Abschiedsstimmung in der Volksbühne: Christoph Marthaler inszeniert in Frank Castorfs finaler Saison „Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter“ – und damit schließt sich ein Kreis. Denn der Schweizer Marthaler war es, der der Volksbühne am Anfang der Castorf-Ära mit „Murx den Europäer“ 1993 einen Sensationserfolg bescherte. Und das Kirchenlied „Danke für diesen guten Morgen“, eines der vielen Songs dieses feinsinnigen deutschen Heimatabends, diente der Volksbühne jahrelang als musikalische Telefon-Warteschleife.
Jürg Kienberger hat das damals gesungen und an diesem Mittwochabend erkennt man ihn schon an dieser hohen Stimme, lange bevor er überhaupt zu sehen ist: Verpackt unter einer Plane, verschnürt mit einem dicken Seil wird er auf einem Requisitenwagen hereingerollt – und erst mal an den Rand abgestellt. Ein paar Töne erklingen, ein bisschen Gesang – viel später sehen wir, wie Jürg Kienberger mit Pantoffeln an den Füßen auf einem Miniaturhocker vor dem kleinen Hammerklavier sitzt.
Marc Bodnar im grauen Arbeitskittel ist so eine Art Hausmeister und Aufbauer, er schiebt und trägt die eingewickelten Exponate herein und platziert sie in Anna Viebrocks Bühnenraum, der an einen Museumssaal erinnert. An den Seiten stehen verschiedene Tasteninstrumente, die nicht nur zum Spielen genutzt werden. Das musikalische Spektrum reicht von Bach, Händel, Verdi, Wagner, Schubert, Satie und Lincke bis zu Richard Clayderman.
Am sorgfältigsten eingewickelt ist die zerbrechlichste Ware: Irm Hermann sitzt auf einem Stuhl in einer Holzkiste und sagt als erstes den Satz: „Ich hasse diese Wanderausstellungen.“ Eine der hübsch verpackten Anspielungen darauf, dass die Volksbühnentruppe mit dem Intendanzwechsel zu Chris Dercon im kommenden Sommer und der mutmaßlichen künstlerischen Neuausrichtung zu mehr Performance das Haus verlassen muss. Obwohl sie ja auch tanzen kann, was mit charmant-ungelenken Balletteinlagen ironisiert wird.
Es wird vergleichsweise wenig gesprochen in dieser Uraufführung, die mit dem Titel eines frühen Stücks von Botho Strauß („Bekannte Gesichter, gemischte Gefühle“) spielt. Aber schön gesungen. Das Ensemble, darunter Sophie Rois mit ihrer wunderbar rauchigen Stimme, Olivia Grigolli und Ueli Jäggi, die beide bei „Murx“ dabei waren, lotet auch mal aus, wie leise ein zwölfköpfiger Chor singen kann. Und mit dem letzten Akkord wird der Bogen zum Anfang geschlagen: „Danke“, ganz kurz intoniert, und dann ist Schluss.
Ein Marthaler-Abend, der wehmütig macht. Der Regisseur verabschiedet sich winkend beim ausgiebigen Schlussapplaus – hoffentlich kommt ein Berliner Theater auf die Idee, ihn künftig einzuladen. Es wäre jammerschade, wenn diese melancholisch-komödiantischen Arbeiten nicht mehr in Berlin zu sehen sind.
Volksbühne, Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte. Kartentelefon: 240 65 777. Termine: 24. und 27.9.; 2. und 5.10.


