In Berlin lassen sich eine Vielzahl von Schrottimmobilien und Geisterhäusern finden, verfallene Eckhäuser inmitten der belebten Stadt, Neubauruinen und abbruchreife Wohnkasernen. Eine der Problemimmobilien, die seit Jahrzehnten im Süden Berlins leer stand und verfiel: das Geisterhaus am Lichtenrader Damm 241. Das Dach provisorisch mit Brettern vor herabfallenden Ziegeln geschützt, der Putz, eine Kraterlandschaft klaffender Lücken, die Fassade großflächig mit Graffiti beschmiert und das Grundstück eine verwunschene Wildnis wildwuchernder Pflanzen – eingehüllt und geschützt vor den Blicken neugieriger Passanten durch mannshohe Brombeerbüsche. Bis vor kurzem war das verwaiste Gebäude eine Fundgrube für Lost Place-Jäger und für Generationen von Lichtenrader Jugendlichen, die sich das Erkunden des Geisterhauses zur gefürchteten Mutprobe machten. Alle Infos zu dem ehemaligen Lost Place.
Das sind die Fakten zum Geisterhaus Lichtenrader Damm im Überblick:
- Adresse: Lichtenrader Damm 241, Berlin-Lichtenrade
- Geschichte: Das zweigeschossige Wohngebäude wurde Ende der 1930er-Jahre als Thierbach’sches Haus für den Lichtenrader Maurermeister Franz Thierbach an der damaligen südlichen Umgehungsstraße in Lichtenrade entworfen und gebaut; in der Nachkriegszeit bis in die 1990er-Jahre bewohnt, danach Leerstand und Verfall
- Führungen: Keine
- Denkmalschutz: Nein
- Status: Ehemaliger Lost Place
Wo liegt das Geisterhaus genau?
Das Geisterhaus liegt an der Adresse Lichtenrader Damm 241 im Ortsteil Lichtenrade des Bezirks Tempelhof-Schöneberg. Die Google-Koordinaten (Open-Location-Code) für das Objekt lauten: 9CR4+8WR Berlin. Das Grundstück kann mit öffentlichen Verkehrsmitteln am besten mit den Buslinien 743 und M76 (Haltestelle Lichtenrader Damm 254) erreicht werden. Von der Bushaltestation ist es ein rund zweiminütiger Weg bis zu dem Grundstück. Achtung: Es handelt sich um Privatbesitz. Unbefugten ist das Betreten nicht erlaubt. Von dem Geisterhaus haben sich vor Ort keine Spuren erhalten.
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Das sind die wichtigsten Etappen der Geschichte des Geisterhauses Lichtenrader Damm:
Ausgangslage: Errichtung des Wohnhauses in den 1930er-Jahren
Als der Grundstein für das Einfamilienhaus in den 1930er-Jahren gelegt wurde, war die Straße, an der es entstand und die damals noch schlicht „südliche Umgehungsstraße“ hieß, erst rund zehn Jahre alt und lag in einer Gegend, die von den Berlinern gern als „jwd“ bezeichnet wird – also janz weit draußen. Die Ausfallstraße war als Verlängerung der Tempelhofer Chaussee 1926 am südlichen Rand Berlins fertiggestellt worden. Erst wenige Jahre zuvor war mit dem Groß-Berlin-Gesetz von 1920 die Landgemeinde Lichtenrade als Ortsteil von Tempelhof nach Berlin eingemeindet worden. Entlang der Verbindungsstraße in Richtung Mahlow und Blankenfelde befand sich ausgedehntes Ackerland, von dem in den 1930er-Jahren am rechten Straßenrand vier Grundstücke für eine Wohnbebauung parzelliert wurden.
Das südlichste der Grundstücke an der Umgehungsstraße 13, der heutigen Lichtenrader Damm 241, erwarb der Berliner Maurermeister Franz Thierbach, der auf dem gut 1000 Quadratmeter großen Grundstück ein zweigeschossiges Wohnhaus samt Gartenhaus im rückwärtigen Grundstücksbereich errichten ließ. Unmittelbare Nachbarn gab es keine. Die anderen Bauparzellen blieben weitgehend unbebaut. Sie wurden als Kleingärten mit Datschen genutzt.
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Geisterhaus Lichtenrader Damm: So war das Gebäude aufgebaut
Bis 1938 war das Gebäude, das eine nahezu quadratische Grundfläche einnahm und auf einer Baufläche von knapp 100 Quadratmetern errichtet wurde, bezugsfertig. Die Längsseite des mit hellem Rauputz verkleideten Ziegelhauses, das sich unmittelbar am Straßengrund erhob, war zur Umgehungsstraße hin ausgerichtet. Der seitlich gelegene Eingang befand sich an der Südseite mit Treppe und gemauertem Windfang. Über dem Souterraingeschoss lag die Wohnetage, die von einem hohen, rotgeziegelten Spitzdach mit ausgebautem Dachgeschoss und breiter Flachdachgaube zur Straße hin sowie einer darüber liegenden Dachkammer abgeschlossen wurde.
Hinter dem Haus befand sich ein frei stehender, kleiner Ziegelbau, bei dem es sich vermutlich um einen Gartenschuppen handelte. Dahinter erstreckte sich das Grundstück ungefähr bis zur halben Höhe der Marienfelder Straße, hinter der östlich angrenzend die alte Dorfaue Lichtenrade mit Dorfteich und der Dorfkirche lag. Erster Mieter der Immobilie an der Umgehungsstraße wurde der Schlosser Erich Roder. In den 1940er-Jahren lebte Friedrich Jelitto in dem Haus. Dort erlebte er die schweren Bombenangriffe, die den Berliner Süden seit 1943 trafen.
Geisterhaus Lichtenrader Damm: Kriegsschäden in der Umgebung

Besonders verheerend: der Angriff britischer Bomberstaffeln in der Nacht des 29. Dezember 1943. Als die Luftüberwachung den Anflug von Geschwadern meldete, glaubten die bis dahin weitgehend verschonten Bewohner Lichtenrades, das Ziel wäre erneut die Lausitzer Kohlengebiete. Wider Erwarten drehten die Bomberverbände über Elsterwerda scharf nach Norden und flogen die Hauptstadt an. Als die mehr als 700 Flieger die Stadtgrenze am Kirchhainer Damm erreichten, setzte ein Hagel aus Luftminen, Brand- und Streubomben ein. 20 Minuten dauerte das Inferno aus der Luft. Während das Haus an der Umgehungsstraße verschont blieb, gingen die Bauernhöfe im alten Dorf in Flammen auf; die Kirche brannte aus, ihre Glocken schmolzen im Feuer.
Als die Rote Armee im April 1945 Berlin befreite, kam es wohl in der unmittelbaren Umgebung des Hauses vermutlich zu Kampfhandlungen. Auf der Fläche Lichtenrader Damm 227–241 ergaben Luftbildauswertungen zur Kampfmittelbelastung im Jahr 2020, dass sich dort ein Splittergraben befunden haben musste: ein zuvor nicht sondierter Anhaltspunkt für das Vorhandensein von Kampfmitteln. In der Nachkriegszeit lag das Grundstück am südlichen Rand Berlins im US-amerikanischen Sektor des geteilten Berlins, nicht weit von der Zonengrenze entfernt.
Friedrich Jelitto arbeitete jetzt in der sowjetischen Besatzungszone; machte dort Schlagzeilen – und fand auch im Westen in CIA-Berichten Erwähnung – als er 1949 mit dem Nationalpreis der DDR ausgezeichnet wurde. Der Elektroingenieur hatte mit einem Kollegen im Werk für Fernmeldewesen (HF) Oberspree in Niederschöneweide ein volkswirtschaftlich bedeutsames Verfahren zur Herstellung der Senderöhre für den Berliner Rundfunk entwickelt.
Geisterhaus Lichtenrader Damm: Wechselnde Mieter in der Nachkriegszeit

Für Generationen von Berlinern wurde das Haus am Lichtenrader Damm seit der Nachkriegszeit zu einem Zuhause – in den 1960er-Jahren lebte dort der Industriekaufmann Wolfgang P., in den 1970er-Jahren der Isolierklempner Frank K. In den Berliner Adressbüchern dieser Zeit ist als Eigentümer nach wie vor Franz Thierbach eingetragen, bis kurz nach dem Mauerfall 1992 der letzte Mieter auszog und das Einfamilienhaus in einen tiefen Dornröschenschlaf fiel.
Fast vierzig Jahre lang stand das verwaiste Geisterhaus am Lichtenrader Damm 241 seitdem leer und rottete, ungeachtet der zunehmenden Wohnungsnot in der Hauptstadt, als moderne Ruine vor sich hin. Die windschiefen Jalousien an den Fenstern bis auf kleine Schlitze verschlossen, sich dem Blick neugieriger Passanten entziehend, wusste niemand so recht, der an der Problemimmobilie vorbeikam, was das Innere des Geisterhauses noch an Hausstand seiner früheren Bewohner bewahrte. Auf der rückwärtigen Grundstücksseite rankte wildwucherndes Grün die Hausseite empor, bis das halbe Dach nur noch von Rankenwerk zusammengehalten zu sein schien.
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Geisterhaus Lichtenrader Damm: Verfall und Vandalismus an dem Lost Place
An der Straßenseite fanden sich bald großflächig Graffitis auf dem bröckelnden Putz, dessen Fehlstellen immer größere Flächen des unterliegenden Mauerwerks freilegten. Eingeschlagene Fensterscheiben am Windfang, vermodernde Bretter und herausgebrochene Ziegel an der Südseite verliehen dem Lost Place einen gespenstischen Anstrich.
Jugendliche, die sich im Zuge von Mutproben durch das verrostete Eingangstor trauten, fanden sich auf dem Grundstück in einer dichtbewachsenen Wildnis aus Büschen und Bäumen wieder, in der sie im Unterholz auf das vollkommen zugewachsene Gartenhäuschen stießen. An der Zugangstreppe des Haupthauses sammelte sich herabfallender Schutt. Zuletzt wurden Bretter an der Traufe des Gebäudes angebracht, um Passanten vor Mauerwerk und herabfallenden Ziegeln zu schützen.
Geisterhaus Lichtenrader Damm: Investor erwarb das Areal für ein Neubauprojekt
Bis in die 2020er-Jahre blieben das Haus und sein Grundstück, nördlich eines angrenzenden Autohandels und einer Gärtnerei, unbewohntes Brachland – bis ein Investor das ganze Areal östlich des Lichtenrader Damms mitsamt der Hausruine erwarb. Der schwedische Projektentwickler Bonava plant auf der Fläche am Lichtenrader Damm 227–241 und 243–251 – insgesamt rund 6000 Quadratmeter – ein neues Wohnquartier in Lichtenrade zu errichten. Das Projekt „Lichtenrader Bogen“ sieht zwei Wohnkomplexe vor, die als dreigeschossige Gebäuderiegel mit Staffelgeschoss und abgetreppten Seitenflügeln konzipiert sind.
In der ersten Bauphase entsteht am Lichtenrader Damm 227–241 ein Gebäudekomplex mit 79 Zwei- bis Fünf-Zimmer-Wohnungen. Die Wohnflächen liegen zwischen 46 und 118 Quadratmetern; zusätzlich sind zwei Gewerbeeinheiten geplant. Alle Einheiten sollen über einen privaten Außenbereich in Form einer Loggia oder Dachterrasse verfügen. Ergänzt wird das Quartier durch einen Spielplatz im Innenhof, verschiedene Fahrradabstellmöglichkeiten und eine Tiefgarage mit insgesamt 36 Stellplätzen.
Geisterhaus Lichtenrader Damm: Verwaistes Gebäude endete unter Abrissbaggern

Um das neu entstehende Wohngebiet zur Dorfaue hin zu öffnen, strebt das Bezirksamt einen öffentlichen Durchweg an, der auf den Flächen zwischen den Neubauten den Lichtenrader Damm mit Alt-Lichtenrade verbindet. Im Frühjahr 2025 näherten sich Bagger dem seit Jahrzehnten leerstehendem Haus am Lichtenrader Damm 241 und machten im Zuge der Bauvorbereitung mit der Gebäuderuine kurzen Prozess.
Das Haus wurde in Trümmer gelegt, der Schutt geräumt und die Baufläche planiert, um das Gelände für die Bauarbeiten vorzubereiten. Im November 2025 begannen die ersten Hochbauarbeiten auf dem Areal. Laut der Projektseite des Projektentwicklers könnten im Juni 2027 die ersten Bewohner in dem Neubau am Lichtenrader Damm einziehen, wenn der erste Bauabschnitt des Wohngebäude I in Stadtrandlage fertiggebaut ist. Mit einer Fertigstellung des Quartiers rechnen die Schweden bis Juli 2028.
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