Am Samstag will die Gen Z deutschlandweit auf die Straße gehen. Nicht wie in Frankreich, wo es im Kielwasser der Schülerproteste zu gewalttätigen Ausschreitungen gekommen war, sondern: friedlich. Von Gewalt distanziere man sich, heißt es etwa bei der Initiative „Gen Z regelt“. Man sei offen für alle – aber nicht offen für alles.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Ein Sprecher der Initiative stellte am Freitag in Köln fest: „Wir haben die Nase voll und wir haben uns kollektiv dazu entschieden, am Samstag zu demonstrieren.“ An Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) gewandt, sagte er: „Herr Merz, wir werden unser Grundrecht zur Versammlung so lange wahrnehmen, bis Sie aufhören, uns zu ignorieren.“ Er sprach von einem „Hilferuf“. Man gehe „gegen die Kürzungspolitik der Bundesregierung, gegen Wehrpflicht und Überwachung“ auf die Straße. Lesen Sie hierzu: „Gen Z regelt“-Demo: Welche Städte? Wichtigste Antworten im Überblick

Vor den Demonstrationen „Gen Z regelt“ – Pressekonferenz
Emma Hübner (l.), Steve und Lina Friedrich, Organisatoren des Aktionsbündnisses „Gen Z regelt“, sprechen auf einer Pressekonferenz vor den bundesweiten Demonstrationen am Samstag (31.10.).© Oliver Berg/dpa | Oliver Berg

Bislang deutet nichts darauf hin, dass es in Berlin, Hamburg oder anderswo in Deutschland zu ähnlichen Szenen kommt, wie sie aus Frankreich um die Welt gingen. In Berlin etwa erwartet die Polizei rund 10.000 Teilnehmende und wenig Konfliktpotenzial, auch an der Elbe gehen die Sicherheitsbehörden von einem weitgehend störungsfreien Verlauf aus. Auch das Bundeskriminalamt kann für Samstag keine Aufrufe zu organisierter Gewalt feststellen. Für die Polizei bedeutet der Tag dennoch viel Arbeit – um die Sicherheit zu gewährleisten, sind landesweit Tausende Polizisten im Einsatz.

In den letzten Wochen waren die angekündigten Proteste, unter dem Eindruck der Gewalt, die die friedlichen Proteste in Frankreich in Teilen überschattet hatte, aus verschiedenen Ecken vorab in die Nähe von aufständischen Umtrieben gerückt worden. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder etwa warf jungen Menschen auf dem CSU-Parteitag vor, sie wollten „Deutschland stürmen“, während der Innenminister von Baden-Württemberg mit „aller Härte des Rechtsstaats“ drohte – und versprach, Juden zu schützen. Die Junge Union von Berlin-Mitte forderte gar den Einsatz der Bundeswehr.

Karin Prien will mit Gen Z ins Gespräch kommen

Andere Töne schlägt die Bundesfamilienministerin an – Karin Prien verlegte sich auf ein Gesprächsangebot. Die Ministerin will mit jungen Menschen in den Dialog über ihre Sorgen treten, ruft dabei aber auch zu friedlichen Demonstrationen auf. Dem „Stern“ sagte die CDU-Politikerin am Freitag: „Seid laut. Engagiert euch in Parteien. Aber seid nicht gewalttätig.“ Gewalt schade den Anliegen der Demonstrierenden nur. „Ich lade euch ein zum Dialog“, betonte Prien.

„Denn es gibt selbstverständlich die legitimen Anliegen der Jugendlichen“, fügte sie hinzu. Auch Städtetagspräsident Burkhard Jung (SPD), NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) und der Jugendforscher Klaus Hurrelmann mahnten, die Anliegen der jungen Generation ernst zu nehmen – forderten aber die Protestierenden dazu auf, friedlich zu bleiben. Wüst sagte, es sei wichtig, dass die Stimme der Jugend gehört und ernst genommen werde. „Genauso wichtig ist es, dass diese Demonstrationen friedlich bleiben.“ 

Die Gruppierung „Gen Z regelt“ plant Demonstrationen in rund 30 Städten, bei denen junge Menschen für mehr Klimaschutz, Maßnahmen gegen steigende Lebenshaltungskosten und gegen eine Wehrpflicht auf die Straße gehen wollen.

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„Demokratie lebt davon, dass Menschen ihre Meinung äußern“

Prien wies auf Unterschiede zum Nachbarland hin: „Die Schulen bei uns sind in besserem Zustand, die Klassen kleiner, Lehrkräfte werden besser bezahlt.“ Auch gebe es in Deutschland anders als in Frankreich ein funktionierendes Berufsbildungssystem und eine deutlich geringere Jugendarbeitslosigkeit. „Für Zugeständnisse wie in Frankreich braucht man in Deutschland nicht auf die Straße zu gehen, weil wir diese Rahmenbedingungen längst haben.“

Für legitim hält der Präsident des Deutschen Städtetages, Jung, die Demonstrationen in Deutschland. „Eine Demokratie lebt davon, dass Menschen ihre Meinung äußern, Entscheidungen hinterfragen und Veränderungen einfordern. Wenn junge Menschen am 31. Oktober demonstrieren, wollen sie ihre Zukunft mitgestalten“, sagte der Leipziger Oberbürgermeister unserer Redaktion. Lesen Sie dazu: Städtetagspräsident Jung stärkt Gen Z bei Jugendprotesten den Rücken

Wer sich über Bildung, soziale Sicherheit, bezahlbares Wohnen und die Zukunft Gedanken mache, erwarte zu Recht, dass die Politik zuhöre und handle. „Die junge Generation ist nicht nur die Zukunft unseres Landes. Sie ist Teil unserer Gesellschaft heute. Ihre Fragen verdienen Antworten – und ihre Stimme muss in der Politik Gewicht haben“, betonte Jung. Er erwarte, dass die jungen Leute ihre Anliegen friedlich auf die Straße tragen könnten. Lesen Sie weiter: Wer steckt hinter „Gen Z regelt“? Der rätselhafte Mann im Impressum

Jugendforscher: Junge Menschen glauben nicht mehr an das Zukunftsversprechen

Auch der Jugendforscher Hurrelmann rief die Politik auf, sich den Anliegen der Jugend zu stellen. „Wir haben lange beklagt, dass junge Menschen sich zu wenig beteiligen und sich von den Parteien entfremden. Jetzt wollen sie auf die Straße, und die erste Reaktion der Politik ist Abwehr. Das finde ich ausgesprochen ungeschickt“, sagte Hurrelmann der „Neuen Osnabrücker Zeitung“.

Die Regierungsparteien sollten zügig auf die jungen Menschen zugehen und in verschiedenen Städten Gespräche organisieren. „Ernst nehmen heißt nicht, jeden Wunsch zu erfüllen. Es heißt, zuzuhören und sich auseinanderzusetzen.“ Besonders bei der Debatte über eine mögliche Rückkehr der Wehrpflicht mahnte Hurrelmann mehr Beteiligung an.

„Besonders schwer wiegt, dass viele junge Menschen nicht mehr an das traditionelle Zukunftsversprechen unserer Gesellschaft glauben“, stellte der Jugendforscher im „Kölner Stadt-Anzeiger“ weiter fest. „Es lautete: Wenn du dich anstrengst, eine gute Ausbildung absolvierst und beruflich engagiert bist, wirst du es einmal mindestens so gut haben wie deine Eltern. Genau daran wachsen die Zweifel“, sagte der Soziologe.

Hurrelmann räumte ein, es bestehe die Gefahr, dass die Demonstrationen von radikalen Kräften vereinnahmt werden. „Aber daraus darf kein Generalverdacht gegen junge Menschen entstehen, die friedlich ihre Interessen vertreten wollen.“

mit dpa/KNA