Aufgelassene Bahnstrecken, Blindgleise und Geisterschienen: Berlin ist durchzogen von einem Netz aufgegebener oder nie fertiggebauter Schienenstränge. Eine der jüngsten Verbindungen, die das Schicksal ereilte, ist die ehemalige Zehlendorfer Eisenbahn, besser bekannt als Goerzbahn. 2018 rollte auf ihr der letzte reguläre Zug, dann kam – einzelne Testfahrten ausgenommen – das Aus für die traditionsreiche Strecke. Seitdem dämmern die Gleise am Straßenrand vor sich hin. Zwischen den Gleisen wächst Gras, die Schienen beginnen Rost anzusetzen. Die wichtigsten Infos zu dem Lost Place.

Das sind die Fakten zur Goerzbahn im Überblick:

  • Adresse: Die Strecke verläuft zwischen Berlin-Lichterfelde West und Berlin-Goerzallee/Goerzwerk. Ein Eisenbahnmuseum befindet sich im alten Lokschuppen am Bahnhof Schönow, Goerzallee 313, 14167 Berlin-Lichterfelde
  • Geschichte: 1905 Aufnahme des Bahnbetriebs mit Pferdezügen; 1915 Umstellung auf Dampflokomotiven; zwischen 1919 und 1945 Personenbeförderung; in der Nachkriegszeit bis zur Einstellung des Betriebs 2018 Güterverkehrsstrecke
  • Führungen: Am Tag der offenen Tür bot der Verein AG Märkische Kleinbahn bisher Kleinlokfahrten und Begehung des Betriebsgeländes am Bahnhof Schönow an. Hier finden Sie die aktuelle Terminvorschau des Vereins
  • Denkmalschutz: Nein
  • Status: Lost Place. Das Berliner Abgeordnetenhaus bewilligte Ende 2023 19 Millionen Euro für einen Testbetrieb auf der Strecke

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Wo verläuft die Goerzbahn genau?

Die Strecke hatte ihren nördlichen Ausgangspunkt am Bahnhof Lichterfelde West, von dem aus ein Anschluss an die Bahnstrecke Berlin–Magdeburg bestand. Von Lichterfelde West verlaufen die Gleise in einem Bogen unter der Brücke des Dahlemer Wegs hindurch. Hier lag der ehemalige, heute nicht mehr existente, Nordbahnhof der Goerzbahn. Über eine Strecke von etwa drei Kilometern folgt die Schienenanlage dem Verlauf des Dahlemer Wegs an der Grenze zwischen den Ortsteilen Lichterfelde und Zehlendorf, bis sie nach dem Bahnübergang an der Wupperstraße den an der Goerzallee gelegenen Bahnhof Schönow erreicht. Das Industriegebiet am Zehlendorfer Stichkanal war über werkseigene Gütergleise an die Goerzbahn angebunden. Auch interessant: Lost Places: Diese Strafen drohen bei Hausfriedensbruch

Das sind die wichtigsten Etappen der Geschichte der Goerzbahn:

Ausgangslage: Startschuss fiel mit dem Bau des Teltowkanals

Noch bevor der Teltowkanal Anfang des 20. Jahrhunderts gänzlich fertiggestellt war, brandete eine Flut von Investitionskapital an die frisch ausgehobenen Ufer des Wasserwegs südwestlich von Berlin. Einer, der das Potential der neuerschlossenen Gebiete früh erkannte, war der Bankier Carl Neuburger (1850-1930). Er sicherte sich großflächig Baugrund am künftigen Zehlendorfer Stichkanal, der mit der Austrocknung des Teltower Sees entstand. Dort, wo zuvor die Gemarkung des eher betulichen Dorfes Schönow lag, schwebte Neuburger ein riesiges Industriegebiet vor – und, um den Reiz seines Baulandes zu steigern, ließ der umtriebige Investor erste Schienenwege verlegen.

1904 gründete er die Zehlendorfer Eisenbahn- und Hafen A.G. (ZEUHAG), die später in eine GmbH umgewandelt wurde. Nach sechs Monaten Bauzeit nahm die eingleisige Privatbahn am 22. Oktober 1905 den Betrieb zwischen dem Stadtbahnanschluss Lichterfelde West und dem Industriegelände am Stichkanal auf. Auf der über weite Abschnitte kerzengerade verlaufenden Bahn verkehrten von Pferden gezogene Güterwaggons. Der Plan ging auf: Am Stichkanal siedelten sich die Elberfelder Papierfabrik, die Spinnstofffabrik Zehlendorf, „Spinne“ genannt, sowie ab 1915 ein Zweigwerk der rasant expandierenden Photochemischen Werke des Unternehmers Carl Paul Goerz (1854–1923) an. Die pferdebespannte Zehlendorfer Eisenbahn lieferte das nötige Baumaterial, und transportierte – als die Fabriken ihre Produktion aufgenommen hatten – in der Gegenrichtung Güter zum Bahnhof Lichterfelde West, wo die Erzeugnisse zum Weitertransport verladen werden konnten.

Goerzbahn: Wechsel an der Spitze der Zehlendorfer Eisenbahn

Die Geschäfte liefen gut: 1907 wurde am nördlichen Rangierpunkt der Strecke der „Bahnhof Nord“ errichtet. Ein Jahr später erhielt die Zehlendorfer Eisenbahn die Genehmigung für den Betrieb von Dampfloks – doch es sollten noch einige Jahre vergehen, bis die Pferdezüge ausrangiert wurden. Schon jetzt beklagten sich einige Anrainer über das unablässige Treiben auf der Privatstrecke am Dahlemer Weg. Im Dezember 1915 war es dann soweit: Die erste Dampflokomotive wurde angeschafft und nahm ihren Betrieb auf der Strecke zwischen Lichterfeld und Zehlendorf auf. Ein Jahr später kam die zweite Lok hinzu. Unterdessen hatte Goerz, dessen Produktionsstandorte in Friedenau nicht mehr ausreichten, begonnen im großen Stil in Lichterfelde zu bauen.

1918 übernahm Goerz die ZEUHAG als Tochtergesellschaft der Goerzwerke, deren Bahn fortan den Spitznamen „Goerzbahn“ trug. Zum Güterverkehr kam 1919 auch der Betriebszweig Personenverkehr hinzu. Es handelte sich um einen reinen Werksverkehr, der sich an den Schichten der bis zu 12.000 Beschäftigten des Goerzwerk orientierte, die mit dem Anschluss teilweise zwischen den Fabrikstandorten in der Rheinstraße in Friedenau und dem Werk am Stichkanal Zehlendorf pendelten. Ohne Betriebsausweis kam keiner mit; denn für den Betrieb eines regulären Personenverkehrs hatte die ZEUHAG keine Genehmigung. Doch auch so war die Strecke ausgelastet: Die Bahn beförderte in ihrer Glanzzeit – das war 1922 – fast eine Million Menschen im Jahr.

Goerzbahn: Weichenstellungen bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs

Die Geschwindigkeit der damaligen Züge erreichte bis zu 45 Stundenkilometer. Für den Werksverkehr wurden eigens zwei Lokomotiven angeschafft, die jeweils acht bis elf Waggons zogen, ein eigenes Zugmeldeverfahren eingerichtet und ein Fahrplan ausgegeben. Endstation für den Personenverkehr war der Bahnhof Nord am Dahlemer Weg, der etwa auf der Höhe der Schubertstraße lag. Die Goerzbahn transportierte bis in die Kriegsjahre des Zweiten Weltkriegs zuverlässig Werksmitarbeiter – wenngleich das Verkehrsaufkommen der Goerzbahn schrumpfte: 1938 betrugen die Fahrgastzahlen nur noch ein Drittel ihres Höchststandes von 1922; und auch die Verhältnisse im Goerzwerk hatten sich unterdessen dramatisch gewandelt.

Bereits mit dem Ende des Ersten Weltkriegs war das Goertz'sche Firmenimperium in finanzielle Turbulenzen geraten. Goerz hatte versucht, die Produktpalette seiner Firmen auf zivile Erzeugnisse umzustellen, doch erst die Fusion mit den Jenaer Zeisswerken im Jahr 1926 – drei Jahre nach dem Tod des Firmengründers – , aus der die Zeiss Ikon AG hervorging, bedeutete die Rettung. Zeiss Ikon wurde mit seinem Berliner Werk am Teltowkanal bis zum Zweiten Weltkrieg einer der bedeutendsten Hersteller von Kamera- und Kinoprojektoren sowie Weltmarktführer im Bereich von Schmalfilmkameras. Nahe des vom NS-Regime als kriegswichtig eingestuften Betriebs entstanden während des Zweiten Weltkriegs Zwangsarbeiterlager. Die Internierten waren in der Produktion bei Zeiss Ikon eingesetzt.

Goerzbahn: Aufgabe des Personenverkehrs in der Nachkriegszeit

Gegen Kriegsende wurde der Betrieb auf der Goerzbahn unterbrochen: Angesichts von Kriegsschäden, Personalmangel und der Beschlagnahmung von Verkehrsmitteln im Rahmen von Reparationen stand die Bahnanlage vor dem Aus. Doch bereits im Januar 1946 konnte der Güterverkehr auf der nun im US-amerikanischen Sektor liegenden Goerzbahn unter großen Einschränkungen wiederaufgenommen werden. In der Nachkriegszeit waren auf der Strecke überwiegend Dampflokomotiven vom Typ BR 50 im Einsatz, später auch Dieselloks der DR-Baureihe Br. V 60.10. Ein Personenverkehr wurde auf der Strecke nicht wiederaufgenommen.

Nach der Berlin-Blockade 1948/1949 kam auch das endgültige Aus für die eigene Betriebsführung. Von nun an übernahm die Deutsche Reichsbahn – wie auf allen Westberliner Strecken bis 1984 – auch den Betrieb der Anschlussbahn. Das änderte sich auch nicht mit dem Mauerbau 1961: Da die Bahnanlagen nicht Bestandteil der Westsektoren der Alliierten waren, behielt die Reichsbahn die Betriebsrechte des Eisenbahn- und S-Bahn-Verkehrs in ganz Berlin. Seit den 1960er Jahren war auch die US-Armee und die VW-Werke Nutzer der Goerzbahn, über deren Gleise Güterverkehr abgewickelt wurde.

Goerzbahn: Letzter Güterzug rollte 2018 über das Gleis

Die letzten Dampflokomotiven der ZEUHAG wurden 1966 verschrottet, nachdem sie bis dahin im Lokschuppen am Bahnhof Schönow untergestellt waren. Seit 1981 wurde der Schuppen von dem Verein Märkische Kleinbahn gemietet, der auf dem Gelände bis heute ein Eisenbahnmuseum unterhält und die Strecke seit 1989 auch für gelegentliche Museum- und Draisinen-Fahrten nutzt. Mit der Wiedervereinigung und der Gründung der Deutschen Bahn AG im Januar 1994 wurde die Betriebsführung der Goerzbahn an die für den Schienengüterverkehr zuständige DB Cargo übertragen, die sie ihrerseits an ihre Tochter RBH Logistics übergab.

Noch bis 2018 wurde die Strecke für Gütertransporte in die dortigen Industriegebiete genutzt. Die Züge der Goerzbahn transportierten zuletzt Kunststoffteile der Firma APCB, die am Südende der Goerzbahn ein Anschlussgleis besitzt, zu den Ford-Werken nach Köln. Der Güterverkehr auf der Goerzbahn wurde von einem einzelnen Lokführer mit einer Diesellokomotive der Baureihe 365 durchgeführt. Wegen gesunkenen Verkehrsaufkommens kündigte Ford 2018 den Vertrag mit der Bahn und stellte auf eine Zulieferung mit Lkws um. Seitdem dämmert die Bahnanlage in einem jahrelangen Dornröschenschlaf vor sich hin. Die Gleise beginnen langsam Patina anzusetzen, Laub bedeckt die rund 40 Straßen- und Wegequerungen und die einsam ausharrenden Warnschilder und Andreaskreuze entlang der Strecke wecken bei vorbeieilenden Autoverkehrsteilnehmern immer weniger Aufmerksamkeit.

Goerzbahn: Und wie sieht die Zukunft aus?

Nach der Einstellung des Güterverkehrs beschränkte sich der Betrieb auf der Goerzbahn vornehmlich im Bahnhofsbereich Schönow auf Demonstrationsfahrten mit Museumsfahrzeugen – bis die Deutsche Bahn die etwa vier Kilometer lange Strecke für ihre Erprobungszüge entdeckte. Anfang 2021 war erstmals der ICE-Testzug „advanced TrainLab“ mit zehn Kilometern in der Stunde an den Einfamilienhäusern im Dahlemer Weg vorbeigerollt. Es kam Bewegung in die Sache: 2022 verkaufte die Deutsche Bahn das Areal mit dem Bahnhof Schönow an das Land Berlin.

Der ICE-Testzug auf der Strecke der Goerzbahn im Februar 2021.
Der ICE-Testzug auf der Strecke der Goerzbahn im Februar 2021.© FUNKE Foto Services | Joerg Krauthoefer

Sowohl die Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM), die das Land als Eigentümer vertritt, als auch die Deutsche Bahn signalisierten grünes Licht für die Wiederinbetriebnahme. Im Dezember 2023 beschloss das Berliner Abgeordnetenhaus 19 Millionen Euro für einen Testbetrieb auf der Strecke bereitzustellen. Geprüft werden soll die Wirtschaftlichkeit von Güterverkehr und Personenbeförderung auf der Strecke. Über den Einsatz der Mittel und die konkrete Umsetzung gab es zuletzt Unklarheiten und Kritik – bis zur Klärung wartet die geisterhafte Dornröchenbahn am Dahlemer Weg weiter darauf, wieder wachgeküsst zu werden.