Wann bitte hat der gute Mann eigentlich geschlafen? Paris, London, New York, Chicago, ständig unterwegs, natürlich Berlin, wo er wohnte, Theater, Salons, Hofbälle, Restaurants, Lesungen, Ausstellungsbesuche. Er war mit allen auf Du, in vielen Milieus zu Hause. Einstein, Chanel, Rodin, Nietzsche, Rilke, Hauptmann, Stresemann – ein ziemlich exzessives Gesellschaftsleben, das er führte.
Wen er nicht kannte? Gute Frage. Und über all diese Veranstaltungen, diese Menschen, die er dort traf, über alles führte Harry Graf Kessler (1868–1937) Tagebuch. Mit Füller, ganz eng bis an den Rand geschrieben, fast monomanisch in der Dichte der schmalen Zeilen. Vereinzelt sind Fotos eingeklebt, etwa jene vier, die zeigen, wie sein Freund und ewiger Lieblingskünstler, Bildhauer Aristide Maillol in seinem Atelier mit dem jungen Gaston Colin als Modell einen Akt arrangiert. Der schöne Gaston, ja, das war ganz sein Typ, dieser Körper, der einer Skulptur glich, aber das hätte er in seinem Tagebuch niemals notiert. Gesellschaftlich hätte es das Aus für ihn bedeutet.
Nun gut, am Ende seines Lebens hinterließ er 57 Tagebücher mit 15.000 Blättern und 12.000 Namen, die dort verzeichnet sind. Ein ketzerisches „Who is Who“ der Moderne, wenn man so will. Sehr lustig und politisch, bissig und pointiert: Kessler war zwar Diplomat und ein Philosophierer von Gnaden, aber genauso konnte er maßlos lästern, wenn es darum ging, die Berliner Gesellschaft in ihren Konventionen und Oberflächlichkeiten zu entlarven.
Eine schillernde Ausnahmefigur mit vielen Talenten
Eine Ausstellung über Harry Graf Kessler zu machen, ähnelt einer Schlitterpartie. Das eine Bild, die eine Deutung, die eine biografische Schneise – die gibt es bei ihm nicht. Er war irgendwie vieles, in jedem Fall eine Ausnahmefigur: 1868 in Paris als Sohn eines deutschen Bankiers und einer irischen Baroness geboren, hochvermögend, hochgebildet, mehrsprachig, Museumschef in Weimar, Kunstmäzen und leidenschaftlicher Sammler, Dichter und Autor, Verleger und Diplomat, Schöngeist und Salonlöwe und ein umtriebiger Freund und Förderer unzähliger Dichter und Maler. Für Museumsmann Peter-Klaus Schuster ist er ein „moderner Faust“, der alles (aus)probierte, am Ende Deutschland verlassen musste. „Ein Mann der vielen Eigenschaften, so viele, dass er fast schon keine mehr hatte.“

Um dem Dilemma der allzu einseitigen Betrachtung beizukommen, vertraut die Stiftung Brandenburger Tor im Max Liebermann Haus in ihrer Schau „Harry Graf Kessler – Flaneur durch die Moderne“ ganz auf die Tagebücher des Dandys – als Folie für seine Weltsicht. Ein Blick in seinen „Kopfkosmos“, so jedenfalls nennt es Kurator Christoph Stölzl. Dementsprechend ist vieles assoziativ angelegt und sehr offen, wie Kessler, der „Augenmensch“ es selbst war.
Von seiner Kunstsammlung blieben nur Fragmente, zum Schluss musste er sie verkaufen. Kessler starb 1937 verarmt in Lyon. Wir sehen die farbige Rekonstruktion seiner Kollektionen mit seinen Vorlieben: die Neoimpressionisten wie Seurat, aber auch Gauguin, van Gogh, Munch. Einige hübsche Originale sind im Erdgeschoss versammelt, darunter Rodins Skulptur „Ehernes Zeitalter“, Rysselberghes monumentales pointillistisches Gemälde „ L’heure embrasée“ und die zwei bekannten Kessler-Bildnisse von Munch. Da erscheint er streng und eher zugeknöpft, und wir fragen uns, ob er, der Kontaktsüchtige, wirklich so aussah. Seine Wohnungseinrichtung jedenfalls sieht exquisit aus, der Architekt und Designer Henry van de Velde richtete sie ein, auch einer seiner typischen, schwungvollen Kandelaber ist zu besichtigen. Dabei arbeitet die Schau mit Videos, sprechenden Plakaten, digitalen „Fußnoten“ und aktuellen Interviews mit Kunstexperten wie Udo Kittelmann und Hans Ulrich Obrist.
Denn eins ist klar, würde Kessler heute leben, wäre er in den sozialen Netzwerken Dauergast als globaler Networker. Vermutlich wäre er Kulturvermittler in Berlin und ein ziemlich gefragter Mann.
Anfangs wollte man die Schau enger auf den „Kontinent Berlin“ einkreisen, doch schnell war man sich einig, Kessler war „alle zwei Wochen woanders unterwegs“. Trotzdem kommt man ihm im Liebermann Haus nah, die Aura des Ortes zählt: In den imposanten Räumlichkeiten am Brandenburger Tor diskutierte er mit dem prominenten Maler über Rodin und die Welt, gleich gegenüber, im alten Adlon, kehrte er häufig zum Speisen ein.
Edition der Tagebücher läuft seit über zehn Jahren
Seit nun schon über zehn Jahren ediert das Deutsche Literaturarchiv Marbach Kesslers Tagebücher, neun sind bislang erschienen, im nächsten Jahr soll der letzte Band, die Erinnerungen des 12-jährigen Schülers in englischer Sprache, die Herausgabe abschließen. Teile seiner Aufzeichnungen waren 50 Jahre lang in einem Banksafe verborgen.
Das Erstaunliche an den Tagebüchern sei, erzählt Co-Kuratorin Cornelia Vossen, dass der Herr Graf herzlich wenig über sich selbst berichtete. Da gibt es unter den Tagebüchern ganz andere narzisstische Ergüsse. Wir aber bleiben dabei – viel Schlaf brauchte der rastlose Herr Kessler nicht.
Max Liebermann Haus, Pariser Platz 7. Mo, Mi, Do, Fr 10–18 Uhr. Sa/So 11–18 Uhr. Bis 21. August. Katalog (Nicolai): 24,95 Euro. Führungen auf Anfrage


