Theaterfest

Volksbühne verabschiedet sich von Schlingensief

Die Berliner Volksbühne hat zur Erinnerung an den verstorbenen Regisseur Christoph Schlingensief zu einem Theaterfest geladen. Und natürlich ist es kein stilles, sondern ein lautes, wuseliges Abschiednehmen.

Foto: David Heerde

Die Türen zum Saal der Volksbühne: verschlossen. Der Ordner davor lässt nicht mit sich handeln. Zugang zum Zuschauerraum nur über das Hochparkett. Zur Eröffnung gibt's eine Rede. Wer spricht? Das weiß der junge Wächter nicht so genau. Also wieder zurück, übers Treppenhaus, vorbei an Fernsehern mit Schlingensief-Bildern, nach oben.

Christoph Schlingensief, der am 21. August 2010 im Alter von 49 Jahren seinem Krebsleiden erlag, ist hier an diesem Sonnabend multipräsent. Und natürlich ist es kein stilles, das wäre ja völlig unpassend, sondern ein lautes, wuseliges Abschiednehmen. "Gedenken 3000" hat die Volksbühne den Abend in Erinnerung an diverse Projekte von Christoph Schlingensief betitelt. Es gibt keinen Ablaufplan, aber dafür ein DIN-A-3-großes Blatt, auf dem etagenweise Orte und Aktionen vermerkt sind. Selbstverständlich ohne Zeitangabe. Aber dafür führt die Stimme des Intendanten, der immer wieder Tips gibt, durch den Abend: "Besuchen Sie auch den Afrika-Bereich im Erdgeschoss", verkündet sie über die Lautsprecheranlage. Ein Running Gag, der nicht wirklich zündet.

Unscharfes Bild, schlechter Ton

Im Zuschauersaal sind die Reihen vergleichsweise spärlich besetzt. Vorzugsweise sitzen die Menschen am Rand. Auf der Bühne neben der Leinwand: weiße Plastikstühle, ein Ohrensessel steht auf einem Teppich neben einer Stehlampe. Die Eröffnung lässt noch ein bisschen auf sich warten. Gelegenheit, den Orientierungszettel zu studieren. Oder sich über den unzuverlässigen Typen aus Köln zu beklagen, der sich schon wieder nicht gemeldet hat, wie eine junge Frau ihrer Nachbarin in Reihe 17 mitteilt.

Es tut sich was. Auf der Leinwand sind irgendwelche Menschen zu erkennen, die um eine Tafel herum sitzen. Einer redet etwas von "Oberhausen" und davon, "wer mit 40 noch Revolutionär ist". Im Kino würde es jetzt laut werden, weil das Bild unscharf ist und der Ton nicht der Rede wert. In der Volksbühne geht man stattdessen aus dem Saal heraus, ins Gedränge hinein – und hört das Ende der Rede: Es war Frank Castorf, der den Abend im Sternfoyer eröffnet hat! Jetzt steht der Intendant im legeren grauen Pullover von der Tafel auf. Sie ist reich gedeckt, die Besucher waren aufgefordert, Essen und Getränke mitzubringen. Es dominieren Wein und Brot, also die klassischen Abendmahls-Zutaten, außerdem Obst und später die typischen Party-Essensvariationen. Man prostet sich zu: "Auf Christoph."

Der Hausherr kündigt über die Lautsprecheranlage den Filmclub an.

Menschen – die Volksbühne wird später von über 2000 Gästen sprechen – strömen von A nach B, irgendwie immer auf der Suche nach etwas. Nur wenige haben sich entschieden, wie das Pärchen im Treppenhaus auf den Volksbühnen-Liegekissen, das sich Ausschnitte aus Schlingensief-Filmen anschaut. Der Regisseur ist gewissermaßen überall: Es gibt Musik (Schwerpunkt natürlich Wagner), Installationen; die Spendenaktion für das Operndorf in Afrika hat einen Stand; ein leibhafter, sehr wohlgenährter Hase als Anspielung an "Hasifal" aus der umstrittenen Bayreuther "Parzifal"-Inszenierung wird im Käfig ausgestellt.

Viele Prominente sind gekommen, darunter Staatsopern-Intendant Jürgen Flimm, BE-Direktor Claus Peymann, Dramaturg Carl Hegemann, die Grünen-Politikern Antje Vollmer, die Schlingensief seinerzeit zu einer Anhörung in den Deutschen Bundestag eingeladen hatte, als der noch das Enfant terrible war und weit entfernt vom Bayreuther-Hochkultur-Ritterschlag. Neben zahlreichen Schauspielern ist natürlich auch Matthias Lilienthal da. Er war es, der Schlingensief 1993 in der frühen Ära Castorf an die Volksbühne holte. Der Regisseur sorgte zuverlässig für einen Skandal und große Aufregung bei der Berliner CDU.

Sternstunden im Sternfoyer

Die Stimme des Hausherren ertönt erneut über die Lautsprecher: "Erleben Sie Sternstunden im Sternfoyer." Dimiter Gotscheff steht dort auf der Treppe. Er liest einen Aufsatz von Schlingensief vor, den der als 15-Jähriger zum Thema "Berufwunsch: Regisseur" verfasst hat.

Ausgelassener geht es im Roten Salon zu. Dort moderiert Schauspieler Bernhard Schütz eine Art schräge Talk-Show: "Hey, wo ist denn Frau soundso, die wollte doch alle 6000 Nachrufe vorlesen." Es folgen Ausschnitte aus einem Schlingensief-Auftritt in der Harald-Schmidt-Show. Wir befinden uns tief in den neunziger Jahren. Schlingensief – Blaumann unterm Sakko, Gummistiefel an den Füßen und einen Helm mit der Aufschrift "Sodom" auf dem Kopf – kommt gerade von Dreharbeiten am Potsdamer Platz. Die "120 Tage von Bottrop – Der letzte Neue Deutsche Film" ist abgedreht. Der Showmaster frittiert ein Handy und wirft einen Goldfisch in den Mixer, um Schlingensiefs Ästhetik für das Fernsehpublikum zu veranschaulichen.

Castorfs Stimme ertönt: "Besuchen Sie auch den Afrika-Bereich im Erdgeschoss". Huch, das hatten wir doch schon.

Draußen, vor den wuchtigen Pfeilern der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, steht eine kleine Gruppe und lässt sich fotografieren. Im Hintergrund hängt am Portal ein überlebensgroßes Foto des Regisseurs samt riesigem Kreuz. Ein Foto zur Erinnerung. An Christoph Schlingensief. Oder den eventmäßigen Abend des Gedenkens.

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