Lange Zeit war es einer der wichtigsten Industriestandorte der DDR: Der Volkseigene Betrieb (VEB) Isokond, der Isolierstoffe und Kondensatoren herstellte und dafür mitten im Wohngebiet von Weißensee mit gefährlichen und im Westen verbotenen Stoffen hantierte. Nach der Wende wurde die Fabrik stillgelegt und zu einem Hinterhof-Lost Place: Jahrelang dämmerte die verseuchte Industrieanlage vor sich hin. Kinder spielten in der Trümmerlandschaft und Rohstoffsammler durchsuchten die schwerbelasteten Überreste nach Verwertbarem. Alle Infos zu dem ehemaligen Lost Place.
Das sind die Fakten zum VEB Isokond im Überblick:
- Adresse: Lehderstraße 34/35, 13086 Berlin-Weißensee
- Geschichte: 1945 als "Turbonit-Werke" auf dem Gelände eines früheren Rüstungsbetriebs errichtet; 1951 in "VEB Isolierstoff- und Kondensatorenwerk Berlin-Weißensee" umbenannt; in der DDR-Zeit alleiniger Hersteller von Hochspannungs- und Leistungskondensatoren über 1000 Volt; ab 1990 Schließung des Werks und Leerstand
- Führungen: Keine
- Status: Ehemaliger Lost Place. Das alte Heizkraftwerk ist auf dem Grundstück noch erhalten. Die Isokond-Werkshallen wurden abgerissen
- Kosten: Nach Schätzung der Senatsverwaltung 8,5 Millionen Euro für die Schadstoffsanierung
Wo liegt das Industriegelände des VEB Isokond genau?
Das ehemalige Werksgelände liegt im Stadtteil Weißensee des Bezirks Pankow. Das Areal ist mit den öffentlichen Verkehrsmitteln am besten mit der Buslinie 156 (Haltestelle Ostseeplatz) zu erreichen. Von der Haltestelle ist es ein rund sechsminütiger Fußweg entlang der Hosemannstraße und der Lehderstraße.
Das sind die wichtigsten Etappen der Geschichte des VEB Isokond:
Ausgangslage: Lange Tradition von Kondensatorenbau in Weißensee
Als die VEB Isokond in den 1950er-Jahren ihren Betrieb aufnahm, gab es an dem Standort bereits seit knapp einem halben Jahrhundert ein Vorgängerunternehmen, das in der Isolations- und Kondensatorenfertigung tätig war. Im Oktober 1879 hatte David Jaroslaw im damaligen Breslau eine erste Glimmerwarenfabrik gegründet.
Das natürliche Mineral war als elektrisches Isolationsmaterial hervorragend geeignet und die Nachfrage nach den später unter dem Markenzeichen "Turbonit" vertriebenen Waren hoch. Jaroslaw expandierte. Nach seinem Umzug nach Berlin begann 1907 die Produktion am Standort in der Lehderstraße 34–35 in Weißensee. Ab den 1920er-Jahren wurden in den Werken Kondensatoren und später auch Hochspannungskondensatoren hergestellt.
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Ehemaliger VEB Isokond: Wiederaufbau nach dem Krieg
In den 1930er-Jahren wurde der jüdische Betrieb "arisiert" und die Erben des Firmengründers aus Deutschland vertrieben. Im Zweiten Weltkrieg fertigte "Scherb & Schwer" – wie die Firma nun hieß – Rüstungsgüter für die Wehrmacht und setzte dafür auch Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter ein. Die Produktion wurde fortgeführt, bis im Frühjahr 1945 das Werksgelände durch Fliegerbomben schwer getroffen wurde und mehrere Werkshallen durch Phosphorbomben in Brand gerieten.
Gleich nach Kriegsende gingen die verbliebenen Arbeiter an die Trümmerbeseitigung: Bis auf das Verwaltungsgebäude waren die Produktionsstätten fast vollständig zerstört und die Maschinen des ehemaligen Rüstungsbetriebs, die noch einigermaßen einsatzfähig waren, wurden nach alliierten Beschlüssen demontiert. Noch vor Gründung der DDR lief der Betrieb als "Turbonit-Werke" in kleinerem Maßstab mit Glimmererzeugnissen wieder an.
Ehemaliger VEB Isokond: Kondensatoren-Monopolist mit Auszeichnung
Ab 1951 produzierte das in Volkseigentum übergegangene Werk erneut Kopplungs- und Leistungskondensatoren, Schaltstangen und –zangen und allerhand mehr, um die sozialistische Planwirtschaft der jungen DDR anzukurbeln. Der Betrieb wurde in "VEB Isolierstoff- und Kondensatorenwerk Berlin-Weißensee" umbenannt und ab 1954 unter dem eingetragenen Warenzeichen "Isokond" geführt.
Anfang der 1960er-Jahre wurde die Glimmerfertigung und Plattenpresserei ausgelagert. Im Weißenseer Werk konzentrierte man sich fortan auf den Starkstromanlagenbau. "Zu den Betrieben, die zu den Qualitätsfortschritten in unserer Volkswirtschaft beigetragen haben, gehört auch der VEB Isokond Berlin", jubilierte das Neue Deutschland im Juli 1978. Das Werk wurde als alleiniger Hersteller für Hochspannungs- und Leistungskondensatoren in der DDR für seine Effektivität ausgezeichnet.
Ehemaliger VEB Isokond: Heikler Umgang mit Chemikalien
Nach 1980 wurden im Werk auch mit polychlorierter Biphenyle (PCB) gefüllte Transformatoren geleert und gereinigt. Eine hochbrisante Angelegenheit: Seit der Umweltkatastrophe im italienischen Seveso 1976 hatten die Industrieländer Westeuropas die Anwendung von PCB eingeschränkt oder verboten, da es unter bestimmten Bedingungen hochtoxisches Dioxin freisetzen konnte.
Mitten im Weißenseer Wohngebiet lagerten nun Tausende PCB-gefüllte Kondensatoren. Die Verarbeitung der giftigen Substanz im Isokond-Werk war mit hohen Risiken verbunden: Der Boden des Werks und Teile der Anlage wurden verseucht. Bei den mangelhaften Lagerungsbedingungen – verunreinigtes PCB wurde auf dem Firmengelände in ungeschützten 200-Liter-Fässern gelagert – drohte jederzeit ein Chemie-Gau mit katastrophalen Folgen für die Berliner Bevölkerung.
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Ehemaliger VEB Isokond: Whistleblower wurde kaltgestellt
Mehrfach warnte der damalige Isokond-Haupttechnologe die Verantwortlichen im Werk vor der drohenden Umweltkatastrophe – erfolglos. Als er sich an das SED-Politbüro wandte und Ausschnitte seines Schreibens an Freunde in Westberlin schickte, kam Bewegung in die Sache. Nur nicht so wie es sich der besorgte Ingenieur erhofft hatte.
In einer Nacht- und Nebelaktion wurden die Kondensatoren mit Militärfahrzeugen auf eine Deponie in Potsdam verbracht und die PCB-verschmutzten Fässer abtransportiert. Das verseuchte Erdreich auf dem Werkshof wurde von Bauarbeitern bis in drei Meter Tiefe abgetragen, ausgetauscht und mit einer Asphaltdecke provisorisch versiegelt. Gegen den Tippgeber ermittelten Stasi-Agenten unter anderem wegen landesverräterischem Treuebruch. Er wurde aus seiner Anstellung entfernt und politisch verfolgt.
Ehemaliger VEB Isokond: Lost Place nach der Wende
Bis Ende der 1980er-Jahre ging der Betrieb in der Lehderstraße unermüdlich weiter: Hauptsächlich mit der Produktion von Großkondensatoren für Elektrolokomotiven. Als Kombinatsbetrieb des alleinigen Herstellers von Elektrolokomotiven in der DDR – dem VEB Lokomotivbau Elektrotechnische Werke "Hans Beimler" Hennigsdorf (LEW) – hatte das Werk in Weißensee entsprechend gut gefüllte Auftragsbücher. Es verfügte außerdem über einen eigene Hochspannungs-Prüfanlage, in der die Durchschlagsfestigkeit und andere technische Parameter der einzelnen Produkte vor Ort bestimmt werden konnten.
Ab 1989 firmierte das Unternehmen als Isokond Kondensatoren GmbH – doch mit der Wiedervereinigung endete der Betrieb im Isokond-Werk 1990 endgültig. In den Werkshallen gingen die Lichter aus und das Gelände fiel in einen jahrelangen Dornröschenschlaf. Zwischen den verfallenen Anlagen im Hinterhof spielten die Nachbarskinder und die industrielle Ruinenlandschaft wurde mit den Jahren zum Geheimtipp für Lost-Places-Jäger – nichtsahnend welche Giftrückstände die rostzerfressenden Überreste von Generatoren und der verseuchte Erdboden parat hielt.
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Ehemaliger VEB Isokond: Sanierungen ab den 2000er-Jahren
Erst mit dem Kauf des Grundstücks durch eine Immobilienfirma im Jahr 2000 und im Rahmen von Schadstoffuntersuchungen wurde das Ausmaß der Kontamination auf dem Gelände systematisch erfasst. Bei ersten Maßnahmen zum Bauwerkrückbau und Tiefenenttrümmerung wurden mehr als 10.000 Tonnen kontaminierten Abfalls entsorgt. Ab 2002 wurden Bodenluftsanierungen durchgeführt, ab 2003 LCKW-verseuchtes Grundwasser ausgetragen und ab 2005 ein mikrobiologisches Verfahren zur Bodensanierung erprobt.
Die Schadstoffe auf dem Isokond-Gelände hatten zu einer großflächigen Verunreinigung des Grundwassers geführt. Die Schadstofffahne erstreckte sich weit über die Grundstücksgrenze hinaus – teilweise ließ sich bis zu 2 Kilometer im Abstrom produktionsbedingte Schadstoffe nachweisen. Die Sanierung der Grundwasserkontamination wurde zwischen 2006 und 2011 durch Zirkulationsbrunnen und Reinigungsanlagen durchgeführt.
Ehemaliger VEB Isokond: Nachnutzung des Lost Place
2010 erfolgte der Abriss aller verbliebener Produktionsstätten mit Ausnahme des alten Heizkraftwerks. Auf bereits sanierten Teilflächen wurde mit der Nachnutzung begonnen: Ein Supermarkt öffnete auf dem Gelände, die übrigen Flächen wurden stufenweise für den Wohnungsbau freigegeben. Noch im Frühjahr 2019 sollten zusätzliche Grundwassermessstellen installiert werden. Die Gesamtkosten für die Umsetzung der Sanierungsmaßnahmen wurden von der Senatsverwaltung auf 8,5 Millionen Euro geschätzt.
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