„Ich arbeite wie eine Archäologin, die Schichten der Vergangenheit freilegt“, sagt Kirstin Buchinger. „Und ich versuche, das untergegangene Berlin wieder sichtbar zu machen.“ Im Rahmen des preisgekrönten Erinnerungsprojekts „Denkmal am Ort“ bin ich auf die Historikerin aufmerksam geworden. Sie bot Führungen über die ehemalige Modeindustrie am Hausvogteiplatz an. Buchinger arbeitet an den Schnittstellen von Modegeschichte, Fotografie und Erinnerungspolitik und fördert bei ihren Recherchen immer wieder Schätze zutage – in Form von rekonstruierten Biografien, untergegangenen Orten und verdrängten Zusammenhängen. Zum Berliner Spaziergang sind wir vor der Astor Lounge verabredet.

C&A war früher das Wäschehaus Grünfeld

Gruenfeld
Berliner Spaziergang mit Kirstin Buchinger
Wäschehaus Grünfeld im Jahr 1935 am Ku'damm. Seit 1926 betrieb Heinrich Grünfeld das berühmte Haus, das 1938 „arisiert“ wurde. Bild: © BM - Willem van de Poll, gemeinfrei

Wo heute die Astor Film Lounge am Kurfürstendamm in Berlin steht, befand sich zwischen 1934 und 2002 der Astor-Filmpalast. Wir wandeln auf unserem Spaziergang auf den Spuren legendärer Lichtbildnerinnen der Weimarer Republik. Das „Kintopp“ wie es damals hieß, war eine wichtige Inspirationsquelle für Fotografinnen wie Suse Byk. Sie experimentierte mit Film und bildete viele Fotografinnen aus, bis sie 1938 in die USA emigrierte.

Suse Byks Atelier befand sich am Kudamm 230, etwa da wo heute das riesige C& A-Gebäude steht. In Hausnummer 231 befand sich ab 1926 das Wäschehaus Grünfeld. „Wäsche und Trikotagen, Badeanzüge wurden nach dem Ersten Weltkrieg ein wichtiger Wirtschaftsfaktor“, berichtet Kirstin Buchinger. „Grünfeld war sehr elegant, die Kundinnen wurden teilweise per Chauffeur hierhergebracht. Gleichzeitig standen an der Ecke zur Joachimstaler Straße auch die Nachmittags-Prostituierten.“

Joseph Roth, Frieda Riess und Mussolini

Berliner Spaziergang mit Kirstin Buchinger
Am Kurfürstendamm 14/15 befand sich einst das Lokal „Mampes gute Stube”. Im Gebäude hatte auch Fotografin Frieda Riess vor dem Zweiten Weltkrieg ihr Atelier.© FUNKE Foto Services | Jörg Carstensen

Ein paar Schritte weiter, im Gebäude am Kudamm 14/15, befand sich einst „Mampes gute Stube“. Dort schrieb Joseph Roth 1932 seinen militärkritischen Familien-Roman „Radetzkymarsch“. Weltliteratur, in der Berlin-Hasser Roth die Hauptstadt als „Labor der Moderne“ und als deutsche Schicksalsstadt beschrieb.

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Schräg oben drüber, über der „Atlantik-Bar“ eröffnete die exzentrische Gesellschafts-Fotografin Frieda Riess noch während des Ersten Weltkriegs 1917 ihr repräsentatives Atelier. „Die Riess“ war eine hochgelobte Porträtfotografin der High Society der 1920er Jahre. Sie fotografierte nicht nur Stummfilmstars wie Asta Nielsen, sondern – damals ungewöhnlich – auch nackte Boxer, die sie laut Buchinger als Sexsymbol sah.

Selbstbildnis
Selbstbildnis der Fotografin Frieda Riess mit Papagei (1922).© BM | Aus: Die Dame Nr. 5 1922/1923 / gemeinfrei

Eine Zeitgenossin, die jüngere Fotografin Marianne Breslauer, beschloss unmittelbar nach dem Besuch einer von Alfred Flechtheim organisierten Riess-Ausstellung im Jahr 1925, Fotografin zu werden. 1932 folgte Frieda Riess ihrem Lebensgefährten, dem französischen Botschafter in Berlin Pierre de Margerie, nach Paris. Dort musste die jüdische Fotografin sich vor den deutschen Besatzern verstecken und ihren Namen ändern. „Ihr Foto des Diktators Benito Mussolini hielt Frieda Riess zeitlebens für ihr bestes Werk“, zitiert Kirstin Buchinger aus den Erinnerungen Thea von Sternheims.

Lili Baruch, Atelier Binder und Freifrau von Stengel

Am Kudamm 201 (etwa da, wo heute das Media Hotel steht) befand sich das Atelier von Lili Baruch, die mit ihrer Leica die Filmstars der Goldenen Zwanziger fotografierte. Wegen ihrer jüdischen Abstammung emigrierte sie Anfang der 30er Jahre in die Schweiz. Ein Anlaufpunkt der Filmprominenz Berlins wurde auch das Atelier Binder, es befand sich erst am Kudamm 225 (heute: Astor Filmlounge), dann am Kudamm 25 (heute: Hotel Zoo).

Alexander Binder portraitierte sie alle: Brigitte Helm (“Metropolis“), Anita Berber, Tilla Durieux, Greta Garbo oder die Schöpferin des Berlinale-Bären Renée Sintenis. Nach Binders Tod 1929 übernahm Elisabeth Freifrau von Stengel das Atelier. Ihr durch Heirat erworbener Adelstitel kaschierte ihre jüdische Abstammung so gut, dass selbst Hermann und Emmy Göring 1935 bei ihr Hochzeitsfotos anfertigen ließen.

Ihre Ehe mit Freiherr von Stengel wurde 1935 in Berlin geschieden. Elisabeth von Stengel wurde 1942 von der Gestapo im Atelier Binder verhaftet und unter den Augen ihrer Angestellten nach Theresienstadt deportiert. Sie überlebte, konnte allerdings nie mehr richtig Fuß fassen. Die Einstellung als Sachbearbeiterin scheiterte an einer Sonderüberprüfung. Diese hatte ergeben, dass sie bis 1942 engeren Kontakt mit hochgestellten Nazi-Regierungsleuten gehabt habe, angeblich um sich zu schützen. Buchinger deutet Stengels Verhalten „im Kontext jener ambivalenten Zone zwischen Anpassung und Überleben vieler Verfolgter jener Zeit“. Elisabeth Müller von Stengel, so ihr letzter Name, starb 1978 gebrochen und traumatisiert in der Schweiz.

Scharlachberghaus: Vogue und Cinema Paris

Berliner Spaziergang mit Kirstin Buchinger
Am Kurfürstendamm 211, heute Cinema Paris, befand sich 1928/29 das Magazin Vogue, außerdem das Fotoatelier von Steffi Brandl. © FUNKE Foto Services | Jörg Carstensen

Im heutigen Cinema Paris befand sich zwischen 1926 und 1933 das Photographische Atelier von Steffi Brandl. In das im Stil der Neuen Sachlichkeit umgebaute Scharlachberghaus, zog 1928 auch die Deutsche Vogue. Buchinger erklärt: „Der Start des Magazins erfolgte in einem nach dem Weltkrieg politisch aufgeladenen Klima, in dem französische Mode mit Vorbehalten belegt war. Das Ende 1929 war jedoch vor allem eine Folge der Weltwirtschaftskrise.“

Brandls Porträts bekannter Persönlichkeiten waren in den späten 1920er- und frühen 1930er-Jahren sehr erfolgreich. Sie arbeitete mit dem Kunsthändler Alfred Flechtheim zusammen, veröffentlichte in großen Illustrierten. 1938 musste sie Berlin verlassen und emigrierte über London in die USA. Dort arbeitete sie nach 1945 unter dem Namen Olsen Photography weiter, konnte aber nie mehr an ihre früheren Erfolge in Berlin anknüpfen.

Auf den Spuren von „Yva“

Fotografie „Charleston“ von Yva aus dem Jahr 1926 in der Galerie Mond Bleibtreustrasse Berlin
Digitalisierte Reproduktion von „Charleston“, einer Fotografie von Yva aus dem Jahr 1926, in der Galerie Mond in der Bleibtreustraße.© BM | Iris May

In der Bleibtreustraße statten wir Katharina Sigwart im Hutsalon „Yva“ einen Besuch ab. Prominente wie Udo Lindenberg und Yoko Ono kauften hier schon Hüte. Erst nach der Eröffnung des Geschäfts erfuhr Sigwart, dass in dieser Straße die legendäre Fotografin Yva ihr Atelier hatte. Ein Zufall, der kaum passender sein könnte: Yva wuchs in einem Hutgeschäft auf, Hüte wurden zum letzten Motiv ihrer fotografischen Arbeit.

In der Bleibtreustraße befindet sich heute Frieda Vogels „Galerie Mond“. Dort kuratierte Buchinger im Mai 2025 eine Schau zu Yvas Werk, hier wurde Buchingers Sachbuch „Yva und ihre Zeit“ gelauncht. Vier Jahre hat die Historikerin sich mit der Fotografin befasst, die eigentlich Else Neuländer-Simon hieß. Yva prägte mit ihren Modefotografien das Bild einer ganzen Epoche, portraitierte Erich Kästner, Leni Riefenstahl oder Vicki Baum, lieferte Fotostorys für den Ullstein Verlag.

Von der Bleibtreustraße zog Yva 1934 in die Schlüterstraße 45, residierte in einer 14-Zimmer-Wohnung, leitete dort bis 1938 das eigene Foto-Studio. Helmut Newton machte genau dort eine Art Lehre, bevor er 1938 emigrierte. Vor seinem Tod 2004 kehrte Newton noch einmal an diesen Ort zurück, ließ sich fotografieren, baute am eigenen Mythos. Heute befindet sich in Yvas Atelier eine edle Anwalts-Sozietät.

Atelier Yva 2025
Kirstin Buchinger im ehemaligen Studio der legendären Fotografin Yva in der Schlüterstraße 45. Nach Hotel Bogota und Joop residiert dort eine Anwaltskanzlei.© FUNKE Foto Services | Jörg Carstensen

Die Gestapo deportierte Yva und ihren Mann 1942. Die Fotografin hatte zu dem Zeitpunkt bereits ihre Flucht vorbereitet: Ihr Nachlass sollte in 34 Kisten von Hamburg nach Kuba verschifft werden. Die leicht entflammbaren Nitratnegative gingen jedoch 1943 während der Operation Gomorrha im Flammeninferno unter. Nur 15 Kisten überstanden den Krieg.

Spaziergang
Historikerin Kirstin Buchinger (re.) beim Spaziergang entlang dem Kurfürstendamm mit Redakteurin Iris May.© BM | Jörg Carstensen

Während wir den Kurfürstendamm entlangschlendern, sehen wir unzählige Stolpersteine. Um 1930 war jeder vierte Bewohner dieses Boulevards Jude. Bereits 1931 griff die SA jüdische Geschäfte an. Buchinger: „Yva steht stellvertretend für eine ganze Generation jüdischer Künstler, deren Leben und Karrieren durch die nationalsozialistische Verfolgung ausgelöscht wurden.“ Beim Spaziergang mit Kirstin Buchinger wurde ein Stück Berliner Stadtgeschichte lebendig, das einstige Zentrum der Fotografie-Avantgarde.

Zur Person

Kirstin Buchinger wurde 1973 in einem niedersächsischen Dorf geboren. Sie lebt seit 1993 in Berlin, unterbrochen von Stationen in München, London und Paris – seit 2005 wieder permanent.

Ausbildung Sie studierte an der Freien Universität Berlin Neuere Geschichte, Kunstgeschichte und Philosophie und promovierte mit einer Biografie über Hitlers Kriegsminister Werner von Blomberg.

Berufsleben Buchinger ist Autorin, Kuratorin und berät verschiedene Kulturstiftungen. Seit 2019 leitet sie das Yva-Archiv, das sich der Erforschung von Lichtbildkünstlern der 1920er- und 1930er-Jahre widmet. Seit 2023 engagiert sie sich für die gemeinnützige Initiative Denkmal am Ort. Ihr Buch „Yva und ihre Zeit“ erschien im Oktober 2025.

Der Weg: Der Spaziergang begann vor der Astor Lounge, führte über weite Teile des Kurfürstendamms und endete in der Schlüterstraße 45, dem ehemaligen Yva-Atelier.