Auf einem verwilderten Grundstück am Rande der Stadt in Rudow liegt versteckt zwischen Büschen und Bäumen ein Flachbunker aus der Kriegszeit. Das Dach ist undicht, drinnen steht an einigen Stellen das Wasser mehrere Zentimeter hoch, an anderen stapelt sich Müll. Das verwaiste Kriegsrelikt hat in Jahrzehnten des Leerstands sichtlich gelitten.
In seinem dunklen Inneren hängen zentimeterlange Stalaktiten von den massiven Stahlbetondecken. Die verrosteten Schleusentüren, hinter denen einst Berlins Bevölkerung Schutz vor dem Bombenhagel alliierter Flieger suchten, werden nur noch von Wildtieren durchschritten – solange sich kein neugieriger Entdecker unerlaubt Zutritt zu dem Weltkriegsbunker am Selgenauer Weg verschafft. Als Immobilie hat das Objekt seine Tücken. Trotzdem schlug der Senat 2022 zu und ersteigerte den Bunker. Kaufpreis: rund 600.000 Euro. Was hat das Land Berlin mit dem heruntergekommenen Schutzbau vor?
Das sind die Fakten zum Weltkriegsbunker Selgenauer Weg im Überblick:
- Adresse: Selgenauer Weg 1B, Ecke Pfarrer-Heß-Weg, 12355 Berlin-Rudow
- Geschichte: Anfang der 1940er-Jahren als Luftschutzbunker errichtet; seit der Nachkriegszeit Leerstand und Verfall; im Jahr 2000 wurde der Bunker veräußert, mehrere Investorenpläne zur Umnutzung scheiterten, bevor das Land Berlin das Grundstück mitsamt Bunker bei einer Auktion 2022 zurückkaufte
- Bunkertyp: Flachbunker vom Typ 2D mit 18 Kammern; Schutzkapazität für rund 200 Personen
- Führungen: Keine
- Denkmalschutz: Nein
- Status: Lost Place
Wo liegt der Weltkriegsbunker Selgenauer Weg genau?
Der Weltkriegsbunker liegt an der Adresse Selgenauer Weg 1B an der Ecke zum Pfarrer-Heß-Weg im Ortsteil Rudow des Bezirks Neukölln. Die Google-Koordinaten (Open-Location-Code) für das Objekt lauten: CGC3+5HG Berlin. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist das Grundstück am besten mit der Buslinie 372 (Haltestelle Herzblattweg) zu erreichen. Von der Station ist es ein rund dreiminütiger Fußweg entlang der Köpenicker Straße und des Selgenauer Wegs bis zu dem Grundstück. Achtung: Ein Betreten der Anlage ist nicht erlaubt. Es handelt sich um Privatgelände. Das Bunkergrundstück mit der Bunkerruine ist vom öffentlichen Straßenraum aus sichtbar.
Auch interessant: „Lost Places“: Diese Strafen drohen bei Hausfriedensbruch
Das sind die wichtigsten Etappen der Geschichte des Weltkriegsbunker Selgenauer Wegs:
Ausgangslage: Luftschutz-Sofortprogramm für Berlin im Zweiten Weltkrieg
Als 1940 Luftangriffe der Alliierten erstmals die Reichshauptstadt trafen, reagierte die NS-Führung hektisch mit einem Bunkerbau-Sofortprogramm: Betonbauten schossen in Berlin aus dem Boden. Unter der Federführung der „Baugruppe Langer“ des Generalbauinspektors – einer von Albert Speer geleiteten Behörde – entstanden Normbunker für die Zivilverteidigung und hunderte Bauten, die militärische Ziele schützen sollten: Militär-, Flak, Nachrichten- und Kommandobunker.
Berlin wurde mit einem Netz von Schutzbauten überzogen – in der Innenstadt, aber auch in den grünen Außenbezirken. Im Südwesten Berlins, im heutigen Bezirk Steglitz-Zehlendorf, wurden Kolosse errichtet wie der Bunker Heckeshorn auf der Wannsee-Insel, Hochbunker wie an der Eiswaldstraße und Sonderanfertigungen wie der als Wohnhaus getarnte Bunker Eiderstedter Weg. Anders als bei Hochbunkern lagen die Schutzräume von Flachbunkern unter der Erde. Einer von ihnen: der Flachbunker am Selgenauer Weg in Rudow.
- Schwanenwerder: Der verborgene Bunker von Joseph Goebbels
- Die schicksalhafte Geschichte einer Berliner Geistervilla
- Gefährliche Ruinenromantik – Das giftige Erbe der „Spinne“
- Diese Brücke fiel in der Schlacht um Berlin – kommt sie jetzt neu?
- Verhängnisvolle Feuernacht machte Bowling-Center zur modernen Ruine
- Kriegsruine: Der geisterhafte Bunker am Friedhof Steglitz
Weltkriegsbunker Selgenauer Weg: Schutzbau der „ersten Welle“
Der Bunker gehörte zur „ersten Welle“ der während des Bunker-Sofortprogramms von 1940/1941 in Berlin errichteten Schutzbauten. Insgesamt waren es an die 1000 Anlagen, die gebaut wurden, wovon etwa 500 Flachbunker für einhundert bis dreihundert Personen in dicht besiedelten Wohngebieten entstanden. Die Schlüssel für eine Kammer mit jeweils zwei 3-Stockbetten wurden bevorzugt an kinderreiche Familien aus der Umgebung vergeben. Zusätzlich gab es zumeist Aufenthalts- und Sanitärräume sowie Schleusen, Räume für die Bunkertechnik und für das Luftschutzpersonal beziehungsweise den Bunkerwart.
Der Baugrund für den Bunker befand sich einige Hundert Meter östlich des Dorfkerns Rudow unmittelbar südlich des Städtischen Friedhofs an der Kreuzung zwischen dem Selgenauer Weg und dem heutigen Pfarrer-Heß-Weg. Im unmittelbaren Einzugsgebiet des geplanten Bunkers lagen Kleingärtensiedlungen, spärlich bebaute Neubausiedlungen und die 15. und 16. Volksschule, die heutige Matthias-Claudius-Schule. Anfang der 1940er-Jahre versammelten sich die Kinder der Schule und der Nachbarschaft und beobachteten staunend die Aktivitäten, als schweres Gerät am Selgenauer Weg vorfuhr, Arbeiter den Boden aufrissen und die Fundamente für den Betonriesen legten.
- Der zugemauerte Tunnel an der Steglitzer Albrechtstraße
- In der Lankwitzer Bombennacht wurde dieser Ort zur letzten Zuflucht
- Als die Panzer kamen, holte der Revierförster die Flinte raus
- Görings Prunkbau wurde zur geheimnisvollen Machtzentrale der USA
- Bauzombie & Mini-BER: Was lief alles schief beim Bierpinsel?
- Architektur des Grauens: Die bizarre Story des Mäusebunkers
Weltkriegsbunker Selgenauer Weg: So war der Bunker aufgebaut

Bei dem Anfang der 1940er-Jahre errichteten Bunker handelte es sich um einen Flachbunker vom Typ 2D mit insgesamt 18 Schutzzellen. Der Bunker war mit seiner Längsseite zur Straßenflucht Köpenicker Straße ausgerichtet. Die Länge des Stahlbetongiganten betrug rund 30 Meter, die Breite etwa 16 Meter, bei einer eingenommenen Grundfläche von knapp 500 Quadratmetern. Die Deckenstärke betrug 1,40 Meter; die Wandstärke aus massivem Stahlbeton 1,80 Meter. Mehrere seitliche Zugänge führten über Treppen unter die Erde ins Innere des Schutzbauwerks.
Dort riegelten Eisentüren mit Sichtlöchern im Schleusenbereich die dahinterliegenden Schutzräume hermetisch ab. Vorbei an Sanitärräumen und der Bunkeraufsicht führten zwei parallele Gänge mit je sechs Kammern sowie einer Kammerzeile in der Mitte zum hinteren Ausgang. Dort gab es einen größeren Aufenthaltsraum, einen Sanitärraum, einen Heizungsraum, einen großen Sandfilter, Lüftungsgeräte und Schutztüren, die die zweite Schleuse des hinteren Notausgangs sicherten. Es gab Toiletten, einen Wasserzulauf und einen Generator für Elektrizität.
Weltkriegsbunker Selgenauer Weg: Schutz unter meterdickem Stahlbeton

Als sich in den letzten Kriegsjahren die Bombenangriffe auf Berlin verstärkten, wurden bomben-, trümmer- und splittersichere Luftschutzbauten als Zuflucht für die Bevölkerung immer wichtiger. Das Schutzbauwerk am Selgenauer Weg rettete mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Menschenleben – denn mit den schweren Bombenangriffen, die auch den Süden Berlins seit 1943 trafen, gab es Einschläge und zerstörte Wohnhäuser in der unmittelbaren Umgebung des Bunkers.
Besonders verheerend war für den Südwesten Berlins der Angriff in der Nacht vom 23. auf den 24. August 1943 – die sogenannte Lankwitzer Bombennacht. In den Kriegsjahren 1944 und 1945 wurde Neukölln und Tempelhof mehrfach zum Ziel von Großangriffen, bei denen mehr als 2000 Tonnen Bombenlast über den Stadtteilen abgeworfen wurden.
Weltkriegsbunker Selgenauer Weg: Kriegsrelikt verfiel zu Horror-Lost-Place

Nach Kriegsende gehörte Rudow als Ortsteil von Neukölln zusammen mit den Bezirken Tempelhof, Zehlendorf, Schöneberg, Steglitz und Kreuzberg zum US-amerikanischen Sektor der geteilten Stadt. Mehr als die Hälfte der Bunker und Luftschutzstollen Berlins wurden im Rahmen der Entmilitarisierung durch die Alliierten bis 1948 abgebaut oder gesprengt. Der Weltkriegsbunker am Selgenauer Weg entging diesem Schicksal. Er wurde unzugänglich gemacht und hatte seit Kriegsende keine Nutzung mehr erfahren, die über eine Zwischenlagerung von Materialien hinausging.
Mehrere Jahrzehnte fristete das tonnenschwere Rudower Kriegsrelikt ein Schattendasein. In den 1980er-Jahren – damals leistete sich Westberlin noch einen Rockbeauftragten – wurde vom Senat zwar geprüft, ob sich der mittlerweile stark verfallene Schutzbau dafür eignen könnte, Musikern und Bands Proberäume zu stellen. Die Stadt entschied sich aber dagegen, das mittlerweile stark verfallene Objekt instand zu setzen. Zu hoch wären die damit verbundenen Kosten gewesen, und so rottete die Rudower Kriegshinterlassenschaft im Dickicht des umgebenden knapp 1000 Quadratmeter großen Grundstücks vor sich hin.
Weltkriegsbunker Selgenauer Weg: Verfall und Vandalismus seit 70 Jahren

Auch wenn die massive Bauweise nie den geringsten Zweifel an der Statik des Bauwerks aufkeimen ließ, verwilderte das Gelände rings um den Betongiganten. Moos überzog die alten Betonwände und im Inneren griff Nässe die verbliebenen Bunkereinbauten an, deren Teile mit der Zeit vermoderten. Am Boden des Bunkers sammelte sich Schutt, Dreck und Brackwasser, durch die verbliebenen Metallteile fraß sich der Rost und in den Bunkergängen bröckelte der Putz. Von der Decke hingen dünne, etliche Zentimeter lange Stalaktiten, die sich vom abtropfen eindringenden Wassers gebildet hatten.
Zerfall und Verwahrlosung trugen zur gespenstischen Atmosphäre bei, die im Inneren des Weltkriegsbunkers herrschte. Dort fanden sich immer noch phosphoreszierende Inschriften aus der Nazizeit: „Ruhe bewahren!“ und „Nicht rauchen!“. Ein Publikum hatten die Hinweise an den verfallenen Bunkerwänden seit Jahrzehnten nicht gefunden – abgesehen von Jugendlichen, die die labyrinthischen Gänge des abgelegenen Baukörpers für Erkundungstouren und mitunter wohl auch für exklusive Partys nutzten, und abgesehen von Berlinern, die ihren Sperrmüll dort entsorgten, wo sich einst Berliner vor den anfliegenden alliierten Bomberstaffeln in Sicherheit begaben.
Weltkriegsbunker Selgenauer Weg: Mehrere Investorenprojekte scheiterten
Bis zur Nachwendezeit gehörte das Bunkergrundstück zur öffentlichen Hand. Dann trat das Land Berlin im Jahr 2000 seine sanierungsbedürftige Immobilie an Investoren ab, die in den nächsten Jahren verschiedene Pläne auf dem Bunkergrundstück verfolgten. Der erste Käufer wollte einen Musikbunker in der unterirdischen Anlage einrichten, scheiterte aber. Abseits fehlender Medienanschlüsse wurde es zum Problem, dass die Immobilie schwer zu erreichen ist. Die umliegenden Grundstücke gehören der Stadt Berlin. Für den Eigentümer ist der Bunker nur über ein Notwegerecht zugänglich. Eine Sanierung hätte zudem erhebliche Investitionen erfordert: Die Bunkerdecke war undicht, im Inneren hatte sich teilweise kniehoch Brackwasser angesammelt.
Das Gemäuer wechselte mehrfach den Eigentümer, doch Fortschritte wurden an der verfallenen Anlage nicht erzielt. Der letzte Eigentümer, die First Home Wohnbau GmbH, die den Bunker 2016 erwarb, plante, das Weltkriegsrelikt zu beseitigen und das verwilderte Bunkergrundstück mit 962 Quadratmetern Fläche als Ausgangspunkt für eine großflächige Bebauung mit Eigentumsgrundstücken zu nutzen. Dafür sollten angrenzende Flächen dazugekauft werden. Doch auch diese Projektidee ließ sich nicht umsetzen. Das Land Berlin hatte zwischenzeitlich beschlossen, seine anliegenden Grundstücke nicht mehr zu veräußern.
- Übersicht: Alle Artikel zu Lost Places in Deutschland
- Moderne Ruinen: Diese Strafen drohen bei Hausfriedensbruch
- Wintermoor: In dieser Ruine spielten sich schauerliche Szenen ab
- Papierfabrik Hermes: Lebensgefährliche Ruine wurde zum Tatort
- Olympiapark München: Dieser Geisterbahnhof ist ein Abenteurer-Magnet
Weltkriegsbunker Selgenauer Weg: Rückkauf durch die Stadt hat strategische Gründe
Die Firma First Home entschloss sich in den 2020er-Jahren, den im „Dornröschenschlaf“ von Bäumen fast zugewachsenen Flachbunker, versteckt hinter hohen Büschen, Sträuchern und Bäumen zu versteigern. Im Sommer 2022 ließ sie den ehemaligen Weltkriegsbunker durch das Auktionshaus Karhausen AG anbieten. Besitzerin der Liegenschaft wurde wiederum die Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM). Der Rückkauf des Grusel-Bunkers kostete die öffentliche Hand rund 600.000 Euro.
Warum das Land Berlin den Lost-Place-Bunker erworben hat? „Das hat rein strategische Gründe“, sagte BIM-Sprecherin Johanna Steinke. „Der Bunker ist umgeben von Grundstücken des Landes Berlin. Es ergeben sich nun weitaus mehr Nutzermöglichkeiten in dem Gebiet. Beispielsweise für Wohnen oder Gewerbe.“ Der Bunker selbst, so Sprecherin Steinke, spielt bei diesen Plänen keine Rolle: „Auch jede andere Immobilie in dieser Lage wäre von uns von Interesse gewesen. Wie genau die Flächen am Ende genutzt werden, wird in den entsprechenden Gremien entschieden.“


