Volksbühne

René Pollesch: „Ich habe nicht die Alleinherrschaft“

René Pollesch übernimmt die Volksbühne als Intendant ab der Spielzeit 2021/22 – und bringt viele alte Bekannte mit.

René Pollesch wird die Leitung der Volksbühne übernehmen.

René Pollesch wird die Leitung der Volksbühne übernehmen.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Berlin. Ist das jetzt der Sieg der Nostalgie? Oder ein Neuanfang, der die Wurzeln pflegt? Am Mittwochmittag wurde René Pollesch offiziell als Intendant der Berliner Volksbühne ab der Spielzeit 2021/22 vorgestellt. Damit bestätigten sich Gerüchte, die schon lange durch die Kulturszene der Stadt kreisten und sich am Dienstag verdichteten. Pollesch gehörte zu den prägenden Künstlern des Hauses unter Frank Castorf, der die Volksbühne zwischen 1992 und 2017 zu einem weltberühmten Theater gemacht hatte.

Von 2001 bis 2007 leitete er den Prater, danach füllte er mit legendären Abenden wie „Kill Your Darlings“ regelmäßig das große Haus. Schon Castorfs Nachfolger Chris Dercon wollte ihn zum Schauspielchef seines Theaters machen. Das hat Pollesch abgelehnt. Jetzt wird er plötzlich Chef des ganzen Ladens. Wird seine Intendanz also ein Blick zurück nach vorn?

Die Namen, die er nennt, klingen nach alten Zeiten

Bei der Pressekonferenz im Roten Salon macht er seine zentrale Botschaft klar: „Ich bin nicht das trojanische Pferd der alten Volksbühne!“ Und: „Ich bin ganz klar von Castorf zu unterscheiden.“ Dabei klingen die Namen, die er nennt, durchaus nach den besten Zeiten am Rosa-Luxemburg-Platz: Von den Schauspielern kommen Martin Wuttke, Kathrin Angerer, Fabian Hinrichs zurück, außerdem die Pollesch-Stammspieler Christine Groß und Franz Beil, und Sophie Rois wechselt ab der Spielzeit 2022/23 vom Deutschen Theater herüber.

Volksbühnenerprobt ist auch eine weitere zentrale Personalie: Ida Müller wird Chefausstatterin – eine Position, die unter Castorf der viel zu früh gestorbene Bert Neumann innehatte. Zusammen mit Vegard Vinge war Müller für zwei der aufsehenerregendsten Abende der späten Volksbühne verantwortlich, für „John Gabriel Borkman“ und das „12-Spartenhaus“ im Prater – ästhetisch äußerst faszinierende, alle Grenzen sprengende Riesenprojekte, die die Gewerke an die Grenzen des Möglichen brachten. Da wucherten die Neurosen in schönster Comic- und Märchenbuch-Manier. Insofern ist es noch schwer vorstellbar, dass beide bald repertoirefähige Abende fürs große Haus erarbeiten werden, wie Pollesch verspricht.

Pollesch will mitdenkende Schauspieler und Ausstatter

Dass Ida Müller für ihn so wichtig ist, liegt auch an seinem Plan fürs Haus. Denn Pollesch will ein Autorentheater, das mitdenkende Schauspieler und Ausstatter wichtiger nimmt als Regisseure, ein Haus, in dem sich Banden bilden können jenseits von klar definierten Ordnungen, ohne dass man diese Zusammenarbeiten als Team, Kollektiv, Mitbestimmung labeln muss. Er will kein Konzepttheater, sondern Schauspielerinnen und Schauspieler, die Verantwortung übernehmen, keine Regisseure, die Klassiker inszenieren, sondern inszenierende Autoren, schöpferische Persönlichkeiten, die ihre Texte, Vorstellungen, Visionen im Dialog mit den Bühnenbildnern und den Schauspielern umsetzen.

Wie Florentina Holzinger und Constanza Macras, zwei, die vom Tanz kommen, aber schon länger auf der Schwelle zu Theater und Performance arbeiten. Außerdem hat er sich beim legendären Volksbühnen-Jugendclub P14 umgesehen, aus dem schon immer faszinierender Schauspiel-Nachwuchs hervorgegangen ist, und dort Leonie Jenning und Martha von Mechow gefunden. Beide inszenieren auch selbst. Außerdem fällt der Name des wirklich großartigen Dramatikers Wolfram Lotz.

Volksbühnenbesetzer, „ohne die man es nicht machen kann“

Konkreter wird er nicht, was natürlich den Eindruck verstärkt, dass noch viel alte Volksbühne in der neuen steckt. Allerdings hat er noch zwei Jahre Zeit, führt gerade viele Gespräche, besitzt ein umfangreiches Adressbuch. Da wird schon noch was kommen. Auch mit Blick auf den Prater, der dann wieder bespielbar ist.

Polleschs Berufung ist auf jeden ein Pflaster auf die Wunde, die der Abschied von Intendant Castorf gerissen und die kurze, gescheiterte Leitung von Chris Dercon vertieft hatte. Es ist ein Eingehen auf all die Petitions-Unterschreiber und Volksbühnenbesetzer, „ohne die man es nicht machen kann“, wie Pollesch sagt und mit denen er sich nach eigenen Angaben im Gespräch befindet. Der aktuelle Volksbühnen-Intendant Klaus Dörr, der jetzt noch zwei Spielzeiten vor sich hat, wird Polleschs Team übrigens nicht angehören.

Gut möglich, dass er der Richtige ist

Aber was ist eigentlich mit der Ankündigung von Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Linke), die Volksbühnenleitung jünger, diverser, weiblicher zu machen? Auf dem Podium hatte er das sogar noch wiederholt – und Pollesch, 56, Mann, weiß, aus Hessen, ist das alles nicht. Anders als zum Beispiel Nicolas Stemann in Zürich tritt er auch nicht demonstrativ mit einer gleichberechtigen Gruppe von Künstlern an, die all das repräsentieren, was ihm fehlt. Er sagt: „Ich bin der Intendant.“ Aber er sagt auch: „Ich habe nicht die Alleinherrschaft.“

Vielleicht hilft ein Blick auf seine Kunst, die Machtverhältnisse kritisiert, Strukturen hinterfragt, die sich so spielerisch wie humorvoll den Diskursen und Herausforderungen der Gegenwart stellt. Ein Autor – wann gab es das zuletzt in einer Theaterleitung? –, der gegen den Kapitalismus anschreibt, sich deutlich gegen Rassismus positioniert, auf der Bühne starke Frauen feiert, ein zutiefst queeres Theater macht voll absurder Reibungen zwischen Theorien und Camp, dem großen Ganzen und dem Individuum, Politik und Emotionen, Pointen und Glamour. Wenn einer den großen Saal füllen kann, dann er. Gut möglich, dass er der Richtige ist, der Volksbühne zu alter neuer Strahlkraft zu verhelfen.