Startup-Finanzierung

Deutsche Bank wächst in Berlin mit Start-ups

Neue Struktur, neues Geschäft: Der Umbau der Deutschen Bank in Berlin zahlt sich aus. Das Institut verdient deutlich mehr in der Region und profitiert dabei vor allem von der wachsenden Gründerszene.

Foto: Reto Klar

Die Deutsche Bank profitiert in der Hauptstadtregion vom Umbau des vergangenen Jahres. Das Geschäftsvolumen steigt deutlich, der Standort wird für das Institut wichtiger. Vor allem die Gründerszene bietet der größten deutschen Bank gute Chancen – weil die Start-ups internationaler werden.

Es ist jetzt ziemlich genau ein Jahr her, dass die Deutsche Bank auch den kleineren Mittelstand als Kunden wiederentdeckt hat. Im Herbst 2013 hat sich die Bank umorganisiert. Seither ist das Geschäft nicht mehr vorrangig nach Sparten organisiert, sondern wird von einer stärkeren regionalen Präsenz unterstützt.

In den Filialen bietet das Institut inzwischen alles aus einer Hand an. Wer als Gründer und mittelständischer Unternehmer einen Kredit beantragt hat, ein Geschäftskonto besitzt und jetzt vielleicht über das Thema Vermögensaufbau reden möchte, wird nicht mehr an eine andere Abteilung verwiesen.

Neuorientierung nach vielen Jahren birgt immer Überraschungen. „Wir haben viel gelernt“, sagt Harald Eisenach, „über uns und die Kollegen.“ Er ist seit der Neuorganisation von Berlin aus zuständig für die Region Ost. Sie ist eine von fünf Geschäftsregionen in Deutschland und umfasst Berlin und die neuen Bundesländer, wobei das Gros des Geschäfts in der Hauptstadtregion gemacht wird.

20.000 Gründen in der ersten Jahreshälfte

Offenbar war die Arbeit erfolgreich, selbst die negativen Schlagzeilen des Jahres belasten da offenbar wenig. Die Deutsche Bank soll gemeinsam mit anderen Banken Devisenkurse und den wichtigen Liborzins manipuliert haben. Zudem sind ehemalige Manager und Co-Chef Jürgen Fitschen wegen Prozessbetrugs im Kirch-Prozess angeklagt.

Für die gute Geschäftsentwicklung in der Region Ost spielt der Standort Berlin eine wesentliche Rolle. Der entwickele sich positiv, die Arbeitslosigkeit sinke, sagt Frank Gilly, zuständig für das Privat- und Firmenkundengeschäft in Berlin und Brandenburg. Gleichzeitig zögen viele Menschen aus Deutschland und dem Ausland neu nach Berlin. Und bis Mitte des Jahres habe es 20.000 Gründungen gegeben. „Wirtschaftlich läuft es gut in der Stadt“, fasst Gilly zusammen. Und das merkt auch die Deutsche Bank.

In diesem Jahr steuert die Region Ost auf fünf Prozent mehr Firmenkunden zu. Das Geschäftsvolumen werde ebenfalls deutlich steigen, sagt Gilly. Genaue Zahlen nennt die Deutsche Bank nicht. Die Bank hatte 2013 rund 630.000 Kunden, davon 100.000 Firmen- und Gewerbekunden, die in 49 Berliner Filialen betreut wurden. Nachgefragt würden vor allem Baufinanzierung, Altersvorsorge und Vermögensaufbau, sagt Gilly.

Die Hauptstadt wird reicher

Die Gründerszene habe eine enorme Dynamik, sagt Gilly, mit entsprechender Aufmerksamkeit. Einerseits sei es gut, das die Szene so hofiert werde, andererseits gerate dabei etwas die klassische Wirtschaft aus dem Blick. Große Vorteile für alle ergäben sich, wenn sich alt und neu vernetzten. Und dafür sei Berlin besonders geeignet.

Chancen rechnet sich die Deutsche Bank bei Gründern vor allem der Informations- und Kommunikationsindustrie sowie des Onlinehandels aus. D ie Unternehmen wollten vielfach ausländische Märkte erobern, sagt Eisenach. Im Vergleich zur Konkurrenz „sind wir da klar im Vorteil“. Die Deutsche Bank sei in 70 Ländern mit eigenen Filialen oder Tochtergesellschaften vertreten und könne die Firmen entsprechend begleiten.

„In der Branche spricht sich herum, dass wir vom ersten Geschäftskonto über die Finanzierung des Businessplans, die Internationalisierung und den Vermögensaufbau alles machen können“, sagt Eisenach. Unter Start-ups habe das Institut bisher 1700 Kunden, ein Zuwachs von 100 in den ersten neun Monaten 2014. Beim Ergebnis gebe es sogar ein Plus von 30 Prozent.

Grundsteinlegung für neuen Campus an der Otto-Suhr-Allee

Geschäft mit den schnell wachsenden Unternehmen ist das eine, Geschäft mit den Unternehmern selbst das andere. Denn die Gründer wollen privat Vermögen aufbauen. Und auch dabei denken sie auch global. Beim Wealth Management landen auch immer wieder Fragen nach Anlagen zum Beispiel in New York, wie Anke Sahlén, zuständig für die Vermögensverwaltung und Sprecherin der Geschäftsleitung Berlin, sagt.

Das Vermögen und das Durchschnittseinkommen in Berlin sei zwar niedriger als im Bundesschnitt, steige aber, sagt Eisenach, und Sahlén ergänzt: Die Stadt ziehe Menschen an, es entstünden neue Unternehmen, die wiederum Investoren lockten. Berlin werde reicher.

Die Bank beschäftigt in Berlin rund 4000 Mitarbeiter, in der Region Ost sind es 5800. Und die Bank lässt bauen. An der Otto-Suhr-Allee, fast am Theodor-Heuss-Platz, entsteht ein neues Gebäude, in dem bis zu 2500 Beschäftigte aus verschiedenen Standorten in Berlin zusammenziehen sollen. Die Grundsteinlegung ist für Dienstag geplant.

Unter anderem 600 Mitarbeiter des Risk Centerziehen ein, die derzeit noch in der alten Zentrale der Berliner Bank in der Hardenbergstraße gegenüber dem Gebäude der Industrie- und Handelskammer (IHK) untergebracht sind. Der Neubau ist auf Zuwachs ausgelegt, denn auch das Risk Center wächst. Die Deutsche-Bank-Standorte weltweit greifen auf die Expertise der Berliner Kollegen bei Risikomanagement zurück.

Deutsche-Bank-Vorstände in Berlin

Die Bedeutung des Standorts Berlin hat innerhalb des Konzerns zuletzt zugenommen. So sind die Chefs häufiger in Berlin als bisher. „Im Schnitt ist täglich ein Vorstandsmitglied da“, sagt Eisenach. Das hat mit der Nähe zur Bundespolitik zu tun, mit der Gründerszene, die andere deutsche Standorte weit hinter sich gelassen hat, und damit, dass in der Stadt viel ausprobiert wird – von Jungunternehmern und auch etablierten Firmen.

So testet die Deutsche Bank zum Beispiel in Q110, der „Filiale der Zukunft“ schon seit Jahren neue Ideen und Konzepte für das Bankgeschäft in der Friedrichstraße. Die sieht nicht aus wie eine Bankfiliale. Es gibt Geldautomaten und auch Berater, aber vor allem ein Cafe mit Büchern. Regelmäßig werden neue Trends vorgestellt. Seit dieser Woche zum Beispiel die Foto-TAN für Online-Überweisungen. Dabei erzeugt die Software einen so genannten QR-Code, einen kleinen Würfel mit schwarz-weißen Pixeln, den der Kunde mit seinem Smartphone fotografiert.

Die dazugehörende App wandelt den Code in eine TAN, also in eine einmalige Zahlenkombination um, und schickt das ganze dann als Autorisierung an die Bank. Die Deutsche Bank will das Verfahren, das ohne TAN-Liste oder mobile TAN auskommt, einführen. Beim Konkurrenten Commerzbank gibt es das bereits.

Deutsche Bank plant Innovationszentrum

In Sachen Digitalisierung hat die Deutsche Bank wie zahlreiche andere Institute die Entwicklung etwas verschlafen. Zahllose branchenfremde Firmen suchen sich eine Nische in der Finanztechnologie, kurz Fintech. Kaum drei Jahre alte Unternehmen wie Payleven und Sumup aus Berlin oder iZettle aus Stockholm bauen das Geschäft mit mobilem Bezahlen für Kleinunternehmer aus.

Paypal, die Bezahltochter des US-Onlinemarktplatzes Ebay, experimentiert in Berlin mit Überweisungen per SMS und Bezahlen per Gesichtserkennung. Und wer im Internet etwas kauft, kann ebenfalls mit Paypal bezahlen. In den neuen Geschäftsmodellen landen die Provisionen nicht mehr zwingend bei den großen Banken.

Auch bei der Digitalisierung der Bankgeschäfte setzt der Konzern auf Berlin. So soll in der Hauptstadt eines von drei weltweit geplanten Innovationszentren entstehen, für die die Deutsche Bank mit Microsoft, IBM und der indischen HCL Technologies zusammenarbeitet, wie es in der Branche heißt. Dort will das Unternehmen neue Wege bei Bankgeschäften erkunden. Das Institut selbst äußert sich bisher nicht dazu.

In Berlin übrigens liegen Microsofts Repräsentanz und Gründerzentrum und die deutsche Bank Niederlassung Unter den Linden gegenüber. Die anderen beiden Innovationsstandorte sind offenbar Palo Alto im kalifornischen Silicon Valley und Europas Bankenhauptstadt London.