Spaziergang

Matthias Pees: Der neue Intendant der Berliner Festspiele

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War zuletzt Intendant und Geschäftsführer des Künstlerhauses Mousonturm in Frankfurt am Main: Matthias Pees.

War zuletzt Intendant und Geschäftsführer des Künstlerhauses Mousonturm in Frankfurt am Main: Matthias Pees.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Matthias Pees leitet seit dem 1. September die Berliner Festspiele. Ein Spaziergang durch den Wald von Köpenick.

Berlin.  Wir treffen uns am südöstlichen Rand der Stadt, die Brandenburger Landesgrenze ist nur einen Steinwurf entfernt. Matthias Pees hatte den Ortsteil Hirschgarten in Friedrichshagen für den Spaziergang vorgeschlagen. An den Fahrradständern vor dem S-Bahnhof herrscht eine fast irritierende Beschaulichkeit: gepflegte Vorgärten, schlendernde Passanten, der Wind spielt mit den Blättern. Die kreative Nervosität des Kulturbetriebs scheint hier ganz weit weg.

Aber man kann sie ja herholen und mit ihr das Publikum. Nach der Begrüßung haben wir die Unterführung durchquert und betreten das große Mischwaldgebiet, das hinter dem S-Bahnhof liegt. Noch während die Bilder gemacht werden, erzählt Matthias Pees, warum er, der eigentlich in Charlottenburg lebt und arbeitet, sich ausgerechnet diesen Ort ausgesucht hat. Er ist in den vergangenen Wochen oft hier unterwegs gewesen, weil das Theaterkollektiv Rimini Protokoll plant, an einem Ort wie diesem im August und September des kommenden Jahres fünf verschiedene künstlerische Projekte zu versammeln – mitten im Wald, aber auch auf dem nahe gelegenen Schießplatz. Es ist eine Einladung des Publikums an die Peripherie der Stadt und zugleich ein Experiment, wie Kunst und Natur miteinander auskommen können – „Shared Landscapes“ ist der Arbeitstitel.

Es gibt noch sehr viele Fragen zu klären

Wer Landschaften miteinander teilt, bekommt es auch mit ihrer Geschichte zu tun. Hirschgarten wurde 1870 von Albert Hirte als Villenkolonie begründet, angeblich geht der Name auf einen Bankier namens Hirsch zurück, der hier in der Nähe als einer der ersten eine Villa bauen ließ. Es gab auch ein beliebtes Solebad. „Es ist ein Naherholungsgebiet“, sagt Matthias Pees, „aber es liegt ein bisschen versteckt, abseits der ausgetretenen Pfade.“

Bis das Projekt umgesetzt werden kann, müssen noch unzählige Genehmigungen erteilt und Fragen geklärt werden: Woher kommt der Strom? Was passiert bei Regen? Wie verteilen sich die Menschen, welche Wege benutzen sie, wo können sie sich etwas zu essen kaufen, wo die Toilette benutzen? Solche Herausforderungen gehören für Matthias Pees neben der Kunst seit vielen Jahren zum Berufsalltag. Nach einigen Jahren als Dramaturg an der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz und am Schauspiel Hannover war er Programmdramaturg und Kurator der Ruhrfestspiele Recklinghausen, danach Geschäftsführer eines brasilianischen Produktionsbüros für internationalen Kulturaustausch. Viermal kuratierte er lateinamerikanisch inspirierte Theaterfestivals im Berliner Hebbel am Ufer, war leitender Dramaturg der Wiener Festwochen und zuletzt Intendant und Geschäftsführer des Künstlerhauses Mousonturm, einem internationalen Produktionshaus der freien Tanz- und Theaterszene in Frankfurt am Main. Anfang des Monats hat er nun Thomas Oberender als Intendant der Berliner Festspiele abgelöst.

„Ich war ein Theaterlernender“

Doch darauf kommen wir erst später zu sprechen. Der Fotograf hat sich verabschiedet, wir sind in einen langen Waldweg abgebogen. Steinchen knirschen unter den Schuhsohlen, oben zittern die Zweige. Unser Ziel ist die sandige Freifläche, die einmal ein Schießplatz war. Bis dorthin, sagt Matthias Pees, sei es etwa eine Viertelstunde.

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Er hat eine kleine Raupe auf dem Jackenkragen seines Gegenübers entdeckt und wischt sie freundlicherweise weg. Wir sprechen darüber, wie er in seinen Beruf gefunden hat, damals, in den 1990er-Jahren. Pees hatte nach dem Abitur Literaturwissenschaft und Philosophie in Hamburg studiert und schon währenddessen als freier Journalist Theaterkritiken geschrieben. Das Theater als künstlerischer Ermöglichungsraum interessierte ihn brennend: „Ich wollte begreifen, wie es funktioniert. Also welche Wirkungen durch welche inszenatorischen, schauspielerischen, handwerklichen und sonstigen Fähigkeiten, Kniffe, Tricks hergestellt werden. Ich war ein Theaterlernender, wenn man so will.“

Ein Anruf des Regisseurs Dimiter Gotscheff

Pees ging in die Vorführungen und schrieb viel, für die Süddeutsche Zeitung, die Berliner Zeitung und für den Norddeutschen Rundfunk. Er ließ sich dabei von Benjamin Henrichs inspirieren und versuchte das Gesehene nicht theaterwissenschaftlich einzuordnen, sondern als subjektives Erlebnis zu reflektieren – und das kam gut an, interessanterweise vor allem auf der Seite der Theaterschaffenden. Pees wurde als junge, interessante Stimme wahrgenommen, schnell ergaben sich Kontakte zum Betrieb. Eines Tages, erzählt Pees, habe der große bulgarische Regisseur Dimiter Gotscheff angerufen und ihn darum gebeten, seine Aufführungskritik noch genauer zu erläutern, und so habe man sich dann kennengelernt. Pees war bald auf Tourneen, Gastspielen und Podiumsdiskussionen dabei, und als er 1995 in der Nachfolge von Carl Hegemann als Dramaturg an die Volksbühne kam, fühlte es sich nicht wie ein Seitenwechsel an – es war die Konsequenz seiner Begeisterung für das Theater.

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Frank Castorfs Volksbühne ist gerade in ihrer frühen Phase vom Nimbus ungeheurer kreativer Energie umgeben. Hier wurden die entscheidenden Debatten ausgefochten und aufregende neue Wege eingeschlagen. Regisseure wie Christoph Marthaler, Christoph Schlingensief und René Pollesch brachten ihre Handschriften ein. Es ging, neben vielem anderen, um eine Neuvermessung des politischen, des historischen, auch des sozialen Raums, in dem man sich im Zentrum der wiedervereinigten Stadt, des wiedervereinigten Landes befand. Und wenn es etwas gab, was die Volksbühne damals vor allen anderen Schauspielhäusern auszeichnete, dann war es die produktive Dringlichkeit, die daraus resultierte. „Mit jeder künstlerischen Handschrift“, sagt Pees, „geht ein neues Weltmodell an den Start, und diese Modelle führen zu teilweise absurden Konfliktsituationen und Aushandlungsprozessen.“

Transformationsprozesse und Wohlstandskonkurrenz

Wenn man in die heutige Theaterlandschaft hineinhorcht, dann ist schnell das Klagelied des Relevanzverlustes zu hören, das sich vor allem auf Glanzzeiten wie an Castorfs Volksbühne oder auch an Peymanns Wiener Burgtheater beruft und im heutigen Treiben nur Epigonales, Wiedergekäutes erkennen will. Matthias Pees bleibt, darauf angesprochen, kurz stehen, denn es geht hier ums Grundsätzliche.

„Wenn ich nach der Relevanz des Theaters frage“, sagt er, „dann frage ich: Wie relevant sind Orte, wo man diese wahnsinnigen Transformationsprozesse, in denen wir uns gerade befinden, spielerisch durchdeklinieren und erkunden kann? Was würde es bedeuten, wenn wir uns vor einer vollkommen neuen sozialen Konfiguration unserer Gesellschaft befänden, weil die Ressourcen verbraucht sind und der Planet vor dem Kollaps steht? Was bedeutet eigentlich das nationale Gefüge, in dem wir uns seit 200 Jahren gewohnheitsmäßig definieren? Was heißt es global, in Wohlstandskonkurrenz mit anderen Systemen zu treten? Natürlich muss Kunst das nicht alles beantworten, kann es vielleicht auch gar nicht. Aber solche Fragen in künstlerischen Prozessen modellhaft durchzuspielen und Kulturinstitutionen als Labore, als offene Orte dafür zu begreifen, das interessiert mich einfach.“ Und solche Orte, soviel ist klar, braucht es mehr denn je.

Die Gefahr der Überforderung im Kulturbetrieb

Vor uns öffnet sich eine heideartige, überall von Sandinseln durchbrochene Fläche, die Sonne bricht von oben links durch die Wolken und verlängert alle Schatten. In Richtung Osten schichtet sich der Sand vor einer dunklen Baumgruppe zu einer Art Düne auf, und Matthias Pees sagt, man könnte dahinter fast das Meer vermuten, aber da sei dann doch Brandenburg.

Trotz der idyllischen Atmosphäre kommen wir auf das Thema des Führungsstils bei den Berliner Festspielen zu sprechen. Das Arbeitsklima unter seinem Vorgänger wurde vielfach auch als problematisch beschrieben. Ob er das Thema zum Amtsantritt adressiert, eine Agenda zum Umgang miteinander ausgearbeitet habe? Matthias Pees weist darauf hin, dass es sich bei den Berliner Festspielen um einen relativ großen Betrieb handele: „Sie sind Teil der Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin GmbH, zu der auch die Berlinale und das Haus der Kulturen der Welt gehören. Da gibt es aufgrund der zahlreichen Untergliederungen – denken Sie allein an die vielen Festivals – auch viele Führungsebenen und dementsprechend auch gut entwickelte Ansprüche an den Führungsstil. Ich habe bei den Berliner Festspielen eine solche Agenda zum gemeinsamen Umgang sehr viel entwickelter vorgefunden, als ich das aus anderen Häusern kenne. In meiner Wahrnehmung bin ich nicht in einen Betrieb gekommen, der arbeitsklimatisch zerrüttet ist, im Gegenteil.“ Im Kulturbetrieb gebe es immer schnell die Gefahr der Überforderung, weil hier begeisterungsfähige Menschen aufeinanderträfen, die es lieben, viele Pläne auszuhecken und auch umzusetzen. Hier das Maß zwischen Selbstüberforderung und Dienst nach Vorschrift zu finden: Darin liege die größte Herausforderung.

Und was hat Matthias Pees sonst vor? Es ist viel und aufgeregt spekuliert worden über die Pläne des neuen Intendanten, der nun die Berliner Festspiele verantwortet. Zuletzt sorgte das Theatertreffen für einigen Wirbel. Nachdem Yvonne Büdenhölzer die Leitung nach 12 Jahren abgegeben und ihren Wechsel zum Suhrkamp Theaterverlag bekannt gegeben hatte, berief Pees ein vierköpfiges Leitungsteam aus Deutschland, der Ukraine und Polen: die Theaterregisseurin Olena Apchel, die Produktionsleiterin Marta Hewelt, die Dramaturgin Carolin Hochleichter und die Kulturmanagerin Joanna Nuckowska. Frische „internationale Perspektiven“ versprach die Pressemitteilung. Die neue Leitung werde die Zusammenarbeit mit der Jury gemeinsam koordinieren, hieß es.

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In den Reaktionendarauf spiegelte sich die Furcht, das neue Team könne auch dort Einfluss nehmen, wo es die Leitung des Theatertreffens bislang nie getan hat: Bei seinem Herzstück und Markenkern, der 10er-Auswahl der bemerkenswerten Produktionen auf deutschsprachigen Bühnen. Diese Auswahl wird traditionsgemäß von einer unabhängigen Jury aus Kritikerinnen und Kritikern getroffen, sie hat beim Theatertreffen die größte Aufmerksamkeit – Sektionen wie das Internationale Forum, der Stückemarkt und das begleitende Diskursprogramm finden medial oft nur unter dem Radar statt.

Matthias Pees geht es darum, daran etwas zu ändern. „Ich habe das Theatertreffen enthierarchisiert“, sagt er. Das meint er vor allem thematisch: „Ich finde, wenn man so viel Energie in Bereiche wie den Stückemarkt und das Internationale Forum investiert, dann sollte man sie auch eine Runde wichtiger machen – und das muss ja nicht zulasten des Markenkerns gehen.“ Deshalb habe er hier gleichberechtigte Zuständigkeiten geschaffen. Und natürlich werde die Jury weiter frei und unabhängig entscheiden können. Die Idee, den Blick des Theatertreffens stärker auch auf Mittel- und Osteuropa zu richten, findet Pees dessen ungeachtet wichtig, weil sich hier eine mit dem deutschsprachigen Raum gut vergleichbare, künstlerisch quicklebendige Theaterszene wiederfindet.

„Ich werde keinen Fünfjahresplan vorlegen“

Wir haben den Rückweg angetreten. Man trifft hier, mit Ausnahme eines älteren Pärchens in wasserfester Outdoor-Kleidung, kaum Menschen, es ist friedlich und still. Im Oktober wird Matthias Pees auf einer Pressekonferenz das Programm der Berliner Festspiele vorstellen. Werden da die großen Linien seiner Intendanz sichtbar werden? „Ich werde sicher keinen Fünfjahresplan vorlegen“, sagt Matthias Pees, lacht und blickt einem Eichhörnchen hinterher, das über den Weg huscht. Es gehe ihm jetzt auch nicht darum, was er sich im Vorfeld konzeptionell so alles habe einfallen lassen, sondern um den ständigen Austausch mit den vielen Programmverantwortlichen und darum, von ihrer Expertise zu profitieren.Er könne sich vorstellen, die vielen Teilbereiche der Berliner Festspiele enger miteinander zu verzahnen, etwa die Ausstellungen im Gropius Bau auch mit Veranstaltungen im Haus der Berliner Festspiele zu spiegeln. „Fortführen, weiterdenken“, sagt Matthias Pees, „das interessiert mich total.“

Man möchte ihm dabei alles Gute wünschen, hier draußen in Hirschgarten, wo es im fernen nächsten Sommer wohl etwas lebhafter zugehen wird. Am S-Bahnhof verabschieden wir uns.