Der Zeitrahmen ist klar umrissen: Um 14 Uhr muss Yvonne Büdenhölzer zum Flughafen Tegel. Sie fliegt an diesem Freitag nach Zürich, um sich dort im Schauspielhaus das neue Stück von Christoph Marthaler anzuschauen. „Mir nämeds uf öis“ heißt es. Sie entschuldigt sich, dass sie kein „Schwyzerdütsch“ kann und übersetzt den Titel mit „Wir nehmens auf uns“. Einen Tag später sieht sie in Basel „Leonce und Lena“, eine Inszenierung von Thom Luz. Dann geht es nach Hamburg: Dort steht die Uraufführung von „Am Königsweg“, Elfriede Jelineks künstlerische Antwort auf die Präsidentschaft von Donald Trump, auf dem Spielplan. Eine Tour, um die Yvonne Büdenhölzer von jedem Theaterliebhaber beneidet werden dürfte. Für sie ist es Arbeit.

Denn Yvonne Büdenhölzer, 1977 geboren, leitet das Berliner Theatertreffen. Reisen gehört dazu, denn es reicht natürlich nicht, nur die Aktivitäten der hiesigen Bühnen im Auge zu haben. Man kann seine Zeit mit unangenehmeren Dingen verbringen. Also ein Traumjob? „Das würde ich auch so sehen“, sagt Yvonne Büdenhölzer und lächelt.

Über ihr Lächeln sind schon ganze Artikel geschrieben worden. Ihre charmante, unaufgeregte Art, zumindest Letzteres eher eine Ausnahme im Theaterbetrieb, dürfte ihr die Arbeit erleichtern. Besonders die mit der Jury. Denn nicht Yvonne Büdenhölzer entscheidet darüber, welche „zehn bemerkenswertesten Inszenierungen“ – so das Kriterium – zum seit 1964 bestehenden Berliner Theatertreffen im Mai eingeladen werden, sondern sieben Kritiker. Die schauen sich so um die 400 Arbeiten im deutschsprachigen Raum an. Auch abseits der Theatermetropolen, wobei Bühnen in Oberhausen, Kassel oder Graz eher selten nach Berlin kommen. Ganz oben auf der Liste stehen das Wiener Burgtheater mit 49 eingeladenen Produktionen, gefolgt von den Münchner Kammerspielen (45) und dem Hamburger Schauspielhaus (36).

Das Westfälische Viertel war früher ein Industrieareal

Wir treffen uns vor dem „Hotel Tiergarten“ in Moabit. Ganz in der Nähe wohnt Yvonne Büdenhölzer, davor hat sie in Kreuzberg gelebt, aber die Wohnung wurde für die Familie zu klein. Sie schlägt einen Spaziergang durch das Westfälische Viertel vor. Wir überqueren die Stromstraße, gehen ein Stück in Richtung Spree.

Spaziergang mit Yvonne Büdenhölzer, Leiterin des Theatertreffens der Berliner Festspiele, und Redakteur Stefan Kirschner am Spreeufer in Berlin Moabit
Spaziergang mit Yvonne Büdenhölzer, Leiterin des Theatertreffens der Berliner Festspiele, und Redakteur Stefan Kirschner am Spreeufer in Berlin Moabit© Anikka Bauer | Anikka Bauer

Im 19. Jahrhundert war das hier ein industriell genutztes Areal, hier befand sich das Eisenwerk der Firma Borsig, das 1875 mit einer werkseigenen Bahn durch Neu-Moabit an die Ringbahn angeschlossen wurde. Später wurde das Werk nach Tegel verlagert. Das Industrie- verwandelte sich in ein bürgerliches Wohngebiet, eine Entwicklung, die sich an anderen Stellen mittlerweile wiederholt. Damals wurde das Gelände durch die Neu-Bellevue-Actiengesellschaft für Grundstücksverwertung – eine von Borsig gegründete Gesellschaft – ab 1902 parzelliert, die Straßen wurden nach Städten aus dem Rheinisch-Westfälischem Industriegebiet benannt.

Wir biegen in die Essener Straße ein. Hinter den Häusern liegen die Reste des Parks, der von Peter Joseph Lenné gestaltet worden war und die Borsig-Villa großzügig umgab, er reichte bis an das Spreeufer heran. Auch Gewächshäuser standen dort, an zwei Tagen in der Woche war der Park für Besucher geöffnet.

„So wie Sie, mein lieber Borsig, möchte ich auch mal wohnen“, soll König Friedrich Wilhelm IV. zum Firmengründer gesagt haben, als er in der Villa des „Lokomotiven-König“ zu Gast war. Die stand seit 1849 mitten im Werksgelände. Das Haus konnte August Borsig nur wenige Jahre nutzen, er starb mit 50 Jahren.

An der Ecke Krefelder Straße lädt Yvonne Büdenhölzer zu einer Stärkung ein. Sie schwärmt von der Qualität des Brotes im „Domberger Brot-Werk“ – ein Vorteil einer gentrifizierten Gegend – und spendiert drei Brezeln als Wegzehrung. Eine ist für die Fotografin, die jetzt gern noch mal ein Stück zurückgehen würde. Für ein Foto vor einer Brandmauer, die die Reste des Borsigschen Parks umschließt, der heute für die Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich ist.

Weil es an diesem Januartag kalt ist, nehmen wir danach eine Abkürzung und gehen auf der Krefelder Straße zum Bundesratufer an die Spree. „Hier ist meine Jogging- und Kinderwagenstrecke“, sagt Yvonne Büdenhölzer. Ihr Sohn ist jetzt gut eineinhalb Jahre alt, ihr Standardweg führt weiter Richtung Hansa-Viertel, am Grips Theater („,Linie 1‘ muss man gesehen haben“) vorbei. Nicht rein, dafür sei das Kind noch zu klein.

Am Montag steht die entscheidende Jurysitzung an

Vom Grips kommen wir auf die Volksbühne, wo der Theatermacher Frank Castorf nach 25 Intendanzjahren durch den Ausstellungsmacher Chris Dercon ersetzt wurde. Politisch verantwortlich dafür waren der Regierende Bürgermeister Michael Müller und sein damaliger Kultur-Staatssekretär Tim Renner, zwei Sozialdemokraten. Die kulturpolitische Entscheidung war heftig umstritten, nebenbei wurde damit auch die 100-jährige Sprechtheatergeschichte des Hauses mitsamt der sozialdemokratisch geprägten Volksbühnentradition beerdigt. Denn es waren Arbeiter, die sich im Volksbühnenverein organisiert hatten, um Theatervorstellungen besuchen zu können, und es war das Geld der Mitglieder (der „Arbeitergroschen“), mit dem der Bau am Bülowplatz (dem heutigen Rosa-Luxemburg-Platz) finanziert und am 30. Dezember 1914 eröffnet wurde.

Die Theatertreffen-Leiterin gibt sich diplomatisch. Sie möchte den Zoff um die Leitung der Volksbühne lieber nicht kommentieren. Also eine Meinung, die hat sie schon dazu, aber die möchte sie nicht in der Zeitung lesen. Ihre Position erfordert eine gewisse Zurückhaltung bei Theaterthemen. Neutralität ist das Zauberwort.

Das ist auch am morgigen Montag angesagt. Dann steht für die Endauswahl die legendenumrankte, entscheidende Jurysitzung an, die längenmäßig an eine Rede des früheren kubanischen Staatschefs Fidel Castro heranreichen kann. Noch stehen so 25–30 Inszenierungen für das Theatertreffen 2018 zur Debatte, man kann davon ausgehen, dass die drei Aufführungen, die sich Yvonne Büdenhölzer nach dem Spaziergang angeschaut hat, dazugehören. Sie bestätigt das natürlich nicht, aber es ist naheliegend, denn sie versucht, alle im Rennen befindlichen Arbeiten vorab zu sehen. Abstimmen darf sie nicht, sie moderiert. Wird versuchen, Kompromisse zu finden und auszugleichend einzugreifen, wenn sich die Kritiker nicht einigen können. Das müssen die irgendwann – mit mehr Druck als bei einer Papstwahl –, denn schon am nächsten Tag werden die zehn eingeladenen Inszenierungen auf einer Pressekonferenz verkündet.

Und damit beginnt die entscheidende Phase für Yvonne Büdenhölzer, „das Programmieren des Festivals“. Also Verhandlungen mit den Bühnen, Terminfindungen, Austarieren des Spielplans und – ganz wichtig – die Disposition des Eröffnungsstücks. Im Idealfall darf das wegen der Eröffnungsreden und der anschließenden Feier nicht zu lang sein, aber relevant und prominent besetzt. Schließlich sollen sowohl die Politiker als auch die Kritiker und nicht zuletzt die Künstler zufrieden sein. Denn zu diesem Festivalauftakt trifft sich die ganze Branche, das ist vergleichbar mit der Eröffnung der Berlinale. Es gibt wohl keinen zweiten Theaterabend, bei dem so viele Intendanten, Schauspieler und Regisseure an einem Ort versammelt sind.

Das Berliner Theatertreffen, das neben der Zehner-Auswahl („das Herzstück“) ein vielfältiges Programm mit Diskussionen, Workshops und etliche Reihen wie den „Stückemarkt“ bietet, wird von der Kulturstiftung des Bundes mit knapp zwei Millionen Euro finanziert. Es ist auch ein Marktplatz. Eine Einladung erhöht den Marktwert, hier werden Karrieren befördert. Regisseur Ersan Mondtag ist so ein Shootingstar. Der Regisseur, Jahrgang 1987, wurde 2016 das erste Mal eingeladen, im vergangenen Jahr dann erneut mit „Die Vernichtung“. Er kann sich mittlerweile die Häuser aussuchen, an denen er arbeitet.

Oder die Regisseurin Karin Beier. Nach etlichen Theatertreffen-Einladungen wurde sie Intendantin in Köln, heute leitet sie mit dem Hamburger Schauspielhaus das mit 1200 Plätzen größte deutsche Sprechtheater. Eine Frau an der Spitze, das ist immer noch die Ausnahme, überwiegend sind die Leitungspositionen in Männerhand. Und auch auf der Ebene der Regie „gibt es nicht viele Frauen, die auf großen Bühnen arbeiten“, sagt Yvonne Büdenhölzer: „Wir werden beim Festival etwas dazu machen, das Thema treibt mich sehr um.“

Wir überqueren die Lessingbrücke, um auf der anderen Spreeseite am Holsteiner Ufer in Richtung Bartningallee zu gehen, zum Aufwärmen und „zum besten Baumkuchen Berlins“. In der Konditorei „Buchwald“ riecht es nach Frischgebackenem. Auf der Herrentoilette steht eine antiquiert wirkende, aber funktionstüchtige Standwaage – offenbar ist das nicht geschäftsschädigend. Natürlich probieren wir den Baumkuchen, die Variante mit Schokoüberzug. Yvonne Büdenhölzer bestellt keinen Kaffee, sondern Tee, und begründet das beiläufig mit dem Hinweis, dass sie schwanger sei. Ende April soll das zweite Kind auf die Welt kommen. Das 55. Theatertreffen (4. bis 20. Mai) findet also ohne Yvonne Büdenhölzer statt, sie wird sich voraussichtlich bis Jahresende um das kleine Theater zu Hause kümmern.

Wir verlassen das Café, überqueren erneut den Fluss und gehen am Ufer zu den Bolle-Festsälen. Der denkmalgeschützte, lang gezogene Klinkerbau beherbergte früher die Meierei Carl Bolle, Ältere erinnern sich vielleicht noch an die gleichnamigen Einzelhandelsgeschäfte. Die Festsäle könnten eine Spielstätte des Theatertreffens werden. Das Festival sucht ja immer wieder außergewöhnliche Orte, weil manche Produktionen sich nicht für den klassischen Bühnenraum eignen. Wie im vergangenen Jahr die „Borderline-Prozession“ des Schauspiels Dortmund, die in den Rathenau-Hallen in Oberschöneweide gezeigt wurde. In der Mitte des Raumes war eine kleine Stadt aufgebaut, in einige Zimmer konnte man hineinsehen, andere erschloss erst die Kamera, das Publikum saß auf Tribünen drum herum und wurde in jeder Pause aufgefordert, den Platz und damit die Perspektive zu wechseln.

Eigene Stoffentwicklungen und ungewöhnliche Inszenierungsorte sind zwar nicht ganz neu, scheinen aber zuzunehmen. Klar, den guten alten Tschechow, allein dessen „Drei Schwestern“ wurden in der Geschichte des Theatertreffens sechs Mal eingeladen, wird es weiterhin geben, aber mitunter halt mit einem völlig neuen Sound wie im vergangenen Jahr zur Festival-Eröffnung: Simon Stone hatte den Klassiker überschrieben, die Konstellation aber beibehalten. Es ist auch dieser Umgang mit alten Stoffen, der das Theater interessant macht und es jung hält.

Wir sind wieder auf der Straße Alt-Moabit angekommen, stehen vor den Bolle-Festsälen. Bis 1999 gab es an dieser Stelle ein Theater: die Berliner Kammerspiele. Die müssten schließen, weil die öffentliche Förderung gestrichen wurde.