Zu den Kuriositäten des diesjährigen Theatertreffen gehört die Tatsache, dass eines der Stücke der 10er-Auswahl, in der die zehn bemerkenswerten Inszenierungen des deutschsprachigen Raums versammelt sind, nicht in Berlin zu sehen sein wird, sondern in Hamburg. Es handelt sich um die Performance-Installation „Die Ruhe“, die das Kopenhagener Kollektiv „Signa“ um Signa und Arthur Köstler in Kooperation mit dem Schauspielhaus Hamburg erarbeitet hat.

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Darin können Publikumsgruppen im Lauf eines fünfeinhalbstündigen Abends in die Welt eines fiktiven Sanatoriums eintauchen und mit seinen seltsamen, innig mit dem Wald verbundenen Bewohnerinnen und Bewohnern interagieren. „Die Performance bewegt sich zwischen Psycho-Sekte, Schamanismus, Erzählungen von Gewalt und Tod, hier vermengt mit Ökologie“, befand Kritikerin Annette Stiekele 2021 im „Hamburger Abendblatt“: „Signa eröffnen Bilder- und Erlebniswelten, die den Besucher auf einzigartige Weise mit sich selbst, aber auch mit den anderen konfrontieren.“
Nun ist aber diese spannende und künstlerisch wegweisende Erfahrung, wie die Leitung des Theatertreffens befand, zu stark mit ihrem ursprünglichen Aufführungsort, also mit dem brutalistischen Postpaketzentrum in Hamburg-Altona verbunden, um für ein paar Abende nach Berlin verfrachtet werden zu können – das hätte auch personell wie finanziell den Rahmen gesprengt.
Dass eine der Inszenierungen nur per Shuttle erreicht werden kann, ist ein Novum – aber keines, wie bei der Pressekonferenz am Dienstag deutlich zu spüren war, das irgendjemandem die Laune verderben würde. Im Gegenteil: Zwei Jahre lang musste man wegen der Pandemie, auch wegen der schon lange fälligen Sanierung des Hauses der Berliner Festspiele aufs digitale Format ausweichen – nun findet das traditionsreiche Festival wieder vollständig als Präsenzveranstaltung statt. Noch dazu ohne die Pflicht zum Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung, nur mit entsprechender Empfehlung. Natürlich nehme man auch etwas mit aus den Zeiten der sozialen Distanzierung: Einige der Aufführungen würden auch gestreamt, sagte Yvonne Büdenhölzer, die das Theatertreffen seit 2012 leitet – und mit der aktuellen Ausgabe letztmalig, weil sie ein beruflich spannendes Angebot erhalten hat.
Das ist ein herber Verlust. Das Theatertreffen hätte in den vergangenen Jahren, selbst in seinen digitalen Varianten, kaum besser, kreativer, vielfältiger ausfallen können, was wohl auch an der formal größten Setzung ihrer Amtszeit liegt, woran Büdenhölzer im Foyer an der Schaperstraße erinnerte. Gemeint ist die Einführung der fünfzigprozentigen Frauenquote in der Regieposition vor zwei Jahren – eine Regel, die kontroverse Debatten auslöste und inzwischen bis einschließlich 2023 verlängert worden ist. Sie wies auch darauf hin, dass fünf der zur 10er-Auswahl eingeladenen Produktionen aus Häusern stammen, die von Frauen geleitet werden – ein im Vergleich zur sonstigen Repräsentation von Frauen in Intendanzen überproportional hoher Wert. Gutes Theater, könnte man schlussfolgern, entsteht gegenwärtig vor allem an Institutionen, die von Frauen geleitet werden.
Erkenntnisse über die eigene Klimabilanz
Eröffnet wird das Theatertreffen am Freitag mit Christopher Rüpings viel gelobter Inszenierung „Das neue Leben. where do we go from here“, in der sich der Regisseur mit seinem Ensemble mehr als 700 Jahre alten Texten von Dante Aligheri angenähert hat. Auch sonst umfasst die 10er-Auswahl als Zugpferd des Theatertreffens viel Sehenswertes und Herausragendes, darunter Tashiki Okadas „Doughnuts“ vom Hamburger Thalia Theater, Volker Löschs „Der Tartuffe oder Kapital und Ideologie“ vom Staatsschauspiel Dresden, Yael Ronens „Slippery Slope“ vom Berliner Gorki oder Pınar Karabuluts „Like Lovers do (Memoiren der Medusa)“ von den Münchner Kammerspielen.
Doch natürlich ist das Theatertreffen mehr als das. Auf dem Stückemarkt werden wieder dramatische Positionen aus aller Welt zu Wort kommen – darunter die japanisch-amerikanische Performancekünstlerin und Komponistin Aine Nakamura, die in ihrem Auftritt „Circle Hasu. We plant seeds in the spring of mountains“ Bewegung, Lyrik und Musik verbinden wird. Zum zweiten Mal findet in Kooperation mit dem Theatertreffen auch die Konferenz „Burning Issues“ statt, die sich mit Fragen nach mehr Geschlechtergerechtigkeit in den darstellenden Künsten befasst und in diesem Jahr auch die Frage nach männlich geprägtem Machtmissbrauch stellen wird – nach dem Vorwürfen gegen den ehemaligen Intendanten Thomas Oberender auch im Haus der Berliner Festspiele ein unter den Nägeln brennendes Thema. Eine Unzahl von weiteren Veranstaltungen und Begegnungen kommt hinzu; die zum Theatertreffen herausgegebene Zeitschrift umfasst fast 150 Seiten.
Darin wird übrigens interessanterweise auch der ökologische Fußabdruck des Theatertreffens reflektiert. Die Bilanz des letzten analogen Festivals 2019 zeigt, dass die Jury mit ihrer Reisetätigkeit den größten Anteil unter den 117 verursachten Tonnen CO2 trägt. „Für die Festivalausgabe 2022“, heißt es weiter, „wurde bereits mit deutlich strengeren Vorgaben gearbeitet, wodurch Flüge bestmöglich vermieden werden“.




