Ein Podcast, um mit Menschen ins Gespräch zu kommen, über unfaire Frames zu ihrer Person und ihren Meinungen – das war die Idee hinter „Amann Unframed“, meinem neuen Format für FUNKE. Seit Mai gibt es den Podcast, in der neunten Folge kam es zum Eklat: Mein Gast, AfD-Politiker Hans-Thomas Tillschneider, unterbrach die Aufnahme nach 50 Minuten und stürmte aus dem Studio. Wie kam es dazu?

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Der Islamwissenschaftler Tillschneider gehört zur Führung der AfD Sachsen-Anhalt, hat große Teile ihres Regierungsprogramms geschrieben und wird für die Zeit nach der Wahl am 6. September als Minister gehandelt. Ich kenne ihn aus meiner Zeit als AfD-Reporterin des „Spiegel“.
Es ist gängige Praxis von Journalisten, dass wir Hintergrundgespräche mit Politikerinnen und Politikern führen, über Vorgänge und Konflikte in ihren Parteien. Diese Gespräche führen wir selbstverständlich auch mit Akteuren, deren Meinung wir persönlich nicht teilen. Denn das Ziel von Journalismus ist, für unser Publikum die Menschen in der Politik und ihre Positionen verständlich zu machen, ohne Leuten ein Urteil aufzudrängen.

Mit dieser Haltung habe ich den Podcast konzipiert: als Gespräch, in dem ich meine Gäste über ihre Positionen und ihr Image befrage – kritisch, aber mit dem Ziel, dass sie sich erklären und gängige Frames durchbrechen können. Unter Framing versteht man, dass Personen in Schubladen gesteckt, wörtlich „in einen Rahmen“ gepresst werden. Mal stimmt diese Deutung, mal ist sie aber unfair oder manipulativ. Der Podcast soll Gästen die Chance geben, ihre Sicht der Dinge darzustellen. Was nicht heißt, dass man diese Sicht übernimmt.
Tillschneider fordert Abschaffung der Gender Studies
Tillschneider ist bekannt für radikale Positionen. Als Islam-Experte befasst er sich viel mit Migrationspolitik und Integration. Den Islam verglich er mit einem „Baumpilz“, der „am Stamm der deutschen Eiche“ wuchere. Für ihn steht fest: „Die Deutschen haben ihre Kultur, die Muslime haben ihre Kultur, und das passt nicht zusammen.“
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Das von Tillschneider geprägte AfD-Programm fordert auch eine Abschaffung der Gender Studies (für die es in Sachsen-Anhalt keinen Lehrstuhl gibt) und ein Ende der Frauenförderung. Dafür solle es einen Lehrstuhl für „Bevölkerungswissenschaft“ geben, der das „Absterben unseres Volkes“ ergründen soll.
Eine „neue, patriotische Kulturpolitik“ müsse „den Deutschen ihr Selbstbewusstsein“ zurückgeben. Der Staat dürfe nur solche Kunst fördern, die „auf gesunde Weise“ die deutsche Identität stärke.
Genug Stoff für Diskussionen also. Aber die Person Tillschneider steht auch für die Frage, ob seine Partei grundsätzlich im demokratischen Spektrum steht. Der AfD-Mann kooperiert mit Vertretern von Gruppen, die auf der Unvereinbarkeitsliste der AfD stehen, von der „Identitären Bewegung“ bis zu Ex-Mitgliedern der neonazistischen „Heimattreuen Deutschen Jugend“ (HDJ). Wo gibt es für ihn noch Grenzen zum Rechtsextremismus?
Vor einigen Wochen lud ich Tillschneider telefonisch in den Podcast ein. Er sagte spontan zu, wir vereinbarten einen Termin, und ich schickte eine Whatsapp-Nachricht hinterher, um Ort und Zeit festzuhalten. Im Nachgang wies er mich auf sein neues Buch zur Kulturpolitik hin und schickte das Manuskript. Aber zu keinem Zeitpunkt war verabredet, dass unser Gespräch nur um dieses Buch gehen sollte.
Fragen zu Björn Höcke blockt Tillschneider ab
Im Podcast selbst kamen dann die oben geschilderten Themen zur Sprache: Wo steht die AfD? Tillschneider sieht sie als ideologisch weitgehend geschlossen, die alten Flügelkämpfe seien überwunden. Für seine Parteifreunde mit einer Mitgliedschaft oder Vergangenheit in rechtsextremen und neonazistischen Gruppen legte Tillschneider „die Hand ins Feuer“. Sie seien aus demokratischer Sicht über jeden Zweifel erhaben. Aber schon früh im Gespräch ärgerte sich mein Gast über die Fragen. Der Podcast sollte sich doch um sein Buch drehen.
Hintergründe zur AfD – für Sie recherchiert
Ich fragte nach seinen Ideen zur Integration, wie man deutscher Staatsbürger werden sollte. Dazu blieb Tillschneider oft vage, schien teils die Rechtslage nicht zu kennen. Auch, als es um die Frage nach zivilgesellschaftlichen Vereinen ging, die die AfD nur staatlich fördern will, wenn sie sich positiv zu Deutschland bekennen. Welche Vereine tun das nicht? Tillschneider nannte einen, doch auf Nachfrage fielen ihm nur Belege ein, wo der Verein sich gegen rechte Positionen engagiert – nicht gegen Deutschland. Will er unliebsame Konkurrenz ausschalten?
Das Gespräch wurde ungemütlich. Er werde verhört und geframt, kritisierte der Gast. Fragen zu seinem Parteifreund Björn Höcke blockte er ab. Zum Abbruch kam es bei der Frage, ob er wie Höcke offen dafür sei, einen mutmaßlichen Rechtsterroristen wieder als vollwertiges AfD-Mitglied zu behandeln. „Ich empfinde Ihre Fragen als destruktiv und suggestiv und in höchstem Maße unfair“, sagte er. Mein Podcast sei übelstes Framing – „so muss ich mich nicht behandeln lassen“.
Für mich ist das ein fragwürdiges Verständnis von Pressefreiheit: Ein Politiker mit Regierungsambitionen sollte sich kritischen Fragen stellen. Mir scheint, dass Tillschneider bestimmen will, was und wie wir berichten. Und mich beunruhigt, dass er dies vielleicht bald mit einem Staatsapparat durchsetzen könnte.
Als der Podcast schon online war, kam ein Schreiben von Tillschneiders Anwalt, der die Veröffentlichung stoppen wollte. In der Ablehnung unseres Justiziars stand dieser schöne Satz: „Niemand hat einen Anspruch darauf, nur so dargestellt zu werden, wie er sich selbst sieht.“
„Amann unframed“ finden Sie auf Spotify, Apple Podcast, Amazon und Youtube – sowie auf allen Plattformen, wo es Podcasts gibt.









