Werbefreie Zone mit stabilen Preisen, solange der Vorrat reichte – und nach der Wende Brachland. Kaum jemand interessierte sich noch für die alte DDR-Halle, die am Rande des heutigen Sewanviertels in Friedrichsfelde seit der Nachwendezeit vor sich hindämmerte. Dabei hatte es sich bei ihr einst um ein Novum in der DDR-Baugeschichte gehandelt – ein Leuchtturmprojekt, das als Vorbild für den sozialistischen Aufbau gefeiert wurde und ein Novum in der DDR-Baugeschichte. Als der Kiez noch Hans-Loch-Viertel hieß und als eine der ersten Ostberliner Plattenbausiedlungen in den 1960er-Jahren aus dem Boden gestampft wurde, war die „Passage“ die größte und modernste Kaufhalle der Republik – ein Vorzeigeprojekt, das Staatsgäste aus aller Welt besuchten. Alle Infos zu dem ehemaligen Lost Place.

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Das sind die Fakten zur DDR-Kaufhalle Volkradpassage im Überblick:

  • Adresse: Volkradstraße 28–30, 10319 Berlin-Friedrichsfelde
  • Geschichte: Eröffnung der Volkradpassage als modernste und größte HO-Kaufhalle in Ostberlin; nach der Wende Anfang der 1990er-Jahre Kaisers-Filiale; danach Leerstand und Verfall
  • Führungen: Keine
  • Denkmalschutz: Nein
  • Status: Ehemaliger Lost Place. 2003 wurde die alte Kaufhalle zugunsten eines Neubauprojekts abgerissen

Wo lag die DDR-Kaufhalle Volkradpassage genau?

Die DDR-Kaufhalle „Passage“ lag an der Adresse Volkradstraße 28–30 im Ortsteil Friedrichsfelde des Bezirks Lichtenberg. Die Google-Koordinaten (Open-Location-Code) für das Objekt lauten: FGX4+XW Berlin. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist das Areal am besten mit den Buslinien 194, 296, 396 und N50 zu erreichen. Von der Bushaltestation ist das Grundstück der alten Volkradpassagen bereits zu sehen. Achtung: Von der alten DDR-Kaufhalle haben sich vor Ort keine Spuren erhalten.

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Das sind die wichtigsten Etappen der Geschichte der Kaufhalle Volkradpassage:

Ausgangslage: Der Kalte Krieg an deutschen Tiefkühlregalen

Kaufhalle Wintergartenstrasse Leipzig
Die Kaufhalle mit Selbstbedienung war die sozialistische Antwort auf den Supermarkt des Westens. Aufnahme aus Leipzig, 1981© picture-alliance / akg-images | akg-images

Das Konzept von Selbstbedienungsläden hatte es in Deutschland schon früher gegeben – ein Musterladen war 1926 in Hamburg zu Demonstrationszwecken eingerichtet worden, seit 1938 existierte ein SB-Geschäft in Osnabrück – aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg begann in den 1950er-Jahren die flächendeckende Verbreitung von Supermärkten. Als erster seiner Art hatte am 26. September 1957 in Köln der erste Supermarkt seine Pforten für die neugierige Kundschaft geöffnet: Er war nach US-amerikanischem Vorbild konzipiert und besaß eine Verkaufsfläche von 2.000 Quadratmetern.

Hinter dem Eisernen Vorhang beobachtete die DDR-Führung die Entwicklung an westdeutschen Fleisch- und Käsetheken mit Argwohn. Bereits kurz nach dem Kriegsende war die Versorgungslage der Bevölkerung als eines der Propagandaschlachtfelder der Blockkonfrontation erkannt worden, jetzt begann die Aufholjagd an der Kühltruhe. In der DDR waren es vor allem zwei Einzelhandelsketten, die die Republik von Mecklenburg-Vorpommern bis Thüringen mit Filialen überzogen: das genossenschaftlich organisierte Konsum und die 1948 gegründete Handelsorganisation (HO).

Vereint im Mangel lieferten sich die beiden Handelsketten zwar keine Preisschlachten wie ihre westdeutschen Pendants, die einzelnen Niederlassungen konnten sich aber stark unterscheiden im Warensortiment und der Verfügbarkeit von Konsumgütern. Seit Anfang der 1960er-Jahre experimentierten beide Versorger mit Selbstbedienungskonzepten in größeren Kaufhallen – die sozialistische Antwort auf den Supermarkt des Westens. Eine der modernsten und größten DDR-Einkaufshallen: die 1966 eröffnete HO-Kaufhalle in der Volkradstraße in Lichtenberg.

HO-Kaufhalle Volkradpassage: Kleingärten wichen dem Bauprojekt

Die Volkradpassage war zu DDR-Zeiten als Vorzeigeobjekt konzipiert. Sie entstand 1966 als Stadtteilzentrum für das damalige Hans-Loch-Viertel, das als eines der ersten größeren Neubauviertel im Osten Berlins durch Plattenbauten geprägt war. Auf 80 Hektar Fläche waren zwischen 1961 und 1966 rund 5000 Wohneinheiten für etwa 15.000 Einwohner gebaut worden – überwiegend viergeschossige Wohnzeilen der Wohnungsbauserie Q3A. In südlicher Richtung wurde das Viertel ab 1965 durch acht- bis zehngeschossige Plattenhochhäuser ergänzt.

Auf dem Baugrund, an dem die Passage gebaut wurde, befanden sich zuvor Kleingartenanlagen: Grünflächen und Schrebergärten der KGA „Kleinbauern“ und der KGA „Gartenland“. Zwischen 1964 und 1966 wurde mit der „Passage“ an der Volkradstraße das Wohngebietszentrum errichtet, das in Kontrast zu drei umliegenden elfgeschossigen Punkthochhäusern als Flachbau-Ensemble um eine innen liegende Fußgängerstraße konzipiert war. Die HO-Kaufhalle begrenzte die Passage nach Norden hin an der Kreuzung der Volkradstraße zur Stichstraße am Kraatz-Tränke-Graben. Im Süden der Passage lagen um einen zentralen Platz mit Brunnen ein Dienstleistungswürfel mit Gaststätte, Postamt, Apotheke und Friseursalon, daran schlossen sich ein Besucherparkplatz, ein Betriebskindergarten, eine Grundschule und eine Bibliothek an.

HO-Kaufhalle Volkradpassage: 1966 wurde die modernste Filiale Ostberlins eröffnet

HO-Kaufhalle / Außenansicht
Die HO-Kaufhallen hatten einen recht einheitlichen Look: Die Aufnahme zeigt die Front einer typischen HO-Kaufhalle und wurde an der Greifswalder Straße 1980 geschossen.© picture-alliance / Berlin_Picture_Gate | Thie Volkmar

Die HO-Kaufhalle der Volkradpassage öffnete am Donnerstag, den 22. April 1966, mit einer feierlichen Eröffnung ihre Pforten für den Kundenbetrieb. Am Folgetag vermeldete das DDR-Presseorgan „Neues Deutschland“ (ND) stolz die Inbetriebnahme des Prestigeprojekts: pünktlich zum „20. Geburtstag unserer Partei“ – und damit einige Tage vor dem ursprünglich in Aussicht gestellten Eröffnungstermin, wie der damalige Filialleiter Bruno Steffan betonte. Der Markt war zur Eröffnung mit einer Verkaufsfläche von 600 Quadratmetern die größte und modernste Kaufhalle Ostberlins und sollte zusammen mit der Kaufhalle Süd an der Dolgenseestraße 19.000 Bewohner der neuen Plattenbausiedlung versorgen.

Rund 70 Angestellte samt Filialleiter waren in der HO-Niederlassung beschäftigt. Einige der Mitarbeiterinnen arbeiteten halbtags oder stundenweise. Die Handelsorganisation richtete einen betriebseigenen Kindergarten ein. 85 Prozent des verkauften Sortiments – Lebensmittel und Waren des täglichen Bedarfs – wurden in Selbstbedienung angeboten. Außerdem führte die Filiale einige sogenannte Industriewaren, womit beispielsweise Kochgeschirr oder Möbel gemeint waren. Für Fleisch- und Wurstwaren und für das Angebot der „Spezialfischverkaufsstelle“ gab es Bedientheken. Doch auch hier setzte der selbsterklärte „Arbeiter- und Bauernstaat“ auf Innovationen.

HO-Kaufhalle Volkradpassage: Neuerungen an Fleischtheke & Co.

Am Eingang sollten sich der Kunde nebst Einkaufskorb ein nummeriertes Ticket ziehen. Wie in einer Behörde zeigte ihm eine Leuchtanzeige an, wann er am Fleischstand an der Reihe war – langes Schlange stehen sollte so entfallen. Auch in anderen Bereichen war die Kaufhalle nach modernsten Standards eingerichtet. Im ND wurden die Leser darüber unterrichtet, dass mittels „sechs moderner Kassen, die automatisch das Wechselgeld zurückgeben, und einem Laufband an jeder Kasse, welches die Waren in drei Boxen befördert,“ die Kunden schneller abzufertigen seien. Die Rückgabe der Pfandflaschen geschehe auf Vertrauensbasis, indem sich die Kunden an entsprechenden Pfandmarken bedienten – wie gut das geklappt hat, ist nicht verbürgt. Möglicherweise hat es aber geholfen, dass der Markt auch einer der ersten in der DDR war, der drei „telistor“-Kameras einsetzte, um den Kundenstrom, die Verkaufsflächen und die Kassenzone zu überwachen.

Die Kaufhalle an der Volkradpassage war klimatisiert. Die Warenanlieferung erfolgte durch den Großhandel über eine Rampe. Warenannahme und -lager waren getrennt und mit verschiedenen Kühlanlagen wie einer 12.000 Liter Leichtkühlzelle für Obst und Gemüse ausgestattet, um die angelieferten Waren frisch zu halten. Mit dem Fleischkombinat Berlin und der LPG „1. Mai“ in Berlin-Wartenberg bestanden Vereinbarungen, um portionierte Fleischwaren sowie kochfertig zubereitetes Gemüse in Selbstbedienung verkaufen zu können.

Für einige Jahre blieb das Hans-Loch-Neubauviertel und seine moderne HO-Kaufhalle im Stadtteilzentrum Vorzeigeobjekt in Ostberlin – Staatsgäste der Regierung wurde die Konkurrenzfähigkeit der DDR, deren Binnenmarkt nach dem Mauerbau einen Aufschwung erlebte, mit einem Rundgang durch die Lichtenberger Passagen demonstriert, wo sie beispielsweise den neuen, vielfach einsetzbaren DDR-Verkaufshit, die Waschmaschine WM 66 begutachten durften. Das Verkaufskollektiv der HO-Kaufhalle wurde 1970 sogar mit dem Verdienstorden „Banner der Arbeit“ ausgezeichnet.

HO-Kaufhalle Volkradpassage: Westwaren nach der Wiedervereinigung

Handel in DDR nach Einführung der D-Mark 1990
Juli 1990: Am ersten Tag nach Einführung der Deutschen Mark wurden in den DDR-Kaufhallen die Regale von Beschäftigten mit Westwaren aufgefüllt.© picture alliance / Peter Kneffel | Peter Kneffel

Seit den 1960er-Jahren versorgte die Kaufhalle an der Matenzeile Tausende Lichtenberger im Einzugsgebiet mit DDR-Waren, bevor das Sortiment mit der Währungsreform im Juli 1990 – quasi über Nacht – rasant erweitert werden konnte. Jetzt fanden Westwaren in den Markt Einzug. Doch die Freude an der bunten Sortimentserweiterung hielt nicht lang. Mit der Wiedervereinigung waren die HO-Filialen im Gegensatz zu den privatbetriebenen Konsumgenossenschaften in den Zuständigkeitsbereich der Treuhandgesellschaft gefallen, die seit 1990 viele der Filialen und Grundstücke des ehemals staatlichen Betriebs an Privatunternehmer veräußerte.

Die meisten der Kaufhallen wurden von Supermarktketten übernommen: Aus ihnen wurden erst Kaisers-, Spar- und Netto-Filialen, dann Rewe- und Edeka-Supermärkte. Die ehemalige HO-Kaufhalle in der Volkradpassage wurde nach der Wende zwischenzeitlich als Kaisers-Filiale betrieben – doch die Passage, der einstige Stolz der DDR-Nahversorgung in Lichtenberg änderte recht bald ihre Erscheinung. Immer mehr Leerstand führte in den 1990er-Jahren zu einem desolaten Zustand der Einkaufsmeile.

Die Plasteflächen der in die Jahre gekommenen Gebäude waren vergraut, die Aluminiumstreben und Leichtbauplatten fleckig geworden und mit Graffiti überzogen. Im Durchgang zwischen den Ladenzeilen brachen wildwuchernde Pflanzen durch das Pflaster und die Scheiben der leergezogenen Läden wurden notdürftig mit Spanholzplatten versiegelt, um das unerlaubte Eindringen zu erschweren. Die ganze Ladenpassage entwickelte sich in den 1990er-Jahren zu einem der zahlreichen verlorenen Orte Berlins in der Nachwendezeit.

HO-Kaufhalle Volkradpassage: Verfall, Vandalismus und Leerstand in den 90ern

Die Kaisers-Filiale in der alten Kaufhalle hielt sich als einer der letzten Gewerbetreibenden inmitten der bis in die 2000er-Jahre vollkommen marode gewordenen Passage, in der Automaten und Plexiglasscheiben zerschlagen waren, Passanten hinter trübe gewordenen, verschmutzten Scheiben auf staubbedeckte, zurückgelassene Ladeneinrichtung blickten und halb abgerissene Plakate vom bröckelnden Putz der DDR-Einkaufsruine hingen. Die ganze Szenerie der verödeten Ladenpassage wirkte wie einem apokalyptischen Katastrophenfilm entlehnt – menschenleere Gebäudefluchten, an denen Pflanzen begannen emporzuranken – ein Schandfleck im Kiez einer Stadt, die sich anschickte, den Regierungsumzug zu stemmen.

1997 fragte der Berliner Kurier zu Recht, wann in das „gammelige Kaufzentrum“ an der Volkradstraße endlich wieder Leben einkehrt. Der Verfall sei die Folge des „jahrelangen Feilchens der Treuhand und des Landes Berlin mit dem Münchener Investor Dibag Industriebau“. Bereits 1993 war der erste Realisierungswettbewerb für das 15.500 Quadratmeter große Grundstück ausgeschrieben und ein Investorenauswahlverfahren durchgeführt worden – ohne Erfolg. Bis Ende der 1990er-Jahre verhandelte der Bezirk mit der Dibag AG als Investor. Die Münchener wollten auf dem Gelände ein kombiniertes Gewerbe- und Wohngebiet realisieren, doch zogen sich nach jahrelangen Verhandlungen mit der Senatsverwaltung, dem Bauamt und dem Bezirksamt aus dem Projekt zurück.

HO-Kaufhalle Volkradpassage: 2003 endet die „Passage“ unter Abrissbaggern

Abriss einer Kaufhalle (Archivfoto und Text 1995)
2003 teilte die alte HO-Kaufhalle das Schicksal viele ihrer Zwillingsbauten und wurde abgerissen. Die Fotografie aus dem Jahr 1995 zeigt den Abriss der HO-Kaufhalle an der Landsberger Allee 219© picture-alliance/ ZB | Bernd Settnik

Anfang der 2000er-Jahre gab es dann einen Durchbruch für den maroden Standort. Die HLG-Projektmanagement GmbH aus Münster stieg als Geldgeber für den Bau einer neuen Volkrad-Passage ein. Anfang 2003 wurde die leerstehende HO-Kaufhalle zusammen mit den übrigen Architekturteilen der zu einem Lost Place verkommenen Volkradpassage abgerissen und durch einen Neubau ersetzt. Investitionsvolumen: rund 8 Millionen Euro.

Entstanden ist ein zweiteiliges Einkaufszentrum, bestehend aus einem zweistöckigen und einem einstöckigen Gebäudeteil. Der Besucher findet neben zahlreichen Geschäften einen Rewe-Supermarkt und eine Penny-Filiale auf dem Areal der früheren DDR-Kaufhalle, Dienstleister, wie einen Friseur und ein Kosmetikstudio sowie mehrere Arztpraxen und eine Apotheke. In der neugestalteten Passage fanden die frühere Bibliothek und die von vielen Anliegern gewünschte Postfiliale keinen Platz mehr. Auch den früheren Brunnen sucht man vergebens.

Das Brunnenbecken im einstigen Seitendurchgang nach Süden gibt es nicht mehr. Bei den Abrissarbeiten wurde die Brunnenplastik von einer couragierten Unternehmerin von der Schutthalde gerettet. Heute steht die Plastik im Garten eines Altenheimes in Lichtenberg und erfreut die Anwohner. Es ist an Greifbarem alles, was seit 2003 vom Prestigeprojekt der DDR aus den 1960er-Jahren zur Modernisierung der Nahversorgung in Lichtenberg übriggeblieben ist.