Die Räume in der Reichenberger Straße in Kreuzberg sind schlicht und steril, erinnern an ein Büro oder an eine Arztpraxis. Eins fällt jedoch sofort ins Auge: das große Kreuz auf einem Tisch in einer der Ecken, daneben Kerzen, Blumen und ein Kondolenzbuch. Auf einer Tafel stehen zwei Vornamen, ein männlicher und ein weiblicher. Beide Personen sind im August gestorben, draußen auf der Straße.

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„Viele in der Drogenszene kennen sich“, erklärt Raphael Schubert, Geschäftsführer des Suchthilfevereins Fixpunkt. „Es ist wichtig für sie, einen Ort der Trauer zu haben.“ Denn: Für die Abhängigen stellt der kleine Drogenkonsumraum viel mehr dar als einen Safe Space zum Setzen einer Spritze oder zum Rauchen von Crack.
Drogenkonsumräume: „Wir betreiben Schadensminimierung“
Weltweit steigt die Zahl der Drogentoten - auch in Berlin. Das Angebot von fünf Konsumräumen in drei Bezirken und drei Konsummobilen an ausgewählten Hotspots kann bei weitem nicht den Bedarf einer Millionen-Metropole decken, in der die Drogenszene immer deutlicher im öffentlichen Straßenland zu sehen ist. Seit 2003 gibt es die Möglichkeit des geschützten, sicheren und sauberen Konsums in Berlin. In über 20 Jahren ist dabei kein Süchtiger in einem der Räume gestorben. Pflege- und Rettungspersonal steht immer bereit.
Alle Teile der Artikelserie lesen Sie hier:
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„Wir betreiben Schadensminimierung“, nennt es Schubert, der die Berliner Morgenpost an einem kalten Oktobertag durch die Räumlichkeiten führt. „Es geht uns ausdrücklich nicht darum, den Konsum von Kokain, Crack oder Heroin zu verharmlosen, aber er ist leider Realität, wie unschwer zu erkennen ist.“ Daher wolle man hygienische Bedingungen schaffen, um Überdosierungen, Infektionskrankheiten und Blutvergiftungen zu vermeiden und das gefährliche Drücken und Fixen von der Straße holen.

Hierzu werden in Drogenkonsumräumen saubere Utensilien wie Nadeln, Pumpen, Spritzen, Feuerzeuge und Desinfektionstupfer ausgegeben und benutzte von der Straße vernichtet. Die Einnahme der Rauschmittel wird unter Aufsicht medizinischen Personals und einem vorherigen medizinischen Check durchgeführt, Montag bis Freitag von 11 bis 17.30 Uhr.
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Mit einem Mythos will Schubert indes sofort aufräumen: „Wir fördern nicht. Die Menschen bekommen hier keine Drogen von uns, die Substanz der Wahl wird mitgebracht.“ Es darf vom Personal auch nicht dabei geholfen werden, der Abhängige muss sich selbst den Schuss setzen oder die Pfeife anzünden.
Drogenkonsum dient als „Lockvogel“ für Hilfe
Es ist nicht das einzige Vorurteil, gegen das Suchthilfevereine wie Fixpunkt ankämpfen müssen. „Es ist schwierig für uns, neue Räumlichkeiten zu finden, auch in der Innenstadt“, sagt Schubert. Kaum jemand will einen Konsumraum in seiner Nachbarschaft, aus Angst vor sichtbarem Rausch und vor Kriminalität.
Dabei sind beratende Gespräche zum Ausstieg, zur Problemlösung und zur Suchthilfe hier Pflicht. Die offene Atmosphäre führt dazu, dass Süchtige über Angebote, die ihnen helfen können, überhaupt erst informiert werden. Es werden Kontakte geknüpft und an die zuständigen Stellen verwiesen.
Außerdem wird in Beschäftigungsprojekte vermittelt, die den Menschen wieder Struktur geben sollen. Die Wartelisten sind lang. Die Möglichkeit des Konsums fungiert also auch als eine Art „Lockvogel“, um die Abhängigen aus ihrem Alltag aus Beschaffung und Drogengebrauch herauszuholen und ihnen Alternativen aufzuzeigen.
Crack ist zur führenden Droge in Berlin geworden

Das Team in Kreuzberg besteht aus zwölf Mitarbeitern, von denen am Tag fünf bis sechs anwesend sind. Sozialarbeiter, Mediziner, Pfleger, Sanitäter. Es gibt 20 Konsumplätze in zwei Räumen. Ein Raum, der entfernt an einen Friseursalon erinnert, steht für intravenöse Drogen wie Heroin oder für den Konsum über die Nase bereit. Ein anderer, in dem der Rauchgeruch stechender ist als in jeder 24-Stunden-Eckneipe, für den Konsum über Pfeifen und ähnliches.
Früher wurde er nur selten benutzt, doch das hat sich geändert. „Die Zahl der Crack-Süchtigen ist in den vergangenen Jahren deutlich angestiegen“, sagt Schubert. Mittlerweile seien 70 Prozent der Vorgänge mit Crackkonsum verbunden.
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Für Suchtexperten sei das ein zweischneidiges Schwert, wie er erklärt. Zum einen sei die Gefahr einer schweren Infektionskrankheit durch das verstärkte Rauchen minimiert worden. Zum anderen ist Crack aber eine fiese Droge mit einem extrem hohen Beschaffungs- und Leidensdruck für die Betroffenen.
Auch synthetische Opioide wie Fentanyl seien auf dem Vormarsch. Die Mittel seien zwar nicht unbedingt dafür bekannt, aggressiv zu machen, sie führten aber zu einer oft unberechenbaren inneren Unruhe. „Hier gibt es klare Regeln“, betont Schubert. „Wer auffällig ist, andere oder das Personal bedroht und angreift, bekommt Hausverbot.“ Zunächst für einige Tage, dann auch länger.
Polizei lässt die Süchtigen rund um die Konsumräume gewähren
Doch das ist die Seltenheit. Der Konsumraum in Kreuzberg wird als sicherer Rückzugsort geschätzt. Hier können die Abhängigen, von denen der Großteil auf der Straße lebt, duschen, ihre Klamotten waschen, sich ärztlich untersuchen lassen und für Euro- und Centbeträge etwas trinken oder zu Mittag essen. „Seit neustem geben wir kleine Behälter heraus, in denen die Menschen ihre benutzen Spritzen oder solche, die sie draußen sehen, einsammeln und zu uns bringen können“, so Schubert. „Das Angebot wird gut angenommen.“
Die Akzeptanz dieser Art von Drogenhilfe in Berlin ist mittlerweile hoch, sowohl in der Politik als auch bei den Sicherheitsbehörden. Der Nutzen ist wissenschaftlich bewiesen, das Vorgehen per Rechtsverordnung geregelt. Die Polizei etwa lässt die Süchtigen in der Nähe der Konsumräume in Frieden.
Drogenkonsumräume: Längere Öffnungszeiten gefordert
Dennoch gibt es einige Punkte in der Rechtsverordnung, die Fixpunkt gerne ändern würde. Hier gehe es um eine Anpassung an neue Realitäten, die auch von der Straßensozialarbeit rückgemeldet werden, sagt Schubert. Da seien zum einen die strengen Öffnungszeiten, die man gerne dauerhaft zumindest bis 22 Uhr verlängern würde. Eine entsprechende Novellierung – bezahlt aus Mitteln des Sicherheitsgipfels – steht nach der Streichung derzeit auf der Kippe. „Die Abhängigen folgen aber einem anderen Rhythmus als wir, das würde mehr Menschen von der Straße holen“, ist Schubert überzeugt.
Im Fokus steht auch das „Legalitätsprinzip“ der deutschen Polizei, die einer Straftat immer nachgehen muss. Der private Konsum ist nicht verboten, wohl aber der Handel, die Weitergabe und Tausch von Drogen in den Räumlichkeiten – was wiederum der Akzeptanz in der Szene schadet, sagt Schubert. Im in der Schweiz geltenden „Opportunitätsprinzip“ sei es den Beamten hingegen selbst überlassen, wie sie mit konsumnahen Delikten umgehen wollen – auch in Konsumräumen.
Substitut-Behandlung, Drug-Checking und Gemeinschaft

Hinderlich sei zudem die Regelung, dass Drogenkranke nur allein und nicht zu zweit oder in Gruppen in den Räumen konsumieren dürften. „Das schreckt ab. Es ist wie beim Bier in der Kneipe, die wenigsten nehmen die Substanzen allein zu sich, es geht ihnen auch um Gemeinschaft.“ Schubert ist sich sicher, dass auch aufgrund dieses Verbots der Crack-Konsum in der Öffentlichkeit zugenommen hat - zumal es beim Rauchkonsum im Gegensatz zum intravenösen aufgrund der hygienischen Umstände keinen Sinn mache, die gemeinschaftliche Einnahme zu untersagen.
Außerdem wäre es laut dem Fixpunkt-Geschäftsführer hilfreich, in Konsumräumen über Ärzte direkt Substitutionsbehandlungen oder Drug-Checking für die mitgebrachten Substanzen anbieten zu können. Beides ist momentan noch nicht möglich. All diese Forderungen kosten allerdings Geld und sind mit öffentlichen Investitionen verbunden. Das Projekt ist zum größten Teil vom Land finanziert und bangt wie viele andere auch um Gelder aus dem Haushalt. „Der Drogenkonsum in Berlin ist gestiegen“, mahnt Schubert. „Wir brauchen die richtigen politischen Entscheidungen, um Tote zu verhindern.“
Berlins Kampf gegen Drogen: Alle Artikel der Serie lesen Sie hier








