Werbefreie Zone mit stabilen Preisen, solange der Vorrat reichte – und nach der Wende Brachland. Kaum jemand interessierte sich noch für die alte DDR-Halle, die am Rande des Plattenbauviertels Marzahn-Nord an der Eichhorster Straße vor sich hindämmerte, seit sich der Nachnutzer – eine westdeutsche Lebensmittelkette – in den 2000er-Jahren aus der Bewirtschaftung zurückgezogen hatte. Die Konsumhalle, die Jahrzehnte lang dabei geholfen hatte, die Versorgung der Nachbarschaft mit Lebensmitteln zu decken, versprach kaum noch Rendite abzuwerfen. In den folgenden Jahren rottete sie als eine der vielen Problemimmobilien Berlins vor sich hin. Alle Infos zu dem ehemaligen Lost Place.

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Das sind die Fakten zur Kaufhalle Eichhorster Straße im Überblick:

  • Adresse: Eichhorster Straße 14, Ecke Rosenbecker Straße, 12689 Berlin-Marzahn
  • Geschichte: Die Konsum-Kaufhalle entstand im Zuge des Baus des Wohnviertels Mitte der 1980er-Jahre, das Kaufhallengebäude erfuhr nach der Wende eine Nachnutzung durch eine westdeutsche Supermarktkette; im Frühjahr 2008 schloss die Kaufhalle, danach Leerstand und Verfall
  • Führungen: Keine
  • Denkmalschutz: Nein
  • Status: Ehemaliger Lost Place

Wo lag die Konsum-Kaufhalle genau?

Die Konsum-Kaufhalle lag an der Adresse Eichhorster Straße 14, Ecke Rosenbecker Straße im Ortsteil Marzahn des Bezirks Marzahn-Hellersdorf. Die Google-Koordinaten (Open-Location-Code) für das Objekt lauten: HHCC+FJ Berlin. Das Grundstück kann mit öffentlichen Verkehrsmitteln am besten mit den Buslinien 197 und N97 (Haltestelle Flämingstraße) erreicht werden. Von der Bushaltestation ist es ein rund fünfminütiger Fußweg entlang der Eichhorster Straße bis zu dem Grundstück. Alternativ kann auch der S-Bahnhof Ahrensfelde (S7) genutzt werden, von dem aus man rund sechs Minuten zu Fuß benötigt. Achtung: Es handelt sich um Privatbesitz. Vor Ort haben sich keine Spuren der alten Kaufhalle erhalten.

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Das sind die wichtigsten Etappen der Geschichte der Konsum-Kaufhalle Eichhorster Straße:

Ausgangslage: Propagandaschlacht am deutsch-deutschen Tiefkühlregal

Kaufhalle Wintergartenstrasse Leipzig
Die Kaufhalle mit Selbstbedienung war die sozialistische Antwort auf den Supermarkt des Westens. Aufnahme aus Leipzig, 1981© picture-alliance / akg-images | akg-images

Während viele Westdeutsche in der Wirtschaftswunderzeit Anfang der 1950er-Jahre beim Einkauf bereits wieder die Qual der Wahl zwischen den Produkten hatten, mussten sich ihre ostdeutschen Verwandten in einer Mangelwirtschaft zurechtfinden. Hinter dem Eisernen Vorhang beobachtete die DDR-Führung die Entwicklung an westdeutschen Fleisch- und Käsetheken aufmerksam. Bereits mit dem Beginn des Kalten Krieges war die Versorgungslage der Bevölkerung als einer der Propagandaschlachtfelder der Blockkonfrontation erkannt worden. Jetzt begann der selbsterklärte Arbeiter- und Bauernstaat mit der Aufholjagd an der Kühltruhe.

In der DDR waren es vor allem zwei Einzelhandelsorganisationen, die das Land von Mecklenburg-Vorpommern bis Thüringen mit Filialen überzogen: Die 1948 gegründete Handelsorganisation (HO) und das in der Kaiserzeit gegründete, genossenschaftlich organisierte Konsum. Vereint im Mangel lieferten sich die beiden Handelsketten zwar keine Preisschlachten wie ihre westdeutschen Pendants, die einzelnen Niederlassungen konnten sich aber stark voneinander unterscheiden. Seit Anfang der 1960er-Jahre experimentierten beide Versorger mit Selbstbedienungskonzepten in größeren Kaufhallen – die sozialistische Antwort auf den Supermarkt des Westens. Eine der DDR-Einkaufshallen: Die in den 1980er-Jahren eröffnete Konsum-Kaufhalle an der Eichhorster Straße in Marzahn-Nord.

Konsumgenossenschaft Berlin: KGB stieß im Westen auf Misstrauen

Konsum-Genossenschaft
Seit 1914 war das denkmalgeschützte Haus in der Josef-Orlopp-Straße 32 in Lichtenberg das Sitz der Konsumgenossenschaft Berlin und Umgegend eG.© picture-alliance / ZB | Jens Kalaene

Als die Konsumgenossenschaft Berlin in den 1950er-Jahren in die Planwirtschaft der DDR eingegliedert wurde, blickte sie auf eine lange Geschichte zurück: Die ersten Einkaufsgenossenschaften waren nach englischem Vorbild in den 1860er-Jahren in Berlin entstanden und hatten sich in den 1890er-Jahren zu gemeinschaftlichen Genossenschaften zusammengeschlossen. 1899 war die Konsumgenossenschaft Berlin und Umgegend (KGB) mit Sitz in Lichtenberg gegründet worden, der 1908 bereits mehr als 10.000 Mitglieder angehörten.

In der NS-Zeit waren die Konsum-Genossenschaften als marxistische Unterwanderung verfolgt und der Berliner Zweig 1935 aufgelöst worden. Erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ermöglichte der Befehl Nr. 176 der sowjetischen Militäradministration die Wiederaufnahme der Verbrauchsgenossenschaft. Im kriegszerstörten Berlin halfen die provisorisch zusammengezimmerten Konsum-Verkaufsstellen der Lebensmittelknappheit in der Bevölkerung Herr zu werden – doch im Westen blickte man spätestens nach der Berlin Blockade 1948/1949 und der Gründung der DDR mit Argwohn auf die KGB, deren wenige Westberliner Mitglieder polizeilich überwacht wurden.

Konsumgenossenschaft Berlin: Jedes Kind wusste den Weg zum nächsten Konsum

Konsum Verkaufsstelle in Brandenburg 1989
Den Weg zum nächsten Konsum wusste in der DDR jedes Kind: Kaufhalle in Brandenburg. Foto, 1989© picture alliance / SZ Photo | MAZ/Bruno Wernitz

Im Osten wurden die Konsum-Filialen und Kaufhallen zum vertrauten Anblick: Jedes Kind in der DDR kannte den Weg zum nächsten Konsum. Rund 30 Prozent des DDR-Einzelhandelsumsatzes erfolgte in Konsum-Niederlassungen. Ende 1989 zählte die Berliner Konsumgenossenschaft rund 280.000 Mitglieder.

Sie war eine der größten Handelsgenossenschaften der Welt, beschäftigte 14.000 Mitglieder, unterhielt 785 Verkaufsstellen, 62 Kaufhallen in ganz Ostberlin, 11 Kaufhäuser und 79 Clubgaststätten, ein Hotel und zwei eigene Produktionsbetriebe. Hatte man noch bis Ende der 1950er-Jahre Lebensmittelkarten benötigt, um im örtlichen Konsum einzukaufen, setzte die Berliner Konsumgenossenschaft in den 1960er-Jahren vermehrt auf Selbstbedienung in größeren Kaufhallen.

Kaufhalle Eichhorster Straße: So war die Konsum-Filiale aufgebaut

Konsum
Industrieschornstein und Handsichel bilden ein K: das markante Markenzeichen der ehemaligen DDR-Handelskette Konsum.© picture alliance / zb | Jens Wolf

Die Kaufhalle an der Eichhorster Straße in Marzahn-Nord entstand mit dem Bau des Wohnviertels Mitte der 1980er-Jahre auf einem knapp 6000 Quadratmeter großen Eckgrundstück an der Rosenbecker Straße. Es handelte sich um einen typischen eingeschossigen Hallenflachbau in Leichtmetallbauweise aus Fertigteilstützen, Fertigteilriegel und Fertigteildeckenplatten zusammengebaut. Charakteristisch war die trapezförmige Spannbetondachkonstruktion: Ein zickzackförmiges Dach, das im Fachjargon VT-Falte genannt wird.

Am überdachten Eingangsbereich mit Vorplatz im Nordwesten wies das rote Konsum-Logo – ein Industrieschornstein und eine Handsichel bildeten ein großgeschriebenes K – den Verbrauchern den Weg. Westlich der Markthalle, die eine Grundfläche von gut 3000 Quadratmeter einnahm, befanden sich Kundenparkplätze, auf der südlichen Seite der Anlieferungsbereich. Im Nordwesten der Halle lag vor dem überdachten Eingangsbereich ein gepflasterter Vorplatz.

Kaufhalle Eichhorster Straße: Spartanische Sachlichkeit im Inneren

Im Inneren herrschte bis auf die leicht größere Dimensionierung der mit Halogenlampen beleuchteten eingeschossigen Kaufhalle die gleiche spartanische Sachlichkeit wie in anderen Kaufhallen der Republik: Gesellschaftspolitische Parolen statt aufmerksamkeitsheischender Reklame, schlichte Präsentation, in Regalen aufgestapelte Grundnahrungsmittel und Konsumgüter, Kühltruhen an den Gängen zur Selbstbedienung und einzelne Verkaufsstände mit Bedienung für Fleisch, Fisch und Käse.

Preise vergleichen konnte man sich sparen. Die Festsetzung des Einzelhandelsverkaufspreises (EVP) erfolgte unter staatlicher Aufsicht durch das Amt für Preise beim Ministerrat. Lange Zeit kostete das Brötchen staatlich verordnet genau fünf Pfennig, ein Kilogramm Schnitzel zehn Mark und eine Schokoladentafel Bambina zwei Mark. Die Löhne waren allerdings auch viel niedriger: 1980 lag der Durchschnittslohn bei 1021 Ostmark. Außer den bekannten Ostmarken – Wernesgrüner, Vita Cola, Nudossi, Spee & Co. – bezog die Kaufhalle auch Frischwaren aus dem Umland.

Kaufhalle Eichhorster Straße: Westware nach der Wiedervereinigung

Handel in DDR nach Einführung der D-Mark 1990
Juli 1990: Am ersten Tag nach Einführung der Deutschen Mark werden in den Konsum-Supermärkten die Regale von Beschäftigten mit Westwaren aufgefüllt.© picture alliance / Peter Kneffel | Peter Kneffel

Jahrelang versorgte die Kaufhalle an der Eichhorster Straße Tausende Menschen in ihrem Einzugsgebiet in Marzahn-Nord mit Ostwaren, bevor das Sortiment mit der Einführung der Wirtschaftsunion am 2. Juli 1990 – quasi über Nacht – rasant erweitert werden konnte. Jetzt fanden die lange Zeit herbeigesehnten Westwaren Einzug in die Regale ostdeutscher Kaufhallen. DDR-Produkte wollte kaum noch jemand haben: In Ostberlin vernichteten Molkereien massenweise Butter, Quark und Milch, Bauern ihre Ernten und Schweinezüchter töteten ihre Tiere.

Mit der Wiedervereinigung hatten sich die Bedingungen auch für die KGB dramatisch verändert. Angesichts des Konkurrenzdrucks musste sich Konsum Berlin von zahlreichen seiner Verkaufsstellen trennen und entließ Tausende Mitarbeiter. Am Ende sah sich die Genossenschaft gezwungen, sich gänzlich aus dem Einzelhandelsgeschäft zurückzuziehen und schloss im September 1992 ihre letzte Verkaufsstelle. Künftiges Hauptgeschäftsfeld der Genossenschaft blieb die Verwaltung ihrer Immobilien. Viele ihrer Kaufhallen wurden von Lebensmittelriesen wie Aldi, Netto, Kaisers & Co. als Supermärkte weiterbetrieben.

Kaufhalle Eichhorster Straße: 2008 schloss der Markt für immer

Plattenabriss in Marzahn
Plattenabriss in Marzahn im Zuge des Stadtumbaus „Ahrensfelder Terrassen“: Ein Abrissbagger steht auf einer Schutthalde vor dem Hochhaus in der Rosenbecker Straße in Berlin-Marzahn. Nach dem Rückbau wird aus dem Elfgeschosser ein niedriger Riegel mit 38 Eigentumswohnungen. In der Nachwendezeit hatte das Quartier mit Leerstand zu kämpfen.© picture-alliance / ZB | Bernd Settnik

Auch an der Eichhorster Straße wurde das Konsum-Logo abgenommen, der Schriftzug am Flachdach änderten sich, Sortiment und Kassensystem wurde umgestellt und die Besucher genossen ab jetzt die Beschallung mit Musik und Verbraucherinformationen beim Einkauf. Anfang der 1990er-Jahre war aus der alten Konsum-Kaufhalle zuerst eine Filiale der Berliner Supermarktkette Bolle und einige Jahre später ein Supermarkt der Extra-Handelskette geworden. Doch die Kaufkraft im einstigen DDR-Vorzeigeviertel, der größten Plattenbausiedlung des Landes, die die Wohnungsnot in Ostberlin lösen sollte, ging dramatisch zurück.

Immer mehr jüngere Anwohner kehrten dem Kiez im Nordosten Berlins den Rücken. Die umgebenden Plattenbauten rund um die Havemann-, Rosenbecker und Eichhorster Straße waren in der Nachwendezeit vor allem für ihren hohen Leerstand bekannt: bis zu 30 Prozent der Wohnungen waren verwaist. Umzugs-Lkws vor den Hochhäusern Typ WBS 70 gehören zum Alltagsbild. Anfang der 2000er-Jahre waren im Kiez rund 12.000 Wohnungen unbewohnt. Der Senat reagierte mit Abriss wie dem städtebaulich vielbeachteten Projekt „Ahrensfelder Terrassen“ bei dem Elfgeschosser mit der Abrissbirne auf eine Höhe von drei bis sechs Stockwerken zurechtgestutzt wurden und dafür die verbliebene Wohnungen großzügiger geschnitten und saniert wurden. Für den Extra-Markt an der Eichhorster Straße kamen alle Revitalisierungsmaßnahmen im Kiez zu spät. Im Frühjahr 2008 zog sich Extra von dem Standort zurück. Die alte DDR-Kaufhalle schloss für immer ihre Pforten.

Ex-Kaufhalle verwandelte sich in eine von Graffitti überzogene Lost-Place-Ruine

Seit der Stilllegung 2008 fiel die Ex-Kaufhalle in einen jahrelangen Dornröschenschlaf. Während die Gebäude ringsum Stück für Stück saniert wurden, verfiel die Ex-Kaufhalle langsam vor aller Augen zu einer modernen Ruine. Die Fassaden und Schaufenster wurden mit Plakaten beklebt und großflächig mit Graffiti beschmiert. Auf dem Parkplatz und am Vorplatz brachen wildwuchernde Pflanzen und Sträucher durch den Asphalt und rankten schließlich an den rostzerfressenden Stahlträgern der Halle empor.

Nach Jahren des Leerstandes verströmte die DDR-Halle den Charme einer modernen Industrieruine. Auch im Inneren erinnerte nichts mehr an die aufgeräumte Geschäftigkeit früherer Tage: In der verwaisten Ex-Kaufhalle legte sich Schicht für Schicht Staub auf die einst blankpolierten Verkaufsflächen. Immer deutlicher zeigten sich am Gebäude die augenfälligen Spuren von Verfall und Vandalismus – während sich Anwohner, Initiativen und der Bezirk darum stritten, wie mit der verfallenen Immobilie weiter umzugehen sei.

Immerhin: 2012 nutzte ein niederländisches Unternehmen das Flachdach der brachliegenden Kaufhalle und pflasterte die Fläche mit Reihen von Solarpanelen – eine clevere Zwischennutzung, um den Lost Place zumindest zur Stromgewinnung zu nutzen. Doch es war klar, es würde mehr benötigen, um das verfallene Kaufhallengrundstück wiederzubeleben, das von vielen Anwohnern inzwischen als Schandfleck angesehen wurde.

„Eichhorst14“: Investor lässt die Kaufhallenruine für Neubauprojekt abreißen

In der 2015 vom Bezirksamt für den Bürgerhaushalt Marzahn-Hellersdorf gesammelten Vorschlagliste, für die Bürger und Bürgerinnen des Quartiers Ausgabe- und Sparvorschläge einreichten, wurde angeregt, die leerstehende Ex-Kaufhalle zugunsten des Anlegens einer kommunalen Grünfläche abzureißen. Unterdessen hatte sich allerdings ein Investor für das Grundstück gefunden, der ein anderes Konzept verfolgte.

Mitte der 2010er-Jahre wurde die Immobilie von der Berliner Cesa-Unternehmensgruppe mit dem Ziel übernommen, einen Wohnkomplex auf dem Eckgrundstück zu errichten. Ende 2016 näherten sich Abrissbagger dem Areal und machten in wenigen Wochen kurzen Prozess mit der seit Jahren leerstehenden DDR-Halle. Die Trümmer der Kaufhalle wurden abtransportiert, die Baufläche planiert und für das Bauvorhaben vorbereitet.

„Eichhorst14“: 2021 wurde das Wohngebäude fertiggestellt

Auf dem Kaufhallengrundstück plante die Cesa unter dem Projektnamen „Eichhorst 14“ ein sechsgeschossiges Gebäude plus einem Staffelgeschoss; 186 Eigentumswohnungen mit ein bis vier Zimmern und Grundflächen zwischen 40 und 120 Quadratmetern, Echtholzparkett, Fußbodenheizung sollten in dem u-förmigen Gebäudeblock entstehen. Im Rahmen des Bauprojekts wurde ein grüner Innenhof mit Spielplatz, Fahrstühle und eine Tiefgarage samt Abstellfläche für Fahrräder eingeplant, in der jede Mietpartei einen Stellplatz bekommen sollte.

Im Frühjahr 2019 begannen die Bauarbeiten. Nach knapp zwei Jahren Bauzeit konnte das Projekt 2021 abgeschlossen werden und die ersten Mieter in das Objekt einziehen. Heute erinnert vor Ort nichts mehr an die ehemalige DDR-Kaufhalle, die hier seit den 2000er-Jahren lange Zeit vor sich hin rottete und für die Kinder der Nachbarschaft zu einem gefährlichen Abenteuerspielplatz geworden war.