akg-images

Nach Kriegsende wurden bis 1948 mehr als die Hälfte der Bunker und Luftschutzstollen Berlins im Rahmen der Entmilitarisierung durch die Alliierten abgebaut oder gesprengt. Die Zivilbevölkerung reagierte mit Unverständnis: Schließlich gehörten die Bunker in manchen Stadtteilen zu den wenigen noch intakten kommunalen Bauwerken. In den ersten Nachkriegsmonaten fanden in ihnen ausgebombte Familien, Kriegsheimkehrer, Flüchtlinge und Kälteopfer einen Unterschlupf. Für die Beseitigung der Stahlbetongiganten waren Tonnen an Sprengstoff nötig.

Überall in der Stadt detonierten Sprengladungen – doch viele der Betonkolosse hielten den Abrissmaßnahmen stand; manche wurden kurzerhand zugeschüttet oder erhielten eine zivile Funktion als Notunterkunft oder als Lager für Lebensmitteln, Hausrat oder von Mitteln des täglichen Bedarfs. Die gleichbleibenden Temperaturen unter Erde oder hinter meterdickem Beton und der Schutz vor Witterung bot sich für diese Zwecke an. Auch der Bunker an der Parchimer Allee blieb erhalten und wurde möglicherweise eine Zeit lang als Lager oder Depot zweckentfremdet, bevor er in der Nachkriegszeit endgültig ohne Verwendung blieb und aufgegeben wurde.

Weltkriegsbunker Parchimer Allee: Lost Place in der Zeit des Kalten Kriegs

Alter Luftschutzbunker in Frankfurt
Lost Place: Seit Kriegsende verfiel der ungenutzte Bunker an der Parchimer Allee zu einer modernen Ruine. (Archivbild)© picture alliance/dpa | Boris Roessler

Mehrere Jahrzehnte lang fristete das in Beton gegossene Weltkriegsbollwerk in Neukölln in den Friedensjahren der Bonner Republik ein Schattendasein. Die Planspiele und Szenarien eines Dritten Weltkriegs, auf den sich die GIs mit Nato-Übungen im Grunewald und auf ihrem Trainingsgelände in Lichterfelde-Süd „Parks Range“ vorbereiteten, traten – zum Glück – nicht ein und so brauchte sich kein Berliner in der Frontstadt des Kalten Krieges in die Überreste des Britzer Bunkers flüchten, der mit den Jahren zu einer modernen Ruine verfiel.

In den 1970er-Jahren veränderte sich das Siedlungsbild südöstlich der Parchimer Allee: Es entstanden achtgeschossige Wohnhäuser vom Grünen Weg bis zum Trappenpfad. Zur Anbindung des Ortolanweges an die Parchimer Allee wurde westlich des Bunkergrundstücks die Kielinger Straße neu geschaffen. Der Bunker selbst blieb von den Neuerungen unangetastet. In seinem Inneren bot sich zuletzt ein Bild des Zerfalls und der Zerstörung, das dem verwaisten Weltkriegsbunker und seinen dunklen Gängen einen besonders beklemmenden Anstrich verlieh. Durch die zurückgelassene Bunkertechnik fraß sich der Rost und in den alten Schutzkammern sammelte sich über Jahre Staub, Dreck und Brackwasser. Die Wände des Stahlbetongiganten begannen zu bröckeln und mit ihnen die Hinweise aus der Nazizeit, die noch im Schleusenbereich zu lesen waren: „Ruhe bewahren“ und „Nicht drängen!“

Neue Blüte für den Britzer Bunker: In den 80er-Jahren in Wohnungsbauprojekt integriert

Mehr als vier Jahrzehnte lang war das Weltkriegsrelikt dem Verfall und dem Vergessen preisgegeben; wenige Menschen interessierten sich für das marode Bauwerk, dessen Schutzdach und überdachten Eingänge aus dem sandigen Boden Neuköllns herausragten – bis die tonnenschwere Erblast zum Hindernis für ein Neubauprojekt auf dem Gelände wurde. In Vorbereitung auf ihr 100-jähriges Jubiläum im Jahr 1986 plante die „Berliner Baugenossenschaft eG“ ein außergewöhnliches Pilotprojekt und sicherte sich dafür das bis dahin im Besitz des Landes befindliche Bunkerareal an der Parchimer Allee.

Das Ziel war es, einen im genossenschaftlichen Selbsthilfemodell errichteten Wohnungsneubau zu realisieren, bei dem Teile des Ausbaus den zukünftigen Nutzern überlassen blieben. Durch handwerkliche und finanzielle Eigenleistungen beim Ausbau der einzelnen Wohnungen konnten die Genossenschaftsmitglieder Baukosten und Mieten der geplanten 93 Wohnungseinheiten senken. Der Bunker wurde während des Bauprojekts, das nach seinem Grundriss „Schnecke“ genannt wurde, nicht abgerissen, sondern nach Plänen des federführenden Architekten Axel Gutzeit in das Hausprojekt integriert.

1992 wurde nach sechsjähriger Bauzeit der Bau der „Ortolan-Schnecke“ an der Kreuzung zwischen der Parchimer Allee, der Kielingerstraße und dem Ortolanweg fertiggestellt. Der Bunker wurde während der Bauzeit saniert und als Hochkeller in den Bogen des geschwungenen Häuserensembles integriert. Auf der Hofseite ist die Grundform des Bunkers noch gut erkennbar: eine Rundtreppe führt im Innenhof auf dessen Schutzdecke, die als Plateau in den Entwurf des Häuserbogens übergeht. Den Treppenabsatz ziert eine Bauplastik in Blütenform.