Als der neue Landtag von Sachsen-Anhalt am 6. Oktober zu seiner ersten Sitzung zusammenkam, war fast die Hälfte (47 Prozent) der Sitze blau. Ein ähnliches Bild wird demnächst der Landtag von Mecklenburg-Vorpommern bieten (45,1 Prozent der Sitze), und auch im neuen Berliner Abgeordnetenhaus hat die AfD einen deutlich größeren Einfluss mit fast doppelt so vielen Sitzen (18,4 Prozent) als zuvor.

Die AfD sitzt nun in Rekordstärke in den deutschen Landesparlamenten: Rechnet man bundesweit alle Sitze der 16 Parlamente zusammen, dann sind heute 19,2 Prozent der Sitze in AfD-Hand (360 von 1875). Als die AfD im August 2014 nach der Sachsen-Wahl erstmals in einen Landtag einzog, waren es noch 0,8 Prozent.

AfD-Sitze: Je rechter die Partei, desto mehr

Die interaktive Grafik zeigt, wie immer neue blaue Sitze mit Wahlen hinzu kamen - bildet aber auch Parteiaustritte in der Zwischenzeit ab. Dazu haben wir den jeweiligen Stand der AfD-Mitgliedschaften der Abgeordneten sowie die Gesamtzahl der Sitze zum Jahresende und zur Jahresmitte ermittelt. Mit Zeitregler können sie die Zeitpunkte gezielt ansteuern. Oder lassen Sie die Entwicklung per Play-Button abspielen. Hinter den steigenden Zahlen steht die Geschichte einer Radikalisierung.

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Ein Thema mit „alternativen“ Positionen klar besetzen, mit Protest-Attitüde gegen die Regierungspolitik ins Umfragehoch - und durch einen innerparteilichen Machtkampf wieder abwärts in der Wählergunst. So verliefen die Konjunkturzyklen der AfD in den ersten Jahren. Am Ende jeder Phase ist die Partei stets weiter nach rechts gerückt. Seit 2019 hat sie ihren Kurs gefunden, den das völkische Lager bestimmt. Ein organisiertes Gegengewicht dazu ist aus der Partei verschwunden.

Blaue Welle auch in den Westen geschwappt

Ihre Radikalisierung und die Beobachtung durch den Verfassungsschutz schrecken einen wachsenden Teil ihrer Wählerschaft offenbar nicht mehr ab. Lange sah es so aus, als würde sich die AfD so zu einer Ostpartei entwickeln. Doch die blaue Welle ist auch in den Westen geschwappt. Im Frühjahr 2026 konnte sie bei Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz ihre Sitze in beiden Landtagen vervielfachen.

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Abgehängt? Arbeiten im Osten
Jung & Ost
 

Die zentrale Spannung verläuft inzwischen weniger innerhalb der Partei als zwischen ihrem steigenden Wähleranteil in beiden Teilen des Landes und ihrer anhaltenden politischen Isolation: Die AfD beansprucht Regierungsverantwortung, findet bislang aber keinen Koalitionspartner. Und beinahe hätte es in Sachsen-Anhalt so ausgesehen, als würde sie keinen Partner mehr brauchen. Eine absolute Mehrheit verpasste die AfD nur knapp.

Die Grafik zeigt die Entwicklung der Sitzanteile in den fünf Phasen der bisherigen AfD-Geschichte. Die folgende Chronologie zeigt, was hinter den Phasen steckt.

1 | Lucke-Phase – Februar 2013 bis Juli 2015

Rechtsliberale Euroskeptiker: Die AfD startet als Anti-Euro-Partei - begleitet von einem Mix aus marktliberalen Positionen und restriktiveren Tönen in der Migrationspolitik. Sie bindet Protestwähler an sich und wird bereits in dieser Phase rechts von CDU/CSU verortet.

6. Februar 2013
Gründung der AfD
Im Gemeindesaal der Christuskirche im hessischen Oberursel treffen sich 18 Männer und gründen die „Alternative für Deutschland“. Der Parteiname stammt noch aus dem Vorläufer-Verein „Wahlalternative 2013“ und bezieht sich auf die Äußerung von Bundeskanzlerin Angela Merkel, dass die Euro-Rettung „alternativlos“ sei.

13. April 2013
Erster Parteitag
Zwei Monate nach der eigentlichen Gründung in Oberursel werden auf dem medienwirksamen Berliner „Gründungsparteitag“ Bernd Lucke, Konrad Adam und Frauke Petry zum Chef-Trio der AfD gewählt - und ein Programm für die bevorstehende Bundestagswahl beschlossen. Das bestimmende Thema: der Ausstieg aus dem Euro. Volkswirtschaftsprofessor Lucke wird das Gesicht der Anti-Euro-Partei.

Gründungsparteitag der Alternative für Deutschland
Erste AfD-Sprecher sind alle nicht mehr dabei: Konrad Adam (v-l), Frauke Petry und Bernd Lucke auf dem Gründungsparteitag© picture alliance / dpa | Marc Tirl

22. September 2013
AfD verfehlt knapp Einzug in den Bundestag
Die AfD tritt erstmals zur Bundestagswahl und zur am selben Tag stattfindenden Landtagswahl in Hessen an. Den Einzug in die Parlamente verfehlt sie nur knapp mit 4,7 Prozent (Bundestag) und 4,1 Prozent (Hessen). Auf eine Kandidatur bei der bayerischen Landtagswahl hatte die Partei eine Woche zuvor noch verzichtet. Trotz des Scheiterns an der Fünf-Prozent-Hürde ist das Abschneiden bei der Bundestagswahl ein historischer Erfolg: Es ist das beste Ergebnis einer erst neu gegründeten Partei seit 60 Jahren.

25. Mai 2014
Triumph bei Europawahl - AfD erstmals im Parlament
Die AfD schafft zum ersten Mal bei Wahlen den Sprung in ein Parlament: Mit einem Ergebnis von 7,1 Prozent kann sie nach der Europawahl sieben Abgeordnete nach Brüssel entsenden. Zum Ende der Legislaturperiode - fünf Jahre später - wird nur noch ein Europa-Abgeordneter AfD-Mitglied sein: der spätere Co-Parteichef Jörg Meuthen. Zeitgleich zur EU-Wahl finden in zehn Bundesländern Kommunalwahlen statt - und viele AfD-Kandidaten verankern sich in den Gemeinden.

31. August 2014
Erfolge im Osten - AfD erobert ersten Landtag
Die AfD fasst Fuß in der Landespolitik: Bei der Landtagswahl in Sachsen bekommt die Partei jede zehnte Stimme (9,7 Prozent). Zwei Wochen später wird sie mit 10,6 Prozent in den Thüringer Landtag gewählt - und mit 12,2 Prozent in den Brandenburger. Die AfD ist schon 2014 keine Ein-Themen-Partei mehr, insbesondere im Osten punktet sie auch mit einer restriktiven Einwanderungspolitik.

12. Januar 2015
Pegida auf dem Höhepunkt
Rund 25.000 Demonstranten versammeln sich in Dresden bei der bis heute größten Kundgebung der islamfeindlichen Pegida-Bewegung. Die AfD ist uneinig über ihr Verhältnis zu Pegida und deren Zielen, ein Richtungsstreit innerhalb der AfD hat längst begonnen.

14. März 2015
„Erfurter Resolution“ fordert Kurs nach rechts
Mit der „Erfurter Resolution“ versuchen AfD-Mitglieder um Björn Höcke (Thüringen) und André Poggenburg (Sachsen-Anhalt), die Partei gegen ihren Gründer und Chef Bernd Lucke auf einen rechtskonservativen, nationalistischen Kurs zu bringen. Die rechte Gruppierung nennt sich „Der Flügel“, das Pamphlet gilt heute als seine Gründungsurkunde. Nur elf Tage später haben schon 1600 Parteimitglieder die Resolution unterzeichnet. Als einer der ersten ist auch Alexander Gauland dabei.

Landesparteitag AfD Thüringen
Kurs nach ganz rechts: Der Thüringer Fraktionschef Björn Höcke (l.) und Sachsen-Anhalts AfD-Landeschef André Poggenburg mit der Gründungsurkunde des „Flügel“© picture alliance / dpa | Michael Reichel

2 | Petry-Phase – Juli 2015 bis April 2017

Erster Rechtsruck: Nach der Abspaltung des wirtschaftsliberalen Flügels schlägt die Partei einen deutlichen Kurs nach rechts ein. Mit der Flüchtlingskrise von 2015 hat sie im Wesentlichen ein Thema: die Migration. Merkels „Wir schaffen das“ wirkt wie ein Turbo-Antrieb für die AfD.

4. Juli 2015
Petry gewinnt Duell gegen Lucke
Auf dem Parteitag in Essen kommt es zum Showdown zwischen dem nationalkonservativen über dem wirtschaftsliberalen Parteiflügel - zu einer Kampfabstimmung um den Vorsitz zwischen Frauke Petry und Bernd Lucke. Petry bekommt mit Unterstützung des rechten „Flügel“ fast zwei Drittel der Stimmen (60 Prozent), Lucke 38,1 Prozent. Eine Austrittswelle ist die Folge. Lucke gründet nur zwei Wochen später die Partei Allianz für Fortschritt und Aufbruch (ALFA). Mit der Abspaltung verliert die AfD zu dieser Zeit ein Fünftel der Mitglieder.

31. August 2015
Merkel: „Wir schaffen das“
„Wir haben so vieles geschafft - wir schaffen das!“, sagt Bundeskanzlerin Angela Merkel angesichts der Flüchtlingskrise vor Journalisten in Berlin. Im August kommen täglich fast 3500 Geflüchtete. Und es sollten wenig später bis zu 13.000 täglich werden. Als am 4. September Tausende von Ungarn über Österreich nach Deutschland unterwegs sind, entschließt sich Merkel, die Grenzen offen zu lassen und die Menschen aufzunehmen. Es ist ihre umstrittenste Entscheidung, die das Land spalten und für den größten Auftrieb bei der AfD sorgen wird.

Bundeskanzlerin Merkel besucht Flüchtlingsunterkunft
Selfie mit Geflüchtetem: Bundeskanzlerin Angela Merkel im September 2015 – ihre Asylpolitik sorgt für Auftrieb bei der AfD© picture alliance / dpa | Bernd von Jutrczenka

13. März 2016
Bis dahin höchstes Ergebnis bei Landtagswahlen
Die AfD erreicht als Anti-Merkel-Partei neue Höhen: Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt wählte sie jeder Vierte (24,3 Prozent). Der bis dahin größte AfD-Wahlerfolg sollte die erste Kenia-Koalition (CDU, SPD, Grüne) auf Landesebene zur Folge haben. Doch nicht nur in den neuen Bundesländern ist die AfD im Aufwind. Am selben Tag erzielt die Partei auch im Westen zweistellige Erfolge: bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg (15,1 Prozent) und Rheinland-Pfalz (12,6 Prozent).

4. September 2016
Erfolge in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin
Am 4. September überspringt die AfD bei den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern die 20-Prozent-Marke (20,8 Prozent) und wird damit hinter der SPD zweitstärkste Kraft. Auch bei der Berlin-Wahl - zwei Wochen später - kann die AfD mit 14,2 Prozent deutlich punkten. Das Berliner Abgeordnetenhaus ist damit das zehnte Landesparlament, in dem die Rechtspopulisten vertreten sind.

17. Januar 2017
Höcke: „Denkmal der Schande“
Bei einer Veranstaltung der Jungen Alternative in Dresden bezeichnet Thüringens AfD-Chef Björn Höcke das Berliner Holocaust-Mahnmal als „Denkmal der Schande“ und fordert eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“. Das sorgt international für Empörung - und führt auch parteiintern zu heftiger Kritik. Parteichefin Petry setzt daraufhin ein Partei-Ausschlussverfahren in Gang. Der damalige AfD-Vize Gauland nimmt Höcke dagegen in Schutz.

Berlin, Deutschland
Das Holocaust-Mahnmal in Berlin© picture alliance / pressefoto_korb | Micha Korb

23. April 2017
Parteichefin Petry beim Kölner Parteitag entmachtet
Die AfD kürt beim Bundesparteitag in Köln Alice Weidel und Partei-Vize Gauland als Spitzenkandidaten zur Bundestagswahl - mit zwei Drittel der Stimmen. Damit ist die Entmachtung von Parteichefin Petry besiegelt. Sie war im Vorfeld damit gescheitert, die Partei auf einen realpolitischen Kurs einzuschwören - mit dem Ziel, mitzuregieren. Nun geht es mit ihrem Widersacher Gauland weiter nach rechts.

3 | Gauland-Phase – April 2017 bis November 2019

Etablierung der „Völkischen“: Gauland steigt zur wichtigsten Leitfigur der Partei auf - auch dank des „Flügel“. Ohne die völkische Gruppierung um Höcke geht nichts mehr. Parteichef Gauland lässt die Zügel meist locker, greift nur ein, wenn er muss. Doch auch er kann nicht verhindern, dass harte Flügelkämpfe wieder aufbrechen.

24. September 2017
AfD wird drittstärkste Kraft bei Bundestagswahl
Erstmals seit den 50er-Jahren zieht eine Partei rechts von CDU/CSU in den Bundestag ein. Laut einer Umfrage von Infratest-Dimap war Migration bei der Wahl das wichtigste Thema der Deutschen. Die AfD wird mit 12,6 Prozent die drittstärkste Kraft. Nur einen Tag danach kündigt Noch-Parteichefin Petry an, der Fraktion nicht angehören zu wollen - und tritt wenig später aus der AfD aus. AfD-Strippenzieher Gauland wird später, im Dezember, auch offiziell Partei-Chef, neben Meuthen.

AfD Wahlparty, Gauland, Weidel, Meuthen
Erstmals im Bundestag: die AfD-Spitzenkandidaten Alexander Gauland und Alice Weidel und AfD-Co-Chef Jörg Meuthen (v.l.), auf der Wahlparty© picture alliance / IPON | Stefan Boness

1. September 2018
Höcke marschiert mit Neonazis in Chemnitz
Die AfD führt einen sogenannten „Schweigemarsch“ in Chemnitz an, ganz vorn dabei drei AfD-Landeschefs: Björn Höcke (Thüringen), Jörg Urban (Sachsen) und Andreas Kalbitz (Brandenburg). Alle sind heute zugleich die Spitzenkandidaten für die bevorstehenden Landtagswahlen 2019 im Osten. Sie marschieren zusammen mit der fremdenfeindlichen Pegida, der rechtsradikalen Vereinigung Pro Chemnitz sowie zahlreichen Neonazis. 

15. Januar 2019
Verfassungsschutz nimmt AfD öffentlich ins Visier
Nachdem Verfassungsschutz-Präsident Hans-Georg Maaßen in den einstweiligen Ruhestand versetzt wurde, bläst der AfD nun Gegenwind von der Behörde zu: Das Bundesamt für Verfassungsschutz erklärt die gesamte AfD zu einem „Prüffall“ und die innerparteiliche Bewegung um Höcke „Der Flügel“ sowie die Jugendorganisation Junge Alternative zu „Verdachtsfällen“. Die AfD wehrt sich gerichtlich mit Erfolg gegen die Bezeichnung „Prüffall“: Der Verfassungsschutz spricht seit März nicht mehr davon - prüft aber weiter.

26. Mai 2019
Europawahl: AfD stagniert im Westen - boomt aber im Osten
Die AfD schneidet bei der Europawahl insgesamt schlechter ab als erwartet. Mit 11 Prozent bleibt sie unter dem Ergebnis der Bundestagswahl. Das bestimmende Thema in der politischen Debatte ist nicht mehr die Migration, sondern seit den Schülerprotesten der „Fridays for Future“-Bewegung der Klimawandel. Doch während die AfD im Westen meist einstellig bleibt, ist sie in vielen Kreisen Ostdeutschlands stärkste Kraft. Drei Monate später wird sie ihr bundesweit bislang stärkstes Ergebnis bei Landtagswahlen holen.

1. September 2019
Rekordergebnisse in Sachsen und Brandenburg
Bei den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg wird die AfD jeweils zweitstärkste Kraft. In Sachsen erreicht sie 27,5 Prozent, in Brandenburg 23,5 Prozent. Acht Wochen später kommt die von Björn Höcke geführte AfD in Thüringen auf 23,4 Prozent. Der Abstand zwischen Ost und West verfestigt sich – und mit den Wahlerfolgen wächst der Einfluss des völkisch-nationalistischen Lagers.

4 | Meuthen-Phase – November 2019 bis Januar 2022

Der letzte Richtungsstreit: Unter der Doppelspitze Meuthen und Chrupalla entscheidet sich der Machtkampf um den Kurs der AfD. Meuthen scheitert mit dem Versuch, das völkische Lager einzuhegen. Chrupalla geht als Gewinner aus dem Konflikt hervor und wird zum Bindeglied zwischen Parteispitze und radikale Rechter.

30. November 2019
Chrupalla folgt auf Gauland
Alexander Gauland zieht sich auf dem Bundesparteitag in Braunschweig vom Parteivorsitz zurück. Zu seinem Nachfolger wählen die Delegierten den sächsischen Bundestagsabgeordneten Tino Chrupalla. Er war Gaulands Favorit und führt nun die Partei gemeinsam mit Jörg Meuthen. Im neuen Bundesvorstand ist der national-völkischen „Flügel“ nun stark vertreten, darunter Stephan Brandner und Andreas Kalbitz. Chrupalla wird keiner Strömung zugerechnet, aber vom „Flügel“ getragen.

5. Februar 2020
Ministerpräsidenten-Wahl in Thüringen: AfD-Stimmen verhelfen FDP-Mann ins Amt
Im Thüringer Landtag wird der FDP-Politiker Thomas Kemmerich mit Stimmen von CDU und AfD zum Ministerpräsidenten gewählt. Höckes Fraktion stimmt im entscheidenden Wahlgang geschlossen für Kemmerich statt für den eigenen Kandidaten. Nach bundesweiter Empörung kündigt Kemmerich bereits am folgenden Tag seinen Rücktritt an. Der Vorgang verschärft die Abgrenzung der übrigen Parteien gegenüber der AfD.

12. März 2020
Verfassungsschutz stuft den „Flügel“ als rechtsextremistisch ein
Das Bundesamt für Verfassungsschutz bewertet den Zusammenschluss um Höcke und Andreas Kalbitz als „erwiesen rechtsextremistische Bestrebung“. Die Parteiführung fordert den „Flügel“ daraufhin zur Auflösung auf. Ende April erklärt sich die Gruppierung formal für aufgelöst – ihr Netzwerk und ihr Einfluss innerhalb der Partei bleiben jedoch bestehen.

15. Mai 2020
Bundesvorstand wirft Rechtsaußen Kalbitz aus der Partei
Mit knapper Mehrheit erklärt der AfD-Bundesvorstand die Mitgliedschaft des Brandenburger Landes- und Fraktionschefs Andreas Kalbitz für nichtig. Ausschlaggebend sind verschwiegene frühere Verbindungen in die rechtsextreme Szene. Meuthen gewinnt damit eine Machtprobe gegen das Höcke-Lager – politisch isoliert ihn der Erfolg jedoch weiter.

28. November 2020
Meuthen stellt sich gegen die eigene Partei
Auf dem Parteitag in Kalkar warnt Meuthen vor aggressiver Sprache, Provokationen und einem zunehmend „revolutionären“ Auftreten. Teile der Delegierten reagieren mit lautstarkem Protest. Der Konflikt zeigt: Die vermeintlich gemäßigtere Parteiführung hat die Kontrolle über die politische Richtung weitgehend verloren. Zugleich fällt die AfD während der Corona-Pandemie in den Umfragen zurück.

26. September 2021
Verluste bei der Bundestagswahl – Stärke im Osten
Die AfD erreicht bei der Bundestagswahl 10,3 Prozent und verliert gegenüber 2017 rund ein Fünftel ihres Stimmenanteils. In Sachsen und Thüringen wird sie dennoch stärkste Kraft. Während sie im Westen deutlich verliert, bleibt ihr Rückhalt in ihren ostdeutschen Hochburgen weitgehend stabil. Mit dem Ende der Großen Koalition verliert sie zudem ihre Rolle als stärkste Oppositionsfraktion.

28. Januar 2022
Meuthen gibt auf und verlässt die AfD
Nach mehr als sechs Jahren an der Parteispitze tritt Jörg Meuthen aus. Teile der AfD stünden nicht auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung, begründet er seinen Schritt. Nach Lucke und Petry scheitert damit zum dritten Mal ein Vorsitzender im Machtkampf mit dem jeweils weiter rechts stehenden Lager. Anders als zuvor folgt zunächst keine größere Abspaltung.

5 | Weidel-Phase – Seit Januar 2022

Vom Krisenprotest zum Machtanspruch: Mit Meuthens Austritt gibt es an der Parteispitze kein organisiertes Gegengewicht zum früheren „Flügel“ mehr. Alice Weidel verbindet die innerparteiliche Macht der Völkischen mit einer kontrollierten Außendarstellung. Gemeinsam mit Tino Chrupalla führt sie die Partei, Höcke bleibt aber ihr ideologisches Zentrum. Energiepreise, Inflation, Ukrainekrieg, Migration und wirtschaftliche Abstiegsängste tragen die AfD auf neue Rekordwerte – zunehmend auch im Westen.

18. Juni 2022
Weidel und Chrupalla übernehmen gemeinsam die Partei
Der Bundesparteitag in Riesa wählt Alice Weidel neben Tino Chrupalla zur Vorsitzenden. Vertreter des früheren „Flügels“ dominieren Vorstand und Delegierte. Der jahrelange Richtungsstreit ist damit vorerst entschieden: Nicht die Radikalen verlassen die Partei, sondern ihre innerparteilichen Gegner.

Herbst 2022
Energiekrise durch Ukraine-Krieg gibt AfD Aufwind
Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine stellt sich die AfD gegen Waffenlieferungen und die Sanktionspolitik gegenüber Russland. Steigende Energiepreise und Inflation liefern ihr ein neues Protestthema. Bei der niedersächsischen Landtagswahl im Oktober erreicht sie 10,9 Prozent – fast doppelt so viel wie fünf Jahre zuvor. Der Aufschwung bleibt nicht mehr auf Ostdeutschland beschränkt.

25. Juni 2023
Erster AfD-Landrat
Robert Sesselmann gewinnt die Stichwahl im thüringischen Landkreis Sonneberg. Er ist der erste AfD-Politiker an der Spitze eines Landkreises. Eine Woche später wird Hannes Loth in Raguhn-Jeßnitz zum ersten hauptamtlichen AfD-Bürgermeister gewählt. Im ARD-Deutschland-Trend erreicht die Partei im Juli erstmals 20 Prozent.

10. Januar 2024
„Remigration“-Treffen löst Massenproteste aus
Das Recherchezentrum Correctiv berichtet über ein Treffen von AfD-Politikern, Rechtsextremen und Unternehmern in Potsdam. Diskutiert worden sei dort die „Remigration“ großer Gruppen von Menschen aus Deutschland – darunter auch deutsche Staatsbürger. In den folgenden Wochen demonstrieren bundesweit Millionen gegen Rechtsextremismus.

23. Mai 2024
Europäische Rechtsaußen-Parteien schließen die AfD aus
Kurz vor der Europawahl wird die AfD-Delegation aus der Rechtsaußen-Fraktion „Identität und Demokratie“ ausgeschlossen. Anlass sind eine Reihe von Affären um die Spitzenkandidaten Maximilian Krah und Petr Bystron sowie Äußerungen Krahs zur SS. Selbst dem französischen Rassemblement National gilt die AfD zu diesem Zeitpunkt als nicht mehr bündnisfähig.

9. Juni 2024
Bestes Ergebnis bei einer bundesweiten Wahl
Trotz der Affären erreicht die AfD bei der Europawahl 15,9 Prozent und wird zweitstärkste Kraft. Gegenüber 2019 gewinnt sie fast fünf Prozentpunkte. Die Proteste nach dem Potsdamer Treffen und die Skandale um ihre Kandidaten haben den Aufstieg gebremst, aber nicht beendet.

1. und 22. September 2024
AfD wird erstmals stärkste Kraft
In Thüringen gewinnt die Höcke-AfD mit 32,8 Prozent erstmals eine Landtagswahl. In Sachsen erreicht sie 30,6 Prozent, in Brandenburg drei Wochen später 29,2 Prozent. Obwohl sie in keinem Land einen Koalitionspartner findet, verfügt sie in Thüringen und Brandenburg über mehr als ein Drittel der Mandate und kann damit bestimmte Entscheidungen blockieren.

11. Januar 2025
Weidel wird Kanzlerkandidatin
Erstmals nominiert die AfD eine Kanzlerkandidatin. Auf dem Parteitag in Riesa inszeniert Alice Weidel die Partei nicht mehr nur als Protest- und Oppositionskraft, sondern als Anwärterin auf die Regierung. Den lange gemiedenen Begriff „Remigration“ übernimmt sie ausdrücklich in ihre Rede.

29. Januar 2025
Erste Bundestagsmehrheit mit AfD-Stimmen
Ein Entschließungsantrag von CDU/CSU zur Migration erhält mit den Stimmen der AfD eine knappe Mehrheit. Es ist das erste Mal, dass die Union im Bundestag wissentlich eine Mehrheit in Kauf nimmt, die von der AfD abhängt. Zwei Tage später scheitert allerdings das von CDU und CSU eingebrachte „Zustrombegrenzungsgesetz“.

23. Februar 2025
AfD verdoppelt ihr Bundestagswahlergebnis
Mit 20,8 Prozent wird die AfD zweitstärkste Kraft. Sie gewinnt 152 Mandate und liegt erstmals vor SPD und Grünen. Besonders stark wächst sie nun auch in den westdeutschen Bundesländern: Die 2019 noch erkennbare Entwicklung zur reinen Ostpartei ist damit beendet – zumindest vorläufig.

2. Mai 2025
Verfassungsschutz stuft die Gesamtpartei hoch
Das Bundesamt für Verfassungsschutz gibt bekannt, die gesamte AfD nun als „gesichert rechtsextremistische Bestrebung“ einzustufen. Die Partei klagt. Im Februar 2026 entscheidet das Verwaltungsgericht Köln im Eilverfahren, dass der Verfassungsschutz die Einstufung bis zum Abschluss des Hauptsacheverfahrens vorläufig nicht verwenden und die AfD nicht entsprechend behandeln darf.

8. und 22. März 2026
Die AfD etabliert sich auch im Südwesten
Bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz erzielt die AfD 18,8 beziehungsweise 19,5 Prozent. In beiden Ländern verdoppelt sie ihren Stimmenanteil annähernd. Damit wird sichtbar, was sich bereits bei der Bundestagswahl angedeutet hatte: Die Partei bleibt im Osten mit Abstand stärker, hat ihre frühere Begrenzung auf eine ostdeutsch geprägte Protestpartei aber überwunden.

7. Mai 2026
AfD liegt erstmals vor der Union
Im ARD-DeutschlandTrend erreicht die AfD 27 Prozent und liegt erstmals allein vor CDU und CSU. Aus der Partei, die 2013 knapp am Bundestag scheiterte, ist in dieser Momentaufnahme die stärkste politische Kraft Deutschlands geworden. Anders als bei früheren Umfragehochs folgt darauf zunächst weder ein offener Führungsstreit noch ein deutlicher Einbruch.

4. und 5. Juli 2026
Parteitag bekräftigt den Anspruch auf Regierungsverantwortung
Alice Weidel und Tino Chrupalla werden in Erfurt als Parteivorsitzende bestätigt. Weidel verbessert ihr Ergebnis, Chrupalla verliert Zustimmung. Beobachter sehen eine weitere Verschiebung der Macht zugunsten Weidels. Beide erklären die Regierungsbeteiligung zum nächsten Ziel – zunächst bei den Landtagswahlen, später auch im Bund.

Political Parties Convene Day After Saxony-Anhalt Elections
AfD-Chefs Tino Chrupalla and Alice Weidel: Beide bekräftigen Machtanspruch© Getty Images | Sean Gallup

6. September 2026
AfD holt Rekordergebnis bei Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
Die AfD hat die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt deutlich gewonnen. Laut dem vorläufigen Endergebnis kommt sie auf 43,8 Prozent der Stimmen. Damit hat sie ihr Ergebnis im Vergleich zur vergangenen Wahl im Jahr 2021 mehr als verdoppelt und erreicht den besten Wert bei einer Landtagswahl überhaupt.

20. September 2026
Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin geben AfD weiter Auftrieb
Die AfD wird bei Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern mit 38,2 Prozent stärkste Kraft vor der SPD, während ihr erklärter Gegner - die CDU - erstmals aus einem deutschen Landesparlament fliegt. In Berlin spielt sie traditionell nicht ganz vorn mit, kann aber ihren Stimmenanteil im Vergleich zur Wiederholungswahl von 2023 um 80 Prozent steigern: Mit 16,3 Prozent landet die AfD in der Hauptstadt auf Platz drei noch vor Grünen und SPD.

Ein Projekt des Interaktiv-Teams

Von André Pätzold, Jeremias Volker und Theodor Hillmann. Weitere Anwendungen des Teams finden Sie auf der Interaktiv-Übersichtsseite.