Visitenkarten, reduzierte Angebote und Kundenservice: Im Schatten der Legalität hat sich in Berlin der Markt für Drogen derart professionalisiert, dass es teils absurde Züge annimmt. Substanzen, die sowohl für berauschende Nächte in Clubs als auch für den Bruch in Lebensbiografien verantwortlich sind, können leichter erworben werden, als Bürgeramtstermine – erschreckend leicht. Ein satirischer Blick auf einen Kriminalitäts- und Wirtschaftsbereich, der im Stadtbild nicht zu übersehen ist. Die Schilderungen beruhen auf Erlebnissen von Morgenpost-Reportern, Berichten von Konsumenten sowie Medienberichten.

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Von so manchem Drogenhändler wird das Kundenpotenzial schon in jungen Altersgruppen gesehen. Rund um die Kastanienallee in Prenzlauer Berg werden schon 14-Jährige von etwas älteren Jugendlichen angesprochen, ob sie Drogen kaufen wollen. Für den Fall, dass sie sich nicht direkt entscheiden wollen, reicht der Anbieter die Nummer für eine Telegram-Gruppe weiter. Falls sie es sich später überlegen.

Drogen per Visitenkarte: Rabatte und Rund-um-die-Uhr-Service

Die Konkurrenz im Handel mit den berauschenden Stoffen ist groß. Eigenwerbung ist das Stichwort. Ähnlich wie bei einer Messe werden auf Berlins Straßen Visitenkarten verteilt – natürlich auf Deutsch und auf Englisch, denn wer als Tourist für ein Wochenende Berlin besucht, will für den Drogenkauf nicht das Wörterbuch rauskramen müssen. „Coke, Weed, Hash, all Drugs“ ist eine solche Karte überschrieben, die in Berlin-Friedrichshain am Ostkreuz von einem Dealer mit berufstypischer Bauchtasche ausgehändigt wird – wenige Meter hinter ihm steht ein Mann, der mit sich selbst redet und womöglich ebenfalls zur Kundschaft gehört.

„Berlins Kampf gegen Drogen“

Drogentaxis, Konsum in der Öffentlichkeit, Dealer mit Visitenkarten – illegale Drogen sind Teil des Alltags in Berlin. Die Anzahl der Drogentoten hat einen Höchststand erreicht. In der mehrteiligen Serie „Berlins Kampf gegen Drogen“ zeigen wir, wie tief das Thema in der Stadt verankert ist – und wie es das Leben von Abhängigen, Ärztinnen, Polizisten, Eltern und vielen anderen beeinflusst. Alle Teile der Serie finden Sie hier.

„Das beste Taxi in Berlin“, heißt die bescheidene Selbstbeschreibung im WhatsApp-Profil der Nummer, die auf der Visitenkarte hinterlegt ist. Um das zu unterstreichen, wird die Kundschaft mit Spezialangeboten gelockt: Für die Bestellung von Kokain, Gras, Ecstasy oder Speed gibt es 10 Euro Rabatt. Es kommt noch besser: Wird die Nummer mit zwei Freunden geteilt, gibt es ein „Geschenk nach Wahl“. Ob die Arbeitszeiten im Drogengeschäft jedoch mit den gesetzlichen Bestimmungen in Einklang stehen? Die Arbeitszeit der Dealer beginnt um 11:30 Uhr und endet um 4 Uhr.

Drogenlieferdienst: Der Kunde ist König

Das dürfte für Konsumentinnen und Konsumenten aber bestenfalls zweitrangig sein. Wichtig sind Lieferungszeiten und Produktqualität – man will schließlich auch was für sein Geld haben, insbesondere in der Drogenhauptstadt. „Manchmal kommen die Dealer in einer halben Stunde, manchmal innerhalb von acht Stunden“, beschwert sich ein Berliner, der anonym bleiben möchte.

Vor ein paar Jahren wartete er circa sechs Stunden, bis der Fahrer bei ihm zu Hause vorbeikam! Dem Ganzen die Krone habe aber das Cannabis aufgesetzt, das er geliefert bekommen habe. „Das Gras war sehr schlecht“, erinnert sich der Freizeitkonsument. „Daraufhin habe ich mich beschwert über die geringe Qualität.“ Nach der Androhung, er würde sich in Zukunft an eine andere Nummer wenden, reagierte der Lieferer schnell. Am nächsten Tag sei ein Fahrer vorbeigekommen, um ihm ein neues Päckchen mit einer anderen Sorte zu bringen – und das kostenlos. „Ich habe Schweißausbrüche bekommen, weil man ja nicht weiß, mit wem man da zu tun hat, aber der Kundenservice war gut.“

Alle Teile der Artikelserie lesen Sie hier:
Interview: „Das Christiane-F.-Syndrom wiederholt sich“
Was Abwasseruntersuchungen über den Drogenkonsum in Berlin aussagen
Drogenhandel in Berlin: Spandau verzehnfacht Polizei Präsenz
Kundenservice und Rabatte: Die absurden Auswüchse des Berliner Drogenhandels
Drogenkonsumräume in Berlin: Ein Blick hinter die Kulissen
Das Schweizer Modell verspricht Lösungen im Kampf gegen Drogen
Berliner Drogenbeauftragte: „Die Leute sollten verstehen: Sucht ist eine Krankheit“
Berlin-Mitte: Das sind die Drogen-Hotspots im Herzen der Hauptstadt
Verwahrlosung am Bahnhof Lichtenberg: So soll das Problem gelöst werden
Spandau: Fixpunkt benennt fünf Drogen-Hotspots

Gesonderte Bereiche für Dealer im Görlitzer Park

Wer längere Wartezeiten ausschließen möchte, nimmt die Beine in die Hand und verbindet den Parkbesuch mit einer Shopping-Tour. Wie durch ein Spalier betreten die Besucher und Besucherinnen zu manchen Tageszeiten den Mauerpark in Prenzlauer Berg. Nach wenigen Metern stehen die Dealer am späten Nachmittag und Abend in Gruppen am Hauptweg. Mitunter lässt sich beobachten, wie auf dem Hügel zum Stadion eine weitere Person den gesamten Park im Auge behält. Einige Hundert Meter weiter, knapp hinter dem Amphitheater, erwartet eine weitere Gruppe die Kundschaft, in Richtung Nordausgang zwischen den Büschen eine weitere. Hier nicht zu kaufen ist fast schwieriger als umgekehrt.

Ähnlich verhält es sich im Görlitzer Park. Das Umschiffen der Dealer mit dem Fahrrad setzt Konzentration und Koordination voraus, zumal die wie Poller im Wege stehenden Erscheinungen Durchreisende ansprechen. Die engen Verhältnisse an den Eingängen des Parks führten vor sechs Jahren dazu, dass der damalige Parkmanager Dealer-Zonen einrichtete, um den Durchgangsverkehr zu gewährleisten.

Polizei-Einsatz im Görlitzer Park
Die Polizei führt immer wieder Kontrollen im Görlitzer Park durch. © DPA Images | Paul Zinken

Pilzschokolade vom Späti

Neben mobilen Drogenlieferanten und den flinken Parkdealern bietet der Berliner Drogenmarkt auch eine Art stationären Handel. In manchen Spätis wird nicht nur normale Schokolade angeboten, sondern ganz spezielle Naschereien. In früheren Reddit-Einträgen ist von Christopher Columbus Schokolade die Rede. Ähnlich wie der Entdecker können Konsumentinnen und Konsumenten mit der mit halluzinogenen Pilzen versetzten Süßigkeit auf Reisen gehen. Sie sollten allerdings darauf hoffen, von dort sicher zurückzukehren – Angstzustände, Paranoia und Halluzinationen gehören zu den Nebenwirkungen.

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Sollten diese auftreten, sind weder der Spätbetreiber, der Parkdealer noch der Lieferant die richtigen Ansprechpartner. Vielmehr sind dann die professionellen Dienste von Rettungssanitätern und Ärzten in Anspruch zu nehmen oder vor Konsum das Angebot von der Drogenberatung und den Drug-Checking-Stellen.

Berlins Kampf gegen Drogen: Alle Artikel der Serie lesen Sie hier