Meterdicke Stahlbetonwände, gefilterte Luft und kein Tageslicht: Seit Beginn des Krieges in der Ukraine sind sie wieder zum Thema geworden; Zivilschutzbauten, Schutzräume oder einfach Bunker genannt. In Berlin gab es nach dem Zweiten Weltkrieg noch rund 360 Schutzbauten, die errichtet worden sind, um die Bevölkerung vor Luftangriffen zu schützen. Die Alliierten befahlen in der Regel die Sprengung, was aber nicht bei allen gelang. Einer der verfallenen Betonkolosse, der in Westberlin jahrzehntelang vor sich hin rottete und an die Schrecken von Krieg und Gewaltherrschaft mahnte, bis er einem Neubauprojekt im Weg stand: Der Flachbunker am Landreiterweg in Buckow. Alle Infos zu dem ehemaligen Lost Place.
Auch interessant
Das sind die Fakten zum Weltkriegsbunker Landreiterweg im Überblick:
- Adresse: Landreiterweg 14, 12353 Berlin-Buckow
- Geschichte: Anfang der 1940er-Jahren als Luftschutzbunker errichtet; Leerstand und Verfall des Betongiganten seit 1945
- Bunkertyp: Flachbunker vom Typ 4D mit 36 Kammern; Schutzkapazität für rund 300 Personen
- Führungen: Keine
- Denkmalschutz: Nein
- Status: Ehemaliger Lost Place
Wo lag der Weltkriegsbunker Landreiterweg genau?
Der Weltkriegsbunker lag an der Adresse Landreiterweg 14 im Ortsteil Buckow des Bezirks Neukölln. Die Google-Koordinaten (Open-Location-Code) für das Objekt lauten: CFF4+24J Berlin. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist das Grundstück am besten mit der Buslinie 172 (Haltestelle Kölner Damm) zu erreichen. Von der Station ist das Grundstück bereits zu sehen. Achtung: Von dem Bunker haben sich keine sichtbaren Überreste erhalten. Es handelt sich um Privatgelände.
Auch interessant: „Lost Places“: Diese Strafen drohen bei Hausfriedensbruch
Das sind die wichtigsten Etappen der Geschichte des Weltkriegsbunker Landreiterwegs:
Ausgangslage: Luftschutz-Sofortprogramm für Berlin im Zweiten Weltkrieg

Als 1940 Luftangriffe der Alliierten erstmals die Reichshauptstadt trafen, reagierte die NS-Führung hektisch mit einem Bunkerbau-Sofortprogramm: Betonbauten schossen in Berlin aus dem Boden. Unter der Federführung der „Baugruppe Langer“ des Generalbauinspektors – einer von Albert Speer geleiteten Behörde – entstanden Normbunker für die Zivilverteidigung und hunderte Bauten, die militärische Ziele schützen sollten: Militär-, Flak-, Nachrichten- und Kommandobunker.
Berlin wurde mit einem Netz von Schutzbauten überzogen – in der Innenstadt, aber auch in den grünen Außenbezirken. Im Südwesten Berlins, im heutigen Bezirk Steglitz-Zehlendorf, wurden Kolosse errichtet wie der Bunker Heckeshorn auf der Wannsee-Insel, Hochbunker wie an der Eiswaldstraße und Sonderanfertigungen wie der als Wohnhaus getarnte Bunker Eiderstedter Weg. Anders als bei Hochbunkern lagen die Schutzräume von Flachbunkern unter der Erde. Einer der Betonkolosse im Süden Berlins war der Weltkriegsbunker am Landreiterweg.
- Schwanenwerder: Der verborgene Bunker von Joseph Goebbels
- Die schicksalhafte Geschichte einer Berliner Geistervilla
- Gefährliche Ruinenromantik – Das giftige Erbe der „Spinne“
- Diese Brücke fiel in der Schlacht um Berlin – kommt sie jetzt neu?
- Verhängnisvolle Feuernacht machte Bowling-Center zur modernen Ruine
- Kriegsruine: Der geisterhafte Bunker am Friedhof Steglitz
Weltkriegsbunker Landreiterweg: Schutzbau der „ersten Welle“
Der Bunker gehörte zur „ersten Welle“ der während des Bunker-Sofortprogramms von 1940/1941 in Berlin errichteten Schutzbauten. Insgesamt waren es an die 1000 Anlagen, die gebaut wurden, wovon etwa 500 Flachbunker für einhundert bis dreihundert Personen in dicht besiedelten Wohngebieten entstanden. Die Schlüssel für eine Kammer mit jeweils zwei 3-Stockbetten wurden bevorzugt an kinderreiche Familien aus der Umgebung vergeben. Zusätzlich gab es zumeist Aufenthalts- und Sanitärräume sowie Schleusen, Räume für die Bunkertechnik und für das Luftschutzpersonal beziehungsweise den Bunkerwart.
Auf dem Baugrund an der damaligen Straße 79 in Buckow hatten sich zuvor Grünflächen, Acker und Kleingärten befunden. Westlich schlossen sich bis zum Bahnhof Buckow und der schmalspurigen Kiesbahn der Mittenwalder Eisenbahn dünn besiedelte Neubausiedlungen an. Die Umgebung im Süden war noch geprägt vom ländlichen Neukölln, das sich in den 1930er-Jahren zu städtischem Wohnraum wandelte. Anfang der 1940er-Jahre brach der Krieg in das Landleben ein. Die Kinder der Siedlung versammelten sich und beobachteten staunend die Aktivitäten, als schweres Gerät an der Straße 79 vorfuhr, den Boden aufriss und das Fundament für einen Betonriesen legte.
- Der zugemauerte Tunnel an der Steglitzer Albrechtstraße
- In der Lankwitzer Bombennacht wurde dieser Ort zur letzten Zuflucht
- Als die Panzer kamen, holte der Revierförster die Flinte raus
- Görings Prunkbau wurde zur geheimnisvollen Machtzentrale der USA
- Bauzombie & Mini-BER: Was lief alles schief beim Bierpinsel?
- Architektur des Grauens: Die bizarre Story des Mäusebunkers
Weltkriegsbunker Landreiterweg: So war der Bunker aufgebaut

Bei dem Anfang der 1940er-Jahre errichteten Bunker am Landreiterweg handelte es sich um einen Flachbunker vom Typ 4D mit insgesamt 36 Schutzzellen. Der Bunker war mit seiner Frontseite zur Straßenflucht der später Landreiterweg genannten Straße 79 ausgerichtet. Die Länge des Stahlbetongiganten betrug rund 38 Meter, die Breite etwa 19 Meter, bei einer eingenommenen Grundfläche von 720 Quadratmetern.
Dicke Eisentüren mit Sichtlöchern riegelten jeweils die dahinterliegenden Schutzräume hermetisch ab. Vorbei an Sanitärräumen und der Bunkeraufsicht führten zwei parallele Gänge mit je acht Kammern sowie einer Kammerzeile mit 20 Schutzzellen in der Mitte zum hinteren Ausgang. Dort gab es einen größeren Aufenthaltsraum, einen Sanitärraum, einen Heizungsraum, einen großen Sandfilter, Lüftungsgeräte und Schutztüren, die die zweite Schleuse des hinteren Notausgangs sicherten. Es gab Toiletten, einen Wasserzulauf und einen Generator für Elektrizität.
Weltkriegsbunker Landreiterweg: Schutz unter meterdickem Stahlbeton
Im Sanitärbereich befanden sich Toiletten- und Waschräume, außerdem verfügte der Bunker über eine behelfsmäßige Küche. Die 36 Schutzzellen des Bunkers waren als Schlafkammern mit einer Grundfläche von etwa sechs Quadratmetern ausgelegt, in denen jeweils zwei dreistöckige Betten standen. Das Bauwerk war durch Luftschutzsymbole als Zufluchtsstätte gekennzeichnet.
Die Rettungswege im Bunker wurden mit im Dunkeln leuchtender Farbe gekennzeichnet. So konnten Fluchtwege auch bei einem Totalausfall der Bunkertechnik noch genutzt werden. Die Deckenstärke betrug 1,40 Meter; die Wandstärke aus massivem Stahlbeton 1,80 Meter. Mehrere seitliche Zugänge führten über Treppen in die unter dem Straßenniveau liegenden Räumlichkeiten des Schutzbauwerks.
Weltkriegsbunker Landreiterweg: Anlage rettete Anwohner vor Bombensturm

Als sich in den letzten Kriegsjahren die Bombenangriffe auf Berlin verstärkten, wurden bomben-, trümmer- und splittersichere Luftschutzbauten als Zuflucht für die Bevölkerung immer wichtiger. Das Schutzbauwerk am Landreiterweg rettete mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Menschenleben – denn mit den schweren Bombenangriffen, die auch den Süden Berlins seit 1943 trafen, gab es Einschläge und zerstörte Wohnhäuser in der unmittelbaren Umgebung des Bunkers.
Besonders verheerend war für den Südwesten Berlins der Angriff in der Nacht vom 23. auf den 24. August 1943 – die sogenannte Lankwitzer Bombennacht. In den Kriegsjahren 1944 und 1945 wurde Neukölln und Tempelhof mehrfach zum Ziel von Großangriffen, bei denen mehr als 2000 Tonnen Bombenlast über den Stadtteilen abgeworfen wurden.
Bei Luftalarm liefen Familien mit ihren Kindern zu dem Bunker am Landreiterweg, in dessen schützenden Wänden ihnen – sofern sie einen Berechtigungsschein hatten und sie den Bunker rechtzeitig erreichten – reservierte Schlafräume zur Verfügung standen. Für die älteren Anwohner oder auch zufällig Schutz suchenden Passanten gab es größere Räume mit Holzbänken. Der Einlass wurde durch Luftschutzpersonal geregelt. Wer nach Fliegeralarm die zumeist überfüllten Bunker nicht rechtzeitig erreichte, stand vor verschlossenen Türen. Doch auch im Inneren herrschte häufig beklemmende Todesangst.
Weltkriegsbunker Landreiterweg: Rotarmisten sicherten die Anwohner im Bunker

Im Frühjahr 1945 erreichten Verbände der Roten Armee Berlin und lieferten sich ein Wettrennen um die Einnahme der Stadt. Vom Norden und Südosten rückte Marschall Georgi Schukow (1896–1974) mit Verbänden der 1. Weißrussischen Front in Richtung Innenstadt vor. Einer der erfahrensten Generäle in Shukows Verband war General Tschuikow, Held von Stalingrad und Kommandeur der 8. Gardearmee. Tschuikows Einheiten bildeten den Stoßkeil über Buckow und Britz im Berliner Süden – mit dem Ziel den Flugplatz Tempelhof zu erreichen und einzunehmen. Im April 1945 wurden die deutschen Stellungen in Buckow schlichtweg überrannt.
Rotarmisten befreiten die sich im Bunker Landreiterweg vor dem Kriegsgeschehen in Sicherheit gebrachten Anwohner. Nach Kriegsende wurde Buckow als Ortsteil von Neukölln zusammen mit den Bezirken Tempelhof, Zehlendorf, Schöneberg, Steglitz und Kreuzberg Teil des US-amerikanischen Sektors der geteilten Stadt. Mehr als die Hälfte der Bunker und Luftschutzstollen Berlins wurden im Rahmen der Entmilitarisierung durch die Alliierten bis 1948 abgebaut oder gesprengt.
Die Zivilbevölkerung reagierte mit Unverständnis: Schließlich gehörten die Bunker in manchen Stadtteilen zu den wenigen noch intakten kommunalen Bauwerken. In den ersten Nachkriegsmonaten fanden in ihnen ausgebombte Familien, Kriegsheimkehrer, Flüchtlinge und Kälteopfer einen Unterschlupf. Für die Beseitigung der Stahlbetongiganten waren Tonnen an Sprengstoff nötig. Manche hielten stand, wurden kurzerhand zugeschüttet oder erhielten eine zivile Funktion als Notunterkunft oder als Lager für Lebensmittel. Auch der Bunker am Landreiterweg wurde kurzzeitig als Depot zwischengenutzt – und dann aufgegeben.
Weltkriegsbunker Landreiterweg: Lost Place in der Zeit des Kalten Kriegs
Mehrere Jahrzehnte lang fristete das in Beton gegossene Weltkriegsbollwerk im Süden Neuköllns in den Friedensjahren der Bonner Republik ein Schattendasein. Die Planspiele und Szenarien eines Dritten Weltkriegs, auf den sich die GIs mit Nato-Übungen im Grunewald und auf ihrem Trainingsgelände in Lichterfelde-Süd „Parks Range“ vorbereiteten, traten – zum Glück – nicht ein und so brauchte sich kein Berliner in der Frontstadt des Kalten Krieges in die Überreste des Buckower Bunkers flüchten, der mit den Jahren zu einer modernen Ruine verfiel.
In seinem Inneren bot sich ein Bild von Zerfall und Zerstörung, das dem verwaisten Weltkriegsbunker und seinen klaustrophobisch, engen und dunklen Gängen einen besonders beklemmenden Anstrich verlieh. Von den Wänden bröckelten Hinweise aus der Nazizeit: „Ruhe bewahren!“ und „Nicht rauchen!“ war dort zu lesen. Im Inneren griff Nässe die verbliebenen Bunkereinbauten an, deren Teile mit der Zeit vermoderten. Am Boden des Bunkers sammelte sich Schutt, Dreck und Brackwasser und durch die verbliebenen Metallteile fraß sich der Rost. Ablagerungen eindringender Nässe hing wie Stalaktiten von der Decke in das Bunkerinnere.
Weltkriegsbunker Landreiterweg: Bunkerbau musste Villen weichen
Der Bunker verblieb als Lost Place bis in die 2000er-Jahre im Besitz des Bundes, bis sich Anfang 2003 auf dem Buckower Grundstück endlich etwas tat. Erneut rollte schweres Gerät auf das Gelände: Dieses Mal mit dem Auftrag, die steingewordenen Relikte des Weltkriegs im Süden Neuköllns zu zertrümmern. In wochenlanger Arbeit stemmten sich mit hydraulischen Meißeln und Abbruchhammern ausgerüstete Maschinen durch den stahlarmierten Beton des im Boden versenkten Weltkriegsrelikts; der Schutt wurde abgetragen, die Grundfläche, auf der der Bunker stand, für ein Neubauprojekt vorbereitet.
Das Planungsziel des Bezirks, das ehemalige Bunkergrundstück als Fläche für Gemeinbedarf aufzubereiten, wurde aufgegeben. Stattdessen wurde das Areal parzelliert und als Grundstücke für die Bebauung mit Einfamilienhäusern freigegeben und vermarktet. Bis 2005 wurde die nördliche Fläche am Landreiterweg 14A mit einem zweigeschossigen Einfamilienhaus bebaut; bis 2011 auf dem südlichen Teil des Grundstücks am Landreiterweg 14 eine mehrgeschossige Villa errichtet. Hinweise – geschweige denn Spuren – der Geschichte des Bunkergrundstücks haben sich vor Ort nicht erhalten.
- Übersicht: Alle Artikel zu Lost Places in Deutschland
- Moderne Ruinen: Diese Strafen drohen bei Hausfriedensbruch
- Wintermoor: In dieser Ruine spielten sich schauerliche Szenen ab
- Papierfabrik Hermes: Lebensgefährliche Ruine wurde zum Tatort
- Olympiapark München: Dieser Geisterbahnhof ist ein Abenteurer-Magnet



