Die Persönlichkeiten, die auf dem Friedhof Weißensee ihre letzte Ruhestätte fanden, lesen sich wie ein „Who is Who“ der Berliner Geschichte ab 1880: Die Holocaust-Überlebende Margot Friedländer liegt hier ebenso begraben wie der Hotelier Berthold Kempinski, der Verleger Samuel Fischer, der impressionistische Maler Lesser Ury oder der Zeitungsmogul Rudolf Mosse. Der Park ist 42 Hektar groß, was etwa 55 Fußballfeldern entspricht. Er beherbergt mehr als 116.000 Verstorbene auf 130 Grabfeldern, doch nicht nur deshalb sollte man ihn besuchen.

Denn das Areal des größten erhaltenen jüdischen Friedhofs in Europa ist auch ein Zufluchtsort für Wildtiere und bezaubert durch baumbestandene, lange Alleen, blühende Rhododendren und Kirschbäume am Eingang. Warum der Friedhof so schön verwildert ist? Einen Großteil des 20. Jahrhunderts blieb er komplett sich selbst überlassen. Forscher beobachteten auf dem Friedhof 44 Vogelarten, darunter sogar gefährdete Arten wie den Gelbspötter und Grünspechte, wie das Magazin „National Geographic“ vermeldet.
Führung mit Historiker: „Einzigartiger Friedhof“
Der Historiker und Landschaftsarchitekt Dr. Joachim Jacobs ist Spezialist für jüdische Friedhöfe und Autor des Buches „Houses of Life – Jewish cemeteries in Europe“. Bei Führungen nimmt er Interessierte mit auf eine spannende Zeitreise in Berlins „wilhelminisches Nekropolis“, eine Stadt der Toten also. Proportional zum Wachstum der jüdischen Bevölkerung in Berlin wuchs im 19. Jahrhundert auch der Bedarf an Friedhöfen. 1870 gab es laut Jacobs erst 36.000 jüdische Mitbürger in Berlin, deren Zahl bis 1900 auf rund 100.000 Menschen anwuchs. 1923 hatte Berlin mit 172.000 Juden eine der größten jüdischen Communitys in der ganzen Welt.

Der von Architekt Hugo Licht angelegte Friedhof spiegle die Klassengesellschaft im Kaiserreich wider. Alleen unterteilen die Grabfelder, in denen Ehrengräber Betuchter und einfachere Menschen klar voneinander getrennt sind. Die palastartigen Ehrengräber liegen an den großen Alleen des Friedhofs. Sehenswert ist auch das Ehrenfeld, in dem rund 400 jüdische Soldaten aus Berlin begraben sind, die im Ersten Weltkrieg (1914–1918) gefallen sind.

An den Berliner Bankier Siegmund Aschrott erinnert etwa ein ausgewachsenes Mausoleum aus poliertem rotem Granit. In Ausstattung und Kosten war es eine direkte Entsprechung zu den prachtvollen Villen der Oberschicht, die damals im Grunewald oder Tiergartenviertel lebte. Rechtsanwälte, Ärzte und Architekten lebten oft am Kudamm oder im Hansaviertel und fanden auf dem Friedhof irgendwo dazwischen statt. Ärmere Juden, die oft rund um den Alexanderplatz oder im Scheunenviertel lebten, konnten sich nur unspektakulärere Gräber leisten, die weniger zentral im Friedhof lagen.
Blumen als Zeichen der Assimilation
Anstelle von vergänglichen Blumen findet man auf jüdischen Grabsteinen oft kleine Steine. Sie symbolisieren Ewigkeit und das dauerhafte Gedenken. Diesem Brauch folgt auch der Gangster Abraham Goldstein in der TV-Serie Babylon Berlin beim Besuch des jüdischen Friedhofs in Weißensee. Blumen waren sogar lange verboten auf jüdischen Friedhöfen. Doch in der Kaiserzeit gab es in Berlin viele assimilierte Juden, die Blumenschmuck auf ihren Gräbern wollten. Eine Zeit lang gab es eine regelrechte Blumenindustrie rund um den Friedhof, wie Historiker Jacobs berichtet.

Hinter dem bunt und fröhlich anmutenden Grabmal der Familien Netter und Lewinsohn mit geschmiedeten Blumen steckt eine tragische Geschichte: Im Jahr 1893 starben zwei junge Frauen, die zur Familie gehörten, nach dem Genuss verdorbener Austern im Hotel Kempinski: Cécilie Lewinsohn und Clara Netter. Die beiden Witwer ließen das Grabmal errichten, das einem Paradiesgärtchen nachempfunden ist. Das nach 1942/43 beschädigte und verrostete Gitter wurde 2002 restauriert.
Preisgekrönte Doku über den Friedhof
Geschichten gibt es auf dem Friedhof Weißensee mindestens so viele, wie es Gräber gibt. Der stimmige Dokumentarfilm „Im Himmel, unter der Erde“ von Britta Wauer gewann 2011 den Panorama-Publikumspreis auf der Berlinale. Renoviert wurde der Friedhof schon lange nicht mehr. 2013 wurden lediglich die Außenmauer und einige Wandgräber saniert, der Rest blieb unberührt. Doch das Morbide, der leichte Verfall, macht den Friedhof nicht weniger reizvoll. Es macht vielleicht sogar seinen Charme aus.

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Jüdischer Friedhof Weißensee, Herbert-Baum-Straße 45, 13088 Berlin, Öffnungszeiten von April bis September: Montag bis Donnerstag 7.30 bis 17 Uhr, Freitag 7.30 bis 14.30 Uhr, Sonntag 8 bis 17 Uhr





