Wer Arne Krasting in seinem Büro in Prenzlauer Berg besucht, fühlt sich bereits wie auf einer Zeitreise. Das Mietshaus in Berlin-Pankow mit dem steinernen Seemann an der Winsstraße stammt aus dem Jahr 1906 und sieht heute so aus wie vor 120 Jahren.

Es hat Jugendstil-Türklopfer, hohe Decken und knarzendes Fischgrätparkett. In Krastings Büro blickt man auf Original-Stadtpläne aus den 1930er-Jahren und Bücher und Requisiten aus den 20er-Jahren. Auch eine Reproduktion von Christians Schads bekanntem Gemälde „Sonja“ aus dem Jahr 1928 hängt da.
Hamburger mit Twenties-Faible
Mit der Schiebermütze und den Hosenträgern könnte der Historiker ein Zeitgenosse von Ermittlerlegende Ernst Gennat (Udo Samel) in der Krimi-Serie „Babylon Berlin“ sein. Kein Wunder, dass ihn das Produktionsteam immer wieder als Komparsen engagiert hat. Seit der dritten Staffel ist er dabei, mal als Statist in der Menge, mal als hervorgehobener Komparse („Featured Extra“).

Donnerstag
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Krasting stammt aus Hamburg und lebt seit über 25 Jahren im Winskiez. Kaum war er im Jahr 2000 nach Berlin gekommen, packte ihn die Leidenschaft für die „Roaring Twenties“. 2001 gründete er mit Marcel Piethe die Agentur „Zeitreisen“, die Geschichte unterhaltsam vermittelt. „Histotainment“ nennt Krasting das.


„Stadtrundgänge haben wir nicht erfunden“, sagt er. „Aber wir haben den Fokus auf die 20er-Jahre gelegt.“ „Babylon Berlin“ gab dem dann noch einmal einen kräftigen Schub: Aus einem Schwerpunkt wurde das Markenzeichen der Agentur.
Seit acht Jahren startet Krasting in Prenzlauer Berg seine „Babylon Berlin“-Touren, unter anderem an der Immanuelkirche. Seine Agentur ist offizieller Partner der erfolgreichen Krimi-Serie. Die Immanuelkirche ist einer der letzten weitgehend im Originalzustand erhaltenen Backsteinbauten aus dem Jahr 1893.
Warum die 20er so faszinieren
Was zieht ihn an diesem Jahrzehnt so an? „Berlin war damals eine Spielwiese für neue Ideen“, erklärt Arne Krasting. „Die Kultur war vielfältig, die Avantgarde stark und die Filmszene weltweit einzigartig. Und auch das Vergnügen kam nicht zu kurz: Man ging zum Sechstagerennen, zu Boxturnieren oder in den Lunapark am Halensee.“
Die Schattenseiten des Jahrzehnts blendet Krasting dabei nicht aus. Die fieberhafte Lebensfreude hatte einen harten Hintergrund: „Erster Weltkrieg, Spanische Grippe, Hyperinflation!“, zählt er auf. Ihn interessiert deshalb auch das Leben derer, die vom Glanz wenig abbekamen – und die Unterwelt.

Krasting bewundert, dass die Menschen damals nicht verzweifelten, sondern zu Höchstleistungen aufliefen. „Das gilt für Kultur wie für Architektur.“ Seine Fundgruben für historische Details sind vielfältig: Reiseführer aus der Weimarer Republik, darunter auch „Nacht über Berlin-Alexanderplatz. Die lasterhafte City von Aschinger bis Zacharias“ von Philipp Paneth. Über das Café „Moka Efti“ in Tiergarten fand er heraus, dass es ab 1933 mit Rolltreppe, Wasserfällen und exotischen Vögeln ausgestattet war.
Prenzlauer Berg war nicht der Ort zum Feiern
Das „wilde Leben“ spielte sich in den 20ern laut Krasting vor allem in Charlottenburg und Mitte ab. Der Prenzlauer Berg war ein Wohnbezirk. Eine Spur der Zeit ist die ehemalige Aschinger-Firmenzentrale in der Saarbrücker Straße, aus der Erbsensuppe und Bockwürste kamen.

Eine andere Spur der Geschichte: die ehemalige Bötzow-Brauerei in der Prenzlauer Allee. Die Familie besaß das Mietshaus mit dem Seemann, in dem Krasting jetzt lebt. Seit Ende 2010 gehört das 24.000 Quadratmeter große Gelände Hans Georg Näder von der Ottobock-Gruppe. Da, wo früher ein Biergarten mit 5000 Plätzen war, ist jetzt wieder einer.
Die Stolpersteine am Haus erinnern an eine tragische Liebesgeschichte: Cäcilie Rudermann (1917–1942) lebte mit ihrer jüdischen Familie im Mietshaus mit dem Seemann. Schon als Kind hatte sie sich in einen Nachbarn verliebt. Ihr späterer Verlobter Rudolf Casper schloss sich freiwillig dem 4. Transport vom 1. November 1941 in das Getto Litzmannstadt an und starb aus Liebe mit ihr.

Eine düstere Ecke war auch das Obdachlosenasyl „Palme“ in der Fröbelstraße 15, bis 2019 ein Krankenhaus, seitdem ein Lost Place. Das Asyl taucht in Döblins Roman „Berlin Alexanderplatz“ auf. Im Winter 1911 starben dort rund 70 obdachlose Männer an einer Massenvergiftung, was die katastrophalen Missstände der Unterkunft schonungslos offenlegte.
Krastings persönliche Berlin-Zeitreise
Wenn Krasting für einen Abend in die 20er springen dürfte, hätte er ein Programm:
Romanisches Café: ehemaliger Treffpunkt der kulturellen Bohème gegenüber der Gedächtniskirche.
Haus Vaterland am Potsdamer Platz: Hier ging es auf kulinarische Weltreise – von der ungarischen Csárdas über den Wildwest-Saloon bis zur spanischen Bodega

„Resi“ in der Blumenstraße: ein Ballhaus in Friedrichshain. Heute steht dort ein Plattenbau. Per Rohrpostanlage hätte er dort gerne mit Frauen geflirtet.
Berliner Salons: Dort träfe er Persönlichkeiten der damaligen High Society wie Karl Gustav Vollmoeller, den Kunstmäzen Harry Graf Kessler oder Josephine Baker. Vollmoeller verschaffte Marlene Dietrich die Hauptrolle im Kultfilm „Der blaue Engel“, schrieb am Drehbuch mit.

Pankow für Fans von „Babylon Berlin“
Viele Szenen von „Babylon Berlin“ wurden in Weißensee gedreht. Krasting empfiehlt eine Fahrradroute zu folgenden Filmstandorten der Kaiserzeit:

- Atelierhof Weißensee in der Liebermannstraße
- Die Woelckpromenade in Berlin-Weißensee ist eng mit der städtebaulichen Entwicklung und den architektonischen Höhepunkten der 1920er-Jahre verbunden
- Jüdischer Friedhof Weißensee: Gräber, die sich wie das Who is Who der Kaiserzeit und Weimarer Republik in Berlin lesen
Noch mehr Tipps zum Eintauchen in die Golden Twenties - „Babylon Berlin“-Touren: Jeden Samstag Rundgang mit iPad. Auf den Spuren von Gereon Rath, 16.30 bis 19.30 Uhr, Start: Immanuelkirchplatz, Rest-Tickets ab 21. November, 33 Euro; viele weitere Touren wie „Bordelle, Betstuben, Ballhäuser“ sind auf der Touren-Website buchbar.
- Hommage an das Nachtleben der 20er-Jahre „Boheme Sauvage“: 28. November, Heimathafen Neukölln, 33 Euro
- Podcast „Goldstaub“ mit Else Edelstahl und Arne Krasting, auf Spotify und anderen Streaming-Plattformen





