Berlin hat in diesem Jahr nach einer längeren Pause erstmals wieder an der Abwasser-Drogenerhebung der Drogenagentur der Europäischen Union (EUDA) teilgenommen. In über 100 europäischen Städten analysiert die EUDA jährlich Abwasser auf Rückstände von Rauschgiften. Die Erhebung erlaubt es, valide Konsummuster illegaler Drogen in ganz Europa zu vergleichen und Trends zu erkennen. Auch, wenn die aktuellsten Ergebnisse noch nicht vorliegen, lassen sich doch gewisse Rückschlüsse aus vorherigen Entnahmen ziehen.

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„Abwasseruntersuchungen sind ein Baustein unverfälschter Erkenntniserlangung über die Verbreitung legaler und illegaler Substanzen in der Berliner Bevölkerung“, sagt etwa Oliver Fey, Sprecher der Senatsgesundheitsverwaltung.
Und Raphael Schubert vom Berliner Suchthilfeverein Fixpunkt ergänzt: „Abwasseranalysen lassen einen guten Rückschluss auf die Verteilung und den Konsum der Bevölkerung zu.“ Da es für illegale Substanzen keine Statistiken oder „offizielle“ Zahlen gebe, benötige es solche Maßnahmen, um einen Einblick beziehungsweise einen Überblick zu erhalten, so Schubert. Berlin hatte bereits in den Jahren 2014 bis 2018 sowie im Jahr 2022 an der Untersuchung teilgenommen.
Berlin hat den höchsten Ecstasy-Konsum in ganz Deutschland
Nach Angaben der Berliner Wasserbetriebe (BWB) wurde Mitte Mai in den vier Klärwerken Waßmannsdorf, Ruhleben, Schönerlinde und Münchehofe, die zusammen über 90 Prozent des Berliner Abwassers reinigen, sieben Tage am Stück beprobt. Das bedeutet, dass dort täglich 24 Stunden lang Mischproben aus dem Zulauf jedes dieser Werke genommen, aufbereitet und versandfertig für die TU Dresden gemacht, bei der die EUDA-Analytik für ganz Deutschland zusammenläuft. „Dazu kamen im Juli noch die Abfüllung von je zwei Zuläufen pro Woche“, so BWB-Sprecher Stephan Natz.
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Aus der TU Dresden heißt es, dass Amphetamin (Speed) und Kokain in den vorherigen Untersuchungsjahren die meist-konsumierten Drogen in der Hauptstadt waren. Berlin sei zudem der Standort mit dem höchsten MDMA (Ecstasy)-Konsum in ganz Deutschland. Bis zum 15. Oktober 2025 registrierte die Berliner Polizei 9508 Rauschgiftdelikte, davon 4326 allgemeine Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz und 2146 Verfahren wegen Handeltreibens und Schmuggel mit Betäubungsmitteln.
Werte für Kokain im Berliner Abwasser steigen immer weiter an
Auch die Polizei arbeitet dabei mit Zahlen aus den Untersuchungen. „Aus den Daten zwischen 2014 bis 2018 lässt sich ablesen, dass sich die Kokainrückstände im Abwasser (gemessen pro 1000 Einwohner pro Tag) etwa verdoppelt haben“, so ein Sprecher. Der Anstieg an gemessenen Kokainrückständen im Jahr 2022 hielt ebenfalls an und werde auch für das Jahr 2025 erwartet. „Weiterhin kann aus den Daten abgeleitet werden, dass die Rückstände von sogenannten ‚Partydrogen‘ – Amphetamin und MDMA – an den Wochenenden und montags deutlich höher sind als an den übrigen Wochentagen“, heißt es von der Polizei.
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Alles kann die Abwasseruntersuchung aber nicht leisten, es geht lediglich um Hinweise im Vergleich zu anderen Städten. „Über Unterschiede zwischen den Wochentagen und bei der Beprobung während Ereignissen kann man Rückschlüsse auf Konsumverhalten ziehen, aber nicht darauf, wer die Konsumenten sind“, erklärt Björn Helm, Sprecher der TU Dresden. Weder Alter, Geschlecht, Herkunft noch Wohn- und Aufenthaltsort können so ermittelt werden.

Konsum von Kokain nicht nur auf der Straße verbreitet
Insbesondere die Verbreitung von Kokain verdeutlicht aber, dass der Konsum illegaler Drogen ein gesamtstädtisches Problem geworden ist. „Die Konsumzunahme sowie die Verfügbarkeit von Kokain ist ein Trend, den wir in den meisten (west-)europäischen Städten in den letzten Jahren beobachten konnten“, sagt Suchtexperte Raphael Schubert von Fixpunkt. Substanzen wie Crack (das auf Kokain basiert) würden zwar hauptsächlich in der „offenen Drogenszene“ und unter schwerstabhängigen Menschen und Obdachlosen konsumiert.
Das teillegalisierte Cannabis herausgerechnet, war Kokain laut Erhebung des Instituts für Therapieforschung in der Zwölf-Monats Prävalenz aber auch die meist konsumierte illegale Substanz des vergangenen Jahres. 1,1 Prozent der deutschen Bevölkerung beziehungsweise 570.00 Menschen in der Gruppe der 18 bis 64-jährigen Menschen haben demnach 2024 Kokain zu sich genommen. „Insofern kann gesagt werden, dass Kokain keine reine Straßendroge ist oder nur von schwer suchtkranken Menschen konsumiert wird“, so Schubert.
Ähnliches zeigte auch die Evaluierung des Berliner Drugchecking-Projekts durch die Charité. 70,8 Prozent der Projektnutzenden gaben hier eine Rückmeldung zu ihrem Bildungsabschluss. Davon hatten 70,6 Prozent einen Hochschulabschluss. 19,8 Prozent hatten eine mittlere oder fachgebundene Hochschulreife. „Auch wenn das Drugchecking-Projekt aufgrund der geringen Datenmenge keine validen Daten auf Berlin zulässt, zeigt sich doch, dass Drogenkonsum kein Problem von sozial schwachen Menschen, sondern sehr wohl auch in der Gesamtbevölkerung verbreitet ist“, unterstreicht Schubert.
Drogen: Auch in Zukunft will Berlin an der Abwasser-Untersuchung teilnehmen
Umso wichtiger sind weiterführende Studien. Dabei hatten Berlin und insbesondere die Wasserbetriebe in den vergangenen beiden Jahren bewusst auf eine Teilnahme an der europäischen Abwasser-Analyse verzichtet, auch aus Kosten- und Kapazitätsgründen. „Wir haben die Teilnahme an der Studie seinerzeit ausgesetzt, weil uns die gewonnenen Erkenntnisse betrieblich keinen Nutzen gebracht haben“, erklärt BWB Sprecher Stephan Natz.
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Die Rückstände der Rauschgifte würden entweder im Klärwerk abgebaut, dort die Biologie nicht stören oder den Weg über die Natur und das Grundwasser bis ins Trinkwasser gar nicht erst schaffen - was jeweils betrieblich begründbare Analysegründe für die BWB gewesen wären. Dennoch entschieden sich die zuständigen Verwaltungen für Umwelt und Gesundheit nun dafür, erneut und auch in Zukunft an dem Projekt teilzunehmen, um Daten über den Drogenkonsum in Berlin zu sammeln. Die TU Dresden hat eine Weiterfinanzierung für die Erhebung in Berlin für die Jahre 2026 und 2027 beim Bund beantragt.
Berlins Kampf gegen Drogen: Alle Artikel der Serie lesen Sie hier








