Wer Arne Krasting in seinem Büro in Prenzlauer Berg besucht, fühlt sich bereits wie auf einer Zeitreise. Das Mietshaus in Berlin-Pankow mit dem steinernen Seemann an der Winsstraße stammt aus dem Jahr 1906 und sieht heute so aus wie vor 120 Jahren.

Neue Nationalgalerie
Christian Schads „Sonja“ gilt als Archetyp der modernen „Neuen Frau“ der Weimarer Republik. Das Porträt hängt heute in Berlins Neuer Nationalgalerie.© © VG Bild-Kunst, Bonn 2021. Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin / Jörg P. Anders | © VG Bild-Kunst, Bonn 2021. Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin / Jörg P. Anders

Es hat Jugendstil-Türklopfer, hohe Decken und knarzendes Fischgrätparkett. In Krastings Büro blickt man auf Original-Stadtpläne aus den 1930er-Jahren und Bücher und Requisiten aus den 20er-Jahren. Auch eine Reproduktion von Christians Schads bekanntem Gemälde „Sonja“ aus dem Jahr 1928 hängt da.

Hamburger mit Twenties-Faible

Mit der Schiebermütze und den Hosenträgern könnte der Historiker ein Zeitgenosse von Ermittlerlegende Ernst Gennat (Udo Samel) in der Krimi-Serie „Babylon Berlin“ sein. Kein Wunder, dass ihn das Produktionsteam immer wieder als Komparsen engagiert hat. Seit der dritten Staffel ist er dabei, mal als Statist in der Menge, mal als hervorgehobener Komparse („Featured Extra“).

Donnerstag

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Krasting stammt aus Hamburg und lebt seit über 25 Jahren im Winskiez. Kaum war er im Jahr 2000 nach Berlin gekommen, packte ihn die Leidenschaft für die „Roaring Twenties“. 2001 gründete er mit Marcel Piethe die Agentur „Zeitreisen“, die Geschichte unterhaltsam vermittelt. „Histotainment“ nennt Krasting das.

Winsstraße, Ecke Heinrich-Roller-Straße in Prenzlauer Berg um 1920. Knut Elstermann, der im Winskiez aufwuchs, hat die Ansicht der Häuserfassaden in seinem Buch „Meine Winsstraße“ festgehalten.
Arne Krasting, "Zeitreise"-Führer
Winsstraße, Ecke Heinrich-Roller-Straße in Prenzlauer Berg um 1920. Knut Elstermann, der im Winskiez aufwuchs, hat die Ansicht der Häuserfassaden in seinem Buch „Meine Winsstraße“ festgehalten. Bild: © be.bra verlag/Museum Prenzlauer Berg

„Stadtrundgänge haben wir nicht erfunden“, sagt er. „Aber wir haben den Fokus auf die 20er-Jahre gelegt.“ „Babylon Berlin“ gab dem dann noch einmal einen kräftigen Schub: Aus einem Schwerpunkt wurde das Markenzeichen der Agentur.

Seit acht Jahren startet Krasting in Prenzlauer Berg seine „Babylon Berlin“-Touren, unter anderem an der Immanuelkirche. Seine Agentur ist offizieller Partner der erfolgreichen Krimi-Serie. Die Immanuelkirche ist einer der letzten weitgehend im Originalzustand erhaltenen Backsteinbauten aus dem Jahr 1893.

Warum die 20er so faszinieren

Was zieht ihn an diesem Jahrzehnt so an? „Berlin war damals eine Spielwiese für neue Ideen“, erklärt Arne Krasting. „Die Kultur war vielfältig, die Avantgarde stark und die Filmszene weltweit einzigartig. Und auch das Vergnügen kam nicht zu kurz: Man ging zum Sechstagerennen, zu Boxturnieren oder in den Lunapark am Halensee.“

Die Schattenseiten des Jahrzehnts blendet Krasting dabei nicht aus. Die fieberhafte Lebensfreude hatte einen harten Hintergrund: „Erster Weltkrieg, Spanische Grippe, Hyperinflation!“, zählt er auf. Ihn interessiert deshalb auch das Leben derer, die vom Glanz wenig abbekamen – und die Unterwelt.

Babylon Berlin Delphi
Das Stummfilmkino Delphi in Weißensee wurde für „Babylon Berlin“ zum Tanzcafé „Moka Efti“.© BM | Frederic Batier / X-Filme AG

Krasting bewundert, dass die Menschen damals nicht verzweifelten, sondern zu Höchstleistungen aufliefen. „Das gilt für Kultur wie für Architektur.“ Seine Fundgruben für historische Details sind vielfältig: Reiseführer aus der Weimarer Republik, darunter auch „Nacht über Berlin-Alexanderplatz. Die lasterhafte City von Aschinger bis Zacharias“ von Philipp Paneth. Über das Café „Moka Efti“ in Tiergarten fand er heraus, dass es ab 1933 mit Rolltreppe, Wasserfällen und exotischen Vögeln ausgestattet war.

Prenzlauer Berg war nicht der Ort zum Feiern

Das „wilde Leben“ spielte sich in den 20ern laut Krasting vor allem in Charlottenburg und Mitte ab. Der Prenzlauer Berg war ein Wohnbezirk. Eine Spur der Zeit ist die ehemalige Aschinger-Firmenzentrale in der Saarbrücker Straße, aus der Erbsensuppe und Bockwürste kamen.

Ehemalige Bötzow-Brauerei Prenzlauer Berg
Das heutige Bötzow-Areal entstand aus der ehemaligen Bötzow-Brauerei in Prenzlauer Berg.© Berliner Morgenpost | Sebastian Struwe

Eine andere Spur der Geschichte: die ehemalige Bötzow-Brauerei in der Prenzlauer Allee. Die Familie besaß das Mietshaus mit dem Seemann, in dem Krasting jetzt lebt. Seit Ende 2010 gehört das 24.000 Quadratmeter große Gelände Hans Georg Näder von der Ottobock-Gruppe. Da, wo früher ein Biergarten mit 5000 Plätzen war, ist jetzt wieder einer.

Die Stolpersteine am Haus erinnern an eine tragische Liebesgeschichte: Cäcilie Rudermann (1917–1942) lebte mit ihrer jüdischen Familie im Mietshaus mit dem Seemann. Schon als Kind hatte sie sich in einen Nachbarn verliebt. Ihr späterer Verlobter Rudolf Casper schloss sich freiwillig dem 4. Transport vom 1. November 1941 in das Getto Litzmannstadt an und starb aus Liebe mit ihr.

Berlin, Schlafsaal im Obdachlosen-Asyl
Städtisches Obdachlosenasyl „Palme“ in Berlins Fröbelstraße. Männer und Frauen schliefen getrennt. Blick in einen der großen Schlafsäle für Männer.© Bundesarchiv | o.Ang.

Eine düstere Ecke war auch das Obdachlosenasyl „Palme“ in der Fröbelstraße 15, bis 2019 ein Krankenhaus, seitdem ein Lost Place. Das Asyl taucht in Döblins Roman „Berlin Alexanderplatz“ auf. Im Winter 1911 starben dort rund 70 obdachlose Männer an einer Massenvergiftung, was die katastrophalen Missstände der Unterkunft schonungslos offenlegte.

Krastings persönliche Berlin-Zeitreise

Wenn Krasting für einen Abend in die 20er springen dürfte, hätte er ein Programm:

Romanisches Café: ehemaliger Treffpunkt der kulturellen Bohème gegenüber der Gedächtniskirche.
Haus Vaterland am Potsdamer Platz: Hier ging es auf kulinarische Weltreise – von der ungarischen Csárdas über den Wildwest-Saloon bis zur spanischen Bodega

Haus Vaterland am Potsdamer Platz, Berlin
Ikone am Potsdamer Platz: Seit 1929 hieß dieses Gebäude „Haus Vaterland – Betrieb Kempinski". Bis 1943 war es ein Vergnügungspalast. Nach schweren Luftangriffen im Zweiten Weltkrieg brannte es aus.© picture alliance / Sammlung Richter | RMR

„Resi“ in der Blumenstraße: ein Ballhaus in Friedrichshain. Heute steht dort ein Plattenbau. Per Rohrpostanlage hätte er dort gerne mit Frauen geflirtet.
Berliner Salons: Dort träfe er Persönlichkeiten der damaligen High Society wie Karl Gustav Vollmoeller, den Kunstmäzen Harry Graf Kessler oder Josephine Baker. Vollmoeller verschaffte Marlene Dietrich die Hauptrolle im Kultfilm „Der blaue Engel“, schrieb am Drehbuch mit.

Josephine Baker
Undatierte Aufnahme der französisch-amerikanischen Tänzerin und Sängerin Josephine Baker. Sie besuchte Berlin 1925/26 sowie 1929.© picture alliance / dpa

Pankow für Fans von „Babylon Berlin“

Viele Szenen von „Babylon Berlin“ wurden in Weißensee gedreht. Krasting empfiehlt eine Fahrradroute zu folgenden Filmstandorten der Kaiserzeit:

Geisterhaus Weißensee Woelckpromenade
Kulisse für „Babylon Berlin“: Das Mietshaus in der Woelckpromenade 7 in Weißensee gehört zu einem Ensemble, das in den Jahren 1907 bis 1938 am Kreuzpfuhl-Teich in Weißensee entstand.© BM | Thomas Schubert