Zwei Wochen vor den amerikanischen Kongresswahlen haben die Republikaner ein Problem, das in keinem Wahlkreis kandidiert: Donald Trump. Von Alaska bis Kentucky verlangt er, seine Anhänger sollten so tun, als stünde er (zwei Jahre vor seinem endgültigen Abdanken) selbst auf dem Stimmzettel. Für gefährdete Parteifreunde könnte genau das zum Verhängnis werden.

Montag, Mittwoch, Freitag

Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Wie ernst die Lage für die Grand Old Party (GOP) ist, zeigt eine neue Umfrage von „Washington Post“, ABC News und Ipsos: Nur 33 Prozent billigen Trumps Amtsführung, 66 Prozent lehnen sie ab. 72 Prozent sehen die USA auf einem falschen Weg. Vor den „Midterms“ am 3. November liegen die Demokraten im Schnitt acht Prozentpunkte vorn. Verblüffend: Beim Thema Wirtschaft vertrauen die Befragten erstmals seit Jahren der von Trump als „Kommunisten“ gelabelten Partei mehr als der GOP.

Auch interessant

„Midterms“: Demokraten laut Umfragen vor Republikanern

Der Iran-Krieg treibt die Benzin- und Dieselpreise, Zölle belasten Betriebe und Verbraucher. RealClearPolling, das zahlreiche Erhebungen mittelt, kommt auf 50 zu 42 Prozent für die Demokraten. Was heißt das in Mandaten für das Repräsentantenhaus, in dem 435 Abgeordnete sitzen? Der unabhängige „Cook Political Report“ sieht derzeit 214 demokratisch und 200 republikanisch tendierende Wahlkreise; 21 sind vollkommen offen. 

President Trump Hosts Rally For Kentucky GOP Candidates In Highland Heights
Donald Trumps Wahlkampfauftritte sorgen für Unruhe bei einigen Republikanern.© AFP | Eric Lee

Gewännen die Republikaner sämtliche Wackelsitze, behielten sie mit 221 zu 214 die Mehrheit. Fielen alle an die Demokraten, hieße es 235 zu 200. Zwei theoretische Grenzfälle, keine Prognosen. Schon vier dieser 21 Rennen würden den Demokraten zur nötigen Mehrheit von 218 verhelfen.

RealClearPolling zeichnet eine noch blauere Landkarte: 228 Wahlkreise tendieren zu den Demokraten, 188 zu den Republikanern, 19 sind offen. Das Modell von The Hill/Decision Desk HQ errechnet 235 zu 200 Sitze und eine 77-prozentige Chance auf einen demokratischen „House“-Sieg. Der Kampf reicht längst über „Swing“-Distrikte hinaus.

Cook verschob am Freitag elf Rennen in Richtung Demokraten. Montanas erster Wahlkreis, den Trump 2024 mit zwölf Punkten Vorsprung gewann: plötzlich völlig offen. In Iowa fordert Christina Bohannan die Republikanerin Mariannette Miller-Meeks heraus, die 2024 mit nur 799 Stimmen gewann. In Texas könnte Trumps Neuzuschnitt der Wahlkreise zum Eigentor werden: Verteilte Mehrheiten geraten bei Gegenwind ins Wanken.

Demokraten und Republikaner liefern sich enges Rennen um den Senat

Und der Senat? Hier halten die Republikaner 53 von 100 Sitzen. Die Demokraten benötigen netto vier Zugewinne. Cook sieht sieben vollkommen offene Rennen: sechs bisher republikanische Sitze in Alaska, Iowa, Kansas, Maine, Ohio und Texas sowie einen demokratischen in Michigan. North Carolina neigt bereits den Demokraten zu. Gehen alle sieben an die Republikaner, lautet der rechnerische Stand 53 zu 47; gewinnen die Demokraten alle, sind 54 zu 46 möglich. Wie gesagt: Extreme – keine sicher erwartbaren Ergebnisse.

RealClearPollings Senatskarte ohne Unentschieden zeigt derzeit 53 zu 47 für das demokratische Lager: Roy Cooper führt in North Carolina mit 9,6 Punkten, Sherrod Brown in Ohio mit 3,3, Mary Peltola in Alaska mit 2,5, James Talarico in Texas mit 2,2, Troy Jackson in Maine mit 1,6 und Josh Turek in Iowa mit gerade 0,9. Umfragefehler könnten mehrere Rennen drehen. The Hill/Decision Desk HQ rechnet vorsichtiger mit 51 zu 49.

Auch interessant

US-Senat: Zugewinne möglicherweise nicht ausreichend

Der Politikwissenschaftler Andrew Busch von der Universität Tennessee warnt: „Die Republikaner liegen in diesen Rennen sehr dicht dran. So sähe es nicht aus, wenn für die Demokraten überall alles glattliefe.“ Cook-Analyst David Wasserman hält sogar eine nationale Verschiebung um zehn Prozentpunkte für möglicherweise unzureichend, um den Senat zu drehen. In mehreren umkämpften Staaten gewann Trump 2024 zweistellig. Die blaue Welle könnte zum Rinnsal werden.

News aus den USA

Kann man den Umfragen überhaupt trauen? Bei den Präsidentschaftswahlen 2016, 2020 und 2024 wurde Trump wiederholt unterschätzt. Gerade ländliche Republikaner sind für Meinungsforscher schwer erreichbar. Demoskop Patrick Ruffini beziffert frühere Fehler in Iowa, Michigan und Ohio auf durchschnittlich 6,2 Punkte zugunsten der Demokraten. Doch 2018 und 2022 lagen sie recht genau. Viele Institute gewichten inzwischen nach früherem Wahlverhalten. Und Trump steht diesmal nicht selbst zur Wahl. Dass sich Umfragen irren können, bedeutet nicht, dass sie es diesmal tun. Hinzu kommt der republikanische Kassen-Vorsprung von 222 Millionen Dollar – und die Frage, ob junge Demokraten wählen gehen. 

Trump sorgt mit Wahlkampfauftritten für Unruhe

Trump selbst bietet derweil beinahe täglich Wahlkampf-Zirkus. Am Samstag in Kentucky rühmte er sich seiner Macht: Google „küsst mir jetzt den Arsch“, erklärte er. Den Ontariosee taufte er nebenbei „Lake America“. Aber: Als er den republikanischen Abweichler Thomas Massie beschimpfte, der ihm in der Epstein-Affäre im Nacken sitzt, klatschte laut Reportern nur etwa die Hälfte der Halle. Dann versprach er 100 Millionen Dollar aus dem Verteidigungsetat für eine Arzneimittelfabrik – falls die Republikaner gewinnen. Staatsgeld als Wahlkampfanreiz: mindestens ein politisch heikler Vorgang. Ob das die „Maga”-Gemeinde, seine treuen Anhänger, mobilisiert oder Wechselwähler vertreibt, ist offen.

Hinter den Kulissen herrscht Krisenstimmung bei den Republikanern. Trump macht seine Berater für die schlechten Aussichten verantwortlich, kritisiert Wahlkampfausgaben und ausgerechnet die von ihm vorangetriebene Neuziehung der Wahlkreise. Ein Insider spricht von einem „kreisförmigen Erschießungskommando“. Das Weiße Haus weist die Schilderung zurück.

Auch interessant

Staatliche Eingriffe: US-Behörden verstärken Kontrolle bei Wahlen

Heikler noch ist die Angst vor staatlichen Eingriffen vor, bei und nach der Wahl. US‑Medien haben neun mögliche Szenarien untersucht. Das Justizministerium plant 1000 Wahlbeobachter, fast doppelt so viele wie 2024. In Kalifornien bedroht es Wahlverantwortliche wegen angeblich unzulässiger Briefwahlstimmen mit Strafverfahren. Im Januar beschlagnahmte das FBI in Georgia Wahlunterlagen von 2020. Senatoren verlangen Zusicherungen, dass während der „Midterms“ keine Stimmzettel oder Wahlmaschinen eingezogen werden. Zugleich ist die Wahlkampffinanzierungsaufsicht FEC mangels Beschlussfähigkeit lahmgelegt.

Ein geplanter Einsatz bewaffneter FBI-Beamter oder Soldaten an Wahllokalen ist zwar bisher nicht belegt. Generalstabschef Dan Caine hat einen Militäreinsatz ausdrücklich verneint. Aber der Wahlexperte David Becker warnt: „Zum ersten Mal müssen Wahlverantwortliche damit rechnen, dass die Bundesregierung nicht ihr Partner, sondern ihr Gegner sein könnte.“

Auch interessant

Also blaue Welle oder blaues Rinnsal? Das Repräsentantenhaus könnte die Demokraten wieder zu Trumps Gegenspielern machen; im Senat entscheiden wenige knappe Rennen. Ein Machtwechsel würde Untersuchungen und blockierte Gesetze ermöglichen. Doch vorerst macht der Präsident die Wahl zum Referendum über sich selbst – während er bereits Schuldige für eine mögliche Niederlage sucht. Die Wähler könnten ihm diesen Wunsch erfüllen. Nur anders, als er hofft.