Sogar am Wahlsonntag kam Ulrich Siegmund auf einer Simson angerollt, um seine Stimme abzugeben. Es war der vorläufige Schlussakkord seines Wahlkampfs in Sachsen-Anhalt, der auch viel mit diesem Moped aus der DDR zu tun hatte. Die AfD hat das bildgewaltig zu einer Symbiose verschmolzen.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Der AfD-Spitzenkandidat auf der blauen Schwalbe, dieses Modell aus der Simson-Familie fährt er am liebsten. Solche Bilder waren ein Kern seiner Kampagne, es gab zig Ausfahrten mit „dem Ulli“. Es sollte wirken, als gehöre das alles den Rechten. Das Moped. Der Kult darum. Der Osten. So inszenieren es die AfD und ihr Umfeld jedenfalls. Das ist natürlich hemmungslos übertrieben. Die Partei hat die Simson, wie so vieles, geschickt gekapert.
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Die „Simme“, so wird sie liebevoll genannt, einst gebaut im VEB-Fahrzeugwerk „Ernst Thälmann“ in Suhl, ist nie von den Straßen verschwunden. Es gibt diverse Modelle, bunte Farben, von Saharagelb bis Billardgrün. Man kann gut selbst daran herumschrauben, auch deshalb ist sie beliebt. Etwa als praktisches Fortbewegungsmittel bei der Jugend, gerade auf Dörfern, wo selten ein Bus kommt.

Mit dem Moped wird auch Ost-Identität betont
In den vergangenen 15 Jahren hat sich ein neuer Kult entwickelt. Die nächste Generation holte die rostigen Mopeds der Eltern aus der Garage, machte sie wieder flott. Es entstand ein immer größerer Markt um gebrauchte Teile. Heute kann der Preis für ein gut gepflegtes Exemplar im höheren vierstelligen Bereich liegen.
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Für einen Teil der Fahrer sind Simsons nicht nur pflegeleichte Mopeds. Damit wird auch Ost-Identität betont. Mitunter verherrlicht, Ostalgie schwingt mit, das Gefühl von „Früher war alles besser“. Keine neue Erfindung, seit dem Ende der DDR gibt es solche Zerrbilder. Anteil daran haben viele, auch politische Akteure von rechts bis links. Die AfD, inzwischen Volkspartei im Osten, hat das früh in ihr Repertoire aufgenommen.

Das Verhältnis der Rechtsradikalen zur DDR ist widersprüchlich. Einerseits wird die Diktatur für die eigene Propaganda herangezogen, um zu behaupten, heute würden „diktaturähnliche“ Zustände wie damals herrschen. Auf der anderen Seite wird Ostalgie benutzt, um die DDR als heile Welt darzustellen. Ulrich Siegmund hat auf einer Wahlkampfveranstaltung mit Parteichef Tino Chrupalla und dem Kabarettisten Uwe Steimle die DDR-Hymne mitgesungen. Mit seiner Retro-Schwalbe vermittelt er ähnliche Bilder.
Björn Höcke als „Easy Rider“ auf einer Simson
Er war nicht der Erste in der AfD, der die Methode Simson entdeckt hat. Björn Höcke, der Thüringer AfD-Landeschef, erschien bereits vor einigen Jahren mit solchen Kampagnen. Es gab AfD-Plakate mit „Simson statt Lastenrad“. Die Partei erkannte schnell, dass so etwas Publikum anzieht. Höcke, der aus Westdeutschland stammt, ließ sich für Social Media auf einer Simson als „Easy Rider“ im Osten inszenieren. Siegmund hat diese Methode für seinen Wahlkampf ausgebaut. Auch Leif-Erik Holm, der AfD-Spitzenkandidat in Mecklenburg-Vorpommern, setzt das mit Simson-Ausfahrten fort.

Obwohl die Nachfahren der jüdischen Gründerfamilie Simson vehement gegen die Vereinnahmung der Marke protestieren. Das Simson-Werk wurde von zwei jüdischen Brüdern gegründet. In den 1930er-Jahren wurden sie von den Nationalsozialisten enteignet. In der DDR wurde aus dem Unternehmen ein Volkseigener Betrieb.
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Dennis Baum, über 80 Jahre alt, ist der Sprecher der Simson-Erbengemeinschaft. Er lebt in den USA, bekam dort mit, wie die AfD das Moped benutzt. „Wir empfinden jede Verbindung mit der AfD als abstoßend“, sagte er in einem Interview mit dem „Tagesspiegel“. In diesem Sommer kam Baum zu einem Demokratiefest nach Erfurt. In seiner Rede ging es erneut darum, wie schlimm er die Aneignung der Simson-Marke durch die AfD findet.

Protest-Petition: „Keine Simson für die AfD!“
Nicht alle sind rechts, die Simson fahren. Manche im Osten haben das Gefühl, das inzwischen betonen zu müssen – so wirkmächtig sind die Bilderfluten der AfD. Dabei ist auch der Protest gegen diese Inszenierungen größer geworden. Vor einigen Wochen wurde vom Zentrum Interkultureller Verständigung Dresden eine Online-Petition gestartet: „Keine Simson für die AfD!“ Zu den Erstunterzeichnern gehören Politiker von SPD und Grünen, Künstler und Aktivisten. Über 35.000 Unterschriften sind bisher zusammengekommen. Die AfD nutze den guten Ruf und die Bekanntheit, „um von den positiven Assoziationen mit der Marke zu profitieren“, heißt es.
In dem Schreiben wird auch ein Unternehmen aufgefordert, sich gegen die Vereinnahmung der Marke Simson zu wehren. Ein kompliziertes Kapitel: Nach der Wiedervereinigung wurde der Simson-VEB von der Treuhandanstalt abgewickelt, er landete bei einer Tochterfirma der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben. Inhaber der Simson-Markenrechte ist die Gewerbepark Simson GmbH.
Die Grünen werben mit Elektro-Schwalbe
Man lasse regelmäßig prüfen, ob Markenrechte verletzt werden, heißt es auf Anfrage von einer Sprecherin. In der Vergangenheit seien „Merchandising-Artikel mit politischem Bezug abgemahnt und damit aus dem Verkehr gezogen worden“. Politische Verwendungen „ohne gewerblichen Hintergrund im Zusammenhang mit Markenrechten“ seien nach Einschätzung des Unternehmens allerdings nicht justiziabel.

Auch Parteien in Ostdeutschland kämpfen um die Simson und die Deutungshoheit. Mit Initiativen versuchen Politiker von CDU, SPD bis hin zur Linken, sich für das „Kulturgut“ zu engagieren. Auch im Wahlkampf der Grünen in Sachsen-Anhalt war eine Simson-Schwalbe zu sehen, grün, und dort natürlich als Elektro-Modell.













