- Bis vor Kurzem galt: In kleinen Mengen schadet Alkohol der Gesundheit nicht.
- Aus Untersuchungen weiß man inzwischen aber, dass auch ein moderater Konsum schlecht für den Herz-Kreislauf ist.
- Besonders auf den Blutdruck kann regelmäßiger Alkohol-Konsum negative Auswirkungen haben.
Viele glauben, dass Alkohol in Maßen unbedenklich ist. Rotwein soll sogar gut fürs Herz sein, heißt es oft. Und ein Cocktail, wenn es nur bei einem bleibt, kann ja nicht groß schaden, oder? Studien zeigen jedoch, dass auch ein moderater Alkoholkonsum Risiken für die Gesundheit birgt, vor allem für das Herz-Kreislauf-System.

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Gerade bei den Themen Alkohol und Blutdruck gibt es viele unbelegte Annahmen und Mythen. Besonders hartnäckig hält sich das französische Paradox. Was das ist und warum selbst ein Glas Rotwein am Tag nicht gut für die Gesundheit ist, verrät der Ernährungsmediziner Dr. Matthias Riedl.
Unser Experte
Dr. Matthias Riedl ist Ernährungsmediziner, Diabetologe und ärztlicher Direktor des Medicum Hamburg. Seit 2015 ist Riedl Teil der von ihm konzipierten NDR-Sendung „Die Ernährungs-Docs“, in der er zusammen mit anderen Medizinern Ernährungsstrategien für konkrete Patientenfälle entwickelt. Zu der Sendung wurden mehrere Begleitbücher veröffentlicht. Zudem betreibt Dr. Riedl in Zusammenarbeit mit der FUNKE Mediengruppe seit 2022 den Podcast „So geht gesunde Ernährung“.
Alkohol senkt den Blutdruck – aber nur für kurze Zeit
Die Vermutung, dass geringe Mengen Alkohol das Herz-Kreislauf-System positiv beeinflussen, könnte mit der Wirkung von Ethanol zusammenhängen. Viele Menschen entwickeln beim Trinken von Alkohol Gesichtsrötungen (Flush). Der Grund: Ethanol erweitert die Gefäße, wodurch die Durchblutung steigt und der Blutdruck sinkt. Dieser Effekt ist jedoch nicht von Dauer: „Alkohol hat eine gefäßerweiternde Wirkung, die hält allerdings nur in der Zeit des Alkoholkonsums an“, erklärt Matthias Riedl. „Wenn der Alkohol abgebaut ist, spielt dieser Effekt keine Rolle mehr.“
Wissenschaftlich deutet nichts darauf hin, dass regelmäßiger Alkoholkonsum den Blutdruck senken könnte. Im Gegenteil: Schon geringe Mengen Alkohol können auf Dauer Bluthochdruck begünstigen.

Bereits geringe Mengen Alkohol treiben den Blutdruck nach oben
Frauen dürfen täglich bis zu 10 Gramm Alkohol konsumieren, Männer bis zu 20 Gramm – so sah das lange Zeit die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE). Wer maximal ein halbes Liter Bier oder 250 ml Wein am Tag trank, durfte sich auf der vermeintlich sicheren Seite wähnen.
Doch die DGE hat letztes Jahr in einem Positionspapier die bisher geltende Referenzmenge für Alkohol revidiert. Täglich ein kleines Glas Rotwein oder eine Flasche Bier zu trinken, wird nun mit einem moderaten Gesundheitsrisiko verbunden. Zu diesen möglichen Risiken zählt die DGE unter anderem Bluthochdruck. Eine Übersichtsarbeit von 2023 gibt dieser Einschätzung recht: Bereits 12 Gramm Alkohol täglich – also das besagte Bier oder das kleine Glas Wein – kann den Blutdruck ansteigen lassen, so das Fazit der Studie. Riedl betont ebenfalls: „Alkohol ist an über 200 Krankheiten mitbeteiligt. Es gibt keine unbedenkliche Alkoholmenge. Das ist jetzt mit der Studienlage völlig klar.“
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Studie zeigt: Je höher der Alkohol-Konsum desto höher steigt der Blutdruck
Eine kürzlich veröffentlichte Studie dänischer Forscher zeigt, dass selbst geringe Mengen Alkohol den Blutdruck beeinflussen. Über 104.400 Frauen und Männer im Alter von 20 bis 100 Jahren gaben Auskunft über ihren Alkoholkonsum und ließen ihren Blutdruck messen. Die Forscher stellten nach der Auswertung der Daten eine lineare Beziehung zwischen der Menge des Alkohols und dessen Wirkung fest: Je mehr die Teilnehmer tranken, desto höher war ihr Blutdruck.

Der Unterschied zwischen starkem Alkoholkonsum (mehr als 35 Getränke pro Woche) und niedrigem Konsum (maximal zwei Getränke pro Woche) war deutlich: Starke Trinker wiesen einen um 11 mmHg höheren systolischen und einen um rund 7 mmHg höheren diastolischen Blutdruck auf. Der Effekt zeigte sich bei Frauen und Menschen unter 60 Jahren besonders stark. Außerdem macht es keinen Unterschied, ob die Probanden Bier, Rotwein, Weißwein oder Spirituosen konsumierten – der blutdrucksteigernde Effekt trat unabhängig von der Art des Alkohols auf.
Gut zu wissen
Der Blutdruck wird in der Maßeinheit Millimeter Quecksilbersäule, kurz mmHg, gemessen. Er setzt sich aus zwei Werten zusammen: Der erste Wert gibt den systolischen Blutdruck an. Dieser beschreibt, wie stark der Druck ist, wenn das Blut in der Anspannungsphase des Herzens (Systole) in die Gefäße einströmt. Der Druck in den Gefäßen während der Entspannungsphase des Herzens (Diastole) wird mit dem zweiten Wert, dem diastolischen Blutdruck, angegeben.
Französisches Paradox: Rotwein als vermeintlicher Herzschutz
Die Studienergebnisse widersprechen der weit verbreiteten Annahme, Rotwein könne gesundheitliche Vorteile bieten. Lange Zeit hieß es, ein kleines Glas täglich schütze das Herz. Als Beleg diente das sogenannte französische Paradox („French Paradox“): Vor vielen Jahrzehnten beobachtete man, dass Franzosen im Ländervergleich seltener an Herz-Kreislauf-Erkrankungen sterben, obwohl sie fettreich essen und überdurchschnittlich viel Rotwein trinken.
Forscher führten dies unter anderem auf das im Rotwein enthaltene Resveratrol zurück, einen sekundären Pflanzenstoff aus der Gruppe der Polyphenole, der vor allem in den Schalen von Trauben vorkommt. In Laborstudien konnte Resveratrol Entzündungen in Blutgefäßen eindämmen, doch diesen Effekt konnten Wissenschaftler am Menschen bislang nicht nachweisen.
Für Rotwein-Liebhaber hat Riedl eine schlechte Nachricht: „Das French Paradox ist widerlegt worden. Der Effekt, dass die Franzosen länger leben, liegt nicht am Rotwein.“ Der Experte vermutet, dass vielmehr die Ernährung und die Essenskultur eine Rolle spielen: „Es liegt wohl an der Art und Weise, wie gegessen wird, wie achtsam mit Essen umgegangen wird und am Ende auch am Gemüsekonsum.“ Gemüse, bestimmte Obstsorten und Nüsse zählen zu den blutdrucksenkenden Lebensmitteln.
Alkohol erhöht den Blutdruck durch Gefäßveränderungen
Ob Wein, Bier oder Schnaps – wer regelmäßig Alkohol trinkt, riskiert auf Dauer einen erhöhten Blutdruck. Die genauen Ursachen sind noch nicht abschließend geklärt. Experten vermuten, dass Alkohol das Gehirn dazu bringt, Botenstoffe freizusetzen, die das vegetative Nervensystem beeinflussen. „Man nimmt an, dass Alkohol den Sympathikus aktiviert. Dieser ist Teil des Nervensystems, das für Aktivität und für die Stressreaktion des Körpers verantwortlich ist und eine Blutdrucksteigerung bewirken kann“, so Riedl. Der Parasympathikus, der für Entspannung und Regeneration sorgt, wirkt dem entgegen.
Regelmäßiger Alkoholkonsum kann demnach dazu führen, dass die empfindlichen Gefäßwände dauerhaft unter Druck stehen und dadurch Schaden nehmen. Sind die Gefäße geschwächt, können sich darin schneller Ablagerungen bilden – dadurch entsteht eine Arteriosklerose. In der Folge verengen sich die Arterien und werden unelastisch, was den Blutdruck noch weiter ansteigen lässt. Langfristig kann Bluthochdruck ernste Folgen haben. Gefäßschäden können schlimmstenfalls einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall auslösen.

Bluthochdruck durch Alkohol: Übergewicht als wichtiger Faktor
Aber auch indirekt kann Alkohol den Blutdruck erhöhen. Er kann zu Übergewicht beitragen, einem der wichtigsten Risikofaktoren für Bluthochdruck. „Eine Gewichtszunahme ist immer auch mit einer Zunahme des Blutdrucks verbunden“, warnt der Ernährungsexperte. Das Herz muss stärker pumpen, da mehr Körpermasse mit Blut versorgt werden muss. Zusätzlich erhöht überschüssiges Fett den Widerstand in den Gefäßen.
Zum einen ist Alkohol extrem energiereich. Laut der DGE stecken in einem Gramm Ethanol etwa sieben Kilokalorien. Nur Fett kann das überbieten – auf ein Gramm kommen hier neun Kalorien. Ein Gramm Zucker enthält hingegen „nur“ rund vier Kalorien. Mit einem Glas Wein nimmt man somit etwa 170 Kalorien zu sich, zwei Flaschen Bier schlagen mit über 500 Kalorien zu Buche.
Zum anderen kann Alkohol appetitanregend wirken und in größeren Mengen Heißhunger auf fett- und salzreiches Essen auslösen. Laut einer Studie des Francis Crick Instituts in London könnte dies daran liegen, dass Ethanol im Gehirn AGRP aktiviert. Diese Nervenzellen springen normalerweise an, wenn wir hungern. Bei bestehendem Bluthochdruck ist es daher essenziell, Gewicht zu reduzieren und weitestgehend auf Alkohol zu verzichten.
Quellen
Jensen, G. B. [u.a.]: Type of Alcohol and Blood Pressure: The Copenhagen General Population Study, in: Clinical Research Study, Sept. 2024, Volume 137, (9): 857-864.
Di Federico, S.: Alcohol Intake and Blood Pressure Levels: A Dose-Response Meta-Analysis of Nonexperimental Cohort Studies, in: Hypertension, Jul. 2023, Vol. 80 (10).
Cains, S. [u.a.]: Agrp neuron activity is required for alcohol-induced overeating, in: Nature Communications, Jan. 2017, Vol. 8.
Alkohol, in: dge.de (Deutsche Gesellschaft für Ernährung)








