Ausstellung

Malerin Lotte Laserstein: Vor Selbstbewusstsein strotzend

Die Berlinische Galerie in Kreuzberg entdeckt Lotte Laserstein, eine große Malerin der 20er-Jahre, wieder.

Das Werk „Mädchen auf Blau“ entstand um 1931.

Das Werk „Mädchen auf Blau“ entstand um 1931.

Foto: © VG Bild-Kunst, Bonn 2019 / Courtesy Das Verborgene Museum, Berlin

Mit dunklem Bubikopf vor der Staffelei, eine Katze auf dem Schoß, blickt sie uns skeptisch, aber selbstbewusst entgegen: Lotte Laserstein (1898–1993), das lange vergessene Maltalent, das ab Mitte der 20er-Jahre in der Weimarer Republik die Bühne der Kunst betrat. „Lotte Laserstein gehört zu den allerbesten der jüngeren Malergeneration. Ihr glanzvoller Aufstieg wird zu verfolgen bleiben“, schrieb 1929 noch das „Berliner Tageblatt“. Stattdessen wurde ihr Werk fast vergessen. 1933 konnte sie als „Dreivierteljüdin“ ihre Werke nicht mehr ausstellen, wurde aus dem Verein der Berliner Künstlerinnen entlassen. 1935 durfte sie offiziell keine Malmittel mehr beziehen und ihre Malschule nicht mehr betreiben. 1937 emigrierte sie im Zuge einer erfolgreichen Ausstellung in der Stockholmer Galerie Moderne nach Schweden und konnte einen Großteil ihres Werkes mitnehmen.

Ausstellung mit 58 Werken

„Lotte Laserstein. Von Angesicht zu Angesicht“ heißt die Ausstellung in der Berlinischen Galerie in Kreuzberg mit 58 Werken, darunter 48 Gemälde und neun Zeichnungen sowie Materialien aus dem Archiv der Künstlerin. Gezeigt werden vor allem die Bilder, die im Berlin der Weimarer Republik entstanden sind.

Die Schau, im Frankfurter Städel Museum entwickelt, wurde um einige Landschaftsbilder, Werken aus der Exilzeit sowie Referenzwerken von Max Liebermann, George Grosz, Conrad Felixmüller und Christian Schad erweitert.

Die Künstlerin, die sich hier präsentiert, strotzt vor Selbstbewusstsein. Als eine der ersten Frauen absolvierte sie ein Kunststudium. Die frühen Selbstbildnisse zeigen, wie stolz sie auf ihre Ausbildung war und wie sehr sie den Status einer Künstlerin genoss, die von ihrer Arbeit leben kann.

Oft erfüllen die Bilder, wie Anneli Lütgens, Leiterin der Grafischen Sammlung der Berlinischen Galerie und Kuratorin der Ausstellung darlegt, gleich mehrere Funktionen: „Das Selbstporträt bei Laserstein ist ein Akt der Selbstvergewisserung. Immer wieder inszeniert sie sich mit Kittel, Pinsel und Palette selbstbewusst als professionelle Malerin.“ Doch ein Bild wie das „Selbstporträt mit Katze“ von 1928 will noch mehr. „Damit demonstriert Laserstein auch“, so Lütgens, „wie gut sie Fell malen kann.“

Lieblingsmodel ist Sängerin Traute Rose

Immer wieder blitzt die Kunstgeschichte in den Gemälden Lasersteins auf. „Den kunstgeschichtlichen Topos von Maler und Modell interpretierte sie neu: als Verhältnis zwischen zwei Menschen in unterschiedlichen Rollen, die sich auf Augenhöhe befinden.“

Ihr Lieblingsmodel ist dabei die Schauspielerin und Sängerin Traute Rose. Oft sieht man sie der Malerin über die Schulter schauen, die Pose prüfen, als seien die Bilder Resultat eines gemeinschaftlichen Gesprächs. Bei ihren Hauptwerken in der Berliner Zeit bis 1933 ist Laserstein nah dran an den bildnerischen Strategien der Stilrichtung Neues Sehen in der Fotografie und an den Themen der Zeit wie Sport und motorisiertem Menschen.

Traute Rose inszeniert Lotte Laserstein 1929 als Tennisspielerin, einen jungen Mann zeigt sie in Motorradmontur. Aufsehen erregte 1928 ihr Gemälde „Russisches Mädchen mit Puderdose“. Eine junge Frau in rotem Kleid macht sich vor dem Spiegel zurecht. Mit diesem Typus der modernen selbstbewussten Großstadtfrau schaffte sie es in die Endauswahl eines Wettbewerbs für das schönste deutsche Frauenbildnis.

Ihre Motive sind hochmodern

„Ihre Malweise kommt aus dem 19. Jahrhundert“, erläutert Annelie Lütgens, „aber ihre Motive in der Berliner Zeit sind hochmodern. So schafft sie den Spagat zwischen Tradition und Moderne.“ Damit unterscheiden sich ihre Bildnisse auch von denen ihrer Kollegen. Laserstein lässt mehr Nähe zu, umspielt ihre Modelle zärtlicher. „Das Beispiel Lotte Lasersteins zeigt“, so Lütgnes, „dass es in der Neuen Sachlichkeit einen weiblichen Blick gibt, der weniger kühl und sarkastisch als der ihrer männlichen Kollegen ist.“

Fast prophetisch sind ihre Gruppenbilder wie 1930 ihr Gemälde „Abend über Potsdam“, das ihre Freunde wie beim letzten Abendmahl in gedrückter Stimmung auf einem Balkon zeigt, vielleicht in dunkler Vorahnung dessen, was sie erwartet. Die „Abendunterhaltung“ von 1948 zeigt Künstler ins Gespräch vertieft, sie wirken isoliert und entwurzelt. Es sind Laserstein und ihre Freunde im Exil. Dort konnte sie an die Erfolge in der Weimarer Republik nicht mehr anknüpfen und geriet für lange Zeit in Vergessenheit.