Als die Nackten noch nicht die Ufer des Halensees bevölkerten, gab's hier Liliputaner und sächsische Cowboys, boxende Katzen und "Amüsemang" in sprudelnden Weinbrunnen. Der Berliner Lunapark war eine Weltsensation. Vor 100 Jahren wurde er gegründet

Daß die Bornimer Straße am oberen Ende des Kurfürstendamms zu den bevorzugten Wohngegenden der Stadt gehört, werden selbst die Schönzeichner des Maklergewerbes nicht ernsthaft behaupten. Es ist verdammt laut dort. Kein Wunder. Nur wenige Meter entfernt befindet sich Deutschlands am stärksten belastete Autobahn, die "A 10", der Stadtring am Dreieck Funkturm.

Täglich fahren dort an die 250 000 Autos entlang, und jene, die die parallel verlaufende Halenseestraße benutzen, um in beiden Richtungen auf den Stadtring oder zum Kurfürstendamm beziehungsweise zum Messedamm zu gelangen, sind da noch gar nicht mit berücksichtigt.

Wer hier wohnt, hat im wahrsten Sinne des Wortes viel um die Ohren. Kaum zu glauben, daß ausgerechnet in diesem Kiez der Ödnis mal die pure Lebenslust herrschte. Was die getriebenen Autofahrer und die allermeisten Anwohner nicht ahnen: Hier befand sich mal Europas größtes Vergnügungszentrum, der "Lunapark" am Halensee - als "echte Weltsensation" gepriesen und von aller Welt bejubelt. Paul Linckes beschwingte Melodien aus seiner Operette "Frau Luna" gaben dem Etablissement den Namen.

Auf dem sechs Hektar umfassenden Gelände zwischen Kurfürstendamm, Bornimer Straße und dem Halensee ging der "Prater Berlins" aus den vor hundert Jahren eröffneten "Terrassen am Halensee" hervor. "Janz weit draußen" ("jwd") lag dieses Ausflugsgebiet der Berliner damals, das sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einem Vergnügungsviertel entwickelte.

1882 eröffnete dort das "Wirtshaus am Halensee", das seine Gäste mit Spargelgerichten anlockte. Bald kam ein Rummel dazu mit Karussell, Schieß- und Würfelbuden, einem Kasperletheater und einer Wasserrutschbahn.

Der romantische See hatte schon viele Jahre zuvor Theodor Fontane beseelt. Da war es dann erst einmal vorbei mit der beschaulichen Ruhe, die Fontane so schätzte. "Ein Nachmittag am Halensee" klinge fast so poetisch wie "vier Wochen auf Capri", hatte er sich zuvor geäußert. Doch nun ging's hier rund. Die Berliner kamen in Massen, und aus dem "Wirtshaus" wurden die "Terrassen am Halensee".

Die Betreiber waren die Gastronomen August Aschinger und Bernhard Hoffmann, zuvor Küchenchef im Kempinski. Ihnen war ihr Haus einfach noch nicht repräsentativ genug, und so begannen sie 1904 - nach dem Vorbild von Coney Island in New York - einen Vergnügungspark der Superlative zu bauen, den "Lunapark". Sechs Jahre lang dauerte es, bis das von englischen Geldgebern finanzierte Projekt fertiggestellt war. Aufgeregt und fasziniert bestaunten die Berliner die Fertigstellung immer neuer Attraktionen.

Es war alles ganz verrückt, unfaßbar. Berlins erste Rolltreppe, 45 Meter lang, führte vom Eingang (dort, wo man heute vom Kurfürstendamm auf die Halenseestraße fährt) zu den 30 Meter tiefer gelegenen Gartenanlagen, in denen ratternde Gebirgsbahnen, Hippodrome, Teufelsräder, hohe Wasserrutschbahnen, Karussells, ein vornehmes Tanzpalais im maurischen Stil, langgestreckte Restaurants mit Weinterrassen, ein original bayerisches Dorf sowie verschwiegen gelegene Weinzelte jedem Besucher etwas zu bieten hatte.

Haushoch sprühten allabendlich die Wassersäulen einer aus Paris in den Halensee verpflanzten Fontäne. 50 000 Glühlampen tauchten den Park in ein Lichtermeer. Bunte Feuerwerke prasselten über die Baumwipfel am Halensee. So viel Pracht war nie. Schon nach zwei Monaten wurde der millionste Besucher empfangen. Berlins neue Attraktion lockt Tausende Touristen an. Und eine Berliner Zeitung schrieb:

"Vom russischen Großfürsten bis zum Portokassendefraudanten, vom General bis zum Putzer, vom feinsinnigen Gelehrten bis zum widerwärtigsten Protzer, von der Kokotte bis zur Dame. Alles ist da! Es lohnt sich schon, ein Auge zu riskieren."

Es gab ja wirklich viel zu sehen! Ein Sachse in Cowboymontur schoß aus fünf Metern Entfernung einen Buchstaben aus einer Visitenkarte!

Gadbin Brons, genannt "Der Verächter des Todes", sprang vom Turm in eine "Todesschleife". Er starb später eines natürlich Todes, natürlich voller Verachtung.

Im "Lachhaus" fand das erste Casting statt: Gesucht wurde der Berliner, der am lautesten lachen konnte. Zum Brüllen! Es wurde die erste Miss-Wahl veranstaltet! Wo waren Sie, Rolf Eden?

Es gab ein Eskimo- und ein Somalidorf mit einem angeblich echten Stammes-Häuptling. Einige Journalisten äußerten allerdings den Verdacht, die "echten Neger" seien nur schwarz angemalt, und einige würde man auch schon mal nach Dienstschluß - als "echte Bayern" verkleidet - beim Ausschank im Bierzelt sehen.

Ganz groß raus kamen die als lebende Kunstwerke verpflichteten 30 Liliputaner, die in einem eigenen Dorf mit vielen putzigen Flachbauten kampierten. Wo sie auftraten, standen sie im Mittelpunkt und mußten sich zu Fotozwecken zur Verfügung stellen.

Während des Ersten Weltkriegs bis zum Ende des Billionenrausches der Inflation blieben die Pforten des "Lunaparks" geschlossen. Auf dem Gelände wurde eine Konservenfabrik errichtet. Weite Teile des Areals belegte das Militär.

1920 - Groß-Berlin war nach der Eingemeindung zahlreicher Städte und Gemeinden fast eine Vier-Millionenstadt - wurde der Lunapark zum zweiten Mal eröffnet. Doch die Besucher blieben aus. Die Inflation! 1924 aber ging die große Sause, nach Einführung der Rentenmark, weiter. Und es wurde alles noch viel bunter, greller, schöner, vielfältiger.

An den Nachmittagen und Abenden spielten pausenlos Streich- und Militärkapellen. Selbst Leo Blech mit dem Blüthner-Orchester stand auf dem Programm.

Der "Lunapark" wurde zum Treffpunkt der aufgewühlten Berliner Society. Hier begann ein junger Boxer namens Max Schmeling seine Karriere. Am 24. August 1926 schickte er einen gewissen Max Dieckmann nach 30 Sekunden auf die Bretter. Am 14. Mai 1927 wurde der Vergnügungspark um eine Attraktion reicher. In der ehemaligen Halle für Motorradrennen wurde Berlins erstes Wellenbad eröffnet. Es gab eine gigantische Sause. Die Halle war für 2000 Besucher gebaut. Aber an jenem Tag waren an die 3000 drin. Einige waren so neugierig, daß sie durch die Kellerfenster krochen. Auf den Rängen floß Champagner.

Das Eröffnungsfest war der Auftakt zum Aufstieg des deutschen Schwimmsports. Hier wurden später Rekorde geschwommen, und auch Johnny Weissmüller, der spätere "Tarzan"-Darsteller, feierte Triumphe. Der Berliner Verleger Rudolf Ullstein war so angetan, daß er dem Schwimmsport Unterstützung zusagte, und bald löste Berlin Magdeburg als "Schwimmhochburg" ab.

Auch Berlins Künstler fühlten sich vom "Lunapark" magisch angezogen. Heinrich Mann und Victor Aubertin ließen sich hier blicken. Erich Kästner schrieb: "Na, wer hat noch nicht? Na, wer will noch mal? Hier dreht sich der Blödsinn im Kreise! Hier sehen Sie beispielsweise Den Türkisch sprechenden Riesenwal Und die Leiche im schwarzen Reichswehrkanal! Und das alles für halbe Preise!" Ja, der Kästner. Der hat sich köstlich amüsiert. Über "boxende Katzen", über die "Dame ohne Gesicht". Und über den Somali-Neger, der infolge einer Wettbedingung drei Dutzend nagelneue Hosenträger verschluckte und an Darmverschlingung starb, der Arme. War ja alles nur ein Jux.

Claire Waldoff war auch da. Trat sogar auf. In ihrem Couplet mit der wunderschönen Zeile "Nach meene Beene is ja janz Berlin verrückt" singt sie auch: "Im Lunapark besah ick mir dit Neuste. Een Herr, der führte mir in't Wackeltopp. Da wurde mir der Fatzke ziemlich dreiste, Drum jab ick ihm 'ne Schelle an'n Kopp." Der "Wackeltopp" - das war das Kino!

1929 feierte der "Lunapark" sein 25jähriges Bestehen. Es kamen bis zu 50 000 Besucher täglich. Eine unglaubliche Erfolgsgeschichte. Sie ging zu Ende, als die Nazis 1933 die Bebauung des Areals beschlossen und eine Schneise für die Halenseestraße geschlagen wurde. 1934 - das Ende des "Lunaparks". Schwacher Trost: Die Bewohner von Liliputaner- und Somalia-Dörfern hätten sich hier bald auch nicht mehr wohlgefühlt.

Im Sommer werden sich wieder die Nackten auf der Halensee-Wiese tummeln. Und kaum einer weiß, daß es hier mal wirklich den nackten Wahnsinn gab.