Donald Trump hat den Faustschlag gesehen. Und er ist begeistert. „Das war großartig, Mann! Wow! Das hat mir gefallen!“ Der Präsident lacht, die Menge johlt. Dann will er wissen, wer zugeschlagen hat. „Wer war der Kerl, der diesen Schlag ausgeteilt hat?“ Trump sucht den Mann im Publikum und vergleicht ihn mit dem früheren schwarzen Schwergewichts-Weltmeister Evander Holyfield. „Dazu gehört Mut“, ruft er anerkennend.
Trump stilisiert mutmaßlichen Schläger bei Wahlkampfauftritt zum Helden
Die Szene am Mittwochabend in Pendleton, South Carolina, ist selbst nach Trumps Maßstäben über dem Durchschnitt des Tabubruchs. Während einer Wahlkampfveranstaltung für die republikanische Senatorin Darline Graham kommt es zu Tumulten. Ein Demonstrant wird nach Trumps Darstellung von einem seiner Anhänger geschlagen. Die Kamera zeigt die anschließende Räumung, nicht den Schlag selbst. Doch Trump versichert mehrfach, alles gesehen zu haben. Und macht aus dem mutmaßlichen Angreifer einen Helden.

Bereits in den ersten zehn Minuten seiner Rede haben Störer den Präsidenten sechsmal unterbrochen. Einer ruft „Verräter“, ein anderer fordert die Veröffentlichung der Epstein-Akten. Sicherheitskräfte haben alle Hände voll zu tun, während das Publikum „USA, USA“ skandiert. Trump nennt die Demonstranten „verrückt“. Als die Fäuste fliegen, verwandelt sich sein Ärger in unverhohlene Freude.
Es ist die Fortsetzung eines politischen Rituals, das Trump seit seinem ersten Präsidentschaftswahlkampf pflegt: Gegner werden verhöhnt, Protestierende zu Feinden erklärt, körperliche Übergriffe verharmlost oder sogar ausdrücklich gefeiert. Neu ist die besondere Offenheit, mit der der Präsident in South Carolina einen Faustschlag gegen einen politischen Gegner geradezu bejubelt.

Dabei steht Trump am 3. November gar nicht selbst zur Wahl. Trotzdem tingelt er wie ein Kandidat durchs Land, kämpft für republikanische Mehrheiten im Kongress und zunehmend gegen den Eindruck, seine politische Zugkraft schwinde. Die wiederkehrenden Störungen machen sichtbar, dass seine Auftritte längst nicht mehr überall unangefochtene Heimspiele sind.
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Gewalt bei Trump-Kundgebung: Frau mit „Epstein“-Shirt attackiert – Präsident beschimpft sie
Wie aggressiv das Klima geworden ist, zeigte bereits der 12. Oktober in Youngstown, Ohio. Eine Frau trug bei einer Trump-Kundgebung ein T-Shirt mit der Forderung „Veröffentlicht die Epstein-Akten“. Andere Besucher bedrängten sie. Videoaufnahmen zeigen, wie sie festgehalten, offenbar geschlagen und an den Haaren gezogen wird. Die Polizei führte sie hinaus. Später veröffentlichte Aufnahmen einer Polizeikamera dokumentieren das Gerangel. Strafanzeigen wurden zunächst nicht erhoben; die Frau kooperiert inzwischen nach Behördenangaben als mögliches Gewaltopfer mit den Ermittlern.

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Trump nutzte die Szene für typischen Spott. „Er muss eine Diät machen. Er ist ein fetter Kerl“, sagte er über die Frau, die er offenbar für einen Mann hielt. Die Demonstranten seien bezahlte Provokateure der Linken, behauptete er ohne Belege. „Das sind Abschaum-Leute.“
Die Geschichte dieser öffentlichen Verachtung reicht mindestens zehn Jahre zurück. Im Februar 2016 forderte Trump seine Anhänger in Cedar Rapids, Iowa, auf, mögliche Tomatenwerfer ordentlich zu verprügeln. „Schlagt sie richtig zusammen“, verlangte er sinngemäß. „Ich verspreche, ich bezahle die Anwaltskosten.“ Wenige Wochen später schlug der damals 78-jährige Trump-Anhänger John McGraw bei einer Veranstaltung in Fayetteville, North Carolina, einem schwarzen Demonstranten ins Gesicht. Trump ließ anschließend prüfen, ob er dessen Verteidigung bezahlen könne.
Ebenfalls im Februar 2016 schwärmte Trump in Las Vegas von früheren Zeiten, als Störer noch „auf einer Trage hinausgetragen“ worden seien. Über einen Demonstranten sagte er: „Ich würde ihm am liebsten ins Gesicht schlagen.“ In South Carolina ließ er einen Anhänger auf die Bühne holen, der zuvor einem Protestierenden ein Schild entrissen hatte und in eine Rangelei verwickelt gewesen war.
Trump verherrlicht Gewalt gegen Journalisten und politische Gegner
2018, inzwischen Präsident, machte Trump in Montana den republikanischen Abgeordneten Greg Gianforte zum Vorbild. Gianforte hatte den Guardian-Reporter Ben Jacobs zu Boden geworfen und sich wegen Körperverletzung schuldig bekannt. Trump jubelte: „Jeder, der einen solchen Bodyslam hinbekommt, ist mein Mann.“ Von Reue keine Spur.

Noch im Oktober 2024 fantasierte Trump bei einer Kundgebung im kalifornischen Coachella über eine Demonstrantin, die nach Hause zu ihrer Mutter zurückkehre und dort ordentlich Prügel bekomme. Wieder lachte das Publikum. Wieder ging der Redner zur Tagesordnung über.
Gewaltrhetorik: Politische Sprache beeinflusst Verhalten der Zuhörer
Was bezweckt Trump damit? Die Politikwissenschaftlerin Lilliana Mason von der Johns-Hopkins-Universität beschreibt den Mechanismus: „Wenn unsere politischen Führer gewalttätige oder entmenschlichende Sprache verwenden, ist das für ihre Anhänger ein Signal, dass gewalttätige Rhetorik akzeptabel ist – und möglicherweise auch gewalttätiges Handeln.“
Der Kommunikationsforscher Jacob Justice kommt in einer Untersuchung von Trump-Kundgebungen zu einem ähnlichen Befund: Die Konfrontationen festigen das Freund-Feind-Denken und stützen Trumps Erzählung, ein bedrohtes Amerika brauche einen starken Mann. Störer sind in dieser Dramaturgie keine Bürger mit abweichenden Meinungen, sondern Feinde, die entfernt werden müssen.
Der Politikwissenschaftler Robert Pape von der Universität Chicago warnt vor der gesellschaftlichen Gewöhnung an solche Übergriffe. „Wir normalisieren politische Gewalt. Sie wird akzeptabel“, sagte er erst am 10. Oktober in einem Interview. Er spricht von einem Zeitalter des „gewalttätigen Populismus“, das beide politischen Lager betrifft.
Trump feiert Angriff in South Carolina – Auswirkungen größer als der Einzelfall
Trump bestreitet seit Jahren, Gewalt zu fördern. Er stellt sein Verhalten als Reaktion auf Provokationen dar. Die Bilder aus South Carolina erzählen eine andere Geschichte. Dort hat der mächtigste Mann der Vereinigten Staaten einen Schlag gegen einen Demonstranten vor laufenden Kameras offensiv gefeiert. Und vor einem Publikum, das begeistert applaudierte.
Wenn aber Gewalt als legitime Antwort auf Widerspruch erscheint, verändert sich mehr als der Ton. Demonstranten müssen Übergriffe fürchten, Journalisten und Politiker Einschüchterung einkalkulieren, Sicherheitskräfte geraten zwischen Parteitreue und Rechtsstaat.

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News aus den USA
Besonders folgenreich ist die Botschaft der Straflosigkeit: Trump begnadigte 2025 auch Beteiligte des Kapitolsturms am 6. Januar 2021, die Polizisten angegriffen und zum Teil schwer verletzt hatten. Eine PRRI-Umfrage von Ende 2025 zeigt zugleich die Grenzen der Radikalisierung: 77 Prozent der Amerikaner lehnen politische Gewalt als Mittel zur Rettung des Landes ab, 20 Prozent halten sie unter Umständen für notwendig. Unter Republikanern sind es 19, unter Demokraten 17 Prozent. Trumps Worte allein erklären diese Entwicklung nicht. Doch wenn das Staatsoberhaupt Angriffe beklatscht, verliert die überparteiliche Norm an Autorität, dass politische Gegner Gegner bleiben – und kein Freiwild sind.











