Aggressive Crack-Raucher am Leopoldplatz, abgestürzte Junkies am Görlitzer Park, Dealer in der U8 und in Spandauer Parks: Wo Drogenkonsum in Berlin sichtbar wird, geht dieser oft einher mit Verelendung und massivem Ärger in Nachbarschaften. Grund genug für die Berliner Morgenpost, das Thema Drogen in Berlin in einer Artikelreihe in ihren vielen Facetten unter die Lupe zu nehmen.

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Die Experten gehen davon aus, dass in der Hauptstadt mehr Drogen genommen werden als im Rest des Landes. Mit 294 erreichte die Zahl der Drogentoten im vergangenen Jahr einen Höchstwert. Aber Drogenkonsum findet meistens nicht in der Öffentlichkeit statt. Auch sind die meisten Nutzer keineswegs als Sozialfälle auffällig. Und längst nicht alle Suchtmittel sind illegal: „Wir haben einen sehr starken Konsum von Alkohol, Tabak und Cannabis. Diese drei Drogen sind am weitesten verbreitet“, sagt Berlins Landessuchtbeauftragte Heide Mutter.
„Berlins Kampf gegen Drogen“
Drogentaxis, Konsum in der Öffentlichkeit, Dealer mit Visitenkarten – illegale Drogen sind Teil des Alltags in Berlin. Die Anzahl der Drogentoten hat einen Höchststand erreicht. In der mehrteiligen Serie „Berlins Kampf gegen Drogen“ zeigen wir, wie tief das Thema in der Stadt verankert ist – und wie es das Leben von Abhängigen, Ärztinnen, Polizisten, Eltern und vielen anderen beeinflusst. Alle Teile der Serie finden Sie hier.
Nicht von ungefähr sind Alkoholabhängige die mit Abstand größte Gruppe unter den rund 21.000 Menschen, denen in 55 ambulanten oder neun stationären Einrichtungen geholfen wird, von ihrer Sucht loszukommen. Es folgen die Opioid-Nutzenden, die Cannabis-User und die Konsumenten von Kokain und Crack. Fachleute, die für die Gesundheitsverwaltung bei der Entwicklung einer „Landesstrategie Sucht“ beraten, gehen von 300.000 Menschen aus, die in Berlin an einer Suchtstörung leiden. Abzüglich der Kinder ist das fast jeder zehnte Einwohner. Die wenigsten davon suchen professionelle Hilfe. „Man kann davon ausgehen, dass wesentlich mehr Menschen Drogen konsumieren als gemeinhin gedacht wird“, sagt Heide Mutter.
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Zurzeit macht den Experten die Ausbreitung der aggressiv machenden, billigen Kokain-Variante Crack die größten Sorgen. Der Druck, möglichst schnell das nächste „High“ zu erreichen, sorgt für wachsende Beschaffungskriminalität oder Prostitution. Eine Befürchtung hat sich für Berlin aber noch nicht erfüllt. Die Hauptstadt wurde noch nicht wie etwa weite Teile der USA mit Fentanyl und anderen synthetischen Opioiden überschwemmt, die um ein Vielfaches stärker wirken als Heroin. „Derzeit sehen wir keine akute Krise durch synthetische Opioide. Aber wir versuchen, uns darauf vorzubereiten. Die Fachwelt rechnet damit, dass es einen Anstieg geben wird“, so die Suchtbeauftragte. Sie arbeite daran, ein Netzwerk zu schaffen, das alle relevanten Akteure von Suchthilfe und Gesundheitswesen bis zu Verwaltung und Polizei miteinander verbindet. „Nur so können wir uns gezielt und wirksam vorbereiten“, so die Beauftragte.
Alle Teile der Artikelserie lesen Sie hier:
Interview: „Das Christiane-F.-Syndrom wiederholt sich“
Was Abwasseruntersuchungen über den Drogenkonsum in Berlin aussagen
Drogenhandel in Berlin: Spandau verzehnfacht Polizei Präsenz
Kundenservice und Rabatte: Die absurden Auswüchse des Berliner Drogenhandels
Drogenkonsumräume in Berlin: Ein Blick hinter die Kulissen
Das Schweizer Modell verspricht Lösungen im Kampf gegen Drogen
Berliner Drogenbeauftragte: „Die Leute sollten verstehen: Sucht ist eine Krankheit“
Berlin-Mitte: Das sind die Drogen-Hotspots im Herzen der Hauptstadt
Verwahrlosung am Bahnhof Lichtenberg: So soll das Problem gelöst werden
Spandau: Fixpunkt benennt fünf Drogen-Hotspots
Weil das Thema Drogen so vielfältig und das Geschehen im Verborgenen so umfangreich ist, fällt es schwer, das staatliche Vorgehen dagegen auf allen Ebenen zu erfassen. Da geht es um soziale Fragen, um Gesundheit, Jugendschutz, innere Sicherheit. Im Falle der in der Clubszene weit verbreiteten sogenannten Partydrogen kann man sogar Kultur einbeziehen. Entsprechend schwierig ist nachzuvollziehen, was die einzelnen Sozialverwaltungen und die Bezirke oder andere Behörden wirklich gegen Drogenmissbrauch tun.
Selbst die Suchtbeauftragte kann nicht genau sagen, wie viel Geld Berlin sich den Kampf gegen Drogen wirklich kosten lässt. Im Haushaltsplan sind knapp 40 Suchthilfeprojekte aufgelistet, die mehr als 20 Millionen Euro pro Jahr vom Land erhalten. Als bekannt wurde, dass künftig die meisten der 30 Millionen Euro wegfallen, die der Regierende Bürgermeister 2023 nach einem „Sicherheitsgipfel“ erwirkt hatte, gab es viel Kritik. Aber das Geld war eben nicht nur für Suchthilfeangebote wie mehr und länger geöffnete Konsumräume, sondern auch für mehr Sozialarbeit, eine Unterkunft für Obdachlose, aber auch den umstrittenen Zaun um den Görlitzer Park.
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Wie viel Geld für die Suchthilfe in den nächsten beiden Jahren bereit steht, kann Heide Mutter noch nicht sagen. Die einschlägigen Haushalt werden noch beraten. Der Grünen-Drogenexperte Vasili Franco nennt das Hilfesystem „massiv unterfinanziert“, es fehle an regulären Angeboten. Dem will die Landesbeauftragte nicht widersprechen: „Wir können in der Suchthilfe nicht alles umsetzen, was fachlich angezeigt wäre“, sagt Mutter. Ein großes Problem sei es, Räume zu finden, sei es für den Konsum oder auch für den Aufenthalt und die Unterbringung von Süchtigen.
Die Experten raten dem Senat, die Hilfen umzustrukturieren, um integrierte Anlaufstellen für alle Suchtkranken zu schaffen. Denn derzeit sind die Bezirke etwa für Alkohol und Medikamente zuständig, Senatsstellen für die illegalen Drogen. Dabei steigt überall der Mischkonsum. Wer trinkt, nimmt häufig auch alles andere, was zu bekommen ist. Das gehört an vielen Orten in der Stadt zum Alltag.
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„An diversen Hotspots sind der Konsum von Crack, Kokain und Heroin sichtbar“, sagt Heide Mutter. Häufig bestünden gleichzeitig soziale und gesundheitliche Problemlagen, etwa Wohnungslosigkeit oder unbehandelte Erkrankungen. Das könne für Nachbarschaften herausfordernd und für Anwohnende belastend sein. Deshalb brauche es tragfähige Lösungen, die sowohl Betroffenen als auch Nachbarschaften gerecht würden.
Drogenhotspots immer wieder von Polizisten räumen zu lassen, hält sie für keine Lösung. „Verdrängung führt aus fachlicher Sicht zu einer Verlagerung der Problematik“, sagt die Suchtbeauftragte. Aus ihrer Sicht wäre es hilfreich, offen darüber zu diskutieren, „wo konsumierende Menschen sich aufhalten können, ohne sanktioniert oder verdrängt zu werden“. Ohnehin gehört sie nicht zu denen, die erfolglos Enthaltsamkeit nach dem alten Motto „Just say no“ fordern. Gerade Jugendliche bräuchten eine ehrliche Ansprache. „Man kommt nicht weiter, wenn man alles verteufelt oder auch bagatellisiert.“
Alle Teile der Serie finden Sie hier
Heide Mutter setzt auf Aufklärung und Offenheit: „Suchterkrankungen sind sehr stigmatisiert; das führt unter anderem dazu, dass viele der erkrankten Menschen aus Scham oder Schuldgefühlen häufig erst sehr spät Hilfe in Anspruch nehmen“, sagt sie. Daher muss es ein Ziel sein, die Bevölkerung zu informieren und zu sensibilisieren. „Die Menschen sollten verstehen: Sucht ist eine schwere chronische Erkrankung.“










