Meterdicke Stahlbetonwände, gefilterte Luft und kein Tageslicht: Seit Beginn des Krieges in der Ukraine sind sie wieder zum Thema geworden, Zivilschutzbauten, Schutzräume oder einfach Bunker genannt. In Berlin gab es nach dem Zweiten Weltkrieg noch rund 360 Schutzbauten, die errichtet worden sind, um die Bevölkerung vor Luftangriffen zu schützen. Die Alliierten befahlen in der Regel die Sprengung, was aber nicht bei allen gelang. Einer der verfallenen Betonkolosse, der in Westberlin jahrzehntelang vor sich hin rottete und an die Schrecken von Krieg und Gewaltherrschaft mahnte – bis er einem Neubauprojekt im Weg stand: der Flachbunker am Ortolanweg in Buckow. Alle Infos zu dem ehemaligen Lost Place.
Das sind die Fakten zum Weltkriegsbunker Ortolanweg im Überblick:
- Adresse: Ortolanweg 84, Ecke Kolkrabenweg, 12359 Berlin-Buckow
- Geschichte: Anfang der 1940er-Jahren als Luftschutzbunker errichtet; in der Nachkriegszeit von als Depot für Feuerwerk genutzt; anschließend Leerstand
- Bunkertyp: Flachbunker vom Typ 2D mit 18 Kammern; Schutzkapazität für knapp 200 Personen
- Führungen: Keine
- Denkmalschutz: Nein
- Status: Ehemaliger Lost Place. In den 1990er-Jahren wurde der Bunker zugunsten eines Neubauprojektes abgerissen
Wo lag der Weltkriegsbunker genau?
Der Weltkriegsbunker lag an der Adresse Ortolanweg 84, Ecke Kolkrabenweg im Ortsteil Buckow des Bezirks Neukölln. Die Google-Koordinaten (Open-Location-Code) für das Objekt lauten: CFR9+64F Berlin. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist das Grundstück am besten mit der Buslinie 171 (Haltestelle Zadekstraße) zu erreichen. Von der Busstation ist es ein rund siebenminütiger Fußweg entlang des Wendehals- und des Ortolanwegs bis zu dem Grundstück. Achtung: Von dem Bunker haben sich keine sichtbaren Überreste erhalten. Es handelt sich um Privatgelände.
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Das sind die wichtigsten Etappen der Geschichte des Weltkriegsbunkers Ortolanweg:
Ausgangslage: Luftschutz-Sofortprogramm für Berlin im Zweiten Weltkrieg

Als 1940 Luftangriffe der Alliierten erstmals die Reichshauptstadt trafen, reagierte die NS-Führung hektisch mit einem Bunkerbau-Sofortprogramm: Betonbauten schossen in Berlin aus dem Boden. Unter der Federführung der „Baugruppe Langer“ des Generalbauinspektors – einer von Albert Speer geleiteten Behörde – entstanden Normbunker für die Zivilverteidigung und hunderte Bauten, die militärische Ziele schützen sollten: Militär-, Flak-, Nachrichten- und Kommandobunker.
Berlin wurde mit einem Netz von Schutzbauten überzogen – in der Innenstadt, aber auch in den grünen Außenbezirken. Im Südwesten Berlins, im heutigen Bezirk Steglitz-Zehlendorf beispielsweise, wurden Kolosse errichtet wie der Bunker Heckeshorn auf der Wannsee-Insel, Hochbunker wie an der Eiswaldstraße und Sonderanfertigungen wie der als Wohnhaus getarnte Bunker Eiderstedter Weg. Anfang der 1940er-Jahre wurden außerdem mehrere kleinere Bunker für die Zivilverteidigung gebaut. Einer von diesen war der Flachbunker am Ortolanweg in Berlin-Buckow.
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Weltkriegsbunker Ortolanweg: Schutzbau der „ersten Welle“
Der Bunker gehörte zur „ersten Welle“ der während des Bunker-Sofortprogramms von 1940/1941 in Berlin errichteten Schutzbauten. Insgesamt waren es an die 1000 Anlagen, die gebaut wurden, wovon etwa 500 Flachbunker für einhundert bis dreihundert Personen in dicht besiedelten Wohngebieten entstanden. Die Schlüssel für eine Kammer mit jeweils zwei 3-Stockbetten wurden bevorzugt an kinderreiche Familien aus der Umgebung vergeben. Zusätzlich gab es zumeist Aufenthalts- und Sanitärräume sowie Schleusen, Räume für die Bunkertechnik und für das Luftschutzpersonal beziehungsweise den Bunkerwart.
Auf dem Baugrund am Ortolanweg hatten sich zuvor Grünflächen befunden, die auch für Kleintierhaltung genutzt wurden. Die Umgebung war noch geprägt vom ländlichen Buckow, das sich in den 1930er-Jahren zu städtischem Wohnraum wandelte: immer noch gab es ausgedehnte Ackerflächen, Höfe und Kleingartenkolonien in der Umgebung und der Ortolanweg war ein unbefestigter Feldweg, der parallel zum nördlich gelegenen Teltowkanal verlief. Anfang der 1940er-Jahre versammelten sich die Kinder der nahgelegenen Kleingartenkolonie Britzer Wiesen und beobachteten staunend die Aktivitäten, als schweres Gerät vorfuhr, Arbeiter den Boden aufrissen und der Bau des Betonriesen am Ortolanweg begann.
Weltkriegsbunker Ortolanweg: So war der Bunker aufgebaut

Bei dem Anfang der 1940er-Jahre errichteten Bunker handelte es sich um einen Flachbunker vom Typ 2D mit insgesamt 18 Schutzzellen. Der Bunker war mit seiner Längsseite zur Straßenflucht Ortolanweg ausgerichtet. Die Länge des Stahlbetongiganten betrug rund 30 Meter, die Breite etwa 17 Meter, bei einer eingenommenen Grundfläche von gut 500 Quadratmetern. Die Deckenstärke betrug 1,40 Meter; die Wandstärke aus massivem Stahlbeton 1,80 Meter. Mehrere seitliche Zugänge führten über Treppen unter die Erde ins Innere des Schutzbauwerks.
Dicke Eisentüren mit Sichtlöchern riegelten im Schleusenbereich die dahinterliegenden Schutzräume hermetisch ab. Vorbei an Sanitärräumen und der Bunkeraufsicht führten im Inneren zwei parallele Gänge mit je sechs Kammern sowie einer Kammerzeile in der Mitte zum hinteren Ausgang. Dort gab es einen größeren Aufenthaltsraum, einen Sanitärraum, einen Heizungsraum, einen großen Sandfilter, Lüftungsgeräte und Schutztüren, die die zweite Schleuse des hinteren Notausgangs sicherten. Es gab Toiletten, einen Wasserzulauf und einen Generator für Elektrizität.
Weltkriegsbunker Ortolanweg: Schutz unter meterdickem Stahlbeton
Die Rettungswege im Bunker wurden mit im Dunkeln leuchtender Farbe gekennzeichnet. So konnten Fluchtwege auch bei einem Totalausfall der Bunkertechnik noch genutzt werden. Außerdem konnte mit Handkurbeln bei Stromausfall eine Notfallsauerstoffversorgung gewährleistet werden. Doch die Anstrengungen waren enorm, um die verbrauchte Luft im Bunker auszutauschen und einen ausreichenden Sauerstoffgehalt aufrechtzuerhalten. Oft war die Luft so dünn und die Situation so beengend, dass Menschen in Panik gerieten.
Bei nahen Bombeneinschlägen bebten die Bunkerwände, von den Decken rieselte Staub, der durch die engen Gänge waberte und die Elektrik und das Licht fielen für Sekunden aus. Vereinzelt kam es in den Bunkern Berlins durch bloße Überfüllung, Gedränge und Tumulte zu Todesfällen, ohne dass ein Bombentreffer oder das Kriegsgeschehen außerhalb der Bunkerwände hierfür eine unmittelbare Rolle spielte.
Weltkriegsbunker Ortolanweg: Anlage rettete Anwohner vor Bombensturm

Als sich in den letzten Kriegsjahren die Bombenangriffe auf Berlin verstärkten, wurden bomben-, trümmer- und splittersichere Luftschutzbauten als Zuflucht für die Bevölkerung immer wichtiger. Das Schutzbauwerk am Ortolanweg rettete mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Menschenleben – denn mit den schweren Bombenangriffen, die auch den Süden Berlins seit 1943 immer wieder trafen, gab es auch Einschläge und zerstörte Wohnhäuser in der unmittelbaren Umgebung des Bunkers.
Besonders verheerend war für Neukölln der Angriff in der Nacht vom 29. auf den 30. Dezember 1943. 20 Minuten lang dauerte das Inferno aus der Luft. Ein Hagel aus Sprengbomben, Luftminen und Brandbomben ging über Neukölln und Tempelhof nieder. Aus 712 eingesetzten britischen Flugzeugen fielen mehr als 2200 Tonnen Bomben auf den Süden der Stadt und richteten verheerende Wirkung an. Am folgenden Morgen lagen ganze Häuserzeilen in Schutt und Asche. Nur einen Monat später, im Januar 1944, war Neukölln erneut Ziel der britischen Bomberverbände.
Weltkriegsbunker Ortolanweg: Sprengung von Berlins Bunkern nach dem Krieg

Im Frühjahr 1945 erreichten Verbände der Roten Armee Berlin und lieferten sich ein Wettrennen um die Einnahme der Stadt. Vom Norden und Südosten rückten Verbände der 1. Weißrussischen Front unter Marschall Georgi Schukow (1896–1974) in Richtung Innenstadt vor. Einer der erfahrensten Generäle in Shukows Verband war General Tschuikow, Kommandeur der 8. Gardearmee, der den Stoßkeil über Buckow und Britz im Berliner Süden befehligte. Im April 1945 wurden die deutschen Stellungen in Buckow geradezu überrannt.
Rotarmisten befreiten die sich im Bunker Ortolanweg vor dem Kriegsgeschehen in Sicherheit gebrachten Anwohner. Nach Kriegsende wurde Buckow als Ortsteil von Neukölln zusammen mit den Bezirken Tempelhof, Zehlendorf, Schöneberg, Steglitz und Kreuzberg Teil des US-amerikanischen Sektors der geteilten Stadt. Mehr als die Hälfte der Bunker und Luftschutzstollen Berlins wurden im Rahmen der Entmilitarisierung durch die Alliierten bis 1948 abgebaut oder gesprengt.
Die Zivilbevölkerung reagierte mit Unverständnis: Schließlich gehörten die Bunker in manchen Stadtteilen zu den wenigen noch intakten kommunalen Bauwerken. In den ersten Nachkriegsmonaten fanden in ihnen ausgebombte Familien, Kriegsheimkehrer, Flüchtlinge und Kälteopfer einen Unterschlupf. Auch der Bunker am Ortolanweg wurde als Lager zwischengenutzt, unter anderem als Depot für pyrotechnische Artikel – und dann aufgegeben.
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Weltkriegsbunker Ortolanweg: Lost Place in der Zeit des Kalten Kriegs

Mehrere Jahrzehnte lang fristete das in Beton gegossene Weltkriegsbollwerk in Neukölln in den Friedensjahren der Bonner Republik ein Schattendasein. Die Planspiele und Szenarien eines Dritten Weltkriegs, auf den sich die GIs mit Nato-Übungen im Grunewald und auf ihrem Trainingsgelände in Lichterfelde-Süd „Parks Range“ vorbereiteten, traten – zum Glück – nicht ein und so brauchte sich kein Berliner in der Frontstadt des Kalten Krieges in die Überreste des Buckower Bunkers flüchten, der mit den Jahren zu einer modernen Ruine verfiel.
In seinem Inneren bot sich zuletzt ein Bild von Zerfall und Zerstörung, das dem verwaisten Weltkriegsbunker und seinen klaustrophobisch, engen und dunklen Gängen einen besonders beklemmenden Anstrich verlieh. Von den Wänden bröckelten Hinweise aus der Nazizeit: „Ruhe bewahren!“ und „Nicht rauchen!“ war dort zu lesen. Im Inneren griff Nässe die verbliebenen Bunkereinbauten an, deren Teile mit der Zeit vermoderten. Am Boden des Bunkers sammelte sich Schutt, Dreck und Brackwasser und durch die verbliebenen Metallteile fraß sich der Rost.
Weltkriegsbunker Ortolanweg: Bunkerbau sollte Frauen-Wohnprojekt weichen
In den 1970er-Jahren veränderte sich das Siedlungsbild am Ortolanweg: Es entstanden achtgeschossige Häuser vom Grünen Weg bis zum Trappenpfad, ein achtgeschossiges Seniorenheim und ein sechsgeschossiger Trakt zwischen Trappenpfad und Tränkeweg, sowie eine viergeschossige Bebauung bis zum Wendehalsweg. Zwischen diesem und dem Hochspannungsweg – einer alten Trasse für eine vormalige Hochspannungsleitung zwischen Adlershof und dem Gewerbegebiet Mariendorf – wurde später eine Kindertagesstätte und ein Kinderspielplatz angelegt. Zur Anbindung an die Parchimer Allee wurde als Verlängerung des Ortolanweges die Kielinger Straße neu geschaffen.
Der Bunker am Ortolanweg blieb von den Neuerungen ringsum wie ein aus der Zeit gefallenes Relikt ausgespart – bis er in den 1990er-Jahren fast ein Neubauprojekt zum Scheitern brachte. Seit Jahren hatte sich die Initiative „Offensives Altern“ um ein Wohnbauvorhaben bemüht, bei dem unter der Trägerschaft der 1892 eG-Wohnbaugenossenschaft ein Gebäudekomplex auf einem landeseigenen Grundstück am Ortolanweg entstehen sollte. Das Ziel: Ein Bauensemble, das generationsübergreifendes Wohnen für Frauen ermöglicht. Als die Pläne konkret wurden, bot der Bund auch sein angrenzendes Grundstück samt dem darauf befindlichen, maroden Bunker der Baugenossenschaft zum Verkauf an.
Weltkriegsbunker Ortolanweg: Kriegsrelikt wurde fast zum Sargnagel für das Projekt
Das Angebot wurde für das Bauprojekt fast zum Verhängnis. Bodenpreissteigerung während der langwierigen Verhandlungen und die nicht unerheblichen Kosten für die Zertrümmerung und Beseitigung des Betonriesen drohten das von der Berliner Investitionsbank (IBB) bewilligte Finanzierungsbudget zu sprengen. Erst nach Protestaktionen am Roten Rathaus und einem Dringlichkeitsantrag im Abgeordnetenhaus konnte das Wohnungsprojekt 1997 in Angriff genommen werden.
Im Herbst 1997 bahnte sich erneut schweres Gerät den Weg durch die Siedlung am Ortolanweg und riss den Boden auf. Dieses Mal, um den Bunker freizulegen und den Baugrund für das Wohnungsbauprojekt vorzubereiten. Nach wenigen Wochen Abrissarbeiten waren die Strukturen des Weltkriegsbunkers vollständig zertrümmert und abgetragen; die Arbeiten an dem Bauprojekt konnten beginnen.
Nach zweijähriger Bauzeit wurde im September 1999 das offizielle Einweihungsfest des Wohnprojekts „Offensives Altern“ gefeiert. Auf der Fläche des ehemaligen Weltkriegsbunkers befindet sich heute ein kleiner Spielplatz. An den Bunker, der hier Jahrzehnte lang vor sich hin rottete, erinnert nichts mehr; Hinweise oder Spuren zur Geschichte des Bunkergrundstücks haben sich vor Ort nicht erhalten.
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