Juri Schaffranek kennt seine Stadt. Seit 1988 macht er Straßensozialarbeit in Berlin. Beim größten Träger dafür, dem Gangway e.V., sitzt er inzwischen in führender Position, lenkt in der Fachsteuerung die Teams und entwirft Vorgehenskonzepte, etwa für das Kottbusser Tor in Berlin-Kreuzberg. Die Arbeit auf der Straße hat der 66-Jährige dabei nie aufgegeben. Wenn er in diesem Jahr aus dem Beruf scheidet, hinterlässt er ein Berlin, dessen zunehmend unkontrollierte Drogensituation ihm große Sorgen bereitet.

Herr Schraffranek, Berlin hat ein Drogenproblem. Was wird konsumiert und wie?

Es gibt selten Konsumenten oder Konsumentinnen, die nur einen Stoff konsumieren. Bei vielen haben wir polytoxikomanen Konsum. Im Moment steht an erster Stelle der Crackkonsum. Das ist in Berlin seit Corona im Vergleich zu den Vorjahren extrem angestiegen.

„Berlins Kampf gegen Drogen“

Drogentaxis, Konsum in der Öffentlichkeit, Dealer mit Visitenkarten – illegale Drogen sind Teil des Alltags in Berlin. Die Anzahl der Drogentoten hat einen Höchststand erreicht. In der mehrteiligen Serie „Berlins Kampf gegen Drogen“ zeigen wir, wie tief das Thema in der Stadt verankert ist – und wie es das Leben von Abhängigen, Ärztinnen, Polizisten, Eltern und vielen anderen beeinflusst. Alle Teile der Serie finden Sie hier.

Weshalb?

Das hat verschiedene Ursachen. Eine ist, dass der Kokainpreis in Europa gerade so sehr am Fallen ist, dass die Herstellung von Crack daraus attraktiv ist. Da haben wir jetzt eine Welle, die in Frankfurt am Main, Hannover, Hamburg schon viel länger bestand. Frankfurt beispielsweise hat seit Jahrzehnten mit Crack zu tun. Diese Entwicklung haben wir jetzt verstärkt bei uns.

Was sehen Sie noch?

Weitere Drogen sind Opiate und Opioide, das reicht von Heroin über Schmerzmittel wie Oxycodon, Tilidin und Tramadol bis hin zu Schlaf- und Beruhigungsmitteln wie den Benzodiazipinen. Und als ebenfalls schwer zu handhabende Droge: Alkohol. Cannabis spielt in dem Kontext eine untergeordnete Rolle. Fentanyl steht in Berlin vergleichsweise im Hintergrund. Aber wir können davon ausgehen, dass es irgendwann auch bei uns eine größere Rolle spielen wird.

Ob in Parks oder Bahnhöfen: In Berlin konsumieren Süchtige zunehmend in der Öffentlichkeit (Symbolbild).
Ob in Parks oder Bahnhöfen: In Berlin konsumieren Süchtige zunehmend in der Öffentlichkeit (Symbolbild). © FUNKE Foto Services | STEFAN AREND

In Teilen der Stadt begegnet man Cracksüchtigen, die offen konsumieren. In Bahnhöfen etwa und Parks.

Das Verlangen nach der Substanz macht immer hemmungsloser. Hinzu kommt, dass die psychischen Effekte bei Dauerkonsum über einen gewissen Zeitraum zunehmen. Das heißt, wir haben es oft mit paranoiden Wahnzuständen zu tun. Die Leute sind megagestresst, sehr reizbar. Und zum Teil aggressiv. Gerade, wenn die Droge am Abklingen ist.

Wie wirkt die Droge und wieviel davon nimmt ein Süchtiger täglich zu sich?

Wer schwerst abhängig ist, braucht am Tag bis zu 30, 35 Konsumeinheiten, abhängig von der Qualität des Stoffs. Die sogenannten Rocks werden in Tüten abgepackt und mit vier oder fünf Einheiten für um die 20 Euro verkauft. Das variiert von Szene zu Szene.

Alle Teile der Artikelserie lesen Sie hier:
Interview: „Das Christiane-F.-Syndrom wiederholt sich“
Was Abwasseruntersuchungen über den Drogenkonsum in Berlin aussagen
Drogenhandel in Berlin: Spandau verzehnfacht Polizei Präsenz
Kundenservice und Rabatte: Die absurden Auswüchse des Berliner Drogenhandels
Drogenkonsumräume in Berlin: Ein Blick hinter die Kulissen
Das Schweizer Modell verspricht Lösungen im Kampf gegen Drogen
Berliner Drogenbeauftragte: „Die Leute sollten verstehen: Sucht ist eine Krankheit“
Berlin-Mitte: Das sind die Drogen-Hotspots im Herzen der Hauptstadt
Verwahrlosung am Bahnhof Lichtenberg: So soll das Problem gelöst werden
Spandau: Fixpunkt benennt fünf Drogen-Hotspots

Wie lässt sich die Wirkung beschreiben?

Wenn ich so einen Rock rauche, habe ich einen unglaublich schnellen Kick, der extremer ist als viele andere Substanzen. Der hält circa vier bis fünf Minuten an – und fällt dann total ab. Und zwar so, dass ich in einer extremen Depression lande und das Bedürfnis verspüre, oder die Gier, das zu wiederholen. Diese Depression ist kaum auszuhalten. Es geht dann immer weniger darum, das High zu bekommen, sondern der Depression zu entgehen. Zum Vergleich: Das Plateau des Highs ist gerade mal fünf Minuten lang, beim Heroin haben wir eine Wirkdauer von vier bis sechs Stunden.

Sie senden Ihre Teams unter anderem an den Drogenhotspot Kottbusser Tor. Was beobachten Sie und Ihre Mitarbeiter dort?

Zum Beispiel, dass sich am Kotti dieses „Christiane F. Syndrom“ wiederholt. Nämlich, dass die Leute dorthin kommen, weil sie das attraktiv finden, so ein bisschen Underground. Wir haben sehr, sehr junge Menschen, die bereits heftig Crack missbrauchen. Da sind erstaunlich viele junge Mädchen dabei. Die jüngsten sind 12, 13 Jahre alt. Das ist eine sehr junge Generation, die über Social Media wie Tiktok geteasert wird. Daher bereitet uns die aktuelle Politik in Berlin große Sorgen, weil wir da eigentlich in Prävention und Intervention investieren sollten.

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Im aktuellen Doppelhaushalt des Senats ist viel der noch 2024/25 eingesetzten Millionen des Sicherheitsgipfels für Maßnahmen gegen Drogenkonsum, Obdachlosigkeit und für Sicherheit verschwunden.

Es sind eine Menge Projekte über diese Sicherheitsgipfel-Gelder gefördert worden und entstanden. Zum Beispiel haben wir über den Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg Mittel für aufsuchende Arbeit am Kottbusser Tor speziell zu Minderjährigen und unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten bekommen, um die Leute dort anzusprechen, Bedarfe zu erheben, zu gucken, wo können wir sie in ein Hilfesystem bringen.

Die Mitarbeiter-Stellen am Kottbusser Tor fallen nach heutigem Stand weg.

Obwohl dabei doch unglaublich wichtig ist, dass wir eine Kontinuität, eine Langfristigkeit gewähren können. Wir haben viele Mittel erst im zum vierten Quartal 2024 bekommen. Und Ende dieses Jahres laufen sie, wie es aussieht, aus. Vertrauen, das man aufgebaut hat, wird so natürlich torpediert.

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Dagegen ist gesichert, dass ein paar Hundert Meter vom Kottbusser Tor entfernt der Görlitzer Park umzäunt und etwa ab Dezember nachts abgeschlossen wird.

Und da kann ich jetzt schon mal mit Sicherheit sagen, weil ich seit 1988 in dem Bereich arbeite und insbesondere in der Drogenszene viele Erfahrungen gesammelt habe, dass verdrängen, zerschlagen, ausgrenzen die Probleme eher noch massiv verschärft, als sie zu lösen. Durch diese Zero-Tolerance-Politik im Park, die 2015, 2016 startete, hat sich das Ganze längst in die umgebenden Kieze verlagert: Dort findet jetzt der hauptsächliche Stress statt. Weniger im Park.

Bei der Diskussion um Kottbusser Tor, Görlitzer Park und Leopoldplatz in Mitte könnte der Eindruck entstehen, dass das Berliner Drogenproblem an den Bewohnern der eher bürgerlichen Bezirken vorbeigeht.

Das stimmt so nicht. Ich gebe ein Beispiel aus Steglitz-Zehlendorf. Durch die Reinigungsstreifen der BVG auf der U8 wurden viele verdrängt. Sie landen jetzt in der U9. Zwischen Walter-Schreiber-Platz und Schlossstraße beispielsweise ist auf einmal eine enorme Zunahme an Obdachlosigkeit zu sehen. Der Drogenkonsum hat massiv zugenommen. Das ist also wieder ein typisches Beispiel für: verdrängt, aber nichts gelöst. Wir haben jetzt eine schöne, saubere U8. Aber die Leute in Steglitz-Zehlendorf sagen: „Huch, was passiert denn hier?“ Der Münsinger Park hinter dem Bahnhof Spandau ist ein weiteres Beispiel. Auch dort sehen wir auch eine massive Zunahme. Das sind alles Plätze, an denen das Thema Drogen früher überhaupt keine Rolle spielte.

Alle Teile der Serie lesen Sie hier