- Weil der gewinner des Sanremo-Festivals nicht wollte, fährt Lucio Corsi als Zweitplatzierter für Italien zum ESC
- Sein Lied lädt zum Träumen ein und ist herrlich schlicht
- Das müssen sie über den Sänger und „Volevo essere un duro“ wissen
Es ist eine alljährliche Tradition mit fast sakralem Charakter: Beim Festival di Sanremo wird Italiens musikalisches Aushängeschild gekürt – und der Sieger darf, zumindest theoretisch, das Land beim Eurovision Song Contest vertreten. Doch wie jedes Jahr bleibt ein leiser Zweifel: Wird der Erstplatzierte diese Bühne überhaupt betreten wollen?

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2025 lautet die Antwort: Nein. Zum ersten Mal seit fast einem Jahrzehnt verzichtet der Sanremo-Sieger auf eine ESC-Teilnahme. Der Rapper Olly, der das Festival mit „Balorda nostalgia“ gewonnen hatte, lehnte einen internationalen Auftritt ab – aus Termingründen, wie es offiziell heißt. Seine Frühjahrstournee sei seit Monaten ausverkauft, Proben und ESC-Auftritt ließen sich nicht vereinbaren.
Und so springt der Zweitplatzierte ein: Lucio Corsi, ein Musiker aus der Toskana, den viele bisher kaum kannten. Doch sein Lied „Volevo essere un duro“ entfaltet gerade jetzt, im Scheinwerferlicht der europäischen Bühne, eine unerwartete Stärke.
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ESC 2025: Lucio Corsi fährt für Italien zum ESC
Lucio Corsi stammt aus dem toskanischen Dorf Val di Campo di Vetulonia – ein Ort, der an eine archäologische Ausgrabungsstätte erinnert. Inmitten von Olivenhainen und etruskischen Relikten beginnt er dort als Gitarrist in kleinen Rockbands seine Karriere, bevor es ihn 2012 nach Mailand zieht. Dort startet er seine Solokarriere – leise, zielstrebig, unbeirrt vom Lärm des Mainstreams.
2015 veröffentlicht er sein erstes Album „Altalena Boy/Vetulonia Dakar“, das stark vom Glamrock der 70er Jahre beeinflusst ist. Schon früh zeigt Corsi, dass er lieber seinen eigenen Kosmos erschafft, als sich anzubiedern: stilistisch verspielt, visuell exzentrisch, textlich poetisch. Sein zweites Studioalbum „Bestiario Musicale“ erscheint 2017. Es folgten weitere Alben, Tourneen durch Italiens Indie-Clubs und ein wachsendes Publikum, das seine Mischung aus Bowie-Nostalgie und süditalienischer Bildsprache zu schätzen lernt.

Sein Durchbruch folgt überraschend spät – Ende 2024 – mit der melancholischen Single „Tu sei il mattino“, die als Titelsong der Serie „Vita da Carlo“ berühmt wird. In ihr hat Corsi sogar einen Cameo-Auftritt als fiktiver Sanremo-Sieger. Heute wirkt sie fast wie eine Vorahnung.
Italien beim ESC 2025: Das ist Italiens Lied „Volevo essere un duro“
Mit seinem Song „Volevo essere un duro“ („Ich wollte ein harter Typ sein“) entfernt sich Lucio Corsi bewusst von den gängigen ESC-Klischees. Keine ironischen Brechungen, keine überinszenierte Dramatik – stattdessen eine Ballade, die sich über ihre eigene Dramaturgie entfaltet. Das Stück beginnt fast kammermusikalisch: ein Klavier, dezente Streicher. Erst allmählich kommen Chor und E-Gitarre hinzu, bis sich die Ballade in der zweiten Hälfte zu einer atmosphärisch dichten, fast hymnischen Rocknummer steigert.
Textlich umkreist Corsi männliche Rollenerwartungen – und bricht sie auf. Er erzählt von dem Versuch, ein starker, furchtloser Mann zu sein, wie die überhöhten Figuren, die er als Kind bewunderte: ein Sumo-Ringer, ein Dealer, ein Superheld. Doch je näher er diesen Bildern kommt, desto klarer wird ihm: Er wird ihnen nicht gerecht – und will es auch gar nicht. Stattdessen akzeptiert er seine eigene Verletzlichkeit, seine Angst und sein Ungenügen. Am Ende steht die fast beiläufige, aber tief bewegende Erkenntnis: „Ich bin nichts anderes als Lucio“.
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Entstanden ist der Song in Zusammenarbeit mit Tommaso Ottomano, der nicht nur Co-Autor und Produzent ist, sondern Corsi bei seinem diesjährigen Auftritt in Sanremo auch live an der E-Gitarre begleitete – und voraussichtlich auch beim ESC in Basel an seiner Seite sein wird. Über die geplante Inszenierung ist noch wenig bekannt, aber die Richtung ist klar: bewusst schlicht. Kein Spektakel, keine Choreografie; im Mittelpunkt stehen die Musik, die Präsenz und ein Song, der ganz ohne Maskerade auskommt.
Lucio Corsi mit „Volevo essere un duro“: Italiens ESC-Beitrag im Video
So erfolgreich war Italien zuletzt beim Eurovision Song Contest
Italien gehört zu den erfolgreichsten Nationen beim ESC – und doch bleibt der Wettbewerb im eigenen Land ein Ereignis zweiter Klasse. Seit dem großen Comeback 2011, zuvor hatte man lange Zeit auf eine Teilnahme verzichtet, hat das Land konstant vordere Platzierungen erreicht. 2021 gelang Måneskin in Rotterdam sogar der ganz große Wurf. Dennoch bleibt Sanremo für viele italienische Künstler die prestigeträchtigere Bühne.
Dass der diesjährige Sanremo-Sieger Olly auf eine ESC-Teilnahme verzichtet, ist kein Novum: Bereits 2016 verzichtete die Band Lo Stadio auf den ESC, damals rückte Francesca Michielin nach – allerdings mit mäßigem Erfolg. Inzwischen wird sogar offen darüber diskutiert, Sanremo und den ESC zu entkoppeln. Die Politik würde das kaum begrüßen – zu stark ist das nationale Narrativ, das beide Wettbewerbe miteinander verbindet.
| Jahr | Act | Titel | Platz |
| 2021 | Måneskin | Zitti e buoni | 1 |
| 2022 | Mahmood und Blanco | Brividi | 6 |
| 2023 | Marco Mengoni | Due vite | 4 |
| 2024 | Angelina Mango | La noia | 7 |
Für 2025 sehen die Buchmacher das Land im oberen Mittelfeld. Ein Sieg scheint unwahrscheinlich. Aber vielleicht liegt gerade darin Lucio Corsis Chance: Er muss nicht gewinnen – nur sich selbst treu bleiben. Und das kann er wie kaum ein anderer.
Eurovision Song Contest 2025: Das sind die ESC-Teilnehmerinnen und -Teilnehmer
- Albanien: Shkodra Elektronike – „Zjerm“
- Armenien: Parg – „Survivor“
- Aserbaidschan: Mamagama – „Run With U“
- Australien: Go-Jo – „Milkshake Man“
- Belgien: Red Sebastian – „Strobe Lights“
- Dänemark: Sissal – „Hallucination“
- Deutschland: Abor & Tynna – „Baller“
- Estland: Tommy Cash – „Espresso Macchiato“
- Finnland: Erika Vikmann – „Ich komme“
- Frankreich: Louane – „Maman“
- Georgien: Mariam Shengelia – „Freedom“
- Griechenland: Klavdia – „Asteromata“
- Italien: Lucio Corsi – „Volevo essere un duro“
- Irland: Emmy – „Laika Party“
- Island: VÆB – „Róa“
- Israel: Yuval Raphael – „New Day Will Rise“
- Kroatien: Marko Bosnjak – „Poison Cake“
- Lettland: Tautumeitas – „Bur man laimi“
- Litauen: Katarsis – „Tavo Akys“
- Luxemburg: Laura Thron – „La poupée monte le son“
- Malta: Miriana Conte – „Kant“
- Montenegro: „Nina Žižić“ – „Dobrodošli“
- Niederlande: Claude – „C‘est La Vie“
- Norwegen: Kyla Alessandro – „Lighter“
- Österreich: JJ – „Wasted Love“
- Polen: Justyna Steczkowska – „Gaja“
- Portugal: NAPA – „Deslocado“
- San Marino: Gabry Ponte – „Tutta l’Italia“
- Schweden: KAJ – „Bara bada bastu“
- Schweiz: Zoë Më – Voyage“
- Serbien: Princ – „Mila“
- Slowenien: Klemen – „How Much Time Do We Have Left“
- Spanien: Melody – „Esa diva“
- Tschechien: Adonxs – „Kiss Kiss Goodbye“
- Ukraine: Ziferblat – „Bird Of Pray“
- Vereinigtes Königreich: Remember Monday – „What The Hell Just Happened?“
- Zypern: Theo Evan – „Shh“





